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Fünf Jahre nach Atomunfall Fukushimas Flüchtlinge lehnen Rückkehr ab

VideoFünf Jahre nach Fukushima
Eine Ruine am 09.03.2016 bei Fukushima

Japan gedenkt heute der 18.000 Opfer von Fukushima. Nach einem Tsunami kam es damals zu einer Kernschmelze im Atomkraftwerk. Der Wiederaufbau verläuft weiterhin nur schleppend.

(11.03.2016)

VideoDie Fukushima-Lüge
Rettungsteam sucht Überlebende nach dem Tsunami

Als die damalige japanische Regierung am 11. März 2011 den atomaren Notstand ausrief, hielt die Welt den Atem an. Die Dokumentation geht der Frage nach, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

(09.03.2014)

Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima geben die japanischen Behörden viele der damals evakuierten Gebiete wieder frei. Doch nur wenige der Zehntausenden Vertriebenen wollen zurück in die alte Heimat. 

Sie fühlen sich wie Flüchtlinge, obwohl sie in Frieden in einem der reichsten Länder der Erde leben: Für die Evakuierten von Fukushima ist auch fünf Jahre nach dem Reaktorunfall nichts, wie es war. Insgesamt wurden nach Regierungsangaben 150.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, als am 11. März 2011 ein Erdbeben und ein Tsunami an der japanischen Pazifikküste die Reaktorkatastrophe auslösten.

Geflohene über ganz Japan verteilt

Rund 100.000 der damals Geflohenen sind noch immer über ganz Japan verstreut - manche in barackenartigen Notunterkünften, andere in staatlich zugewiesenen Apartmentblocks hunderte Kilometer entfernt. Nun geben die Behörden nach und nach Gebiete im Umfeld des havarierten Reaktors frei, doch nur ein Bruchteil der Bewohner kehrt zurück: In der Stadt Naraha, wo die Evakuierungsorder im September aufgehoben wurde, sind es nur sechs Prozent der Bevölkerung.
Gedenkminute

Japan hat am Freitag der Opfer des Tsunamis und der Atomkatastrophe von Fukushima gedacht. Zum Zeitpunkt des starken Erdbebens vom 11. März 2011 hielten die Menschen in Tokio und an der damals zerstörten Nordostküste um 14.46 Uhr Ortszeit für einen Moment inne. Kaiser Ahikito, Kaiserin Michiko und Ministerpräsident Shinzo Abe nahmen an einer Zeremonie in Tokio teil.

Die meisten haben Angst vor Verstrahlung, andere wollen sich nicht noch einen Umzug zumuten, nachdem sie sich woanders ein neues Leben aufgebaut haben. Doch dass die staatlichen Wohnbeihilfen 2017 auslaufen sollen, setzt viele unter Druck.

Plünderungen nach Erdbeben

Die 80-jährige Tokiko Onoda lebt mit ihrem Mann in einer engen, vollgestopften Wohnung im 21. Stock am Rande Tokios, wo etwa 1.000 Fukushima-Vertriebene mietfrei unterkamen. Onoda kommt aus Namie, dort wird die Evakuierungsorder allmählich aufgehoben. Trotzdem glaubt sie nicht daran, dass die Stadt sicher ist. Sie ist entrüstet, wie die Behörden mit ihr umgehen: In gut einem Jahr müsste sie Miete zahlen oder ausziehen. Früher hatte sie ein großes Haus mit Garten, in dem Gemüse und Pfingstrosen wuchsen. "Wir arbeiteten so hart, um dieses Haus zu bauen", sagt sie unter Tränen. "Wir hatten keine Sorgen, außer unseren nächsten Urlaub an den heißen Quellen zu planen."

Ihr Haus liegt jetzt in Trümmern. Zwar überstand es das Erdbeben der Stärke neun, doch dann wurde es geplündert und von Ratten zerfressen. Bei Onodas letztem Besuch zeigte das Strahlenmessgerät mehr als das Hundertfache der durchschnittlichen Strahlenbelastung Tokios. Die alte Dame hat in Tokio neue Freunde gefunden, nimmt Kunstunterricht, besucht Tee- und Näh-Kränzchen. Und nun soll sie zurückgehen, nach allem, was sie durchgemacht hat. "Wie ich mich fühle, kann nur verstehen, wer diese Evakuierung selbst erlebt hat", sagt sie.

