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Germanwings-Absturz "Der Schmerz sitzt nach wie vor sehr tief"

VideoDen Sohn verloren
Dorthe Ferber, Jürgen Fischenich und Ingo Nommsen im Gespräch

Vor einem Jahr zerschellte eine Germanwings-Maschine in den Alpen. Jürgen Fischenich hat dabei seinen Sohn verloren. Er und ZDF-Reporterin Dorthe Ferber sprechen im Studio über das Ungllück.

(23.03.2016)

VideoEin Jahr nach der Tragödie
Germanwings Absturz

Ein psychisch erkrankter Co-Pilot riss vor knapp einem Jahr 150 Menschen an Bord des Germanwings-Flugs 9525 in den Tod. Viele Angehörige der Opfer haben ihre Trauer bis heute nicht überwinden können.

(17.03.2016)

BilderserieGermanwings-Absturz
Germanwings-Bilderserie 1

Eltern verloren ihre Kinder, Kinder ihre Eltern als ein Mann 150 Menschen an Bord eines Flugzeuges in den Tod riss. Ein Jahr ist es her, dass ein psychisch kranker Copilot einen Germanwings-Flug absichtlich in die Felsen steuerte. Für die Angehörigen ist der Verlust noch immer schwer zu ertragen. 

Tod und Trauer trafen Haltern wie aus dem Nichts: Am 24. März 2015 zerschellte der Germanwings-Flug 4U9525 auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf an einer Bergflanke in den französischen Alpen - absichtlich zum Absturz gebracht durch den Copiloten Andreas L.. An Bord waren auch 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See. Ein Jahr ist das nun her. Mühsam hat sich die Stadt am Rande des Ruhrgebiets in die Normalität zurück gekämpft, doch der Schock wirkt bis heute fort.

"Man hat es noch nicht verarbeitet", sagt Jürgen Fischenich im ZDF. Sein Sohn Sven war Passagier in dem Germanwings-Flug. "Der Schmerz sitzt nach wie vor tief", sagt der Vater. Zu dem Schmerz komme die Wut auf die Verantwortlichen, die Andreas L. ins Cockpit des Fliegers ließen.

Derzeit sei die Tragödie in Haltern am See "natürlich sehr präsent", sagt Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel (CDU) angesichts des Jahrestags. "Es ist schon so, dass sich die Menschen darüber unterhalten, dass sie sich Gedanken machen, und dass sie natürlich auch traurig sind." Die Sorgen der Bewohner gälten vor allem den Hinterbliebenen, die erneut mit dem Unglück konfrontiert seien.

Das Unglück bleibt ein Teil des Schulalltags

Nach der Flugzeugkatastrophe gingen die Bilder des Joseph-König-Gymnasiums mit seinen markanten gelben Sichtblenden um die Welt. Die Kerzen und Plakate vor dem Gebäude sind inzwischen verschwunden, aber in den Gängen und Klassen kreist in diesen Tagen vieles um den durch den Absturz verursachten Verlust. Es gibt einen Gedenkraum, eine Gedenktafel auf dem Schulhof, und Bilder der 18 Verstorbenen hängen in der Eingangshalle.

Chronologie: Die Germanwings-Katastrophe 
  • 24. März 2015: Ein Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings zerschellt auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Was danach geschah:

  • 26. März 2015: Die Auswertung des Stimmenrekorders nährt den Verdacht, dass Copilot Andreas Lubitz den Airbus mit Absicht in die Katastrophe steuerte.

  • 30. März: Es wird offiziell mitgeteilt, dass der Copilot vor Jahren als suizidgefährdet eingestuft wurde und sich in Psychotherapie befand.

  • 17. April: Bei einer Trauerfeier mit rund 1400 Gästen im Kölner Dom gedenken Angehörige und Staatsspitze der Opfer.

  • 6. Mai: Nach dem Zwischenbericht der französischen Flugsicherheitsbehörde hatte der Copilot ein erkennbares Ziel: "das Flugzeug auf den Boden stürzen zu lassen".

  • 11. Juni: Der Copilot war nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft fluguntauglich. Zu diesem Urteil seien mehrere Ärzte gekommen.

  • 18. Juni: Die Staatsanwaltschaft in Marseille leitet ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung ein. Es soll auch eine mögliche Verantwortung von Germanwings und der Konzernmutter Lufthansa geklärt werden.

  • 24. Juli: Hunderte Hinterbliebene der Katastrophe trauern im Bergdorf Le Vernet nahe der Absturzstelle.

