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Gauck-Reise nach Nigeria Boko Haram: "Terror um des Terrors willen"

BildTerrorgruppe Boko Haram
Archiv: Mitglieder der Terrorgruppe Boko Haram am 01.11.2014

Die islamistische Terrorgruppe war 2014 für mehr als 10.000 Tote verantwortlich.

(Quelle: ap)

VideoBoko Haram: Buharis Bilanz
Präsident Muhammadu Buhari in Nigeria

Präsident Muhammadu Buhari übernahm in Nigeria das Ruder mit dem Versprechen, Boko Haram zu besiegen. Erste Erfolge können zwar verbucht werden, aber reicht militärische Schlagkraft aus?

(19.11.2015)

VideoBoko Haram tötete 600 Lehrer
Entführte Schülerinnen von Boko Haram

Laut UNICEF können 1 Million Kinder nicht zum Unterricht gehen, 2000 Schulen sollen geschlossen sein. Boko Haram heißt übersetzt „Bücher sind Sünde“, doch Bildung ist die beste Waffe gegen Terror.

(22.12.2015)

Seit Jahren wütet die islamistische Boko Haram im Nigeria. Dorthin ist heute Bundespräsident Gauck gereist - ein Thema seines viertägigen Besuchs ist der Kampf gegen den Terror. Was aber wollen die Terroristen eigentlich? "Angst vebreiten", sagt Afrika-Expertin Weber im Interview mit heute.de. 

heute.de: Spätestens durch die Entführung von mehr als zweihundert Schulmädchen 2014 im Norden Nigerias ist Boko Haram auch in Deutschland bekannt. Aber seit wann genau ist die Terrorgruppe aktiv?

Annette Weber: Gegründet wurde Boko Haram 2002 durch Mohammed Yusuf im Nordosten Nigerias - so wie wir die Gruppe jetzt erleben ist sie seit 2009 aktiv. Yusuf war lange Zeit der ideologische Führer der Gruppe, bis er 2009 in nigerianischer Haft umgekommen ist. Einige Zeit vorher kaufte er sich eine Farm im Nordosten des Landes und begann dort zu rekrutieren. In diesem Teil Nigerias leben viele Muslime in Armut. Boko Haram hatte damals mehrere hundert Mitglieder.

Annette Weber...
Dr. Annette Weber

... ist Mitglied der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Zuvor war die promovierte Sudan- und Uganda-Expertin bei Amnesty International (ai), danach Koordinatorin des Ökumenischen Netz Zentralafrika (Berlin). Sie hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht.

heute.de: Welche Ziele hatte die Terroristengruppe damals?

Weber: Yusuf machte für die Armut der Muslime die reicheren Christen im Süden des Landes verantwortlich. Für ihn wurde das Land von Ungläubigen regiert. 2009 hat er zum Dschihad ("heiligen Krieg“) aufgerufen und angekündigt, ein Kalifat über Ländergrenzen hinaus zu errichten.

heute.de: Wie hat sich die Gruppe weiterentwickelt?

Weber: Boko Haram zählt heute um die  9.000 Mitglieder. Allein 2014 ermordeten die Terroristen mehr als 10.000 Menschen. Die Islamisten sind aber nicht nur im Norden Nigerias. Sie verüben auch Anschläge im Tschad und sind in Kamerun.

Gauck besucht Nigeria

Bundespräsident Joachim Gauck ist vier Tage lang zu Besuch in Nigeria. Er reist zunächst in die  Metropole Lagos, wo Wirtschaftsgespräche im Mittelpunkt stehen. Nach freien Wahlen 2015 und einem friedlichen Machtwechsel gilt das Land als Hoffnungsträger für eine Demokratisierung in der Region. Präsident Buhari, den Gauck am Donnerstag trifft, setzt auf eine intensivere Zusammenarbeit mit Deutschland. Die Bekämpfung des Terrorismus und der Korruption sind weitere Themen der Gespräche.

heute.de: Boko Haram hat angekündigt, mit dem IS zusammenzuarbeiten. Was bedeutet das für die Region?

