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merkzettel

Geisterstadt Hebron im Westjordanland Ex-Soldaten brechen das Schweigen

BilderserieBreaking the Silence
VideoGaza: Hamas baut Tunnelnetzwerk
Ein unterirdischer Tunnel im Gazastreifen nahe der Grenze zu Israel.

Die radikalislamische Hamas baut in Vorbereitung eines möglichen Konflikts mit Israel ihr unterirdisches Tunnelsystem wieder auf. Israelis in Grenznähe berichten von Bohrarbeiten unter ihren Häusern.

(09.02.2016)

von Miriam Staber

In Hebron leben 200.000 Palästinenser, 850 israelische Siedler und 600 Soldaten - zum Schutz der Siedler. Einige Ex-Soldaten kritisieren das Vorgehen ihrer eigenen Streitkräfte und organisieren Touren in die Stadt, um aufzuklären. Dagegen wehren sich viele Siedler - und stellen sich quer. 

Der Tourbus startet in Jerusalem und fährt an der Separationsmauer zwischen Israel und dem Westjordanland entlang Richtung Süden, nach Hebron. Dort hat Ex-Soldat Nadav Bigelman 2008 gedient. "Die Siedlungen haben Hebron zu einer Geisterstadt gemacht", erklärt er der Gruppe US-amerikanischer Rabbiner im Bus. Sie haben im Anschluss an eine Konferenz in Israel eine Tour mit "Breaking the Silence" gebucht, für die Bigelman arbeitet. "Ich bin kein Pazifist, ich glaube, dass Israel eine starke Armee braucht. Aber wir müssen die Besatzung beenden", sagt er.

Kompliziertes Sicherheitssystem zum Schutz der Siedler

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Hebron ist die größte Stadt des Westjordanlands, Sitz zweier Universitäten und das wirtschaftliche Zentrum im Süden des Westjordanlands. Und es ist auch der Ort, an dem Abraham als Stammvater aller drei monotheistischer Religionen mit seiner Frau Sara und den Kindern mit deren Ehepartnern begraben liegt. Lange lebten hier Juden und Muslime friedlich miteinander. Nach einem Massaker im Jahr 1929, bei dem 67 Juden ermordet wurden, wurde die jüdische Bevölkerung in Sicherheit gebracht. 40 Jahre später ließen sich radikale jüdische Siedler in Hebron nieder, um die zweitheiligste Stadt des Judentums wieder jüdisch zu besiedeln.

1994 ermordete ein radikaler Siedler betende Muslime in der Moschee am Grab der Patriarchen. Daraufhin vereinbarten Israelis und Palästinenser, Hebron in zwei Zonen zu teilen. Im Zuge der Gewaltwelle der zweiten Intifada entwickelte die Armee aber ein kompliziertes System von Sicherheitsvorschriften, um die jüdischen Siedler zu schützen: Straßen, auf denen Palästinenser nicht fahren dürfen, Straßen, auf denen palästinensische Geschäfte geschlossen werden mussten. Straßen, bei denen beides der Fall ist und solche, die von Palästinensern nicht einmal betreten werden dürfen.

Siedler hupen minutenlang, um die Tour zu stören

Bigelman führt die Rabbiner durch menschenleere Gassen. Ein geschlossenes Ladentor reiht sich an das andere und alle paar hundert Meter schieben israelische Soldaten Wache. Bigelman erzählt von seiner Zeit als Soldat in Hebron. "Die Armee stürmt regelmäßig palästinensische Häuser. Einmal durch alle Zimmer und aufs Dach - um Präsenz zu zeigen", erzählt er.
Siedler stört die Breaking the Silence Tour und übertönt Bigelman

Siedler stört die Breaking the Silence Tour und übertönt Bigelman
Quelle: Miriam Staber

Während zäher Wache-Schichten seien er und andere junge Soldaten auf die Idee gekommen, die komplette Altstadt zu durchqueren, "ohne einen Fuß auf die Straße zu setzen." Also über Dächer und durch Wohnzimmer palästinensischer Familien. "Und ich habe nie gedacht: Was, wenn das mein Haus wäre?"

Ein Siedler fährt an der Gruppe vorbei und erkennt die Tour von "Breaking the Silence". "Such dir einen neuen Job", ruft er Bigelman aus dem Auto zu. Den Rabbinern sagt er: "Er lügt euch an". Bigelman spricht gerade über Gewalt in Hebron, über Attacken von Palästinensern auf Siedler und über Siedlergewalt gegenüber Palästinensern. Er lässt keine Seite aus und dennoch fährt der Mann mit seinem Auto neben der Gruppe her und hupt minutenlang, um die Tour zu stören. Die in der Nähe stehenden Soldaten tun nichts, im Gegenteil. Einer sagt zu Bigelman: "Ich hoffe, sie werfen Steine auf euch".

Bigelman: Besatzung rückt Israel in ein schlechtes Licht

Weitere Siedler stören Bigelmans Ausführungen mit Beschimpfungen und Vorwürfen. Immer filmen sie das Ganze mit dem Handy. Und auch die Gruppe filmt alle Auseinandersetzungen mit Siedlern und Soldaten. Das ist nötig, damit "Breaking the Silence" sich im Fall der Fälle vor Gericht verteidigen kann.

Manche Siedler machen den Teilnehmern besonders große Vorwürfe, weil sie Rabbiner sind. Einer der Geistlichen antwortet, dass die Grabstätte Abrahams ein sehr wichtiger Ort für die Juden sei. "Aber die Siedlungen hier verhindern ein friedliches Zusammenleben, da muss man doch abwägen."

Bigelman schließt die Tour mit den Worten: "Viele Israelis sehen uns als Verräter und sagen, wir stellen Israel in schlechtes Licht. Ich sage: Die Besatzung stellt Israel in schlechtes Licht".

Hebron

Stadt mit blutiger Geschichte

Zentrum von Hebron

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts lebten Muslime sowie Juden in Hebron. Bei einem Massaker 1929 tötete ein Mob aus Arabern insgesamt 67 Juden. Danach brachten die Briten als damalige Mandatsmacht die jüdischen Bürger aus der Stadt. Nach der Eroberung der Stadt durch israelische Truppen im Jahr 1967 kehrten religiöse Juden in die Altstadt zurück. Seit 1998 ist Hebron zweigeteilt: einen Teil kontrolliert die Palästinensische Autonomiebehörde, einen Israel.

Allerdings leben in dem von Israel kontrollierten Teil 800 jüdische Siedler umringt von rund 50.000 Palästinensern. Wegen der Präsenz von Siedlern und Soldaten mussten Palästinenser im Stadtzentrum Geschäfte und Wohnungen aufgeben. "Wir haben dort zwei radikale Gemeinschaften fast ohne jegliche Distanz", sagt der Historiker und Politikwissenschaftler Menachem Klein von der Bar-Ilan Universität in Tel Aviv. "Der Konflikt ist einfach völlig natürlich." Sowohl die Palästinenser seien religiös und nationalistisch - als auch die jüdischen Siedler.

Bei einem zweiten Massaker im Jahr 1994 erschoss der Israeli Baruch Goldstein in den Patriarchengräbern, einer heiligen Stätte für Juden und Muslime, 29 Palästinenser. Danach verschärfte die israelische Armee die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Siedler.

(Quelle: dpa)

03.03.2016
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