27.06.2017
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merkzettel

Globale Einkommensverteilung Neue Mittelschicht: Die Welt wird gleicher

BildBaustelle in Indien
Baustelle in der indischen Stadt Jammu

Auch Indien zählt zur neuen globalen Mittelklasse.

(Quelle: ap)

Videomakroskop Mittelschicht
Standbild:makroskop Mittelschicht

In Deutschland ist die Mittelschicht mit Abstand die größte Bevölkerungsgruppe. Etwa jeder Zweite gehört dazu. Ob sie schrumpft, ist unter Forschern umstritten. Das DIW sagt ja, das IW sagt nein.

(07.04.2017)

Video"Die Abstiegsgesellschaft"

"Chancengleichheit ist das Gerechtigkeitsprinzip einer individualisierten Gesellschaft." Chancengleichheit, das war einmal, erklärt Autor Oliver Nachtwey. Wir sprechen mit ihm.

(11.07.2016)

von Carsten Meyer

Die reichen Industrieländer streiten über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Bis in die Mitte der Gesellschaft sickert Abstiegsangst. Tröstlich: Global betrachtet überwiegt die Aufstiegshoffnung einer neuen Mittelschicht. 

Es geht die Angst um, die Angst vor dem Abstieg. Sie ergreift in die Mitte der Gesellschaft, erfasst mindestens die untere Mittelschicht. Es ist ein diffuses Gefühl von Überforderung und Unzulänglichkeit, von analoger Rückständigkeit in einer digitalen Welt. Alles wird komplexer und schneller, optimiert, automatisiert und durchglobalisiert. Selbst wenn die Leute in Umfragen regelmäßig angeben - wie zuletzt gegenüber Ipsos -, dass sie mit ihrer persönlichen Situation eigentlich ganz zufrieden sind (Italien: 73 Prozent, Deutschland: 75 Prozent, Frankreich: 81 Prozent), legen sie beim Blick auf die Zukunft ihres Landes die Stirn in Falten (Deutschland: 68 Prozent, Italien: 82 Prozent, Frankreich: 88 Prozent).

Die Gewissheit der Menschen, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird, schwindet. Der kalte Wind der Globalisierung ergreift die Mittelschicht und sät die Angst vor dem Abstieg. Das hinterlässt Spuren. Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich, Italien und den USA - praktisch überall in der saturierten Welt. Tatsächlich ist diese pessimistische Perspektive eine vornehmlich westliche Sicht. Hebt man den Blick vom eigenen Bauchnabel hinaus in die Welt, ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Die Armut schwindet

Die Armut ist weltweit klar auf dem Rückmarsch, absolut und prozentual. Nimmt man die Zahlen der Weltbank, so lag die extreme Armut (weniger als 1,90 Dollar pro Tag) im Jahr 1981 bei 42 Prozent der Weltbevölkerung (1,9 Milliarden Menschen). 2013 waren es noch 10,7 Prozent (767 Millionen). In China ist die Armut von 84 Prozent im Jahr 1980 auf zuletzt 10 Prozent gefallen. Die Oxford Poverty & Human Development Initiative arbeitet mit einer umfassenden Definition von Armut. Sie berücksichtigt nicht nur Intensität und Häufigkeit von Armut sondern analysiert auch Kriterien wie Bildung, Gesundheit, Kindersterblichkeit, Zugang zu Elektrizität und Trinkwasser. Auch hier zeigt sich eine erfreuliche Tendenz.

Obwohl noch etwas mehr als die Hälfte der Bewohner Afrikas unter Armut leidet, ist diese in 30 von 35 untersuchten Ländern "signifikant gefallen". Besonders ermutigend sind die Erfolge in Ruanda, Ghana und der Republik Kongo. In Indien ist die Zahl der Armen von 56,8 Prozent der Bevölkerung auf 48,5 Prozent gesunken, wobei die Armutsintensität der jeweils Betroffenen allerdings nur leicht nachgelassen hat.

