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merkzettel

Anschlag in Dortmund Haftbefehl nach BVB-Anschlag erlassen

VideoErmittler fassen Tatverdächtigen
Polizisten in Dortmund

Zehn Tage nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hat die Polizei gegen einen Verdächtigen Haftbefehl erlassen – es scheint sich um Aktienbetrug zu handeln. Das Motiv für das Attentat ist den Ermittlern zufolge Habgier.

(21.04.2017)

VideoAnschlag und Aktienspekulation
Börse Frankfurt

Der festgenommene Verdächtige Sergej W. soll vor dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sogenannte Put-Optionen gekauft haben, um aus einem Kursverfall der BVB-Aktie Gewinn zu schlagen.

(21.04.2017)

VideoBVB-PK zur Festnahme
Thomas Tuchel

Das Motiv des mutmaßlichen Täters des Angriffes auf den BVB ist für Trainer Thomas Tuchel nicht nachzuvollziehen - "weder emotional noch rational".

(21.04.2017)

VideoBKA: Habgier als Tatmotiv
Holger Münch

„Das haben wir auch noch nicht erlebt, dass ein Anschlag zu dem wir ermitteln sich dann so entwickelt und am Ende sich als so eine perfide Form von Manipulation von Börsenkursen herausstellt.“ Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamts zur aktuellen Lage.

(21.04.2017)

Der mutmaßliche BVB-Attentäter wollte mit dem Anschlag auf die Mannschaft wohl ordentlich Geld machen. Er nahm offenbar einen Kredit auf und setzte auf fallende Kurse der BVB-Aktie. Jetzt wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. 

Hinter dem Sprengstoffanschlag auf die Mannschaft des BVB steht nach Erkenntnissen der Ermittler eine geplante Aktienmanipulation. Es klingt wie im Krimi: Der Verdächtige soll mit dem Angriff auf einen Kursverlust der BVB-Papiere gesetzt haben, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Mit den Börsen-Spekulationen habe der 28-Jährige dann wohl viel Geld kassieren wollen. Er war am frühen Freitagmorgen im Raum Tübingen festgenommen worden - am Abend erging Haftbefehl gegen ihn. Der Mann sei dringend tatverdächtig, hieß es in einer Mitteilung der Behörde.

Mutmaßlicher Täter ist Elektriker

Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter bei dem Anschlag gebe es bislang nicht, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler. Die Behörde behalte diese Frage aber weiter im Blick. Nach Angaben des Bundeskriminalamts äußerte sich der Verdächtige nach der Festnahme zunächst nicht zur Tat. Auf eine entsprechende Frage des ZDF-"heute journals" sagte BKA-Präsident Holger Münch: "Nein, er hat sich nicht eingelassen."

Dem Verdächtigen Sergej W. wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der Mann hat laut Bundesanwaltschaft die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit. Der in Freudenstadt wohnende W. war seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk tätig.

Tatverdächtiger soll Kredit für Spekulation aufgenommen haben

Wie viel Geld der Verdächtige im Fall des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus maximal an der Börse hätte gewinnen können, ist noch nicht klar. Das werde derzeit noch berechnet, sagte Köhler. Der 28-Jährige habe drei verschiedene Derivate auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben - die meisten davon am Tag des Angriffs selbst.

Unklar ist auch, wie viel Geld der Mann investiert hat. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft nahm der Tatverdächtige für den Kauf der Derivate einen Verbraucherkredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro auf. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte: "Der Täter hat nach meinem jetzigen Stand 79.000 Euro investiert, um entsprechende Aktienoptionsscheine zu kaufen." 

Wie funktioniert eine Put-Option?

Die Wette

Börse Frankfurt

Im Grunde handelt es sich um eine Wette: Ein Investor spekuliert darauf, dass ein Kurs fällt, die andere Seite - oft eine Bank - hält dagegen und bekommt dafür eine kleine Prämie. Rutscht nun beispielsweise die BVB-Aktie tatsächlich unter den zwischen beiden Seiten vereinbarten Preis, kann der Investor die Differenz praktisch als Gewinn einstreichen.

