25.06.2016
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merkzettel

Filmfestspiele in Berlin "Wir haben wenigste Rechte in saudischer Geschichte"

BildFilm: "Barakah Meets Barakah"
Fatima AlBanawi und Hisham Fageeh in "Barakah Meets Barakah"

Bibi und Barakah verlieben sich ineinander. Ihre skurrile Geschichte - zwischen saudischer Tradition, Etikette und Religionspolizei - ist eine amüsante Systemkritik und eine filmische Sensation.

(Quelle: © El-Housh Productions)

VideoEU ehrt saudischen Blogger
Links hält die Frau von Raif Badawi, Ensaf Haida, ein Bild von ihrem Mann hoch, während ihm Martin Schuz den Sacharow-Preis verleiht.

Das EU-Parlament hat Raif Badawi den Sacharow-Preis für geistige Freiheit verliehen. Wegen eines Blogeintrags, der den Islam beleidigt haben soll, sitzt er seit 2011 im Gefängnis.

(16.12.2015)

VideoSaudische Frauen wählen
Eine saudische Frau wirft ihren Wahlzettel in die Urne.

In Saudi-Arabien dürfen sich Frauen erstmals an einer Wahl beteiligen. Für die Kommunalwahl in dem Königreich haben sich 136.000 Frauen registrieren lassen - insgesamt gibt es 1,6 Millionen Wähler.

(12.12.2015)

Kino ist in Saudi-Arabien verboten. Der saudische Regisseur Mahmoud Sabbagh drehte dort trotzdem. "Barakah Meets Barakah" zeigt die Dating-Probleme junger Leute und läuft nun bei der Berlinale. Heute.de sprach mit Sabbagh über die Dreharbeiten und das komplizierte Leben junger Menschen in Saudi-Arabien. 

heute.de: Im Programm wird Ihr Film als romantische Komödie angekündigt. Dahinter verstecken Sie deutliche Gesellschaftskritik.

Mahmoud Sabbagh: Ich wollte einen Film über den öffentlichen Raum machen - und die Grenzen, die dieser in den vergangenen 30 Jahren erfahren hat. Ich wollte auch einen Film über meine Generation drehen. Wir haben die wenigsten Rechte in der Geschichte Saudi-Arabiens. Das Genre Komödie habe ich als künstlerische Taktik benutzt.

Mahmoud Sabbagh …
Mahmoud Sabbagh

... wurde 1983 in Jeddah in Saudi-Arabien geboren. Er studierte an der Columbia University Graduate School of Journalism in den USA und gilt in seiner Heimat als Pionier des Independent-Kinos. 2013 veröffentlichte er mit "The Story of Hamza Shehata" eine Dokumentation über den gleichnamigen saudischen Philosophen und Dichter. 2014 drehte er die Webserie "Cash". "Barakah Meets Barakah" ist der erste lange Spielfilm aus Saudi-Arabien, der bei der Berlinale gezeigt wird.

heute.de: Wie sehen Sie die junge Generation?

Sabbagh: Wir sind selbstbewusster und kritischer. In Europa und den USA bekommt man nicht mit, dass es in Saudi-Arabien auch eine kritische Kultur gibt. Ein neuer Geist weht durch die Gesellschaft. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30.

heute.de: Mussten Sie sehr genau darauf achten, bei der Annäherung der beiden Hauptfiguren keine Grenze zu überschreiten?

Sabbagh: Natürlich, ich kann keinen "Antichrist" drehen. Ich bin Teil der Welt, aus der ich stamme. Ich möchte etwas bewegen, aber vorsichtig. Ich darf die Zustimmung des Publikums nicht verlieren. Wenn du etwas bewirken und verändern willst, brauchst du Überschneidungen mit dem Mainstream.

heute.de: Wie authentisch sind die Probleme von Bibi und Barakah, sich kennenzulernen?

Sabbagh: Es ist ein Kinofilm, es soll lustig sein. Aber ihre Darstellung gibt schon wieder, was ich im täglichen Leben erfahre. Und das im kosmopolitischen Jeddah, der zweitgrößten Stadt Saudi-Arabiens mit vier Millionen Einwohnern.

Zum Film "Barakah Meets Barakah"

Barakah ist ein städtischer Ordnungsbeamter und Laiendarsteller in einer Theatergruppe, die "Hamlet" aufführen will. Bibi ist eine wilde Schönheit, Adoptivtochter eines reichen Paares und populäre Videobloggerin. Als die beiden zufällig aufeinandertreffen und sich näher kennenlernen wollen, müssen sie das System von Tradition, Etikette und Religionspolizei aushebeln. Ihre skurrile Geschichte ist eine amüsante Systemkritik - und ein Geheimtipp der 66. Berlinale. Er läuft dort in der Sektion Forum.

heute.de: Bibi ist ein Instagram-Star. Welche Rolle spielen soziale Medien im Land?

Sabbagh: Es gibt kaum öffentlichen Raum, also nutzen Jugendliche soziale Medien als Alternative. Sie sind jetzt sichtbar durch Snapchat, Twitter, Instagram und Facebook. Dort können sie sich ausdrücken und verabreden.

heute.de: Hatten Sie das Gefühl, beim Dreh durch die Religionspolizei überwacht zu werden?

