25.06.2016

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merkzettel

Naher Osten In den Kriegsgebieten droht Hungerkrise

BildHilfskonvoi des Roten Kreuzes
Hilfskonvoi des Internationalen Roten Kreuzes am 18.10.2015

(Quelle: dpa)

VideoFrieden durch Syrien-Konferenz?
Friedenkonferenz

Die Genfer Syrien-Konferenz soll Frieden bringen. Doch in einem nicht gewinnbaren Krieg, indem es keine klaren Fronten gibt, ist die Ausgangssituation schlecht. Laut Syrien-Experte Stephan Rosiny.

(28.01.2016)

VideoVon Vielfalt zum Bürgerkrieg
André Bank

Der UN-Sicherheitsrat hat einen Friedensplan für Syrien, Umsetzung ungewiss. Ein Blick in die Geschichte zeigt, das Land war lange stabil. Es herrschte „repressive Toleranz“.

(21.12.2015)

VideoUN billigen Syrien-Plan
UN-Sicherheitsrat billigt Syrien-Resolution

Der UN-Sicherheitsrat hat eine Resolution zu Syrien einstimmig verabschiedet. Demnach sollen Friedensgespräche zwischen Regierung und Opposition noch im Januar beginnen.

(18.12.2015)

Im Schatten der Konflikte im Nahen Osten breitet sich eine weitere Katastrophe aus: Hunger. Ob in Syrien, im Irak oder im Jemen - Millionen Menschen in der Region leiden bereits an Unterernährung. Oft sind vor allem Frauen und Kinder betroffen. 

Granaten und Gewehrfeuer sind in mehreren Ländern des Nahen Ostens eine ständige Bedrohung. Gleichzeitig müssen die Menschen in der Region gegen eine weitere tödliche Gefahr ankämpfen. Hunderttausende Kinder sind erheblich unterernährt. Ihre Eltern müssen oft betteln gehen oder ihr letztes Hab und Gut verkaufen, um an Trinkwasser, Medizin und Treibstoff zu kommen. Die internationalen Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Ohne zusätzliche Hilfe droht eine deutliche Verschärfung der humanitären Krise.

Versorgung in Syrien zusammengebrochen

Besonders gravierend ist die Lage in Syrien. Angesichts des seit fünf Jahren wütenden Bürgerkriegs ist die Versorgung in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Konfliktparteien immer wieder eine gezielte Blockade von Siedlungen als militärische Taktik anwenden. Mehrere Dutzend Menschen sind dadurch bereits verhungert. Auch im Jemen und im Irak fehlt es in vielen Städten aufgrund anhaltender Belagerung am Nötigsten.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sowohl dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad als auch einigen der Rebellengruppen vorgeworfen, Hunger als Waffe einzusetzen. Hilfskräfte hätten nach einem Besuch in einer der belagerten Städte von Szenen berichtet, die "der Seele weh tun", sagte er und bezeichnete das Vorgehen der Konfliktparteien als Kriegsverbrechen.

Hilfskonvois nicht durchgelassen

Belagerungen sind in militärischen Konflikten zwar nicht ungewöhnlich. Gerade wenn es darum geht, einen brutalen Häuserkampf innerhalb der Städte zu vermeiden, sind sie eine weitgehend akzeptierte Praxis. Allerdings gibt es international gültige Regeln zum Umgang mit der betroffenen Bevölkerung. Entscheidend ist eine Sicherstellung der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern. In Syrien wurden in etlichen Fällen aber nicht einmal die Hilfskonvois der UN durchgelassen.

Doch das Problem der Unterernährung reicht viel weiter. Dort, wo die Hilfe ankommen könnte, scheitert es oft an der Finanzierung. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen musste im Jahr 2015 die Nahrungsrationen für bedrohte Familien in Syrien um bis zu 25 Prozent kürzen. Um eine grundlegende Versorgung der betroffenen Menschen zu ermöglichen, bräuchte die Organisation nach eigenen Angaben pro Woche etwa 25 Millionen US-Dollar (23 Millionen Euro). Auch in den Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten ist Hunger ein Problem. Ein Bericht des UN-Kinderhilfswerks UNICEF zeigt, dass allein im Libanon fast 2.000 syrische Kinder derart unterernährt sind, dass sie nur bei sofortiger Behandlung überleben können.

