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Wirtschaftskrise in China Chinas Start-ups heben nicht ab

BildStart-up: Lieferservice
Ein Start-up in China - Lieferservice für Lebensmittel

Die Arbeitskosten steigen. Das Bruttoinlandsprodukt sinkt. Die Börse fährt Achterbahn. Peking will umsteuern – vom Billiglohnland zur High-Tech-Nation.

(Quelle: reuters)

VideoChinesen produzieren in Afrika
Erstmals seit Jahrzehnten schwächelt die chinesische Wirtschaft. Immer mehr Firmen lagern daher ihre Produktion in Länder mit niedrigeren Löhnen aus - wie zum Beispiel Äthiopien.

Erstmals seit Jahrzehnten schwächelt die chinesische Wirtschaft. Immer mehr Firmen lagern daher ihre Produktion in Länder mit niedrigeren Löhnen aus - wie zum Beispiel Äthiopien.

(20.01.2016)

von Katja Eichhorn, Peking

Chinas Wirtschaft steckt in der Krise. Das ist das große Thema auf dem Volkskongress in Peking. Die Delegierten geben sich trotzdem kämpferisch und schauen vor allem positiv in die Zukunft. Dabei kommen die zahlreichen staatlich geförderten Start-ups nicht auf die Beine. 

Zhang Xuhao läuft auf dem Weg zum Fahrstuhl vorbei an den beiden laut ratternden Waschmaschinen seines Wohnheims - sie müssen für alle Studenten des 15-stöckigen Gebäudes reichen. Der 31-Jährige fährt in den neunten Stock. Der Aufzug ruckelt, man hat den Eindruck, als würde er hängen bleiben. Dann betritt er das acht Quadratmeter große Zimmer, in dem er sein Start-up startete.

In acht Jahren von Null auf 40 Millionen Kunden

Katja Eichhorn

Katja Eichhorn, ZDF-Korrespondentin in China
Quelle: ZDF

Es ist ein karges Zimmer: graue Fliesen auf dem Boden, weiße Wände. Ein Eisenbett links, eins rechts. Dahinter jeweils ein kleiner Schreibtisch in billig glänzendem Braun, darüber ein Regal. Zu viert hatten er und seine Mitstreiter eine App entwickelt und ihr eigenes Unternehmen gegründet: Ein Lieferservice, der warme Speisen bequem, preiswert und schnell vom Restaurant ins Wohnzimmer oder Büro bringt. Das war 2008.

Jetzt hat Zhang Xuhao 15.000 Angestellte in 260 Städten. Er beliefert 40 Millionen Kunden. In ein paar Jahren sollen es 100 Millionen sein. Seine Idee kommt an und hat sich ausgezahlt. Er ist Vorbild für Millionen. Und Musterbeispiel für den Staat. "Die Regierung unterstützt uns", sagt er. "Das gesamte Startkapital haben wir von staatlichen Institutionen." Die Schwelle für Existenzgründungen ist niedriger geworden. Der Staat unterstützt -  finanziell und politisch.

Wei Qingcheng steht vor zum Teil müdem und desinteressiertem Publikum auf einer kleinen Bühne im Café "Garage" in der Zhongguancun, einer Straße in Peking, die einmal Chinas Silicon Valley werden soll. Hier stellt er seine neueste Entwicklung vor: eine App, die per Gesichtsausdruck, Stimme oder Pulsschlag die Stimmung des Kunden erkennen können soll. Passend dazu werden dann zwölf Lieder vorgeschlagen, die aufheitern, beruhigen oder trösten sollen, je nachdem.

Staatlicher Rundum-Service in Pekings Silicon Valley

Von der Pekinger Wissenschaftskommission hat Wei Qingcheng dafür 400.000 Yuan - mehr als 57.000 Euro - erhalten. Zinslos und ohne Rückzahlungspflicht. Dazu von einer staatlichen Bank einen Kredit über umgerechnet 43.000 Euro. Außerdem gibt es in Zhongguancun einen Rundum-Service, sagt er. Er geht von der Firmenregistrierung über die Kontoeröffnung und Patentanmeldung bis hin zum Rechtsbeistand. Auch deswegen hat er alles, was er zum arbeiten braucht - einen Computer und ein Handy - in ein Café dieser Straße verlegt. Wie alle anderen hier teilt er sich einen Tisch mit anderen Existenzgründern und ist stolz darauf.

Ministerpräsident Li Keqiang war auch schon hier, genauso wie andere führende Parteimitglieder. Sie wollen angesichts der schwächelnden Wirtschaft einen Richtungswechsel – vom Billiglohnland zur High-Tech-Nation.

Ohne Freiheit der Gedanken keine echten Innovationen

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"Die Regierung hat das Problem erkannt. Das ist gut", sagt Wirtschaftsexperte Wang Fuzhong. "Doch wollte man wirklich ernsthaft Innovationen unterstützen, käme man schnell in Konflikt mit dem derzeitigen System", betont er. Solange Kapital nicht frei fließen könne, solange Gedanken nicht frei geäußert werden könnten, könne Chinas Wirtschaft nicht erfolgreich sein. Das würde bei der Ausbildung anfangen und bei der Meinungsfreiheit aufhören.

