25.06.2016
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merkzettel

Deutsches Lebensmittelbuch vor Reform Hier geht's nicht nur um die Wurst

VideoFleisch aus Megaställen
Biofleisch in Deutschland nur 1 bis 3 Prozent

Der Bund und die grüne Heinrich-Böll-Stiftung servieren den "Fleisch-Atlas 2016". Demzufolge wird in Deutschland immer mehr Schweine - und Geflügelfleisch zu Dumpingpreisen produziert.

(13.01.2016)

BildFleischkonsum im Vergleich
Infografik: Die Essgwohnheiten der Deutschen

(Quelle: zdf)

VideoDeutsche essen viel Pasta und Fleisch
Lebensmitteleinkauf im Supermarkt.

Die Deutschen lieben Pasta und essen gerne Fleisch. Das geht aus dem "Ernährungsreport 2016" hervor. Die Mehrheit der Befragten setzt auf Fleisch aus artgerechter Haltung und regionale Produkte.

(05.01.2016)

VideoKrebs durch Wurst?
Wursttheke

Durchschnittlich 60 kg Fleisch essen die Deutschen pro Jahr und Kopf. Und ausgerechnet die geliebte Wurst, Stolz so mancher Region, soll mehreren Studien zufolge krebserregend sein, warnt die WHO.

(26.10.2015)

von Christian Thomann-Busse

Transparenter in der Entstehung, leichter verständlich und somit im Sinne aller Verbraucher: Das Deutsche Lebensmittelbuch steht vor einer Reform. Heute geht es im Bundestag in die erste Runde der Diskussion, an welchen Stellschrauben gedreht werden soll. 

Genau genommen ist das Deutsche Lebensmittelbuch gar kein Buch, sondern eine Sammlung von Leitsätzen, "in denen über 2.000 Lebensmittel und deren Beschaffenheit beschrieben werden", so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Was in diesen Leitsätzen steht, entscheidet die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission: zusammengesetzt aus Vertretern von Lebensmittelwirtschaft, Lebensmittelüberwachung, Wissenschaft und Verbrauchern. Wie es allerdings zu diesen Entscheidungen kommt, ist nicht ganz klar, denn die Mitglieder sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Einer der größten Kritikpunkte am gesamten Prozedere.

Fakten aus dem Lebensmittelbuch 
  • "Das Zwerchfell und die Kaumuskeln gehören zum Fleisch, während das Herz, die Zunge, die Muskeln des Kopfes (außer den Kaumuskeln), des Karpal- und Tarsalgelenkes und des Schwanzes nicht darunter fallen."

  • "'Wurstwaren' (Würste und wurstartige Erzeugnisse) sind bestimmte, unter Verwendung von geschmackgebenden und/oder technologisch begründeten Zutaten zubereitete schnittfeste oder streichfähige Gemenge aus zerkleinertem Fleisch, Fettgewebe sowie sortenbezogen teilweise auch Innereien sowie bei besonderen Erzeugnissen sonstige Tierkörperteile."

  • „Praktisch grätenfrei“ sind Fischfilets und Teile von Fischfilets, die höchstens zwei Gräten (Fehlergräten) je kg Filet enthalten. Als Fehlergräten zählen alle Gräten und Grätenteile länger als 10mm und mit über 1 mm Durchmesser; die knorpelige Grätenbasis bleibt bis zu einem Durchmesser von 2 mm oder, sofern sie sich mechanisch leicht abstreifen läßt, unberücksichtigt."

  • "Fischdauerkonserven sind Erzeugnisse aus Frischfischen oder tiefgefrorenen Fischen oder Fischteilen, deren Haltbarkeit ohne besondere Kühlhaltung für mindestens 1 Jahr durch ausreichende Hitzebehandlung in gasdicht verschlossenen Packungen oder Behältnissen erreicht wird."

  • "Es wird zwischen unsortierten und sortierten Erbsen unterschieden. Nach Größe sortierte Erbsen haben folgende Durchmesser und werden wie folgt bezeichnet: 'Erbsen' bis 10,5 mm Durchmesser, 'Erbsen, sehr fein' oder 'Petit Pois' größer als 7,5 bis 8,5 mm, 'Erbsen, extra fein' bis zu 7,5 mm. Die Ermittlung der Größensortierung erfolgt im tiefgefrorenen Zustand mittels Quadratsieb. Eine Mischung von zwei oder mehreren Sortierungen trägt die Bezeichnung, die für die größte der mitverarbeiteten Sortierungen verkehrsüblich ist."