Madaja monatelang von Außenwelt abgeschnitten

Nach Schätzungen der UN sind in Syrien selbst derzeit etwa 400.000 Menschen in 15 Städten und Dörfern von militärischen Belagerungen betroffen. In etwa jedem zweiten Fall handelt es sich demnach um eine Belagerung durch die sunnitische Terrormiliz IS. 2014 konnten immerhin noch etwa fünf Prozent der Betroffenen mit Hilfsgütern der UN beliefert werden. Inzwischen ist die Quote auf etwa ein Prozent gesunken.

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In der Stadt Madaja waren etwa 40.000 Menschen durch syrische Regierungstruppen monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen sind hier seit September mindestens 28 Menschen an Hunger gestorben. Als zwei UN-Konvois in der vergangenen Woche schließlich doch durchgelassen wurden, zeigte sich den Hilfskräften ein Bild des Grauens: Kinder, die aufgrund von Unterernährung weder laufen noch sprechen konnten; und überall Menschen, die praktisch bis auf die Knochen abgemagert waren.

Trinkwasser nur einmal pro Woche

Ähnlich dramatisch ist die Lage um die beiden nördlichen Dörfer Fua und Kfarja. Dieses Gebiet mit insgesamt etwa 20.000 Einwohnern wird seit mehr als einem Jahr von Rebellentruppen belagert. Im Gegenzug für die Belieferung von Madaja erhielten auch hier erste Hilfskonvois Zugang. Berichten entkommener Regierungssoldaten zufolge hatte die Ernährung für einige Menschen zuletzt bloß aus Gras bestanden. Aus Mangel an Medikamenten seien Verletzte ohne Narkose operiert worden.

In der östlichen Stadt Dair as-Saur wird die Versorgung von 200.000 Menschen von IS-Kämpfern blockiert. Nach Angaben der UN leiden darunter vor allem Frauen und Kinder. Hilfslieferungen sind nicht möglich. Gleichzeitig werden die Einwohner daran gehindert, ihre Stadt zu verlassen. Bislang reichen die Vorräte der Regierung, um Brot zur Verfügung zu stellen. Sonstige Nahrung sowie Medikamente und andere wichtige Güter werden aber zunehmend knapp. Trinkwasser gibt es nur einmal pro Woche für wenige Stunden. Nach Angaben von Aktivisten sind in der Stadt mindestens 27 Menschen an den Folgen von Unterernährung gestorben.

Hälfte des Jemens betroffen

Auch im Jemen leiden wegen anhaltender Kämpfe immer mehr Menschen an Hunger. Knapp 300 Tage nach Beginn der Offensive einer von Saudi-Arabien angeführten Koalition gegen schiitische Rebellen ist fast die Hälfte der 22 Provinzen des Landes von Unterernährung betroffen. Während die Truppen der Koalition die von den Schiiten kontrollierten Häfen blockieren, setzen auch die Rebellen in mehreren Gebieten auf massive Belagerung - vor allem im Fall der südlichen Stadt Tais. Wie die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung am Donnerstag mitteilte, sind etwa 14,4 Millionen Jemeniten, und damit mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung, von einer unsicheren Versorgungslage bedroht.

Im Irak hat die Gewalt der vergangenen Jahre mehr als drei Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht. "Sie haben ihre Existenzgrundlage verloren, ihre Arbeit; Hunger und das Problem, keine Nahrung kaufen zu können, sind für sie Teil des Alltags", sagt die WFP-Sprecherin Marwa Auad. Insgesamt seien 8,2 Millionen Iraker auf humanitäre Hilfe angewiesen - auf Nahrung und Trinkwasser ebenso wie auf Unterbringung und Medikamente.