Innovation heißt in China daher meist Nachahmen und an den chinesischen Markt anpassen. Google heißt in China Baidu. YouTube Youku. Und Twitter Weibo. Und das sind nur einige Beispiele. Die strenge Zensur ist für chinesische Unternehmer dabei von Vorteil. Deswegen und weil dort, anders als etwa in der Technologiebranche, schnelles Geld erwartet wird, fließen die meisten Investitionen in das Online-Geschäft.

"Das hat allerdings keinen besonders großen Effekt auf die Gesamtwirtschaft", erklärt Wang. "Es verändert nur das Verhalten der Verbraucher – vom reellen Laden zum Onlineshopping." Der 40-Jährige Wei Qingcheng etwa verdient mit seiner App bislang keinen Yuan. Selbst der erfolgreiche Zhang Xuhao ist angespannt. "In der Internetbranche gibt es viel Konkurrenz", sagt er. "Wenn wir es nicht schaffen, immer stark und kreativ zu bleiben, werden wir ganz schnell von anderen überholt. Das ist das Grausame am Internetgeschäft." Immerhin, er hat es geschafft. Und das weiß er. Er ist einer von ganz wenigen, die die Unterstützung des Staates nutzen und in einen Erfolg verwandeln konnten. Es wird schwer werden für China, die Wirtschaft über diese Sparte in Schwung zu bekommen.

Chinas größte Wirtschaftsprobleme

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Überkapazitäten

Die zu hohe Produktion ist nach Einschätzung von Ökonomen derzeit das gravierendste Problem der chinesischen Wirtschaft. Praktisch alle wichtigen Industriezweige des Landes leiden unter großen Überkapazitäten. Laut einer Studie der Europäischen Handelskammer in Peking betrugen etwa die Produktionskapazitäten der Stahlindustrie im Jahr 2014 1,14 Milliarden Tonnen. Produziert wurden allerdings nur 813 Millionen Tonnen. Damit besteht eine Überkapazität der Stahlproduzenten von 327 Millionen Tonnen. Peking stößt beim Abbau der Überkapazitäten auf großen Widerstand bei Lokalregierungen. Die Angst der Provinzen: Wenn Millionen Menschen ihre Jobs verlieren, könnte das zur Gefahr für die Stabilität werden.

Aktienmarkt

Ab Mitte 2014 legte Chinas Leitindex in Shanghai binnen eines Jahres um über 150 Prozent zu, weil sich vor allem Privatleute im Börsenfieber verschuldeten und Aktien auf Pump kauften. Es passierte, was passieren musste: Die Blase platzte und seit den Hochständen im vergangenen Sommer haben sich die Kurse fast halbiert. Experten sagen, Chinas Regierung hat bei der Bewältigung der Krise keine gute Figur gemacht. Mit Verkaufsverboten für Aktien, erzwungenen Handelspausen und Aktien-Aufkaufprogrammen in Milliardenhöhe versuchte Peking den Kursrutsch zu stoppen, erreichte aber das Gegenteil: Die Verunsicherung nahm weiter zu. Der bisherige Chef der Börsenaufsicht Xiao Gang musste deshalb inzwischen seinen Hut nehmen. Ob das reicht, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, ist jedoch fraglich.

Währung

Binnen eines Jahres hat der chinesische Yuan um rund fünf Prozent zum US-Dollar an Wert verloren. Immer mehr Spekulanten wetten darauf, dass dieser Abwärtstrend weiter geht: Der bekannte US-Hedgefonds Kyle Bass prognostizierte etwa Ende Januar, dass Chinas Währung in den kommenden drei Jahren um 40 Prozent einbrechen wird. Ähnliche Töne schlug auch Investorenlegende George Soros an, der eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft "unausweichlich" nannte. Pekings Zentralbank versuchte zuletzt, den Yuan mit Verkäufen von Teilen seiner gewaltigen Devisenreserven zu stützen. In den vergangenen zwölf Monaten schrumpften die Reserven im Rekordtempo um mehr als 500 Milliarden auf nun noch 3,3 Billionen Dollar.

Schulden

Chinas Verschuldung steigt in einem besorgniserregenden Tempo: Seit 2007 haben sich die Verbindlichkeiten mehr als verdoppelt. Bedenklich sind dabei vor allem die hohen Schulden staatlicher Unternehmen sowie der Provinzregierungen. Die haben sich seit der globalen Finanzkrise 2008 immer weiter verschuldet, um mit Infrastrukturprojekten die Wirtschaft am Laufen zu halten. Laut Schätzungen von Ökonomen dürfte Chinas Gesamtverschuldung bis 2019 auf einen Wert von 283 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. Chinas Banken müssen sich deshalb in den kommenden Jahren auf eine steigende Zahl von Kreditausfällen einstellen.

04.03.2016
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