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Fünf Jahre Syrien-Konflikt Aus einem Aufschrei wurde Krieg

BildProtest gegen Assad
Demonstrationen in Syrien gegen Assad

Kinder, die ihre Unzufriedenheit mit dem Regime an eine Wand sprühten: Damit begann vor 5 Jahren der Syrien-Konflikt. Bis heute forderte er Hunderttausende Tote und machte Millionen von Menschen zu Flüchtlingen.

(Quelle: reuters)

VideoSyrien: Friedensgespräche
Kampfflieger

Die Friedensgespräche für Syrien gehen weiter. Vertreter der syrischen Opposition und der Regierung Assads nehmen teil. Ziele sind die Bildung einer Übergangsregierung und eine neue Verfassung.

(14.03.2016)

Video"Beginn einer Völkerwanderung"
Uli Gack aus Kairo

ZDF-Reporter Hans-Ulrich Gack berichtet über die katastrophale Situation der Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens. Viele von ihnen wollen nach Deutschland.

(07.09.2015)

VideoWacklige Waffenruhe in Syrien
presse syrien

Trotz einiger Gefechte hält die Waffenruhe in Syrien. Unser Reporter war in Begleitung der russischen Armee in Syrien unterwegs. Von der Hafenstadt Latakia ging es in Richtung Aleppo.

(02.03.2016)

von Marcel Burkhardt

Vor fünf Jahren ruft ein kleiner Demonstrationszug in Damaskus nach Freiheit. Den Sturz der Herrscher in Tunesien und Ägypten vor Augen, antwortet Syriens Präsident Assad der Opposition mit brutalen Mitteln. Es ist der Beginn eines blutigen Bürgerkrieges. 

Sie waren teils noch Kinder. Burschen im Alter zwischen neun und 15 Jahren, die Syriens Präsidenten Baschar al-Assad im Frühjahr 2011 mit einer Spraydose herausforderten. "Du hast das Land geplündert, Assad - jetzt bist du dran!" sprühten die Jungen auf eine Mauer in Daraa. Die Antwort des Geheimdienstes: Festnahmen, Folter. Der lokale Sicherheitschef, ein Cousin Assads, sagte den Eltern damals: "Vergesst diese Kinder, macht neue!" Das war der Funken, der erst Daraa und in der Folge das ganze Land in Brand setzte.

Assad hat Schicksal Mubaraks vor Augen

Über soziale Netzwerke verbreiteten sich die Nachrichten aus Daraa rasend schnell, erinnert sich der Medienaktivist Adnan Adahhik. "Wir haben alle wie gebannt nach Daraa geschaut und wir spürten, was diesen Kindern angetan worden ist, kann das Regime auch unseren Kindern antun", sagt er. Der 27-jährige Mann aus Homs beschreibt die ersten Demonstrationen als friedlichen Aufschrei gegen Behördenwillkür und ungezügelte Gewalt des Staatsapparats. "Wir sind für die Leute in Daraa auf die Straße gegangen, um unsere Solidarität zu zeigen."

Als etwa 50 Menschen am 15. März 2011 durch eine zentrale Einkaufsgasse von Damaskus marschieren, rufen sie gemeinsam "Freiheit! Freiheit! Freiheit!". Zwar wird der kleine Demonstrationszug rasch auseinandergetrieben, doch einen Tag später fordern mehr als 100 Oppositionelle vor dem Innenministerium das sofortige Ende der Haft politischer Gefangener. Spätestens da wird Assad klar, dass ihm ein ähnliches Schicksal droht wie Ben Ali in Tunesien und Husni Mubarak in Ägypten, die vom Volk gestürzt wurden.

Assad schlägt brutal zu

Syriens Präsident und seine Vertrauten beschließen hart durchzugreifen. Am 18. März gehen Sicherheitskräfte brutal gegen Demonstranten in Daraa vor – mehrere Menschen kommen dabei ums Leben. Statt den Aufstand im Keim zu ersticken, erzeugen die Repressionen aber nur noch mehr Protest.

