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merkzettel

Bericht von Hilfsorganisationen Situation in Syrien: "Rekordjahr des Leidens"

BildSyrien - Kinder zwischen Trümmern
Syrisches Mädchen mit Baby zwischen Trümmern

(Quelle: reuters)

VideoSyrien: Waffenruhe hält
Journalisten in der nordsyrischen Küstenprovinz Latakia während der Waffenruhe

Die Waffenruhe in Syrien hält weitgehend. Die Feuerpause lässt die Menschen aufatmen. Doch immer wieder zeigen Scharmützel in der nordsyrischen Küstenprovinz Latakia: Der Krieg ist noch nicht vorbei.

(01.03.2016)

VideoDe Maiziere: Zustand nicht tragbar
Thomas de Maizière in Berlin.

Bundesinnenminister de Maizière im Gespräch mit Christian Sievers über die Flüchtlingssituation in Idomeni. Die Notsituation könne sofort beendet werden. Die Politik des Durchwinkens sei vorbei.

(10.03.2016)

VideoSituation in Idomeni unverändert
Das Zeltlager der Flüchtlinge in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien.

Die Flüchtlinge in Idomeni harren weiter an der Grenze aus. Jedoch haben einige auch schon die Rückreise nach Athen angetreten. Bundeskanzlerin Merkel kritisiert die Schließung der Balkanroute.

(10.01.2016)

Kurzmeldung

  • Syrer sollen binnen 18 Monaten unter UN-Aufsicht neuen Präsidenten wählen 11:20 Uhr 11.03.2016
    Im Bürgerkriegsland Syrien sollen in spätestens anderthalb Jahren unter UN- Aufsicht ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt werden. Das sagte der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura einer russischen Nachrichtenagentur. Der syrische Staatschef Baschar al-Assad hatte Ende Februar überraschend Parlamentswahlen für den 13. April in dem Bürgerkriegsland angesetzt. Die wichtigste inländische Oppositionsgruppe (NCCDC) rief aber zu einem Boykott der Wahl auf. Zuletzt fanden in Syrien im Mai 2012 Parlamentswahlen statt.

In Syrien hat sich die Situation für die Menschen dramatisch verschlechtert. Das bilanzieren Hilfsorganisationen fünf Jahre nach dem Beginn des Krieges. 2015 sei ein "Rekordjahr des Leidens" gewesen. Und das auch wegen der Politik einiger UN-Vetomächte. 

Seit fünf Jahren bekriegen sich in Syrien Regierungsanhänger, Rebellen und Extremistengruppen wie die Terrormiliz Islamischer Staat. Millionen Menschen sind aus dem Land geflohen, Hunderttausende wurden getötet, verwundet oder sind in den belagerten Gebieten gefangen. Dutzende Hilfswerke beklagen die dramatische Lage im Land, die trotz einer nun vereinbarten Feuerpause anhalte.

Nothilfe immer schwieriger zu leisten

Eine Allianz von 30 Hilfsorganisationen, darunter Oxfam, CARE und Save the Children, gibt Vetomächten im UN-Sicherheitsrat eine Mitschuld an dem Ausmaß des Konflikts. Russland, die USA, Frankreich und Großbritannien hätten ihre eigenen Resolutionen untergraben, indem sie zu wenig diplomatischen Druck auf ihre Verbündeten ausübten, sie sogar mit Waffen unterstützt oder direkt militärisch eingegriffen hätten, beklagen die Hilfswerke in ihrem Bericht "Fuelling the Fire".

Die Kriegsparteien richteten schlimmste Verwüstungen an, verhinderten Nothilfe und schnitten ganze Städte von jeglicher Versorgung ab, heißt es in dem Bericht. Die russischen Luftangriffe hätten zum Töten beigetragen. Die Zahl der Menschen, die in belagerten Gebieten lebe, habe sich Schätzungen zufolge auf fast 500.000 verdoppelt. Während des vergangenen Jahres sei es daher schwieriger geworden, Nothilfe zu leisten.

Nur zehn Prozent der UN-Hilfskonvois konnten die Konfliktlinien passieren. Obwohl momentan einige belagerte Orte wieder zugänglich seien, würden Hilfsorganisationen weiterhin in ihrer Arbeit behindert oder angegriffen. Weite Teile des Landes blieben von humanitärer Hilfe abgeschnitten.