Weber: Es gibt Befürchtungen, dass die Terroristen ihre Kräfte zusammenlegen und sich ihr Einflussgebiet dann von Libyen im Norden Afrikas, wo inzwischen auch der IS herrscht, bis hin nach Nigeria im Westen des Kontinents erstreckt. Bis Anfang 2015 gab es allerdings noch wenige personelle Überschneidungen bei den Terroristengruppen. Grundsätzlich ist es schwer einzuschätzen, wie stark Terroristengruppen zusammenarbeiten. Da gibt es keinen Telefonkontakt, so etwas läuft eher über Verlautbarungen auf Internetplattformen.

heute.de: Wie verlief der Kampf gegen Boko Haram in den vergangenen Jahren?

Weber: Der Kampf verlief überhaupt nicht. Es gibt eigentlich wöchentlich neue Anschläge. Das Problem ist, dass die Terrorgruppe keine festen Gebiete kontrolliert. Entgegen ihrer Ankündigung geht es ihr eigentlich nicht darum, einen Gottesstaat zu errichten. Es geht eher um einen Terror des Terrors willen, darum, Angst zu verbreiten. Die Islamisten verüben immer wieder Anschläge auf Zivilisten oder gegen Einrichtungen, die anscheinend westliche Werte vermitteln. Zum Beispiel gegen Schulen in denen auch Mädchen unterrichtet werden. Außerdem sind die Kämpfer sehr mobil und agieren aus dem Untergrund. Ein Anschlag kann jederzeit überall passieren und der Regierung fällt es schwer ihre eigenen Truppen in den Norden des Landes zu bewegen, viele Soldaten weigern sich.

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heute.de: Warum weigern sich die Soldaten?

Weber: Weil sie schlecht ausgerüstet und schlecht bezahlt sind. Außerdem gilt die Armee als korrupt, es kommt immer wieder vor, dass sie sich an der Zivilbevölkerung im Norden bereichert. Für die dort lebenden Menschen bedeutet die Armee so gut wie keine Verbesserung ihrer Lage.

heute.de: Wie kann man Boko Haram denn erfolgreich bekämpfen?

Weber: Man muss sich genau anschauen, warum sich so viele den Dschihadisten anschließen. Die meisten gehen zu den Terroristen, weil sie in Armut leben und keine Perspektive sehen. Man muss also vor allem die Wirtschaft im Norden des Landes ankurbeln, dann würden sich auch weniger den Terroristen anschließen. Einen rein militärischen Erfolg kann es meiner Meinung nach nicht geben.

Die Terrorgruppe Boko Haram

Krieg für islamischen Staat

Ausgebranntes Fahrzeug in einer Straße in Maidugur

Die Terrorgruppe Boko Haram mit Kontakten zu nordafrikanischen Al-Kaida-Ablegern führt im muslimischen Norden Nigerias seit Jahren einen Krieg für einen islamischen Staat. Boko Haram heißt so viel wie: "Westliche Bildung ist Sünde". Bei Angriffen und Anschlägen auf Schulen, Kirchen, Märkte, Polizeistationen und Lokale tötete die Gruppe in den vergangenen Jahren Tausende Menschen.

Gründer der Gruppe war Mohammed Yusuf. Dieser predigte anfangs öffentlich und kritisierte dabei, dass schlechte und korrupte Muslime Nordnigeria regierten. Damit zog er jugendliche Anhänger an und sicherte sich auch Unterstützer aus der Politik. Später wurde Yusuf kritischer und lehnte jede Form eines westlichen Staates ab.

Entführte Schülerinnen

Von den Boko Haram entführte Mädchen

Für weltweites Entsetzen sorgte im April 2014 die Entführung von mehr als 200 Schülerinnen aus Chibok. Boko Haram kündigte an, die Mädchen versklaven zu wollen. Ab Ende April 2015 gelang es der nigerianischen Armee, Hunderte Mädchen und Frauen aus der Gewalt von Boko Haram zu befreien.

Das Interview führte Jan Schulte

08.02.2016, Quelle: ZDF
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