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Kulturhauptstadt 2016 San Sebastián und der große Trommelwirbel

VideoSan Sebastián: Kulturhauptstadt 2016
Kulturhauptstadt 2016: San Sebastian

San Sebastián ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Jahrzehntelang litt die spanische Stadt unter dem Terror der ETA. Kann die Kultur diese Wunden heilen?

(22.01.2016)

VideoSan Sebastián und Breslau
San Sebastian

Am Tag des eigenen Schutzpatrons, des heiligen Sebastian, hat San Sebastián gestern begonnen zu feiern: als Kulturhauptstadt Europas - eine von zweien, denn auch Breslau trägt 2016 diesen Titel.

(21.01.2016)

VideoBreslau ist Kulturhauptstadt
Stadtansicht Beslau

Europäische Kulturhauptstadt 2016 ist eine Stadt mit komplizierter, tragischer Geschichte: Das polnische Wroclaw, einst bis Mai 1945 noch das deutsche Breslau. Eine Stadt voll Ambition und Optimismus.

(04.01.2016)

von Susanne Freitag

San Sebastián - das sind Meer, kulinarisches Kulturgut und Trommelwirbel. Doch lange Zeit waren es auch Terror und Kampf für die baskische Unabhängigkeit. Als Kulturhauptstadt blickt die Stadt nach vorne, ohne die bewegte Geschichte dabei zu vergessen. 

Auf einer Scheibe Weißbrot haben sie einen perfekt geformte Raute aus Fischcreme angerichtet. Darauf ist eine Sardelle drapiert - und gekrönt wird das Ganze von einem kleinen Wachtelspiegelei. Ein Holzspieß hält das gastronomische Kunstwerk zusammen - Pintxos heißen solche kleinen Köstlichkeiten, und auf der Theke der Kneipe "La CEPA" stehen rund 30 Variationen davon.

Das ist kulinarisches Kulturgut "made in San Sebastián". Die Stadt gilt schon lange als kulinarische Hauptstadt Europas. Nirgendwo gibt es eine höhere Konzentration an Sternerestaurants. Und Jetzt wird sie außerdem zur Kulturhauptstadt gekrönt. 

Perle an der Atlantikküste

Dieser Titel wird gern an Städte verliehen, die Probleme mit ihrer Popularität haben. Das ist in San Sebastián anders. Die perfekt geformte Muschelbucht mit den mondänen Strandhotels, das luxuriöse Thalasso-Zentrum "La Perla" mit Blick aufs Meer, das perfekte Klima - die Stadt war schon immer eine Perle an der spanischen Atlantikküste. König Juan Carlos machte hier Ferien, der Diktator Franco übrigens auch, und eigentlich kann die Stadt noch mehr Touristen gar nicht verkraften.

Die Gründe für die Wahl als Kulturhauptstadt liegen deshalb in der jüngeren Geschichte der Stadt. Das Motto des Kulturjahres heißt "Convicencia" - Zusammenleben. Und das ist in San Sebastián so eine Sache. "Achtung Tourist, merke dir eins: Du bist hier weder in Spanien noch in Frankreich, Du bist hier im Baskenland", steht an einer Hauswand in der Altstadt. Gleich daneben "Unabhängigkeit für das Baskenland"- auf Baskisch. An einer Schnur hängen Fotos von gefangenen ETA-Mitgliedern, dort fordern sie die Freilassung. 

Region leidet immer noch unter Konflikt

Zwar hat die ETA vor ein paar Jahren ihre Waffen offiziell niedergelegt, aber die Region leidet immer noch unter dem Konflikt. Jahrzehntelang machten San Sebastián und die umliegende Region immer wieder Schlagzeilen: Mit Bombenanschlägen, gezielten Morden, vor allem auf Vertreter des spanischen Staates.

Rubén Múgica ist Anwalt. Er sitzt am Schreibtisch seines Vaters. Ein Bild von ihm hängt an der Wand. Sein Vater ist tot. Vom Balkon des Büros kann Rubén die Stelle sehen, wo ETA-Terroristen ihn vor 21 Jahren mit einem Genickschuss hinrichteten. Rubén hörte die Schüsse und lief auf die Straße, wo ihm Bekannte entgegenkamen: "Sie haben Deinen Vater getötet!", riefen sie.

Tiefe Gräben noch spürbar

"Das Motto der Kulturhauptstadt ist schön und gut", sagt Rubén. "Aber es gibt Dinge, die kann man weder vergessen, noch verzeihen. Das war organisiertes Verbrechen. Und vor allem gab es viele Leute, die diesen Verbrechern applaudiert und die Terroristen bejubelt haben. Mit denen kann es keine Verständigung geben, mit denen kann es gar nichts geben."

