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merkzettel

Enttäuscht von Europa Tausende Iraker kehren in Heimat zurück

BildFlüchtlinge im Nord-Irak
Irakische Flüchtlinge am 24.2.2016

Fazit vieler Rückkehrer: Europa ist die Strapazen und das Risiko einer Flucht nicht Wert.

(Quelle: dpa)

VideoWillkommen in der Realität
Flüchtling schaut sich Bilder seiner Familie auf dem Handy an.

Den Start in ihr neues Leben haben sich viele Flüchtlinge einfacher vorgestellt: Die Realität aber ist oft ernüchternd: Wohnen in Notunterkünften, ewiges Warten, keine Aufgabe: Viele sind enttäuscht.

(06.03.2016 Quelle: ZDF)

VideoEuropa und der Flüchtlingskurs
Angela Merkel in Brüssel

Es ist die Stunde der Wahrheit: Die EU bemüht sich, die Flüchtlingskrise gemeinsam mit der Türkei zu lösen. Wieder einmal. Kann Europa dieses Mal mit einer Stimme sprechen?

(06.03.2016)

VideoVerfolgte Christen
Schlafende Flüchtlingskinder

Bei sonntags am 26.10.2014 geht es um die Verfolgung religiöser Minderheiten in den umkämpften Gebieten in Syrien und im Irak und die Situation der Flüchtlinge aus diesen Krisengebieten.

(24.10.2014)

Nicht alle Migranten, die Richtung Europa strömen, sind unmittelbar vor Krieg geflohen. Manche hatten Jobs - aber auch Träume von einem besseren Leben. Der Irak verzeichnet eine wachsende Zahl enttäuschter Rückkehrer. 

Sie gaben ihre Jobs auf und kratzten ihre Ersparnisse zusammen, um nach Europa zu gelangen. Doch dort fanden die Iraker Surkaw Omar und Rebien Abdullah volle Asylunterkünfte, Hunger und eiskaltes Wetter vor. Jetzt zurück im heimischen Nordirak, ziehen die beiden Kurden eine bittere Bilanz. Ihre Suche nach einem besseren Leben war ein Desaster.

Beide hatten umgerechnet je rund 7.300 Euro für die Reise gezahlt, das meiste Geld kassierten die Schmuggler. In Deutschland und Schweden, so erzählen die Ernüchterten, hingen sie dann monatelang in Unterkünften für Asylbewerber fest. Nur wenig Essen oder Geld hätten sie bekommen.

Kluft zwischen Erwartungen und Realität

"Es war sehr schlimm", erinnert sich der 25-jährige Omar an seine Zeit in einer deutschen Ersteinrichtung. "Ehrlich gesagt, wir haben dort gehungert. (...) Sie gaben uns nur Käse und Tee. Und unser wöchentliches Taschengeld waren 30 Euro." Deshalb seien sie weitergezogen und hätten ihr Glück in Schweden gesucht - doch auch dort scheiterten die beiden mit ihren Vorstellungen.

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"Als wir ankamen, war es Winter" erzählt Omar weiter. "Es war eisig. Sie steckten mich in einem Raum mit drei Syrern. Ich sprach aber kein Arabisch und sie kein Kurdisch. Also kommunizierten wir wie taube Menschen." Nach einem weiteren Versuch in Deutschland hätten sie aufgegeben. "Wir sagten uns, lass' uns nach Hause gehen. Das ist besser als irgendwo anders."

Immer mehr Rückkehrer

Viele der Hunderttausenden Flüchtlinge und Migranten, die nach Europa strömen, stammen aus Kriegsgebieten. Omar und Abdullah hingegen kommen aus dem Kurdengebiet im Nordirak, das weitgehend von den Kämpfen mit der Terrormiliz Islamischer Staat ausgenommen ist. Sie gehören zu einer Gruppe, die nach Einschätzung von Experten immer größer wird: Migranten, die Europa wegen der schwierigen Suche nach Arbeit und Wohnung wieder verlassen und in ihre Heimat zurückkehren.

Nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen 2015 etwa 70.000 Iraker nach Europa. Die nichtstaatliche Irakische Flüchtlingsföderation hält es für möglich, dass die Zahl sogar doppelt so hoch war. Allein 40.000 stammten demnach wie Omar und Abdullah aus der Kurdenregion.

