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Flüchtlinge aus dem Maghreb Warum Marokko seine Jugend verliert

VideoKriminalität wächst
Polizei am Kottbusser Tor.

Nordafrikanische Banden sind als Problem der steigenden Kriminalitätsrate identifiziert. Nicht nur die Kölner Polizei muss sich mit den Tätern beschäftigen. Auch in Berlin sind die Banden bekannt.

(18.01.2016)

VideoWeg zurück für Maghreb-Flüchtlinge?
Polizisten und Festgenommener

Bei der Abschiebung von Flüchtlingen aus Algerien und Marokko hakt es. Die Bundesregierung plant ein Rückführungsprogramm, notfalls auch mit Hilfe von Kürzungen bei der Entwicklungshilfe.

(19.01.2016)

VideoMarokko - Land der Träume
Screenshot

Das Land im Nordwesten Afrikas erwartet seine Besucher mit einer Mischung aus Tradition und Moderne, sowie einer einzigartigen Landschaft mit wunderschönen Stränden, Oasen, Bergen und quirligen...

(16.12.2015)

von Natalie Steger, Casablanca

"Jung, männlich, nordafrikanisch": Seit den Kölner Silvester-Attacken stehen junge Maghreb-Migranten in der Kritik. Warum fliehen so viele gerade aus Marokko? "Für viele hier ist alles besser, als zu Hause zu bleiben", sagt ein junger Musikproduzent. 

"Deutschland ist absolut in", sagt Amin. Der 29-Jährige produziert junge Musiker in Marokko. "Gucken Sie sich diese Videos an, für viele junge Marokkaner ist das fast wie ein Spiel. Sie kennen viele, die es geschafft haben und versuchen es jetzt auch", sagt er.

Videos mit Reise-Anleitungen

Er selbst will Marokko nicht verlassen. Aber er kennt viele, die gegangen sind oder gehen wollen. Sie stellen ihre Videos in Soziale Netzwerke. Und jeder in Marokko kann sehen, wie es den Landsleuten in Europa geht und wie sie dahin kamen. "Hier erzählt ein junger Marokkaner, wie man es machen muss", sagt Amin und zeigt auf seinem Smartphone ein Video. "Man muss ein Hin- und Rückticket in die Türkei buchen. Dann weiter mit dem Bus. Er sagt sogar, wie viel welcher Bus kostet."

ZITAT
Wir toben uns hier aus, weil das Leben hier so schwierig ist. Du brauchst eine sehr gute Ausbildung, um einen Job zu finden.
Mehdi, Journalist und Rockfan
Im Raum ist kaum Licht, dafür ist es umso lauter: ein Rock-Konzert in Casablanca. "Wir toben uns hier aus", sagt Rockfan Mehdi, "weil das Leben hier so schwierig ist. Du brauchst eine sehr gute Ausbildung, um einen Job zu finden." Marokko verliert seine Jugend. Im doppelten Sinne - die einen gehen, die anderen sind zutiefst frustriert.

Viele wohnen noch bei den Eltern

50 Prozent der jungen Marokkaner sind ohne Arbeit und schlagen sich durch. Viele wohnen noch bei den Eltern. Marokko, dieses in Europa als westlich wahrgenommene Land, verliert seine Kinder - vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.

Casablanca ist die Wirtschaftsmetropole, die marokkanische Hauptstadt des internationalen Handels, der Banken des Landes. Doch zwischen Starbucks, McDonalds und Co. lebt das ärmliche Marokko, das nicht gefördert wird von den Eliten. In der Medina, der Altstadt, haben viele keinen Wasseranschluss in der Wohnung. Gerade hier wollen viele gehen.

"Die machen das nicht"

Jeder, wirklich jeder hat von den Ereignissen in Köln gehört. Hassan, 23, lebt in Oulfa, einem ärmeren Viertel Casablancas. Zwei seiner Freunde sind weg, einer ist in seit drei Monaten in Mainz, der andere in Dortmund. "Meine Freunde sind gebildet und gut erzogen, die machen das nicht", sagt der Friseur.

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Amin, der Musikproduzent, sagt: "Viele der Jugendlichen hier in Marokko sind Fußballfans. Sie fallen hier schon auf, weil manch einer zum Vandalismus neigt. Es sind ganz sicher keine kriminellen Netzwerke, die die Jungs gezielt nach Deutschland holen, um dort für Ärger zu sorgen. Aber das sind junge Leute, Halbstarke, die sehr anfällig sind, wenn sie an die Falschen geraten."

Deutschland steht für fast alle für ein besseren Leben, Pünktlichkeit, Arbeit, keinen Rassismus. Man müsse sich dort unbedingt integrieren und alles dort akzeptieren, sagen sie. Auch Anwar, der Vater von zwei Söhnen, die jetzt in Deutschland leben. "Meine Söhne sind jetzt Eure, wir haben sie gut erzogen", erklärt er.

Marokko - ein sicheres Herkunftsland?

Aber benötigen Marokkaner Asyl in Deutschland? Den Flüchtlingen gehe es vor allem um die wirtschaftliche Perspektive, um Arbeit, das sagen praktisch alle. Auch die Journalisten der Online-Zeitung "Le Desk", eine der wenigen kritischeren Zeitungen. Es gibt sie seit drei Monaten. Wer zu kritisch berichtet, hat es nicht leicht in einem Land, in dem an vielen Stellen die Polizei mitmischt und überwacht. "Wenn du die roten Linien in der Berichterstattung überschreitest, kriegst du wirtschaftlichen Druck. Dann machen sie Druck auf die Firmen, die ihre Werbung schalten, die du eigentlich brauchst", sagt Mehdi, der Nachrichtenchef von "Le Desk".

Deshalb hat sich die Online-Zeitung entschieden, sich über Abonnenten zu finanzieren. Über König Mohammed VI. und sein Umfeld kritisch zu berichten, ist trotzdem unmöglich. "Bei manchen Themen würden sie uns einfach dicht machen", sagt der Nachrichtenchef. Trotzdem hält er Marokko für ein sicheres Herkunftsland. Menschenrechtsorganisationen sehen das zum Teil anders.

ZITAT
Meine Söhne sind jetzt eure, wir haben sie gut erzogen
Anwar

Doch für den Journalisten ist Marokko kein Polizeistaat und die Migranten seien zumeist reine Wirtschaftsflüchtlinge. Aus Marokko illegal auszureisen ist übrigens eine Straftat. Wer aus Europa abgeschoben wird, muss sich zu Hause einem Verfahren aussetzen - und mit einer kurzen Gefängnisstrafe rechnen.

Begeistert über aufblasbare Kissen

Das kann das junge Marokko nicht abhalten. "Schau mal", sagt Amin, der Musikproduzent, mit Blick auf ein Video, "da postet einer total fasziniert, dass man in Deutschland aufblasbare Kissen in den Flüchtlingsheimen bekommt." Für die jungen Migranten sei praktisch alles besser, als zu Hause zu bleiben. Vor allem Deutschland ist für sie ein Sehnsuchtsort.

24.01.2016
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