Sabbagh: Man sieht sie kaum, aber man fühlt ihre Anwesenheit. Wo immer ein Paar aufeinandertrifft, ist es angespannt. Es ist immer in deinem Kopf und Unterbewusstsein. Es ist das Big-Brother-Konzept.

heute.de: Wie macht man in einem Land ohne Filmindustrie einen Film?

Sabbagh: Ich habe viele Menschen von der Straße und aus meiner Umgebung gecastet. Finanziert wurde mein Film von meiner Familie, Freunden und Freunden von Freunden. 

heute.de: In ihrer Heimat wird der Film nicht anlaufen, was erhoffen Sie sich trotzdem?

Sabbagh: Dass er in anderen Ländern des Nahen Ostens ins Kino kommt, und dass Menschen in Saudi-Arabien ihn als Stream sehen können. Wir haben einen starken Video-on-demand-Markt, fast jeder Haushalt hat ein Abo. Ich hoffe, dass mein Film provozieren und einen Dialog hervorrufen wird.

Weitere Links zum Thema
heute.de: 2013 kam mit "Das Mädchen Wadjda" der erste Film aus Saudi-Arabien in die Kinos. Hat das den Weg für Sie geebnet?

Sabbagh: Nein, denn er wurde mit einer überwiegend europäischen Crew gedreht. Das hat nichts dazu beigetragen, eine Filmindustrie in Saudi-Arabien zu schaffen.  

heute.de: Wenn ich Sie nach der Rolle Saudi-Arabiens beim Erstarken des sogenannten Islamischen Staats (IS) oder Hinrichtungen in Ihrem Land fragte: Könnten Sie antworten oder hätte das Konsequenzen für Sie?

Sabbagh: Als Künstler kann ich mich nicht von politischen Debatten lösen, ich habe eine Meinung. Ich wünschte mir in der Region vieles besser. Man sieht all diese scheiternden Systeme. Statt besserer Regierungen gibt es Bürgerkriege und islamistischen Terrorismus. Wir haben ein System, das vielleicht reformiert werden muss - aber es funktioniert.

Das Interview führte Nadine Emmerich

Wettbewerb um den Goldenen Bären

Berlinale 2016

Nadine Krüger

Die Berlinale ist für Kinogänger das größte Publikumsfestival der Welt. Jedes Jahr werden etwa 300.000 Eintrittskarten verkauft. Wichtigster Preis ist der Goldene Bär für den besten Film im Wettbewerb. Die Jurypräsidentin der 66. internationalen Filmfestspiele in Berlin ist Hollywood-Star Meryl Streep ("Jenseits von Afrika", "Der Teufel trägt Prada"). Im Wettbewerb konkurrieren 18 Filme um den Goldenen und die Silbernen Bären. Weitere Werke laufen außer Konkurrenz und in der Special-Reihe. 19 Filme erleben ihre Weltpremiere auf dem Festival.

Die Filme im Wettbewerb

Bären
  • "Alone in Berlin" (Jeder stirbt für sich allein) von Vincent Perez (Deutschland, Frankreich, Großbritannien)
  • "Boris sans Béatrice" (Boris without Béatrice) von Denis Côté (Kanada)
  • "Cartas da guerra" (Letters from War) von Ivo M. Ferreira (Portugal)
  • "Ejhdeha Vared Mishavad!" (A Dragon Arrives!) von Mani Haghighi (Iran)
  • "Fuocoammare" (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi (Italien, Frankreich)
  • "Genius" von Michael Grandage (Großbritannien, USA)
  • "Hele Sa Hiwagang Hapis" (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) von Lav Diaz (Philippinen, Singapur)
  • "Kollektivet" (The Commune) von Thomas Vinterberg (Dänemark, Schweden, Niederlande)
  • "L’avenir" (Things to Come) von Mia Hansen-Løve (Frankreich, Deutschland)
  • "Midnight Special" von Jeff Nichols (USA)
  • "Quand on a 17 ans" (Being 17) von André Téchiné (Frankreich)
  • "Smrt u Sarajevu / Mort à Sarajevo" (Death in Sarajevo) von Danis Tanović (Frankreich, Bosnien und Herzegowina)
  • "Zjednoczone Stany Miłosci" (United States of Love) von Tomasz Wasilewski (Polen, Schweden)
  • "Zero Days" von Alex Gibney (USA)
  • "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached (Deutschland)
  • "Chang Jiang Tu" (Crosscurrent) von Yang Chao (China)
  • "Inhebbek Hedi" von Inhebbek Hedi (Tunesien, Belgien, Frankreich)
  • "Soy Nero" von Rafi Pitts (Deutschland, Frankreich, Mexiko)