Schwellenländer sind Gewinner der Globalisierung

Mit der industriellen Revolution setzte eine Phase der Globalisierung ein, die in den Ländern des alten Europas und Nordamerikas einen nie dagewesenen Reichtum konzentriert und eine breite Mittelschicht hervorgebracht hat. Der Anteil der G7-Staaten an der Weltwirtschaft stieg von 20 Prozent auf 70 Prozent. Der Rest der Welt blieb bitterarm.

Seit etwa drei Jahrzehnten verändere sich etwas, wie der Ökonom Richard Baldwin schreibt. Die G7-Staaten stehen heute nur noch für gut 40 Prozent der Weltwirtschaft, das ist der Stand zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Globalisierung schwappt zurück in die Peripherie. Hauptgewinner sind die Schwellenländer. Trotz aller gegenteiliger Behauptungen: Die Welt wird gleicher.

Elefanten-Grafik zeigt Entwicklung

Die Schlüssel-Grafik zu dieser neuen Welt stammt von Branko Milanovic und Christoph Lakner. Sie ähnelt der Silhouette eines Elefanten und erlangte als "elephant curve" Bekanntheit. In den Augen der "Washington Post" ist es "der wichtigste Chart zum Verstehen gegenwärtiger Politik". Milanovic und Lakner haben sich das Verdienst erworben, globale Einkommensunterschiede und -entwicklungen zu untersuchen. Der untersuchte Zeitraum (1988 bis 2008) umfasst die 20 Jahre vom Zerfall der Sowjetunion bist zur Finanzkrise, mithin 20 Jahre Turbo-Globalisierung. Insgesamt stieg in dieser Zeit das reale Pro-Kopf-Einkommen um 24 Prozent.

So verläuft die "elephant curve"

Grafik

Hauptprofiteur ist, neben dem obersten Prozent, eine neu entstehende, globale Mittelklasse, der Elefantenrücken quasi. Zentral ist hier der Aufstieg Chinas, aber auch Indien, Thailand, Vietnam und Indonesien bezeichnet Milanovic, einer der weltweit angesehensten Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung, als "die offensichtlichen Gewinner der Globalisierung".
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Ganz anders sieht es in den alten Industrieländern aus. Die finden sich in der globalen Einkommensverteilung ganz rechts, zwischen knapp 80 und 100 Prozent - dort wo der Elefantenrüssel durchhängt (Unterschicht und untere Mittelschicht der reichen Länder), bevor er sich mit den Einkommenszugewinnen der oberen Mittelschicht der reichen Länder (reichste zehn Prozent weltweit) wieder emporreckt.

Abstiegsängste und Aufstiegshoffnungen

Die Geschichte von der wachsenden Ungleichheit folgt einem eingängigen Narrativ. Für einzelne Länder stimmt dies - in den USA zum Beispiel ist die Ungleichheit der Einkommen heute wieder so hoch wie zuletzt vor 100 Jahren. Global betrachtet ist sie ein Märchen. Die Menschen in den reichen Industrieländern verteidigen ihren Wohlstand und haben Angst, ihn zu verlieren. Bis weit hinein in ihre Mittelschichten dominiert "German Angst", selbst in den USA. Der Ruf nach Abschottung wird lauter gegen die neue Konkurrenz.

Die Menschen in den Schwellenländern haben westlichen Wohlstand vor Augen und sind hungrig auf mehr. Sie wünschen sich als Produzenten besseren Zugang zu unseren Märkten und profitieren als Konsumenten ihrerseits von günstigen Preisen. Für die neue, globale Mittelschicht gibt es kein zurück in Lehmhütten und auf Reisfelder. Sie gehört jetzt dazu. Und sie wird ihren Anteil an der Weltwirtschaft ausbauen.

Carsten Meyer ist Redakteur bei 3sat makro. Das Wirtschaftsmagazin berichtet jeden Freitag aus dem Wirtschaftsdschungel - ab 21 Uhr live in 3sat und anschließend in der Mediathek.

21.04.2017
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