"Ein Regime, das seine Kinder foltert, das auf friedliche Demonstranten schießt, muss weg", sagt Khaled H. rückblickend. Wie er sprechen auch andere Zeitzeugen von spontanen Solidaritätsmärschen etwa durch die Metropole Homs. "Wir stehen euch bei, Brüder und Schwestern in Daraa. Das haben wir lauthals auf den Straßen gerufen", erinnert sich Abo H., Mitglied eines lokalen Organisationskomitees der Opposition in Homs.

Schüsse auf unbewaffnete Demonstranten

Auch in der Millionenstadt reagiert die Staatsmacht mit Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten. Das Ziel: abschrecken, zivilen Ungehorsam mit allen Mitteln brechen. Doch das Kalkül geht nicht auf. "Als die Polizei zum ersten Mal auf uns schoss, hat das viele schockiert, aber auch ungeheuer wütend gemacht", sagt Abo H. "Assad hat das syrische Volk terrorisiert."

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Zunächst brannten Assads Porträts. Als die Opposition zu den Waffen griff und die Kämpfe mit der syrischen Armee immer mehr Orte in Trümmerwüsten verwandelten, verließen Tausende Menschen ihre Häuser. "Menschen aus Homs, Idlib, Qusair suchten plötzlich Zuflucht in Damaskus", erinnert sich Bilal H., Geschäftsmann aus der Hauptstadt. Der Mittfünfziger empfand damals Mitleid mit Flüchtlingsfamilien, er vermittelte Unterkünfte, besorgte Nahrungsmittel und Medikamente.

"Baschars Arm kann dich überall packen"

In den Augen des Geheimdienstlers ein schweres Vergehen: Bilal H. erhielt wiederholt Todesdrohungen. "Ich hatte nie zuvor Probleme mit dem Staatsapparat, ich wusste mich zu arrangieren", sagt er. Doch binnen weniger Monate wuchs der Druck auf ihn extrem an. Am Ende verließ er mit seiner Familie fluchtartig die Heimat. Hilfe haben sie inzwischen in einer Großstadt in Süddeutschland gefunden. Doch sicher fühlen sie sich auch dort nicht. "Baschars Arm ist lang - er kann dich überall packen", sagt Bilal H. und reckt beide Hände mit weit gespreizten Fingern in die Luft.

Die Lage in Syrien verfolgt der Geschäftsmann genau. Hoffnung auf eine Rückkehr macht er sich keine. "Solange die politischen Verhältnisse bleiben, wie sie sind, habe ich dort keine Chance", sagt er nüchtern. "Alles ist festgefahren, ich sehe keine Lösung."

Hoffen auf Frieden und tiefe Verwundung

Syrische Schicksale

Seit Ausbruch der Kämpfe in Syrien berichtet heute.de regelmäßig über das Schicksal syrischer Zivilisten, etwa in der Serie „Hilferufe aus Homs“. Die Recherche stützt sich vor allem auf kontinuierlich fortgeführte Interviews mit Augenzeugen, Informationen unabhängiger internationaler Hilfsorganisationen und der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

In Syrien verschafft die derzeitige Waffenruhe den kriegsgeschädigten Zivilisten immerhin eine Verschnaufpause. "Seit zwei Wochen sind keine Angriffe auf uns geflogen worden, es ist ruhig, beinahe friedlich. Ich hoffe, das Land bekommt jetzt seine Chance für eine friedliche Zukunft", sagt Adnan Adahhik in Homs vorsichtig optimistisch.

Aus den Worten des Lehrers Khaled H. dagegen spricht tiefe Verwundung: "Vor fünf Jahren sind wir friedlich auf die Straßen gegangen, um Nein zu sagen zu Assads Politik. Wir haben für ein Leben in Würde und Freiheit demonstriert. Wir waren hoffnungsfroh, aber wir sind im Stich gelassen worden. Fünf Jahre Gewalt, Terror, Krieg. Zu viele Tote, nur traurige Erinnerungen, schwarze Tage. Das syrische Volk ist Spielball internationaler Interessen geworden. Ich sehe kein Licht, kaum Hoffnung mehr für uns."