Außer Konkurrenz

Berlinale
  • "Mahana" (The Patriarch) von Lee Tamahori, mit Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker (Neuseeland)
  • "Saint Amour" von Benoît Delépine und Gustave Kervern, mit Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette (Frankreich, Belgien)
  • "Chi-Raq" von Spike Lee, mit Nick Cannon, Wesley Snipes, Teyonah Parris, Jennifer Hudson, Angela Bassett, John Cusack, Samuel L. Jackson (USA)
  • "Des nouvelles de la planète Mars" (News from planet Mars) von Dominik Moll, mit François Damiens, Vincent Macaigne, Veerle Baetens, Jeanne Guittet, Tom Rivoire (Frankreich, Belgien)
  • "Hail, Caesar!" von Joel und Ethan Coen, mit George Clooney, Scarlett Johansson, Channing Tatum, Josh Brolin, Jonah Hill, Doph Lundgren, Robert Picardo (USA / Großbritannien)

Berlinale Special

65. Berlinale
  • "A Quiet Passion" von Terence Davies, mit Cynthia Nixon, Jennifer Ehle, Keith Carradine, Jodhi May, Catherine Bailey, Emma Bell, Duncan Duff (Großbritannien, Belgien)
  • "Creepy" von Kiyoshi Kurosawa, mit Hidetoshi Nishijima, Yuko Takeuchi, Teruyuki Kagawa, Haruna Kawaguchi, Masahiro Higashide (Japan)
  • "Den allvarsamma leken" (A Serious Game) von Pernilla August, mit Sverrir Gudnason, Karin Franz Körlof, Liv Mjönes, Michael Nyqvist, Mikkel Boe Følsgaard (Schweden, Dänemark, Norwegen)
  • "Miles Ahead" von Don Cheadle, mit Don Cheadle, Ewan McGregor, Emayatzy Corinealdi, LaKeith Lee Stanfield, Michael Stuhlbarg (USA)
  • "National Bird" (Dokumentarfilm) von Sonia Kennebeck (USA)
  • "The Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road Ensemble" (Dokumentarfilm) von Morgan Neville (USA)
  • "Where To Invade Next" (Dokumentarfilm) von Michael Moore (USA)
  • "The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger" (Dokumentarfilm) von Colin MacCabe, Christopher Roth, Bartek Dziadosz, Tilda Swinton (Großbritannien)

Eine kleine Berlinale-Chronologie

Berlinale

Die Berlinale feiert ihre 66. Ausgabe. Sie entwickelte sich vom "Schaufenster des Westens" im Nachkriegsdeutschland zu einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt.

  • 1951: Start im Titania-Palast mit Alfred Hitchcocks "Rebecca".
  • 1970: Erstmals in der Berlinale-Geschichte wird der Wettbewerb abgebrochen. Auslöser ist der Film "o.k." des deutschen Regisseurs Michael Verhoeven. Es geht um die Vergewaltigung eines Mädchens durch US-Soldaten - das erhitzt zu Zeiten des Vietnamkriegs die Gemüter.
  • 1986: Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida versucht vergeblich, die Auszeichnung des RAF-Films "Stammheim" von Reinhard Hauff mit dem Goldenen Bären zu verhindern.
  • 2000: Die Berlinale zieht aus dem alten Westen an den Potsdamer Platz.
  • 2001: Dieter Kosslick folgt als Festivalchef auf Moritz de Hadeln. Kosslicks Vertrag wird 2014 bis 2019 verlängert.
  • 2004: Fatih Akin gewinnt mit "Gegen die Wand" den Goldenen Bären.
  • 2015: Der iranische Film "Taxi" von Jafar Panahi  wird mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Karten und Promis

Berlinale: Anstehen für Tickets

Mehr als 400 Filme werden an elf Tagen in Dutzenden Kinosälen gezeigt. Karten gibt es drei Tage vor den Vorstellungen etwa am Potsdamer Platz oder im Kino International, im Internet oder an den Tageskassen der Kinos. Sie kosten von vier Euro für das Kinderprogramm bis 14 Euro für den Wettbewerb. Etwa 100.000 Besucher werden in der Stadt erwartet, dazu noch 20.000 Fachbesucher.

Promi-Gucken geht am besten rund um den Potsdamer Platz. Selfie- und Autogrammchancen gibt es am roten Teppich vor dem Festivalpalast. Offen für jedermann ist auch die Lounge vor dem Berlinale-Palast: Auf der Gästeliste steht Filmprominenz wie Doris Dörrie, Jasmin Tabatabai, Senta Berger und Tom Schilling.

Soziale Berlinale

Berlinale: Solidarität mit dem iranischen Regisseur Panahi

Das Festival versteht sich als besonders politisch und setzt sich zum Beispiel für verfolgte Filmemacher in Iran ein. In der Reihe Kulinarisches Kino geht es traditionell nicht nur um gutes Essen, sondern auch um den Kampf für faire Lebensmittel. Erstmals wirbt die Berlinale um Spenden - für das Beratungszentrum für Folteropfer. Gemeinnützige Berliner Organisationen waren vom Festival eingeladen, Ehrenamtliche zu nennen, die als Paten zusammen mit Flüchtlingen Berlinale-Vorstellungen besuchen möchten.

17.02.2016
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