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merkzettel

Ein Jahr nach Bus-Blockade Clausnitz: Verfahren eingestellt, Stimmung so lala

BildBeschmiertes Ortschild Clausnitz
Beschmiertes Ortschild Clausnitz  (Quelle: dpa)

Das Echo in den Medien ist verheerend: Clausnitz, ein Ort der Schande in Sachsen, wie Heidenau und Freital.

(20.03.2017 Quelle: dpa)

VideoProzess gegen „Gruppe Freital“
Polizisten und Zuschauer vor dem Oberlandesgericht Dresden

In Dresden hat unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen der heikle Prozess gegen die „Gruppe Freital“ begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft der Gruppe, bestehend aus sieben Männern und einer Frau, die Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung vor.

(07.03.2017)

VideoDas andere Freital
Das andere Freital

In Freital in Sachsen gab es die ersten aggressiven Angriffe auf eine geplante Unterkunft für Asylbewerber. Dabei existiert auch ein anderes Freital: In einem Willkommensbündnis engagieren sich...

(03.05.2016)

Video"Plötzlich Dunkeldeutschland"
Jürgen Opitz, Bürgermeister im sächsischen Heidenau

Vor einem Jahr eskalierte die Lage im sächsischen Heidenau. Flüchtlinge protestierten brutal gegen Flüchtlinge. Jetzt sagt Bürgermeister Jürgen Opitz, Heidenauer fühlen sich in Mithaftung genommen.

(29.08.2016)

von Anja Charlet

Vor gut einem Jahr blockierten Bürger im sächsischen Clausnitz einen Flüchtlingsbus, die Bilder sorgten bundesweit für Entsetzen. Zwei Männer sollten dafür vor Gericht, doch das Verfahren wurde gegen Geldauflagen eingestellt. Die Stimmung in Clausnitz bleibt derweil durchwachsen. 

Das Amtsgericht Freiberg hat das Verfahren gegen zwei Männer, die den Flüchtlingsbus mit ihren Pkw damals blockiert haben sollen, gegen Zahlung einer Geldauflage vorläufig eingestellt, wie das Amtgericht Freiberg mitteilte. Zuvor hatten sich die beiden Angeklagten geweigert, die Geldauflage zu akzeptieren und auf einen Freispruch vor Gericht gehofft. Der Busfahrer hatte die beiden Männer wegen Nötigung angezeigt. Als Schuldeingeständnis wollen die beiden Angeklagten die Zahlung jedoch nicht verstanden wissen. Zwei weitere Angeklagte hatten schon zuvor die Geldbuße akzeptiert.

Was war geschehen in dem kleinen Ort in Sachsen? Das Erzgebirge ist, wirtschaftlich gesehen, arm dran. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen liegt hier bei rund 2.036 Euro monatlich, geschenkt bekommt hier keiner was. Das allein dürfte aber wohl nicht der Grund gewesen für den offenen Hass, der den 15 Asylsuchenden entgegenschlug, die hier in einer kalten Februarnacht 2016 Zuflucht zu finden hofften.

"Haut ab!" und "Wir sind das Volk!"-Rufe

Anja Charlet aus dem ZDF-Studio Sachsen

15 Frauen, Männer, Kinder aus Iran, Afghanistan, Libanon und Syrien sitzen in dem Bus. Der wurde an der Zufahrt zu den beiden Mehrfamilienhäusern von Pkw und einem Traktor gehindert. "Haut ab" und "Wir sind das Volk!", so die Rufe einer aufgebrachten Menge. Unter den Krakeelern seien auch Leute mit rechter Gesinnung gewesen, die er zuvor noch nie zuvor gesehen hätte, sagt der Bürgermeister von Clausnitz, Michael Funke später.

Funke war auch da, klar. Er hatte erst ein paar Stunden zuvor erfahren, dass Flüchtlinge kommen würden und ein Quartier brauchen. So war das in jenen Tagen. Rotes Kreuz, Bundeswehr und freiwillige Helfer rotierten rund um die Uhr. Da kamen Busse auch nachts an. Die Flüchtlinge hatten sich das nicht ausgesucht. So mancher in Clausnitz vermutete dahinter aber wohl so etwas wie eine Nacht- und Nebel-Aktion.