Viele kehren auf eigene Faust zurück

Doch seit Anfang des Winters steigt die Zahl derjenigen, die die IOM um Hilfe für eine Rückkehr bitten. Waren es im September noch 350, wollten im Oktober bereits 761 zurückkehren und im Januar 831. "Es ist schwierig, genaue Zahlen zu bekommen, weil viele auf eigene Faust zurückkehren und sich mit anderen Reisenden vermischen", sagt IOM-Sprecherin Sandra Black. "Doch die Zahl steigt deutlich."

Das könnte wie eine gute Nachricht für europäische Länder klingen, die ihre Türen für Kriegsflüchtlinge öffneten, Wirtschaftsmigranten aber zurückweisen. Sie verdeutlicht jedoch auch die wachsenden Schwierigkeiten, auf die Flüchtlinge in Deutschland und Schweden treffen. Beide Länder hatten 2015 zusammen mehr als eine Million Migranten aufgenommen.

Hoffnungen bleiben oftmals unerfüllt

Wie Omar und Abdullah sagt auch Black, dass die meisten ihre Hoffnungen auf Jobs und Wohnungen nicht erfüllt sehen. Hinzu komme eine langsame Familienzusammenführung. "Die wachsende Zahl ankommender Flüchtlinge und Migranten hat einen massiven Druck auf das Einwanderungssystem in Europa erzeugt. Die Verfahren brauchen länger, deshalb geben einige von ihnen auf", meint die IOM-Sprecherin.

Der Anthropologie-Professor Maurizio Albahari von der Universität Notre Dame im US-Staat Indiana sagt, eine Gruppe europäischer Länder versuche, "Asylsuchende aktiv zu entmutigen, zumindest indirekt". Albahari forscht über die Migration in Europa. Von den 4.305 Irakern, die 2015 und im Januar 2016 für ihre Rückkehr von der IOM unterstützt wurden, kehrte ein Drittel in die Kurdenregion zurück. Das Gebiet ist sicher und nahm selbst viele Flüchtlinge aus anderen Teilen des Iraks auf. Doch der Krieg gegen den IS im Land und der dramatisch abgesackte Ölpreis belasten die örtliche Wirtschaft schwer.

Flüchtling: Europa ist das Risiko nicht wert

Omar hatte als Tagelöhner in Restaurants und Supermärkten gejobbt, Abdullah fuhr ein eigenes Taxi. Den Wagen verkaufte er, um seine Reise nach Europa zu finanzieren. Ihre Entscheidung, diesen Schritt zu wagen, sei vornehmlich durch den Druck von Bekannten und Freunden entstanden. "Ich sah, dass sich alle auf den Weg machten und sagten, 'Es ist so und so (in Europa)'", schildert Omar. "Doch als ich dann dort war, war nichts so".

"Leben in Europa ist wirklich hart", meint auch Abdullah. "Du musst warten. Wir konnten aber nicht warten, weil wir uns mit unserem Land (...) und unseren Familien so verbunden fühlen. Und ehrlich, Europa und eine Aufenthaltsgenehmigung sind es nicht wert, Deine Familie zu verlassen und Dein Leben zu riskieren".

Menschenrechtsbeauftragter: Exodus wird dennoch nicht abnehmen

Der Menschenrechtsbeauftragte des kurdischen Regionalparlamentes, Soran Omar, kennt diese Erfahrungen. Und sie seien kein Einzelfall, meint er. Sogar Menschen, die vor dem IS aus Falludscha oder Ramadi geflohen seien, hätten in der Kurdenregion unter besseren Bedingungen gelebt als jetzt in Deutschland.

Doch diese Erfahrungen hätten nicht dazu geführt, dass der Exodus aus der Region gen Europa abnehme, meint Omar. Im Gegenteil: "Die Leute hier haben nichts zu verlieren. Wir glauben, dieses Jahr wird das Jahr der Migration".

2015 - Das Jahr der Flüchtlinge

Januar

80 Flüchtlinge suchen in der Thomaskirche in Kreuzberg Kirchenasyl

Ende des Monats löst Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) einen Streit ums Kirchenasyl aus. Er wirft den Kirchen vor, sich über geltendes Recht hinwegzusetzen. Ende Februar einigen sich Staat und Kirche auf ein neues Verfahren mit engerer Kooperation zwischen Gemeinden und Behörden.