Vor allem wenn der Kursrutsch schnell und heftig ausfällt, rechnet sich das für den Investor. Es winkt ihm die Chance, binnen kürzester Zeit seinen Kapitaleinsatz zu vervielfachen. Anders gesagt: Es lassen sich bei Optionsgeschäften mit vergleichsweise geringen Einsätzen große Summen verdienen. Die Details im Falle des BVB liegen allerdings noch im Dunkeln.

(Quelle: dpa)

Die Hintergründe

Frank Bethmann im Gespräch

Was steckt hinter dem Versuch die BVB-Aktie durch einen Bombenanschlag zum Fall zu bringen? Und welche Auswirkungen hatte der Anschlag wirklich? ZDF-Finanzexperte Frank Bethmann über Hintergründe und Folgen der Tat.

Derivate über Online-Anschluss des Hotels abgewickelt

Sicher ist aber: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn für den Verdächtigen ausgefallen. Der BVB war im Jahr 2000 als erster deutscher Sportverein an die Börse gegangen.

Der Kauf der Derivate wurde den Angaben zufolge über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt, in dem der Tatverdächtige bereits am 9. April - zwei Tage vor der Tat - ein Zimmer im Dachgeschoss bezogen habe - mit Blick auf den späteren Anschlagsort.

Pressekonferenz zum BVB-Angreifer

Bundesanwaltschaft informiert über Festnahme

Polizeiaktion

Ermittlungen zum Sprengstoff dauern an

Herkunft und Art des beim Anschlag verwendeten Sprengstoffs waren den Angaben der Bundesanwaltschaft vom Freitag noch nicht ermittelt. Da bei der Explosion der gesamte Sprengstoff umgesetzt worden sei, seien die Untersuchungen "etwas komplexer und etwas aufwendiger", sagte Köhler. Die Kriminaltechniker müssten etwa Bodenproben untersuchen.

Weitere Links zum Thema

Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus gezündet. Die BVB-Spieler waren kurz zuvor mit ihrem Bus vom Mannschaftshotel zum Stadion losgefahren. Bei der Explosion wurde der Abwehrspieler Marc Bartra schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Das Spiel war wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

Zweifel an Bekennerschreiben zum Anschlag

Die Ermittler hatten zunächst versucht, Schlüsse aus drei gleichlautenden Bekennerschreiben zu ziehen, in denen ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet wird. Die Schreiben waren am Tatort gefunden worden. Nach eingehender Prüfung hat die Bundesanwaltschaft an einem radikal-islamistischen Hintergrund aber erhebliche Zweifel. Auch ein rechtsextremistisches Bekennerschreiben weist nach Angaben der Behörde Widersprüche und Ungereimtheiten auf.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bezeichnete die Schreiben als "besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen". Wenn sich der Verdacht der Ermittler bestätige, habe der Täter versucht, sich als Terrorist auszugeben, sagte er. Das zeige, dass es richtig sei, in alle Richtungen zu ermitteln.

Die BVB-Aktie im Überblick

Einziger deutscher Fußballverein an der Börse

BVB-Logo auf Fahne

Der BVB ist der einzige deutsche Fußballverein, der den Gang aufs Börsenparkett gewagt hat. Seit dem Handelsstart im Jahr 2000 hat der Aktienkurs abenteuerliche Bewegungen hinter sich. Der Anschlag auf den Mannschaftsbus hatte dabei noch vergleichsweise geringe Auswirkungen.

Vom Börsengang im Jahr 2000 hatte sich Borussia Dortmund den finanziellen und damit auch sportlichen Befreiungsschlag erhofft. Der Verein wollte international ganz vorne mitspielen. "Der BVB ist nun einer der wohlhabendsten Sportvereine der Welt", sagte der damalige Vereinspräsident Gerd Niebaum zum Börsenstart. Umgerechnet rund 140 Millionen Euro spülte der Verkauf von Aktien in die klamme Vereinskasse.

Das Geld wurde in teure Spieler gesteckt, doch die Erfolge blieben aus. Die Vereinsführung musste sich sogar den Vorwurf der Verschwendung und des Missmanagements gefallen lassen. 2005 stand der Verein kurz vor der Pleite. Seitdem gilt der BVB in Sachen Börse als abschreckendes Beispiel für andere Vereine.