  • 29. Dezember: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigt an, Kontrollen auf Alkohol und Drogen für Piloten einzuführen. Ein Gesetzentwurf der Regierung wird im Februar 2016 bekannt.

  • 17. Februar 2016: Nach eigenen Angaben haben Lufthansa und
    Germanwings bisher 11,2 Millionen Euro an Vorschusszahlungen und Schmerzensgeld an die Angehörigen der Absturzopfer gezahlt.

  • 4. März: Ein deutscher Anwalt teilt mit, dass sich eine Zivilklage von Hinterbliebenen gegen die Flugschule der Lufthansa im US-Staat Arizona richten soll. Dort sei der Copilot ausgebildet worden. Germanwings entgegnet, dass US-Recht aus Sicht des Unternehmens keine Anwendung finde.

  • 13. März: Als Konsequenz aus der Katastrophe fordert die französische Untersuchungsbehörde BEA in ihrem Abschlussbericht routinemäßige Überprüfungen bei Ausfällen von Piloten. Außerdem verlangt die Behörde klare internationale Regeln zur Schweigepflicht von Ärzten: Gesundheitsdienstleister sollten die Behörden informieren, wenn die Gesundheit eines Patienten die öffentliche Sicherheit gefährde.

"Wir sind in weiten Teilen wieder zum normalen Schulalltag zurückgekehrt", berichtet Schulleiter Ulrich Wessel. Aber das Unglück sei selbstverständlich noch sehr gegenwärtig, vor allem in jenem Oberstufenjahrgang, aus dem die Toten stammten. Die Rückkehr in den Alltag passiere "nicht um den Preis des Vergessens", sondern gerade "in würdiger Erinnerung".

Nach dem Absturz war nichts mehr wie zuvor

Das Gymnasium ist eine Europaschule, bekannt für seine Austauschprogramme. Die 16 Schüler und ihre Lehrerinnen waren auf dem Rückflug von einem Besuch bei ihrer spanischen Partnerschule, als der Airbus 320 vom Radar verschwand.

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In den Tagen danach mussten Schulleiter Wessel und Bürgermeister Klimpel versuchen, Worte für das Unaussprechliche zu finden. "Da sind Lebensentwürfe von einer Minute zur anderen geplatzt", sagte Wessel damals. Haltern wurde weltweit zum greifbaren Symbol der Trauer. Der Zusammenhalt in der Stadt half über vieles hinweg.

Schweigeminute um 10.41 Uhr in Haltern

Am Jahrestag des Absturzes wollen sie wieder zusammenstehen. Um 10.41 Uhr, also genau zu der Uhrzeit, als die Germanwings-Maschine abstürzte, findet eine Schweigeminute vor der Sixtus-Kirche in Haltern statt. Da der Jahrestag in den Osterferien liegt, wird es an der Schule keine Gedenkveranstaltung geben. Aber am 4. April ist ein Gottesdienste von Gymnasium und Stadt geplant.

Der Verlauf des Germanwings-Fluges

Grafikvideo

Im Mai will Schulleiter Wessel mit den Schülern, denen es ein besonderes Bedürfnis ist, mit dem Bus zur Absturzstelle fahren. Es gehe darum, "vielleicht vor Ort das, was man eigentlich nicht begreifen kann, doch ein Stück näher zu erfahren". Ungefähr 30 Jugendliche wollen mitfahren.

"Das waren sehr bewegende Momente"

Von besonderer Bedeutung für die Schüler, das Gymnasium und die ganze Stadt ist auch die Fortsetzung des Austauschprogramms mit der katalanischen Partnerschule in Llinars del Valles. In der vergangene Woche flogen wieder junge Leute dorthin, der Rückflug erfolgt wieder mit Germanwings. Wessel war einige Tage mit in Spanien, auch dort hat das Unglück tiefe Spuren hinterlassen. Gemeinsam wurde eine Gedenkstätte eingeweiht. "Das waren sehr bewegende Momente."

Sicherlich habe es am Anfang Zweifel gegeben, ob das möglich sein würde, sagt Wessel. Aber es sei wichtig, sich weiter Verständigung in Europa bemühen. Auch Klimpel betont, Haltern wolle "ganz bewusst" mit dem Unglück weiterleben und die Opfer nicht vergessen. "Es ist jetzt Bestandteil unserer Stadtgeschichte."

Doku

ZDFzoom: Der Germanwings-Absturz

22.03.2016

24.03.2016, Quelle: von Markus Klausen und Sebastian Bronst, afp
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