Im Januar wurden 25.042 Asylanträge in Deutschland gestellt.

Februar

Rettung von Flüchtlingen

In der Nacht auf den 9. Februar birgt die italienische Küstenwache einen Kutter mit 105 Insassen, die über das Mittelmeer nach Europa flüchten wollten. Sieben Menschen sind bei der Überfahrt erfroren. Weitere 18 Menschen sterben beim Transport nach Lampedusa. In den Tagen darauf ertrinken wahrscheinlich mehr als 300 Menschen.In ihrem wöchentlichen Podcast dringt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 14. Februar auf eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge in der EU.

Im Februar wurden 26.083 Asylanträge in Deutschland gestellt.

März

Flüchtlinge in Deutschland - Aufnahme vom 12.02.2015

Am 11. März landet in Hannover der 50. Charterflug mit Flüchtlingen aus Syrien, die über ein 2013 aufgelegtes Kontingent in Deutschland aufgenommen werden. Die insgesamt 20.000 Plätze werden bis zum Sommer ausgeschöpft sein.Am 13. März beschließt das Bundeskabinett den Ländern für 2015 und 2016 jeweils 500 Millionen Euro mehr für die Versorgung der Flüchtlinge zu geben. Ländervertreter fordern erstmals auch eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Kosten.

Im März wurden 32.054 Asylanträge in Deutschland gestellt.

April

Deer ausgebrannte Dachstuhl der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz

Am Osterwochenende wird auf die Asylunterkunft in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) ein Brandanschlag verübt. Der Ort war bereits vorher in die Schlagzeilen geraten, weil der Bürgermeister Markus Nierth im März wegen rechtsradikaler Anfeindungen von seinem Amt zurückgetreten war.

Nach einem Bootsunglück ertrinken mehr als 800 Flüchtlinge vor der libyschen Küste. Bei einem Krisentreffen am 20. April in Brüssel beschließen die EU-Innen- und Außenminister, die Seenotrettung im Mittelmeer auszubauen.Im Streit um eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Länder spricht sich Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 29. April für eine Quote aus, die in vielen Ländern auf Ablehnung stößt.

Im April wurden 27.178 Asylanträge in Deutschland gestellt.

Mai

Archiv - Dimitris Avramopoulos bei einer Pressekonferenz in Brüssel am 18.11.2015

Bei einem Treffen am 8. Mai verspricht Kanzlerin Merkel den Bundesländern ein Maßnahmenpaket zur Beschleunigung für Asylverfahren.

Der EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos stellt am 27. Mai Details des Quotenvorschlags zur Verteilung von Flüchtlingen vor. Zunächst sollen 60.000 Menschen aus Griechenland, Italien und Ländern des Nahen Ostens auf alle EU-Länder verteilt werden. Die Regierungen stimmen schließlich zu, bis Jahresende wird aber erst ein Bruchteil der Flüchtlinge tatsächlich verteilt sein.

Im Mai wurden 25.992 Asylanträge in Deutschland gestellt.

Juni

Asylgegner im sächsischen Freital

Die Internationale Organisation für Migration erklärt am 9. Juni, dass im Laufe des Jahres bereits mehr als 100.000 Flüchtlinge über den Seeweg nach Europa gekommen sind. Die Bundesregierung hebt ihre Prognose über die erwartete Zahl der Flüchtlinge an. Sie rechnet jetzt mit 450.000 Asylsuchenden bis Ende des Jahres.

Im sächsischen Freital sorgen Proteste gegen eine Asylbewerberunterkunft bundesweit für Empörung. Bis Ende des Monats registrieren die Sicherheitsbehörden für das erste Halbjahr 150 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte - ein neuer Höchststand.

Im Juni wurden 35.449 Asylanträge in Deutschland gestellt.

Juli

Flüchtlinge in Griechenland - Aufnahme vom 20.07.2015

Laut UNHCR haben seit Jahresanfang 78.000 Flüchtlinge Griechenland erreicht - mehr als sechsmal so viele wie im Vorjahreszeitraum. Die Fluchtroute von Syrien über die Türkei und den Balkan gerät verstärkt in den Fokus.