Chronologie: Syrien-Konflikt

März 2011

Ein erster Protest von rund 200 vorwiegend jungen Demonstranten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad setzt am 15. März 2011 eine regelrechte Protestwelle in Gang. Die Demonstrationen werden blutig niedergeschlagen, Hunderte sterben.

Oktober 2011

Russland und China verhindern eine UN-Resolution zur Verurteilung des Assad-Regimes und blockieren in den folgenden Monaten weitere Resolutionen. Tausende kamen bereits ums Leben.

Juni 2012

Die UN-Vetomächte und mehrere Nahost-Staaten einigen sich auf einen Fahrplan für einen Übergangsprozess in Syrien. Die geplante Übergangsregierung wird nicht gebildet, der Bürgerkrieg geht weiter.

August 2013

Mehr als 1.400 Menschen sterben durch Chemiewaffen. Die USA machen das Regime verantwortlich, Assad weist den Vorwurf zurück.

September 2013

Eine Resolution des UN-Sicherheitsrates fordert Damaskus zur Vernichtung seiner Chemiewaffen auf. Kurz darauf tritt Syrien der internationalen Chemiewaffen-Konvention bei und beginnt mit der Zerstörung seiner Produktionsstätten.

Februar 2014

Friedensverhandlungen der Kriegsgegner in der Schweiz gehen ohne Ergebnis zu Ende.

Juni 2014

Bei der Präsidentenwahl wird Assad im Amt bestätigt.

September 2014

Die USA und arabische Verbündete bombardieren erstmals Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Nordosten Syriens.

Januar 2015

Nach monatelangen Gefechten mit der Terrormiliz IS haben kurdische Kämpfer die nordsyrische Stadt Kobane befreit.

April 2015

In dem seit vier Jahren andauernden Bürgerkrieg in Syrien sind bisher 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Zu dieser Einschätzung kommt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Nach rund acht Monaten in der Hand der Terrormiliz IS sind 216 jesidische Kinder und Alte wieder frei. Dies teilen die kurdischen Peschmerga im Irak mit. Allerdings seien die meisten Freigelassenen bei schlechter Gesundheit und offenbar misshandelt worden.

Mai 2015

Die Truppen Assads verlieren ihre letzte Bastion in der nördlichen Provinz Idlib an islamistische Rebellen. Die Dschihadisten kommen jetzt der Mittelmeer-Provinz Latakia gefährlich nahe - und damit den Herkunftsdörfern der Assads und anderer Regime-Clans.

Juni 2015

Eine 26-Jährige aus Bonn, die der Terrormiliz IS rund 5.000 Euro zukommen ließ, wird in Düsseldorf zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Immer mehr junge Frauen aus Deutschland folgen dem Ruf des IS zum Dschihad in Syrien oder im Irak - und immer mehr Dschihadisten sterben. Bislang reisten 700 Islamisten aus Deutschland aus, darunter annähernd 100 Frauen, teilt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mit.

Juli 2015

Die Türkei hat neben der Terrormiliz IS in Syrien erstmals auch Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Irak angegriffen. Die PKK stellte daraufhin das Friedensabkommen mit Ankara von 2013 in Frage.

Die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge im Ausland ist auf mehr als vier Millionen und damit auf einen neuen Höchststand gestiegen. Das teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit. Mindestens 7,6 Million weitere Menschen seien im fünften Jahr des syrischen Bürgerkrieges Vertriebene im eigenen Land.

September 2015

Frankreich fliegt Luftangriffe gegen den IS in Syrien. Zugleich kommen die diplomatischen Bemühungen wieder stärker ins Rollen. Einige Staaten schließen die Beteiligung Assads für eine Friedenslösung nicht mehr kategorisch aus. Kurz vor der UN-Vollversammlung sagt Kanzlerin Angela Merkel: Zur Bewältigung des Syrien-Konflikts müsse "mit vielen Akteuren gesprochen werden, dazu gehört auch Assad".

Während des UN-Gipfels stellt Barack Obama aber klar: Eine Rückkehr zum Stand vor Beginn des Konfliktes sei unmöglich. Der syrische Staatschef müsse seine Macht in einem "geordneten Übergang" abgeben. Der Westen dringt weiter auf eine Ablösung Assads. Russland bleibt einer der wichtigsten Verbündeten des syrischen Machthabers. 

