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Homosexualität in Ghana Das Doppelleben der schwulen Männer von Accra

BildHomosexuelle in Afrika
Homosexuell halten sich an den Händen

(Quelle: imago)

von Jana Sepehr

Für Homosexuelle ist das Leben in vielen Ländern eine Tortur. Legitimiert wird die Ablehnung oft mit Religion - auch in Ghana, einem Land, das für die stabile Demokratie und seinen wirtschaftlichen Fortschritt häufig gelobt wird. 

Es ist Mittwochabend in Ghanas Hauptstadt Accra. Salsa-Night im Afrikiko, einem Freizeitcenter unter freiem Himmel. Restaurants reihen sich im Halbkreis um eine Tanzfläche neben der eine Band spielt. Bunte Lichter hängen in den Bäumen. Eine Gruppe junger Männer – alle um die 30 Jahre alt – sitzen an einem der hintersten Tische, weit weg von der Tanzfläche. Die laute Musik drängt zu ihnen vor. Die Männer tragen enge Hosen und lange, modische T-Shirts. Sie schlagen ihre Beine übereinander, trinken ghanaisches Bier, kichern viel. Sie sind alle homosexuell – das Afrikiko ist für sie ein sicherer Ort.

Der Geschlechtsverkehr zwischen Männern ist in Ghana verboten

Das Center erlaubt ihnen ein Stück Freiheit. Deshalb kommen sie fast jeden Mittwochabend hierher. "Es gibt nicht viele Orte in Ghana, an denen wir uns so anziehen und benehmen können, wie wir wirklich sind", sagt Kojo*. Die Männer küssen sich nicht – das macht man in Ghana ohnehin nicht in der Öffentlichkeit. "Nicht einmal bei Heterosexuellen ist das gerne gesehen", erzählt Kojo. "Aber hier können wir zumindest ein bisschen girly sein."

Sich öffentlich als homosexuell zu outen, ist in Ghana riskant. Schwule werden von der Gesellschaft verachtet. Der Geschlechtsverkehr zwischen Männern ist noch immer gesetzlich verboten. Öffentlich ausgetragene Debatten über das Thema verschärfen die Situation – und sie gefährden Homosexuelle, sagt Ebo*, ein Freund von Kojo. Er hat eine Zahnlücke, unter seinem lilafarbenen T-Shirt wölbt sich ein fülliger Bauch. "Wenn wir uns nicht auffällig benehmen, werden wir meist in Ruhe gelassen. Doch sobald das Thema öffentlich diskutiert wird, werden Schwule beschimpft oder verprügelt."

Ebo kommt gerade aus der Kirche. Einmal in der Woche singt er dort im Chor. Religion spielt in Ghanas Alltag eine große Rolle. Laut dem globalen Religions-Index des Meinungsforschungsverbunds WIN/GIN sind 96 Prozent der ghanaischen Bevölkerung religiös – weltweiter Rekord. Für die meisten Ghanaer ist Homosexualität unnatürlich und mit der Religion nicht vereinbar. Ebo sieht das anders. "Gott steht für Liebe und Glück – und schwul zu sein, bedeutet für mich glücklich zu sein." Mit 30 Jahren unverheiratet zu sein, mache die Menschen in Ghana stutzig, sagt Ebo. "Je älter man wird, desto schlimmer ist es. Ich behaupte deshalb oft, dass meine Hochzeit schon in Planung sei."

Ghana - Homosexuelle, Religion, HIV

Diskriminierung von Homosexuellen in Afrika

In insgesamt 38 Ländern Afrikas ist der Geschlechtsverkehr zwischen Männern laut Amnesty International (2014) gesetzlich verboten. In Mauretanien, Nordnigeria, Südsomalia und im Sudan droht Homosexuellen noch immer die Todesstrafe. Von großen Teilen der Gesellschaft werden Schwule gemieden und verachtet. "Viele Ghanaer sehen Schwule nicht als Teil der Gesellschaft an", sagt Raphael Sackitey, Programmleiter bei der Ghana Aids Commission. "Einige verleugnen sogar, dass es schwule Ghanaer gibt." Oft würden sie die Ablehnung gegenüber Schwulen mit der Religion gerechtfertigt, sagt Sackitey.

Religion in Ghana

Wie die meisten Länder in Subsahara-Afrika ist auch Ghana sehr religiös: Insgesamt 96 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als gläubig, so geht es aus dem globalen Religions- und Atheisten-Index des Meinungsforschungsverbunds WIN/GIN hervor. Danach ist Ghana das religiöseste Land der Welt. Während Christen, Muslime und Anhänger afrikanischer Stammesreligionen friedlich zusammenleben, ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen allgemein niedrig.