Die tiefen Gräben der Gesellschaft sind in San Sebastián und im Baskenland immer noch spürbar. "Es war eine schreckliche Zeit", erinnert sich Marina. "Man konnte damals nicht in Ruhe aus dem Haus gehen. Es ist jetzt besser. Wir wollen das am liebsten vergessen!"

Kultur gegen das Vergessen

Und das Programm der Kulturhauptstadt will genau das verhindern. Das Überwinden von Konflikten steht im Mittelpunkt. Auf große Künstlernamen hat man ganz bewusst verzichtet, es sind viele kleine Aktionen, die versuchen, die Menschen zu verbinden, Konflikte zu überwinden.

"Die Leute wollen diese Zeit eigentlich vergessen", sagt Pablo Berástegui, Direktor des Kulturhauptstadtprojekts, "wir müssen sie manchmal daran erinnern. Sagen: Hey, da waren Dinge, die waren nicht gut. Wir müssen überlegen, warum das so gekommen ist, und wie wir verhindern können, dass so etwas wieder passiert. Das gibt ein bisschen Unruhe, wenn die Leute merken, dass sie das Thema angehen müssen, aber das ist wichtig, sonst kommt das woanders wieder raus."

Großer Trommelwirbel

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Wenn in San Sebastián gefeiert wird, dann wird laut getrommelt. "Tamborradas" heißen die Trommelumzüge. Eine der größten fand am letzten Mittwoch statt, 15.000 Trommler waren da in der Stadt unterwegs. Um Mitternacht trafen sie sich zu Tausenden auf dem Platz der Verfassung in der Altstadt. Sie feierten das Stadtfest zu Ehren des heiligen Sebastian und gleichzeitig den Auftakt des Kulturjahres. Deshalb sang der Chor der Stadt auch die Europahymne.

Doch "Freude schöner Götterfunken" ging fast unter in einem enormen Pfeifkonzert.  Europas Kulturhauptstadt hat mit Europa so ihre Probleme. "Troika, geh nach Hause", steht auf einem Plakat. Die Krise hat auch in San Sebastián zugeschlagen. An einem Balkon hängt eine Banderole, die das unabhängige Baskenland proklamiert. Im Publikum fordern sie die Freilassung der ETA-Täter. Die Stadt würde gerne ein unbeschwerte Kulturhauptstadt sein, aber dazu sind die Wunden der Vergangenheit zu tief.

Höhepunkt der Feierlichkeiten

Heute erreichen die Eröffnungsfeierlichkeiten ihren absoluten Höhepunkt. Es gibt eine gigantische "Tamborrada" am Strand der malerischen Muschelbucht. Und am Abend werden 50.000 Zuschauer erwartet. Dann wird die Barocke Maria-Cristina-Brücke zur "Brücke der Versöhung" der bekannte Bühnenkünstler Hansel Cereza hat ein enormes multimediales Kulturspektakel auf die Beine gestellt. Die Bürger werden mit einbezogen, es wird eine gigantisches Lichtspiele geben - so wird für das Zusammenleben geworben. Cereza selbst kommt aus Katalonien, in dem es ebenfalls eine starke Unabhängigkeitsbewegung gibt. Ein starkes Symbol: San Sebastián will nach vorne schauen, und trotz aller Konflikte die Kulturhauptstadt der Versöhnung sein.

Europäische Kulturhauptstädte

Warum wird der Titel Kulturhauptstadt verliehen?

Infokarte: Kulturhauptstädte 2016

Die Europäische Union verleiht seit 1985 den Titel Kulturhauptstadt. Ziel der Initiative ist es laut EU-Kommission, den "Reichtum und die Vielfalt der Kulturen Europas hervorzuheben", den Tourismus zu fördern und das Image der Städte zu verbessern. Anfangs gab es jährlich eine Kulturhauptstadt. Seit der EU-Erweiterung 2004 werden jeweils zwei Städte gekürt, um neuen Mitgliedern in Mittel- und Osteuropa eine Teilnahme zu ermöglichen. Der Titel wurde bisher mehr als 50 Orten verliehen. Erste Europäische Kulturhauptstadt war Athen, Berlin 1988 die erste deutsche Metropole. 2016 sind es San Sebastián und Spanien und das polnische Breslau.

Breslau

Breslau

Das südwestpolnische Breslau (Wroclaw) an der Oder mit 650.000 Einwohnern sieht sich als Mittler zwischen Ost und West. Die Stadt gibt sich heute multikulturell und verweist auch das deutsche Erbe als Teil einer besonderen Identität. Bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg war Breslau die Hauptstadt der Provinz Schlesien. Danach wurde es zur neuen Heimat für Tausende aus dem nun ukrainischen Lwiw vertriebene Polen. In der Gegenwart setzt die Universitätsstadt Breslau mit vielen IT-Ansiedlungen auf Hightech und die Nähe zu deutschen Wirtschaftspartnern.