Im Juli wurden 37.531 Asylanträge in Deutschland gestellt.

August

Rechter Aufmarsch in Heidenau - Aufnahme vom 28.08.2015

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verkündet am 19. August eine neue Prognose, wonach er bis zu 800.000 Flüchtlinge in diesem Jahr erwartet. Grundlage der Prognose sollen künftig nicht mehr die Asylantragszahlen sein, sondern die Zahl der über die Länder tatsächlich registrierten Flüchtlinge. Beide Zahlen waren aufgrund des Antragsstaus immer weiter auseinander geklafft.

Am 25. August twittert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: "#Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von uns weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt." Syrer, die über ein anderes EU-Land eingereist sind, können damit in Deutschland bleiben. In der Folge drängen noch mehr Flüchtlinge in die Bundesrepublik.

Bundespräsident Joachim Gauck besucht am 26. August eine Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin. Kanzlerin Merkel ist am gleichen Tag in Heidenau, wo es zuvor heftige Ausschreitungen beim Protest gegen eine Asylunterkunft gegeben hatte. Merkel betont nach ihrem Gespräch mit Flüchtlingen, es gebe keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellten. Entfernt stehende Heidenauer buhen sie aus.

Im August wurden 36.422 Asylanträge in Deutschland gestellt.

September

Angela Merkel und Viktor Orban

Kanzlerin Merkel entscheidet in einem Telefonat mit Ungarns Ministerpräsident Orbán, Flüchtlinge weiter nach Deutschland reisen zu lassen. Die Asylsuchenden hatten unter teils katastrophalen Umständen in Ungarn ausgeharrt. Die Entscheidung bringt ihr auch innerhalb der Union viel Kritik ein. Merkel bleibt bei ihrer Haltung. Das Asylrecht kenne keine Obergrenze, erklärt sie.

Am 18. September übernimmt der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, die Leitung des unter Druck stehenden Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Nach wie vor gelingt es der Behörde nicht, Asylanträge schneller zu bearbeiten. Der Antragsstau wächst weiter.

Bund und Länder einigen sich am 24. September auf eine Verteilung der Flüchtlingskosten. Der Bund zahlt ab 2016 eine Pauschale von 670 Euro pro Flüchtling bis zum Ende des Asylverfahrens. Im Gegenzug stimmen die Länder einer Reihe von Verschärfungen im Asylrecht zu, die wenig später vom Bundestag verabschiedet werden.

Im September wurden 43.071 Asylanträge in Deutschland gestellt. Registriert wurden 164.000 Flüchtlinge.

Oktober

Peter Altmeier

Am 7. Oktober beschließt das Bundeskabinett eine Neuordnung seiner Flüchtlingspolitik. Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) wird zum Flüchtlingskoordinator ernannt.

In der CSU stößt Merkels offene Haltung gegenüber den Flüchtlingen immer mehr auf Ablehnung. Forderungen werden laut, Schnellverfahren in sogenannten Transitzonen an der Grenze einzuführen, den Familiennachzug einzuschränken und eine Obergrenze für die Aufnahme zu definieren.

Im Oktober wurden 54.877 Asylanträge in Deutschland gestellt. Registriert wurden 181.000 Flüchtlinge.

November

Wolfgang Schäuble (CDU)

Am 30. November beschließt der Bundestag den Haushalt 2016, der mehr als acht Milliarden Euro zusätzlich für die Versorgung und Integration von Flüchtlingen vorsieht. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) erklärt, die Bewältigung der Flüchtlingszahlen habe Priorität.

Im November wurden 57.816 Asylanträge in Deutschland gestellt. Registriert wurden 206.000 Flüchtlinge.

Dezember

Weihnachtsfeier mit Flüchtlingen

Anfang Dezember meldet Bayern, dass die Zahl der insgesamt in diesem Jahr registrierten Flüchtlinge die Grenze von einer Million überschritten hat.

Auf ihren Parteitagen fordern SPD und CDU europäische Kontingente zur Aufnahme von Flüchtlingen. CDU-Parteichefin Merkel gelingt es, dass im Leitantrag der Christdemokraten die Forderung nach einer Obergrenze für die Aufnahme ausbleibt.

(Quelle: epd)

07.03.2016, Quelle: Balint Szlanko, AP
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