Situation eskaliert - Clausnitz wird zum "Ort der Schande"

Was dann geschah wird über Nacht bundesweit bekannt. Eine schreiende Menge bedrängt den Bus. Die Menschen drin begreifen nicht, was draußen los ist. Die Situation eskaliert. Ein Flüchtlingsjunge weint. Er habe, sagt die Polizei später, mit Stinke-Finger und Kopf-ab-Geste auch provoziert. Ein Beamter zerrt den Jungen unsanft aus dem Bus, bringt ihn ins Haus.

Die Polizei gerät dafür ins Kreuzfeuer der Kritik. Bundesinnenminister de Maizière stellt sich vor seine Truppe, spricht von Gefahrenabwehr. Die da wüten, sind mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden. das bekommen die die Flüchtlinge im Bus zu spüren.

Das Echo in den Medien ist verheerend: Clausnitz, ein "Ort der Schande" in Sachsen, wie Heidenau und Freital, in denen es ebenfalls Übergriffe auf Flüchtlinge gegeben hatte. In Scharen fallen Kamerateams in den 900 Seelen-Ort ein. Die Gemeinde bemüht sich um Schadensbegrenzung, druckt einen Alltagsratgeber in Arabisch, bietet Hilfe an.

Wie geht es den Flüchtlingen aus dem Bus heute?

Und wie erging es denen, die damals Ängste um ihr Leben ausstanden? Die meisten sind in Clausnitz geblieben. Wie ein Paar aus Afghanistan. Sadia und Rohualla. Der Mann und die Frau durften in ihrer Heimat nur heimlich zusammen sein, weil seine Familie eine Andere für ihn bestimmt hatte. Als sich ein Kind ankündigte, flohen sie, um der Steinigung zu entgehen. Der Hass in jener Nacht traf sie unerwartet und mit Wucht. Inzwischen wurde ihre Tochter in Clausnitz geboren. Der Vater, Fachmann für Holzbearbeitung, spricht gut deutsch. Die junge Mutter will studieren. Der Asylantrag wurde aber abgelehnt. Aufgeben - diese Alternative haben sie nicht.

Luai, der 15-jährige Flüchtlingsjunge aus dem Libanon, der aus dem Bus gezerrt wurde, hat Anschluss gefunden im Ort. Polizist will er werden. Auch hier wurde der Asylantrag des Vaters abgelehnt. Luai will bleiben, auch wenn die Familie gehen sollte.

Vorurteile und Gängelung: Integration mit Steinen im Weg

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Andere hatten mehr Glück. Im vergangenen Sommer gab es ein Willkommensfest. Die Helfer, die dabei waren, wollen größtenteils anonym bleiben. Die Asylsuchenden würden in Ruhe gelassen, sagt der Bürgermeister. Vor einer Kamera will er sich nicht mehr dazu äußern. Eine Fernsehdoku über Clausnitz sei für ihn unlängst der Abschluss gewesen.

Und immer wieder sorgen Vorkomnisse für Verstimmungen, prallen die unterscheidlichen Lebensformen auseinander: Zum Beispiel, als ein Schaf in einem Wohnhaus geschächtet wurde und man später die Reste im Müll fand. Oder als aus der Kasse im Fußballverein 70 Euro verschwanden. Der Diebstahl wurde nie aufgeklärt. Hinter vorgehaltener Hand aber wurden die beiden Flüchtlinge beschuldigt, die im Verein spielen. Immer noch übrigens - beim Pokalspiel schossen sie unlängst die entscheidenden beiden Tore.

Drohnung wegen Mülltrennung

Marc Lalonde, ein Helfer der ersten Stunde, der offensiv Gesicht zeigt, erzählt, die Betreiberfirma einer Unterkunft habe jüngst einem libanesischem Vater am Telefon gedroht: Wenn das mit der in Deutschland üblichen Mülltrennung nicht endlich besser funktioniere, kämen sie zurück in die Massenunterkunft. Wenn überhaupt, ist das nicht mehr als eine leere Drohung. Den Mann aus dem Libanon versetzt sie aber in Angst.

21.03.2017
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