Chronologie: Syrien-Konflikt

März 2011

Ein erster Protest von rund 200 vorwiegend jungen Demonstranten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad setzt am 15. März 2011 eine regelrechte Protestwelle in Gang. Die Demonstrationen werden blutig niedergeschlagen, Hunderte sterben.

Oktober 2011

Russland und China verhindern eine UN-Resolution zur Verurteilung des Assad-Regimes und blockieren in den folgenden Monaten weitere Resolutionen. Tausende kamen bereits ums Leben.

Juni 2012

Die UN-Vetomächte und mehrere Nahost-Staaten einigen sich auf einen Fahrplan für einen Übergangsprozess in Syrien. Die geplante Übergangsregierung wird nicht gebildet, der Bürgerkrieg geht weiter.

August 2013

Mehr als 1.400 Menschen sterben durch Chemiewaffen. Die USA machen das Regime verantwortlich, Assad weist den Vorwurf zurück.

September 2013

Eine Resolution des UN-Sicherheitsrates fordert Damaskus zur Vernichtung seiner Chemiewaffen auf. Kurz darauf tritt Syrien der internationalen Chemiewaffen-Konvention bei und beginnt mit der Zerstörung seiner Produktionsstätten.

Februar 2014

Friedensverhandlungen der Kriegsgegner in der Schweiz gehen ohne Ergebnis zu Ende.

Juni 2014

Bei der Präsidentenwahl wird Assad im Amt bestätigt.

September 2014

Die USA und arabische Verbündete bombardieren erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Nordosten Syriens.

Januar 2015

Nach monatelangen Gefechten mit der Terrormiliz IS haben kurdische Kämpfer die nordsyrische Stadt Kobane befreit.

April 2015

In dem seit vier Jahren andauernden Bürgerkrieg in Syrien sind bisher 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Zu dieser Einschätzung kommt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Nach rund acht Monaten in der Hand der Terrormiliz IS sind 216 jesidische Kinder und Alte wieder frei. Dies teilen die kurdischen Peschmerga im Irak mit. Allerdings seien die meisten Freigelassenen bei schlechter Gesundheit und offenbar misshandelt worden.

Mai 2015

Die Truppen Assads verlieren ihre letzte Bastion in der nördlichen Provinz Idlib an islamistische Rebellen. Die Dschihadisten kommen jetzt der Mittelmeer-Provinz Latakia gefährlich nahe - und damit den Herkunftsdörfern der Assads und anderer Regime-Clans.

Juni 2015

Eine 26-Jährige aus Bonn, die der Terrormiliz IS rund 5.000 Euro zukommen ließ, wird in Düsseldorf zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Immer mehr junge Frauen aus Deutschland folgen dem Ruf des IS zum Dschihad in Syrien oder im Irak - und immer mehr Dschihadisten sterben. Bislang reisten 700 Islamisten aus Deutschland aus, darunter annähernd 100 Frauen, teilt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mit.

Juli 2015

Die Türkei hat neben der Terrormiliz IS in Syrien erstmals auch Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Irak angegriffen. Die PKK stellte daraufhin das Friedensabkommen mit Ankara von 2013 in Frage.

Die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge im Ausland ist auf mehr als vier Millionen und damit auf einen neuen Höchststand gestiegen. Das teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit. Mindestens 7,6 Million weitere Menschen seien im fünften Jahr des syrischen Bürgerkrieges Vertriebene im eigenen Land.

September 2015

Frankreich fliegt Luftangriffe gegen den IS in Syrien. Zugleich kommen die diplomatischen Bemühungen wieder stärker ins Rollen. Einige Staaten schließen die Beteiligung Assads für eine Friedenslösung nicht mehr kategorisch aus. Kurz vor der UN-Vollversammlung sagt Kanzlerin Angela Merkel: Zur Bewältigung des Syrien-Konflikts müsse "mit vielen Akteuren gesprochen werden, dazu gehört auch Assad".

Während des UN-Gipfels stellt Barack Obama aber klar: Eine Rückkehr zum Stand vor Beginn des Konfliktes sei unmöglich. Der syrische Staatschef müsse seine Macht in einem "geordneten Übergang" abgeben. Der Westen dringt weiter auf eine Ablösung Assads. Russland bleibt einer der wichtigsten Verbündeten des syrischen Machthabers. 