Aktienkurs: Erst freier Fall, später Erfolg

Signal-Iduna-Park

Beim Börsenstart hatte der BVB die Aktie für elf Euro pro Stück herausgegeben. Doch gleich danach ging es bergab: Mitte 2009 war das Papier nicht einmal mehr einen Euro wert. "Unter Trainer Jürgen Klopp ist der Erfolg wiedergekommen, das hat natürlich die Attraktivität der Aktie verbessert", sagt Marcus Silbe von der Investmentbank Oddo Seydler. Er ist einer der wenigen Analysten, die die BVB-Aktie intensiv beobachten. "Die Wachstumsaussichten des BVB waren nie besser als jetzt", sagte er. Das spiegelt sich auch im Kurs wider: Zuletzt kostete ein Papier wieder gut 5,50 Euro.

Anschlag beeinflusste Kurs kaum

Aktienkurs Borussia Dortmund

Der Anschlag bewegte die BVB-Aktie nur kurzzeitig und auch nicht besonders deutlich. Letztlich ging das Papier am ersten Handelstag nach dem Anschlag sogar mit einem Gewinn von 1,7 Prozent aus dem maßgeblichen Xetra-Handel. Ob der Verdächtige wirklich Geld gewonnen hat, ist derzeit unklar.

Spekulanten können Aktien abstürzen lassen

Spekulanten können mit kriminellen Methoden versuchen, Aktien abstürzen zu lassen - und tatsächlich gibt es immer wieder Fälle, die zumindest im Graubereich liegen. Statt mit Bomben wird mit negativen Meldungen gearbeitet. Vor allem in den USA hat sich eine regelrechte Industrie etabliert, die nach dunklen Flecken in Firmenbilanzen sucht und diese dann öffentlich macht mit dem Ziel, von fallenden Kursen zu profitieren.

Sportliche Leistungen beeinflussen BVB-Aktie

Der Stand der BVB-Aktie hängt in erster Linie von den sportlichen Leistungen ab. Vor allem Siege oder Niederlagen bei internationalen Veranstaltungen wie der Champions League lassen den Kurs heftig ausschlagen. Denn international winkt das ganz große Geld - und darauf kommt es den Anlegern am Ende an: auf den Gewinn des Unternehmens Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA.

Nicht nur für Zocker und Fans

Früher galt die BVB-Aktie tatsächlich als "Zockerpapier" oder "Liebhaberaktie". Das habe sich aber gründlich geändert, sagt Analyst Silbe: "In den letzten fünf, sechs Jahren hat sich der BVB zu einem sehr interessanten Unternehmen entwickelt." Es seien längst nicht mehr nur Fans, die die Aktie kauften - die könnten die Millionenumsätze an der Börse auch gar nicht stemmen. "Woran man sehen kann, dass das keine Fan-Aktie ist: Sie ist im SDax", sagt Silbe. Der SDax gehört zu den vier großen deutschen Aktienindizes.

Evonik und Signal Iduna unter größten Aktionären

Hauptaktionär beim BVB ist der Hauptsponsor Evonik. Der Chemiekonzern hatte zig Millionen in den BVB gepumpt und besitzt im Gegenzug nun knapp 15 Prozent der Anteile. Weitere große Aktienpakete halten der Unternehmer Bernd Geske, die Versicherung Signal Iduna, der Sportartikel-Konzern Puma und der Verein Borussia Dortmund selbst. Gut 60 Prozent der Aktien sind jedoch im Streubesitz, also auf viele kleinere Aktionäre verteilt.

Manchester United bekanntester Verein an der Börse

In Deutschland gibt es keine anderen Fußball-Clubs an der Börse, auch wenn etwa der FC Bayern München eine Aktiengesellschaft ist. Die Anteile werden jedoch nicht an der Börse gehandelt. International gibt es aber einige Beispiele. Das bekannteste ist Manchester United. Die Aktien der Briten werden seit 2012 an der Wall Street gehandelt und haben seitdem 18 Prozent an Wert gewonnen. Insgesamt ist Manchester United derzeit umgerechnet 2,5 Milliarden Euro schwer. Zum Vergleich: Der BVB kommt auf gut 500 Millionen Euro.

Quelle: Daniel Schnettler, dpa

21.04.2017, Quelle: dpa
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