"Kinder bezahlen den hohen Preis für die Untätigkeit der Weltgemeinschaft"

Der Oxfam-Nothilfeleiter für Syrien, Andy Baker, forderte die Vetomächte auf, endlich an einem Strang zu ziehen. "Die vier UN-Sicherheitsratsmitglieder dürfen auch selbst keine Waffen mehr an Konfliktparteien liefern, um die Gewalt nicht noch weiter anzuheizen."
Bereits am Mittwoch hatte Save the Children einen Bericht mit dem Titel "Gefängnis unter freiem Himmel" zur Lage der Kinder in Syrien veröffentlicht. Dafür befragte die Organisation 126 Eltern und Kinder in der Region. Darüber hinaus wurden Gespräche mit 25 lokalen Hilfsgruppen, Ärzten und Lehrern geführt. UNICEF hat für Montag einen eigenen Bericht angekündigt.

"In weiten Teilen Syriens sterben Kinder aufgrund von akutem Mangel an Nahrungsmitteln und dringend benötigten Medikamenten, obwohl nur ein paar Kilometer entfernt die Warenhäuser mit Hilfsgütern gefüllt sind", beklagte Bidjan Nashat, Vorstandsmitglied bei Save the Children. Die Situation in den belagerten Orte, den "Todeslagern", sei das schockierendste Zeugnis des Versagens der internationalen Gemeinschaft. "Diese Kinder bezahlen den hohen Preis für die Untätigkeit der Weltgemeinschaft", so Nashat.

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Der größte Schrecken für die Familien sind demnach die Luftangriffe, oft mit Fassbomben. Viele Eltern berichten, ihre Kinder seien traumatisiert und hätten sich durch die ständige Bedrohung verändert. Nach Schätzungen der UN wurde jede vierte Schule in Syrien bereits angegriffen.

Mangelernährung und fehlende Versorgung: Viele Kinder sterben

Alle Eltern und Kinder berichten laut Save the Children, dass sie die Anzahl der täglichen Mahlzeiten notgedrungen mehr als halbiert haben. Viele Kinder seien an Lebensmittelvergiftungen, Mangelernährung und infolge von Komplikationen bei der Geburt gestorben. Die medizinische Versorgung ist laut Kinderrechtsorganisation fast zum Erliegen gekommen, und der Vorrat an Medikamenten schwindet.

Care-Generalsekretär Karl-Otto Zentel sprach von einer "gewaltigen Bewährungsprobe" für die Weltgemeinschaft. "Wir hoffen, dass die politischen Entwicklungen der vergangenen Tage, beginnend mit der Waffenruhe und den nun anberaumten Friedensgesprächen, letztlich den Menschen in Syrien endlich Frieden bringen."

Die Akteure im Syrien-Konflikt

Assad-Regime

Baschar al-Assad

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter große Städte wie Damaskus oder Homs sowie den Küstenstreifen. Unterstützt von russischen Luftangriffen und Hilfe aus Iran machte die syrische Armee in den vergangenen Wochen deutlich Boden gut und kreiste unter anderem von den Rebellen kontrollierte Teile Aleppos im Norden ein. Ziel Assads ist es, die Rebellen-Gebiete der Stadt von der Außenwelt abzuschneiden. Sollte das gelingen, würde dieser Schlag Assads Verhandlungsposition deutlich stärken. Der Machthaber lehnt einen Rücktritt ab.

Islamischer Staat

IS-Kämpfer in Syrien  Aufnahmevom 07.04.2015

Die Terrormiliz IS ist die stärkste Kraft in Syrien neben dem Regime. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten deutliche Niederlagen einstecken. Das US-Verteidigungsministerium schätzt die Zahl der Dschihadisten in Syrien und im Irak auf 19.000 bis 25.000 - früheren Schätzungen zufolge waren es mal 20.000 bis 33.000. Für den Rückgang seien demnach Verluste auf dem Schlachtfeld, Fahnenflucht und Disziplinarstrafen des IS gegen eigene Kämpfer verantwortlich, sagt ein Pentagon-Vertreter. Außerdem zeigten die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft Wirkung, den Fluss ausländischer Kämpfer nach Syrien und in den Irak einzudämmen.

Der IS kämpft sowohl gegen das syrische Regime als auch gegen andere Rebellengruppen. Die Dschihadisten zeichnen sich vor allem durch ihren extremen Hass gegen Andersgläubige aus. Sie streben einen Gottesstaat mit radikaler Auslegung an, der Scharia.

Al-Nusra-Front

Kämpfer der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front

Erstmals tauchte Al-Nusra im Januar 2012 auf - zehn Monate nach dem Beginn der Proteste gegen den syrischen Staatschef Baschar al-Assad, aus denen sich der Bürgerkrieg entwickelte. Die Gruppe ist ein Ableger des Al-Kaida-Arms Islamischer Staat im Irak. In der nordirakischen Provinz Ninive war al-Dschulani ihr Anführer.