So bleiben "fundamentale" Meinungsverschiedenheiten zwischen Barack Obama und Wladimir Putin. Der russische Präsident kündigt danach eine Ausweitung der militärischen Unterstützung für Assad an. Ende September beginnt Russland, in den Bürgerkrieg einzugreifen und bombardiert den IS und andere Aufständische.

Oktober 2015

Die russische Luftwaffe fliegt täglich Angriffe in Syrien. Damit unterstützt sie vor allem das Assad-Regime. Hilfe bekommt die Regierung in Damaskus weiterhin auch vom treuen Verbündeten Iran. Assad kommt in Moskau unter strengster Geheimhaltung mit Präsent Putin zusammen. Mit dem Treffen stärkt Russland dem angeschlagenen syrischen Staatschef demonstrativ den Rücken.

Die USA greifen nun doch mit Elitesoldaten am Boden ein. Präsident Obama habe die Entsendung einer "kleinen Einheit von Spezialkräften" in den Norden des Bürgerkriegslands genehmigt, hieß es. Die USA stocken ihre Hilfe für die Gegner des syrischen Präsidenten Assad um 100 Millionen Dollar auf. Seit 2012 flossen damit 500 Millionen Dollar. Das Geld dient laut US-Regierung dazu, Schulen offen zu halten und die Wasser- und Stromversorgung wieder herzustellen. Daneben gibt es neue Waffenlieferungen an die Kurden.

Die Terrormiliz IS sprengt den fast 2.000 Jahre alten Triumphbogen in Palmyra. Dort hatten die Extremisten in den vergangenen Monaten bereits die bedeutenden Tempel Baal und Baal Schamin sowie mehrere Grabtürme in Schutt und Asche gelegt.

November 2015

Kurz nach den Terroranschlägen von Paris mit mindestens 129 Toten bombardieren französische Kampfflugzeuge Rakka, die Hochburg der Terrormiliz IS in Syrien. Frankreich bittet insbesondere Deutschland um militärische Hilfe. Mit Russland schließt das Land einen demonstrativen Schulterschluss im Kampf gegen die Islamisten. Auch eine Kooperation mit den Truppen Assads wird erwogen.

Dezember 2015

Auf Bitten Frankreichs beschließt der Bundestag, bis zu 1.200 Bundeswehr-Soldaten in den Einsatz gegen die Terrormiliz IS zu schicken. Die Opposition ist dagegen und argumentiert, dass sämtliche Einsätze dieser Art in Afghanistan, im Irak und in Syrien die Lage nur verschlimmerten. Die Bundeswehr entsendet Aufklärungs-"Tornados", eine Fregatte und ein Tankflugzeug. Das Mandat gilt zunächst bis Ende 2016.

Nach monatelangen Verhandlungen einigt sich die internationale Gemeinschaft auf einen verbindlichen Plan zur Befriedung Syriens. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet einstimmig eine entsprechende Resolution. Diese sieht unter anderem vor, dass bereits im Januar Friedensgespräche zwischen Assad und der Opposition beginnen sollen.

Januar 2016

Unter UN-Vermittlung beginnen Ende Januar indirekte Verhandlungen zwischen syrischer Regierung und Opposition in Genf. Am 3. Februar werden die Gespräche wegen einer von russischen Luftangriffen unterstützten Offensive der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Aleppo ausgesetzt.

Februar 2016

Die Syrien-Kontaktgruppe verständigt sich am 12. Februar in München auf ein Ende der Kampfhandlungen und setzt dafür eine Frist von einer Woche. Die Gefechte dauern jedoch an.

Zehn Tage später einigen sich die USA und Russland auf eine Waffenruhe. Die Hauptkonfliktparteien stimmen der Einigung zu. Die Feuerpause hält zunächst weitgehend.

Von der Waffenruhe ausgenommen sind Angriffe gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front und mit ihr verbündete islamistische Milizen.

15.03.2016
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