  • "Die Verwendung von verkehrsfähigem hygienisch einwandfreiem Brot bei der Brotherstellung ist üblich, bei Brot mit überwiegendem Weizenanteil bis zu 6 Prozent, bei überwiegendem Roggenanteil bis zu 20 Prozent, jeweils berechnet als Frischbrot. Das mitverwendete Brot ist im Enderzeugnis mit bloßem Auge nicht erkennbar."

  • "Bei Salaten auf der Grundlage von Gemüse, Kartoffeln, Pilzen, Obst, Käse, Eiern, Teigwaren, Reis beträgt der Anteil fester Bestandteile mindestens 40 Prozent. Wird in der Verkehrsbezeichnung in Verbindung mit dem Wort „salat“ auf eine Zutat oder mehrere Zutaten besonders hingewiesen, so ist die Zutat oder sind die Zutaten insgesamt zu mindestens 20 Prozent enthalten."

Lebensmittelbuch-Kommission tagt im Geheimen

Bereits im Jahr 2007 hatte Foodwatch versucht, die Veröffentlichung der geheimen Sitzungsprotokolle der Lebensmittelbuch-Kommission vor Gericht zu erstreiten. Vergeblich. Hauptargument der Verbraucherschützer: "Bei der Kommission sitzen Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie am Tisch, die natürlich ihre eigenen Interessen vertreten", sagt Foodwatch-Sprecherin Lena Blanken.

Am Ende kämen bei solcher Kungelei dann eben zum Beispiel eine Zitronenlimonade ohne Zitronen heraus oder Fruchtcremefüllungen ohne Frucht – und dies sei nicht im Sinne der Verbraucher. "Aus diesem Grund muss die derzeitige Kommission aus unserer Sicht aufgelöst werden. Wir stellen uns vor, dass es künftig eine Behörde oder ein Ministerium übernehmen, Leitsätze zu Lebensmitteln rechtsverbindlich zu erlassen", so die Foodwatch-Sprecherin.

Foodwatch: "Eher ein Reförmchen zu erwarten"

So weit ist es heute bei der ersten Lesung im Bundestag allerdings noch nicht - und dazu wird es möglicherweise auch gar nicht kommen. Denn nach Kenntnissen von Foodwatch zeichnen sich bereits erste Tendenzen ab, in welche Richtung es mit dem Lebensmittelbuch gehen dürfte: "Da wird sehr wahrscheinlich keine grundlegende Reform kommen, eher ein Reförmchen mit besserer finanzieller Ausstattung und etwas mehr Transparenz", so Blanken. Das Grundproblem zwischen den Interessen von Verbrauchern und Lebensmittelproduzenten werde allerdings so lange bestehen bleiben, wie die Lobby mit entscheiden könne. "Das ist nicht ausreichend aus unserer Sicht."

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Bewegung in Sachen Verbraucherschutz ist dennoch zu erkennen. So müssen mittlerweile "Geflügelwürste", die Schweinefleisch enthalten, auch so gekennzeichnet sein. Zu den Neuerungen der jüngsten Vergangenheit, die das Bundesministerium eingeführt hat, zählen unter anderem deutlichere Kennzeichnungen bei Lebensmittel-Imitaten oder zusammengefügten Fleisch- und Fischprodukten.

Letztes wichtiges Instrument der deutschen Politik

So manche Entscheidung ist für Verbraucherschützer dennoch nicht konsequent genug - was auch mit der EU zu tun hat. "Die europäischen Richtlinien tendieren oftmals dazu, eher für die Industrie zu stehen. Gerade erst gab es in der EU eine massive Lobbyschlacht der Industrie, in der man es geschafft hat, mit über einer Milliarde Euro die Lebensmittelampel auf Verpackungen zu verhindern", sagt Lena Blanken. Auch unter solcherlei Aspekten sei ein unabhängiges und transparentes Deutsches Lebensmittelbuch enorm wichtig: "Es ist im Prinzip das einzig verbleibende Instrument, worüber die deutsche Politik direkt entscheiden kann."

Und so fordert nicht nur Sophie Herr, Leiterin des Teams Lebensmittel beim Verbraucherzentrale Bundesverband, dass Bundesernährungsminister Christian Schmidt nun eine "echte Reform mit ambitionierten und konkreten Verbesserungen" vorlegen müsse. Auch Unions-Fraktionsvize Gitta Connemann meint, für eine Reform der Leitlinien sei es nun "höchste Eisenbahn".

Agrarminister Christian Schmidt versprach, er werde Reformeckpunkte vorlegen. "Einzelne Kapitel" wolle er "mit deutlicher Feder kräftig überarbeiten", so der CSU-Politiker - neu schreiben wolle er das Lebensmittelbuch aber nicht.

14.01.2016
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