Geschädigte von der Gesellschaft vergessen

Der Journalist Ryuichi Kino veröffentlichte 2015 "Das Weißbuch über die Nuklear-Flüchtlinge" und glaubt, dass Leute wie Onoda von der Gesellschaft vergessen und aufgegeben wurden. "Wir kennen nicht einmal ihre wahre Zahl", sagt er. Die Regierung zähle nur die Beihilfe-Empfänger, die wirkliche Zahl liege bei bis zu 200.000 Vertrieben. "Evakuierung setzt voraus, dass es eine vorübergehende Situation ist, und dass es einen Ort gibt, an den man zurückkehren kann", erklärt er.
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Für die Wohnbeihilfen der Flüchtlinge gibt der Staat rund 365 Millionen Euro jährlich aus. Außerdem unterstützt er den Reaktorbetreiber Tepco bei den monatlichen Entschädigungszahlungen, die sich inzwischen auf knapp 54 Milliarden Euro belaufen. Yuji Ishizaki ist für das Aufheben der Sperrzonen verantwortlich und betont, er befolge nur politische Vorgaben. "Es gibt keine klaren Grenzen dafür, was bei Strahlung sicher ist und was nicht", bekennt der Beamte.

Krebsrate gestiegen

Die Fukushima Medical University fand bei ihren Untersuchungen keine strahlenbedingten Erkrankungen, jedoch Beschwerden aufgrund von Bewegungsmangel, schlechter Ernährung und psychischer Belastung nach dem Reaktorunglück. Mehr als 100 Fälle von Schilddrüsenkrebs, die bei 370.000 Kindern und Jugendlichen auftraten, sind nach Darstellung der Universität zudem auf intensivere medizinische Untersuchungen zurückzuführen. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass diese Krebsrate normalerweise lediglich bei zwei oder drei Kindern in einer Million auftrete. Auch nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 stieg diese Rate in der Ukraine und Weißrussland.

Seiichi Nakate ist zufrieden mit seinem neuen Leben mit Frau und zwei Kindern im nordjapanischen Sapporo, 600 Kilometer weit weg von Fukushima. Er kaufte vor kurzem ein Haus und gründete eine Firma, die professionelle Helfer an Behinderte vermittelt. 1.500 Fukushima-Flüchtlinge bauten in Sapporo ein Netzwerk auf, über das sie sich gegenseitig unterstützen. Auch Nakate stellte Vertriebene aus Fukushima ein. Zurück will er nicht - wegen der Strahlenbelastung.

Kritik an Regierung

Die Behörden hätten die Risiken von Anfang an heruntergespielt, klagt er: "Die Regierung ließ die Menschen von Fukushima im Stich, sogar die Kinder. Jetzt werden wir gedrängt, zurückzugehen, uns wird die Verstrahlung aufgezwungen."

Auch die vierfache Mutter Megumi Okada kämpft um ihr Wohngeld, um in Tokio bleiben zu können. Dass ihre Familie in der kontaminierten Region wieder sicher leben, sicher atmen und essen kann, glaubt sie nicht. "Nichts hat sich getan in fünf Jahren. Wir haben ein Recht darauf, weiter evakuiert zu bleiben." Am liebsten würde sie nach Europa ziehen. "Ich weiß, dass Japaner nicht als Flüchtlinge dorthin können. Doch ich wünschte, es wäre möglich. Es geht um unser Überleben."

Fukushima und die Folgen

Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe

Medienvertreter besuchen am 10.02.2016 die Unglücksstelle von Fukushima

Das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März 2011 sowie das dadurch ausgelöste Atomunglück von Fukushima waren die größte Katastrophe in Japan seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 18.500 Menschen kamen durch das Erdbeben und die riesige Flutwelle ums Leben, die über die Ostküste der Insel Honshu hereinbrach. Fragen und Antworten zur Situation fünf Jahre nach der Katastrophe:

Wie bewerten die Experten heute das Erdbeben und den Tsunami?