Im Jahr 2013 lehnte es Al-Nusra ab, sich der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen und band sich an Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri. Dieser erklärt die Gruppe zum einzigen Al-Kaida-Ableger in Syrien, wonach der IS sie aus der ölreichen östlichen Provinz Deir Essor vertrieb.

Laut dem Syrien-Experten Thomas Pierret von der Universität Edinburgh gehören Al-Nusra 7.000 bis 8.000 Kämpfer an. Auf mittlerer Kommandoebene sind nach seinen Erkenntnissen einige Ausländer aktiv, bei den Fußtruppen jedoch kaum. Andere Experten beziffern die Zahl der Kämpfer auf bis zu 10.000, etwa 80 Prozent von ihnen Syrer. Hochburgen der Gruppe sind die nordwestsyrische Provinz Idlib und der Süden der nördlichen Provinz Aleppo. Es gibt aber kein Gebiet, das ausschließlich von Al-Nusra kontrolliert wird - überall kämpft die Gruppe mit Verbündeten.

Weil sie mit vielen Rebellengruppen in ganz Syrien verbündet ist, gilt die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front als zentrale Bedrohung für die seit dem späten Freitagabend geltende Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland. Denn die Waffenruhe gilt nicht für die Al-Nusra-Front. 

Rebellen

Syrische Rebellen schauen am 10.03.2015 in den Himmel

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam.

Ahrar al-Scham gehört zu den stärksten Milizen im Nordwesten Syriens. Kritiker werfen der von Al-Kaida-Veteranen gegründeten Gruppe eine große Nähe zu dem Terrornetzwerk vor. Auch Ahrar al-Scham will einen "islamischen Staat", in dem die Scharia, das Recht Gottes, gilt. Viele Rebellen halten die Gruppe jedoch für moderater als IS und Nusra-Front. Ahrar al-Scham gehört zum Hohen Verhandlungskomitee (HNC), das die Opposition bei den Friedensgesprächen in Genf vertritt.

Wie Ahrar al-Scham wird auch Dschaisch al-Islam Experten zufolge von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt. Die Miliz ist vor allem in dem hart umkämpften Gebiet östlich von Damaskus stark. Auch sie gehört zum HNC. Ihr Vertreter Mohammed Allusch trägt sogar den Titel "erster Verhandler".

Teilweise kooperieren die Rebellen mit der Al-Nusra-Front, einem kampfstarken Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie gehört in Syrien zu den stärksten Milizen. Stark ist die Gruppe vor allem in der Provinz Idlib. Sie ist ideologisch eng mit dem IS verwandt ist, beide Gruppen sind allerdings miteinander verfeindet.

Hisbollah

Hisbollah-Kämpfer und syrische Armeesoldaten stehen auf einem Lastwagen mit Hilfsgütern

Die libanesische Schiitenmiliz kämpft im syrischen Bürgerkrieg seit langem an der Seite des Regimes. Sie wird von Iran finanziert, der Präsident Assad an der Macht halten will, um die Achse Libanon-Syrien-Irak-Iran zu sichern. Die USA haben die "Partei Gottes" auf ihre Terrorliste gesetzt, die EU betrachtet ihren militärischen Arm als Terrororganisation.

Opposition

syrische Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen (HNC), dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

Die Kurden

Kobane: Kurdischer Kämpfer - Aufnahme vom 08.05.2015

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Die Kurdenmiliz ist im Kampf gegen die IS-Terrormiliz bislang sehr effektiv, ist daher wichtiger Partner des Westens und erhält dafür Hilfe aus den USA. Die Kurden kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurdenpartei PYD, ein Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Das NATO-Mitglied Türkei indes bekämpft den bewaffneten Arm der PYD, die YPG, und scheint zunehmend beunruhigt wegen der jüngsten Geländegewinne der Gruppe im benachbarten Bürgerkriegsland. Mit dem Erstarken der Kurden in Syrien und dem Nordirak sieht Ankara auch die Bestrebungen zur Gründung eines Kurdenstaates wachsen.

Die USA und der Westen

Fregatte Augsburg der Bundesmarine

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte "Augsburg", die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

Russland

Archiv - Ein russischer SU-34 Kampfjet beim Abwurf ein Bombe am 09.12.2015

Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

Iran

Hassan Rohani

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien an Assads Seite im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Erdogan und König Salman

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern Assads Sturz. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

11.03.2016, Quelle: KNA
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