HIV in Ghana

Zwischen 0,8 Prozent (Ghana AIDS Commission) und 0,95 Prozent (USAIDS) der ghanaischen Bevölkerung waren im Jahr 2014 mit dem HI-Virus infiziert. Die Ghana AIDS Commission koordiniert mehrere HIV-Initiativen in dem westafrikanischen Land. Sie klären die Bevölkerung über Ansteckungsgefahren und Symptome auf und führen kostenlos HIV-Tests durch. Hierfür stellt die ghanaische Regierung Gelder bereit.

Um die Lebensbedingungen von Schwulen und Prostituierten verbessern zu können, ist die Organisation allerdings auf Geld aus dem Ausland angewiesen: "Alle Projekte, bei denen Schwule, Prostituierte und Drogenabhängige im Mittelpunkt stehen, können nur durch die Unterstützung von Global Funds finanziert werden", sagt Raphael Sackitey, Programmleiter bei der Ghana Aids Commission. Der Global Funds ist eine Organisation, gegründet von den G8-Staaten, um gegen die drei stärksten Infektionskrankheiten Malaria, Tuberkulose und Aids anzukämpfen.

(Quelle: Jana Sepehr)

"Sie sagen, wir sind selbst schuld"

Vor fünf Jahren hat Ebos Mutter erfahren, dass er schwul ist. Seitdem haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Ebos Mutter hat einen britischen Pass und lebt in London. "Sie hat mir verboten, sie zu besuchen. In London würde ich meine Rechte einfordern und vielleicht nicht mehr nach Ghana zurückkehren - das will sie verhindern."

Ebo arbeitet für eine US-amerikanische Menschenrechtsorganisation, deren Namen er nicht nennen darf. "Mit unserer Arbeit kämpfen wir nicht dafür, dass Homosexualität legalisiert wird", sagt Ebo. "Wir wollen nur unsere Rechte als Menschen haben. Wir wollen versorgt werden, wenn wir Opfer von Gewalt werden oder krank sind." Viele Ärzte, Anwälte und Polizisten kümmerten sich nicht um Schwule, erzählt Ebo. "Sie sagen, sie könnten uns nicht helfen. Wir seien selbst schuld. Denn wir haben uns ausgesucht, wer wir sind."

In Sozialen Netzwerken vernetzt sich Ebo mit Homosexuellen, die Hilfe brauchen. So hat er auch Akwasi* kennengelernt, einen schwulen Prostituierten. Er ist ein schüchterner, dünner Junge mit dreckigen Fingernägeln und einer länglichen Narbe über dem rechten Auge. Aus Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas, kam er vor fünf Jahren in die Hauptstadt. Seiner Mutter erzählte er, er würde einer Tante in ihrem Shop unter die Arme greifen. Er war 16 Jahre alt, als er das erste Mal mit einem Freier schlief. "Es war schmerzvoll und ich habe mich geschämt." Doch nach wenigen Tagen schon habe er sich an den Schmerz gewöhnt, die Verlegenheit ablegen können.

Verschleppt und verprügelt

Heute ist der 21-Jährige der Kopf einer Gruppe junger Männer, die in dem wohlhabenden Viertel North Legon auf der Straße stehen. Er sagt den unerfahrenen Sexarbeitern, wie sie mit Freiern die Preise verhandeln und nennt ihnen die Straßenecken, an denen sie sich hinstellen können, ohne von Anwohnern vertrieben zu werden.

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Die Angst entdeckt zu werden, sei dabei immer präsent, sagt Akwasi. "Wir müssen vorsichtig sein, denn wir kennen die Männer nicht, zu denen wir ins Auto steigen - und wir wissen nicht, wohin sie uns bringen." Ein Freund von Akwasi wurde kürzlich verschleppt und verprügelt. Der Mann, der ihn mitgenommen hat, war kein Freier. Übergriffe wie dieser seien keine Seltenheit, sagt Akwasi.

Es fühle sich nicht immer richtig an, mit Freiern zu schlafen, sagt Akwasi. Doch er braucht das Geld, um sich ein Studium finanzieren zu können - Personalwesen oder Politikwissenschaften interessieren ihn. Rund 100 Cedi verdient er in einer Nacht, umgerechnet 25 Euro. Verglichen mit dem Durchschnittseinkommen von 117,50 US-Dollar (Weltbank 2011) ist das eine Menge Geld. Lange will er den Job aber nicht mehr machen. "Ich bete jeden Tag, dass ich bald genug habe, um an die Universität zu gehen."

*Namen von der Redaktion geändert

27.03.2016
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