Während die Bauwerke dank ihrer erdbebensicheren Konstruktionsweise dem Erdstoß der Stärke 9 überwiegend gut widerstanden, erwiesen sich die Vorkehrungen gegen Tsunamis als unzureichend. Schutzwälle waren zu niedrig und tiefer gelegene Küstengebiete waren bebaut, obwohl bereits vor Jahrhunderten Stelen errichtet worden waren, um das Gefahrengebiet an der Küste zu kennzeichnen.

Wäre das Unglück von Fukushima vermeidbar gewesen?

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss stufte das Unglück als "menschlich verursachte Katastrophe" ein, da das Risiko eines Tsunamis falsch eingeschätzt und nicht ausreichend Vorkehrungen getroffen worden seien. Zudem seien die Betreiberfirma Tepco und die zuständigen Behörden mit der Krise überfordert gewesen. Drei Tepco-Manager müssen sich wegen des Unglücks vor Gericht verantworten.

Wie ist die Lage in den verwüsteten Gebieten?

Etwa ein Drittel der an der Küste durch den Tsunami zerstörten Häuser wurde in höher gelegenen Gebieten wieder aufgebaut. Drei Viertel der verwüsteten landwirtschaftlichen Flächen werden inzwischen wieder genutzt. Die Industrieproduktion hat sich erholt, doch der Tourismus bleibt gemessen an den Übernachtungen in den betroffenen Präfekturen 35 Prozent unter dem früheren Niveau.

Wie steht es um die betroffene Bevölkerung?

Von den 470.000 Menschen, die wegen der Katastrophe ihre Häuser verlassen mussten, konnten 182.000 noch immer nicht zurückkehren. Darunter sind allein 100.000 Bewohner der Region um Fukushima. Zehntausende leben weiter in Behelfsunterkünften. Um Fukushima sind sieben Ortschaften weiterhin ganz oder teilweise gesperrt, in denen einst rund 24.000 Menschen lebten. In sieben weiteren Gemeinden mit insgesamt 22.700 Einwohnern sind Dekontaminierungsarbeiten am Tage erlaubt. Elf weitere Gemeinden mit 23.600 Einwohnern gestatten den vorübergehenden Aufenthalt. Nur in drei Ortschaften innerhalb des nach der Katastrophe verhängten Sperrgebiets durften die Einwohner zurückkehren. Wann das gesamte Sperrgebiet wieder bewohnbar sein wird, ist offen.

Wie soll ein weiterer GAU künftig verhindert werden?

In mehr als 950 Gemeinden an der Küste finden regelmäßig Katastrophenschutzübungen statt. Als besonders bedroht gilt die Südküste. 14 der 47 Präfekturen des Landes haben zum Schutz vor Tsunamis höhere Wälle und Metallplattformen errichtet, die als Zufluchtsorte im Fall einer Flutwelle dienen sollen. Allerdings gibt es weiterhin zahllose Häuser in unmittelbarer Nähe zum Meer und bisher keine Anweisung, sie zu verlegen.

Wie steht es um die Atomkraft heute?

Nach dem Unglück wurden nach und nach alle 54 Reaktoren im Land abgeschaltet, um sie verschärften Sicherheitsvorkehrungen anzupassen. Eine Wiederinbetriebnahme ist jeweils erst möglich, wenn die Umsetzung der neuen Regeln bestätigt wurde und Regierung und örtliche Gemeinde ihre Zustimmung gegeben haben. Die Regierung von Shinzo Abe hält trotz Vorbehalten in der Bevölkerung an der Nutzung der Atomenergie fest.

Was wurde zum Schutz der Atomkraftwerke unternommen?

Nach dem Unglück wurden von der neu eingerichteten Atomaufsichtsbehörde strengere Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz vor Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen beschlossen. In der Folge wurde etwa höhere Tsunamiwälle gebaut, doch bleiben Kritiker skeptisch. Bisher wurden vier Reaktoren wieder in Betrieb genommen - teilweise aber aufgrund von Versprechen, die Vorkehrungen zu verbessern.

Quelle: afp

11.03.2016, Quelle: von Yuri Kageyama, ap
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