So bleiben "fundamentale" Meinungsverschiedenheiten zwischen Barack Obama und Wladimir Putin. Der russische Präsident kündigt danach eine Ausweitung der militärischen Unterstützung für Assad an. Ende September beginnt Russland, in den Bürgerkrieg einzugreifen und bombardiert den IS und andere Aufständische.

Oktober 2015

Die russische Luftwaffe fliegt täglich Angriffe in Syrien. Damit unterstützt sie vor allem das Assad-Regime. Hilfe bekommt die Regierung in Damaskus weiterhin auch vom treuen Verbündeten Iran. Assad kommt in Moskau unter strengster Geheimhaltung mit Präsent Putin zusammen. Mit dem Treffen stärkt Russland dem angeschlagenen syrischen Staatschef demonstrativ den Rücken.

Die USA greifen nun doch mit Elitesoldaten am Boden ein. Präsident Obama habe die Entsendung einer "kleinen Einheit von Spezialkräften" in den Norden des Bürgerkriegslands genehmigt, hieß es. Die USA stocken ihre Hilfe für die Gegner des syrischen Präsidenten Assad um 100 Millionen Dollar auf. Seit 2012 flossen damit 500 Millionen Dollar. Das Geld dient laut US-Regierung dazu, Schulen offen zu halten und die Wasser- und Stromversorgung wieder herzustellen. Daneben gibt es neue Waffenlieferungen an die Kurden.

Die Terrormiliz IS sprengt den fast 2.000 Jahre alten Triumphbogen in Palmyra. Dort hatten die Extremisten in den vergangenen Monaten bereits die bedeutenden Tempel Baal und Baal Schamin sowie mehrere Grabtürme in Schutt und Asche gelegt.

November 2015

Kurz nach den Terroranschlägen von Paris mit mindestens 129 Toten bombardieren französische Kampfflugzeuge Rakka, die Hochburg der Terrormiliz IS in Syrien. Frankreich bittet insbesondere Deutschland um militärische Hilfe. Mit Russland schließt das Land einen demonstrativen Schulterschluss im Kampf gegen die Islamisten. Auch eine Kooperation mit den Truppen Assads wird erwogen.

Dezember 2015

Auf Bitten Frankreichs beschließt der Bundestag, bis zu 1.200 Bundeswehr-Soldaten in den Einsatz gegen die Terrormiliz IS zu schicken. Die Opposition ist dagegen und argumentiert, dass sämtliche Einsätze dieser Art in Afghanistan, im Irak und in Syrien die Lage nur verschlimmerten. Die Bundeswehr entsendet Aufklärungs-"Tornados", eine Fregatte und ein Tankflugzeug. Das Mandat gilt zunächst bis Ende 2016.

Nach monatelangen Verhandlungen einigt sich die internationale Gemeinschaft auf einen verbindlichen Plan zur Befriedung Syriens. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet einstimmig eine entsprechende Resolution. Diese sieht unter anderem vor, dass bereits im Januar Friedensgespräche zwischen Assad und der Opposition beginnen sollen.

Januar 2016

Unter UN-Vermittlung beginnen Ende Januar indirekte Verhandlungen zwischen syrischer Regierung und Opposition in Genf. Am 3. Februar werden die Gespräche wegen einer von russischen Luftangriffen unterstützten Offensive der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Aleppo ausgesetzt.

Februar 2016

Die Syrien-Kontaktgruppe verständigt sich am 12. Februar in München auf ein Ende der Kampfhandlungen und setzt dafür eine Frist von einer Woche. Die Gefechte dauern jedoch an.

Zehn Tage später einigen sich die USA und Russland auf eine Waffenruhe. Die Hauptkonfliktparteien stimmen der Einigung zu. Die Feuerpause hält zunächst weitgehend.

Von der Waffenruhe ausgenommen sind Angriffe gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front und mit ihr verbündete islamistische Milizen.

30.01.2016, Quelle: von Zina Karam, ap
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