Breslaus Programm als Kulturhauptstadt

Blick am 17.09.2015 über die Tumski Brücke zur Dominsel mit der Kreuzkirche und dem Dom in Breslau.

An zwölf Kulturwochenenden will Breslau seinen Besuchern wie auch den Einwohnern eine besonderes Programm bieten - vom "Jazz an der Oder" über die Literaturnacht zur Theaterolympiade. Zum Start, Abschluss und in der Mitte des Jahres als Kulturhauptstadt sind Performance-Veranstaltungen im Großformat geplant, etwa die Stadtperformance "Flow" im Juni, mit der die Oder als "fließende Wirbelsäule der Stadt" in den Mittelpunkt gerückt wird. Sinnbild des multikulturellen Erbes und dem Blick in die Zukunft ist das Konzert eines Orchesters mit Künstlern aus Tschechien, Deutschland, Polen und Israel mit einer Symphonie, die von jungen Menschen dieser Länder komponiert wurde.

Mit der "Spanischen Nacht" grüßt Breslau am 18. Juni San Sebastián, seine Schwesterstadt als Europäische Kulturhauptstadt. Die Zarzuela-Show, die auf spanischen Musiktraditionen und der Oper "Carmen" aufbaut, will vor mehreren Zehntausend Zuschauern rund 500 Künstler auf die Bühne des Breslauer Stadions bringen.

San Sebastián

Kulturhauptstadt 2016: San Sebastian

Donostia-San Sebastián mit rund 190.000 Einwohnern ist die Hauptstadt einer nordspanischen Provinz im autonomen Baskenland. Das baskische Wort Donostia weist wie das spanische San Sebastián auf den Heiligen Sebastian als Namenspatron hin. Der Tourismus ist heute ein wichtiger Wirtschaftszweig der zwischen Felsmassiven am Golf von Biskaya gelegenen Stadt. Viele Bauten aus dem 19. Jahrhundert und die malerische Lage an der "Muschelbucht" La Concha mit eigenem Stadtstrand prägen das Stadtbild. Jahrzehntelang hatte der Terror der baskischen Separatistenorganisation ETA wie in der ganzen Region auch in San Sebastián die Entwicklung bestimmt.

San Sebastiáns Programm als Kulturhauptstadt

Am Rathaus von San Sebastián sind am 29.10.2015 Plakate befestigt, die auf die Auszeichnung als europäische Kulturhauptstadt 2016 hinweisen.

San Sebastián will als Europäische Kulturhauptstadt 2016 weitgehend ohne Showeffekte und ohne große Namen auskommen. Die Organisatoren sehen das wichtigste Ziel der geplanten Veranstaltungen darin, das Publikum in die kulturellen Programme einzubeziehen. Die Kultur soll in der baskischen Metropole, die jahrzehntelang unter dem Terror der ETA zu leiden hatte, als ein Mittel zur Förderung des friedlichen Zusammenlebens dienen.

Das Programm rankt sich um drei Achsen, die als "Leuchttürme" bezeichnet werden und die Namen "Frieden", "Leben" und "Stimmen" tragen. Auf einem Theater-Forum werden Stücke aufgeführt, die sich mit dem Konflikt im Baskenland befassen. Eine Delegation der Kulturhauptstadt wird andere Konflikt-Brennpunkte besuchen wie Belfast oder Sarajevo.

Die Kochkunst und die Gastronomie sollen eine tragende Rolle im Programm der Kulturhauptstadt spielen. Das "Festival Music Box" wird eine Serie von Konzerten veranstalten. Eine Ausstellung unter dem Titel "Friedensverträge" wird 300 Kunstwerke europäischer Meister zeigen, die 21 Museen zur Verfügung stellen. Das Internationale Filmfestival vonSan Sebastián, eines der bedeutendsten in Europa, wird 2016 zum Programm der Kulturhauptstadt gehören.

Bisherige und künftige Kulturhauptstädte

Der Titel Kulturhauptstadt Europas wird seit 1985 jeweils für ein Jahr vergeben. Seit 2010 wurden ernannt:

2010: Essen für das Ruhrgebiet, Pecs (Ungarn), Istanbul (Türkei)
2011: Tallinn (Estland), Turku (Finnland)
2012: Guimaraes (Portugal), Maribor (Slowenien)
2013: Kosice (Slowakei), Marseille (Frankreich)
2014: Riga (Lettland), Umeå (Schweden)
2015: Mons (Belgien), Pilsen (Plzen/Tschechien)
2016: Donostia/San Sebastián (Spanien), Breslau (Wroclaw/Polen)
2017: Aarhus (Dänemark), Paphos (Zypern)

(Quelle: dpa)

23.01.2016
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