28.06.2016
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merkzettel

Medien in der Kritik "Misstrauen rutscht in die bürgerliche Mitte"

BildZeitungsstand
Zeitungen an einem Zeitungsstand

(Quelle: dpa)

VideoMedien in der Krise
Screenshot

Der Journalismus steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. "Lügenpresse halt die Fresse." Diese Botschaft kommt mittlerweile längst aus der Mitte der Gesellschaft.

(21.01.2016)

VideoDunja Hayali auf Hausbesuch
Henning Tatje und Dunja Hayali

Immer wieder werden wir über die sozialen Medien für unsere Berichterstattung kritisiert. Eine sachliche Diskussion im Netz ist oft nicht möglich. Dunja Hayali hat zwei Kritiker persönlich besucht.

(08.01.2016)

Früher wurden über große politische und gesellschaftliche Themen Leserbriefe geschrieben - heute Kommentare bei Sozialen Medien. Unmut über Medien habe es immer schon gegeben, sagt Experte Fritz Wolf. "Neu ist, dass das Misstrauen in die bürgerliche Mitte rutscht", erklärt er im heute.de-Interview. 

heute.de: Gab es dieses Ausmaß an Medienkritik in der Vergangenheit schon einmal?

Fritz Wolf: Wenn man die vergangenen 25 Jahre zurückblickt, kenne ich keine vergleichbare Situation. Es gab immer auch Unmut über "die Medien", aber nie so massiv. Das hat mit dem Internet und seinen Möglichkeiten der Meinungsäußerung zu tun, aber auch mit krisenhaften Symptomen in der Gesellschaft und dem Journalismus.  

Fritz Wolf ...
Fritz Wolf

… ist Medienjournalist, Autor und Dozent. Für die Otto-Brenner-Stiftung verfasste er 2015 die Studie "Wir sind das Publikum!"- Autoritätsverlust der Medien und Zwang zum Dialog.

heute.de:
Im Netz hätte es schon vor einigen Jahren so scharfe Kritik geben können ...

Wolf: Dieses Misstrauen auf Seiten des Publikums existiert schon länger. Aber erst seit einiger Zeit gibt es diese Zuspitzung, dass jeder Journalist, der sich pointierter äußert, den Shitstorm gleich mit einplanen kann. Die Erfahrung, dass man sich im Internet zu einer fünften Gewalt aufschwingen kann, ist erst in den vergangenen Jahren so richtig gemacht worden.

heute.de: Was bedeutet das für Journalisten?

Wolf: Solange Journalisten zurückdenken können, waren sie die Torwächter. Bei ihnen gingen alle Informationen ein, wurden bewertet, aussortiert, aufgeblasen. Jetzt gibt es eine zweite Öffentlichkeit. Das ist für den Journalismus auch eine lehrreiche Phase - zu lernen, seine Arbeit transparenter und selbstreflektierter zu machen, aufs Publikum zuzugehen und auch Fehler einzugestehen.

heute.de: Wann genau ist das Verhältnis zwischen Medien und Publikum gekippt?

Wolf: Systemkritiker von rechts gab es schon immer. Neu ist, dass das Misstrauen in die bürgerliche Mitte rutscht. Ich habe neulich mit einem Universitätsprofessor zu tun gehabt, der glaubt plötzlich dem Internet und nicht mehr seiner Tageszeitung und dem Fernsehen. Ich hatte immer noch gedacht, das sei die Geisteshaltung einer Minderheit. Da baut sich eine gesellschaftliche Opposition auf, von der wir noch nicht wissen, wo sie hinführen kann.

heute.de: Liegen diese Entwicklungen auch konkret am Thema Flüchtlinge?

Weitere Links zum Thema
Wolf:
Es liegt am Thema, aber auch an einer allgemeinen politischen Stimmung. Ein Vorwurf an die Medien lautet: Alle schreiben und sagen das Gleiche. Es gibt tatsächlich eine gewisse Homogenisierung in der Berichterstattung. Ich sehe da - zugespitzt - auch eine Beziehung zur politischen Situation. Wir haben eben auch seit Jahren eine Große Koalition an der Regierung.

heute.de: Empören sich viele Bürger Ihrer Einschätzung nach mehr und schneller?

Wolf: Es gibt Bürger, die leichter zu erregen sind, weil sie den Eindruck haben: Je lauter ich schreie, umso mehr werde ich gehört. Dieses erhitzte Meinungsklima gilt aber auch für Journalisten. Wir dramatisieren schneller und spitzen schneller zu als noch vor ein paar Jahren. Journalismus ist ein Gewerbe, in dem viele zusehen müssen, dass sie wahrgenommen werden.

heute.de: CSU-Politiker beteiligen sich an der Kritik und sprachen mit Blick auf Köln vom "Schweigekartell".      

Wolf: Diese angeblichen Tabus gibt es nicht. Es wird doch über alles geredet, geschrieben, gesendet. Ich halte das für unverantwortlich, wenn die Politik mit solchen Begriffen herumfuhrwerkt und damit rechten Verschwörungstheoretikern Futter liefert.

Das Interview führte Nadine Emmerich

24.01.2016
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