31.07.2016
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merkzettel

Interview mit Boris Nemzows Tochter "Wichtig, dass man meinen Vater nicht vergisst"

BildGrabstelle von Boris Nemzow
Grabstelle von Boris Nemzow in Moskau

Boris Nemzow hat seine Kritik an den Machtstrukturen in Russland mit dem Leben bezahlt. Viele fürchten ein Jahr später, dass die Bluttat nie aufgeklärt wird.

(Quelle: ap)

VideoSpur nach Moskau
Alexander Litwinenko im Londoner Exil

2006 starb in London der ehemalige KGB-Offizier Alexander Litwinenko an einer Vergiftung durch radioaktives Polonium. Indizien deuten auf den russischen Geheimdienst als Auftraggeber.

(18.11.2015)

Vor einem Jahr wurde in Moskau der Oppositionspolitiker Boris Nemzow auf offener Straße ermordet. Seine älteste Tochter Schanna Nemzowa lebt und arbeitet seit knapp einem Jahr in Bonn. Im heute.de-Interview spricht sie über Mut und Prinzipientreue. 

heute.de: Am 27. Februar vor einem Jahr wurde Ihr Vater Boris Nemzow ermordet. Wo werden Sie den Tag verbringen?

Schanna Nemzowa: Ich werde in London sein. Dort wird die Boris-Nemzow-Stiftung für Freiheit, die ich hier in Deutschland gegründet habe, vorgestellt.

heute.de: In Moskau wird es einen Gedenkmarsch geben. Wie stark ist die russische Opposition?

Nemzowa: Ich denke, dass die russische Opposition moralisch sehr stark ist, denn sie lebt unter sehr schweren Bedingungen, mit großen Risiken. In diesem Sinne sind das natürlich die mutigsten Menschen. Ich denke, dass alle, die in der Opposition sind – das sind nicht viele - dass all diese Menschen Hochachtung verdienen. Sie sind bereit, ihre Freiheit und vielleicht ihr Leben zu opfern, um die Verhältnisse in Russland zu verbessern.

heute.de: Ist inzwischen klar, wer hinter dem Mord an Ihrem Vater steht?

Nemzowa: Ich habe es ja bereits ganz zu Anfang gesagt, und ich habe meine Meinung nicht geändert: Die Ermittlung verläuft außerordentlich schlecht. Bisher hat die Untersuchungsgruppe nur die Vollstrecker ermittelt. Den Untersuchungsbeamten ist es nicht gelungen, die Auftragsgeber des Mordes zu ermitteln. So wie ich das verstehe, versuchen sie das auch nicht. Es gibt beispielsweise Beweise dafür, dass Geremejew der Organisator sein könnte. Es werden aber keinerlei Schritte unternommen, um ihn zu finden und zu verhören.

Schanna Nemzowa, Tochter des ermordeten Boris Nemzow
Quelle: dpa

Das Gleiche betrifft auch alle meine Anträge. Ich habe gefordert, Kadyrow, Geremejew und eine Reihe andere Personen, die der Führung Tschetscheniens nahestehen, zu verhören. All diese Anträge hat man zurückgewiesen. Die Gerichte haben sich auf die Seite der Untersuchungsgruppe gestellt. Es gelingt nicht, eine objektive, vollständige Untersuchung durchzuführen. Das liegt am Widerstand der Behörden, die dies nicht wollen, Putin selbst hat gesagt, dass er diese Untersuchung unter seine persönliche Kontrolle nehmen werde. Aber schauen Sie einmal, welche Ergebnisse seine persönliche Kontrolle gebracht hat.

Ich halte es dennoch für sehr wichtig, dass man meinen Vater nicht vergisst, dass man die Ermittlungen verfolgt, dass man über diese in der Presse spricht, über die Qualität der Nachforschungen. Gerade deshalb rufe ich zu einer internationalen Kontrolle auf. Deshalb war ich am 25. Januar zusammen mit Michail Kasjanow und meinen Anwälte Michail Prochorow und Olga Michailowa sowie Bill Browder in der PACE, wo spezielle Anhörungen stattfanden, die der Untersuchung von Papas Ermordung gewidmet waren. Ich denke, dass es gute Chancen dafür gibt, dass ein spezieller Berichterstatter zu diesem Fall eingesetzt werden wird. Außerdem gibt es auch andere internationale Mechanismen. Es ist aber noch zu früh, über sie zu sprechen.

heute.de: Warum haben Sie Russland kurz nach dem Mord an ihrem Vater verlassen?

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Nemzowa
: Ich habe Russland drei Monaten nach dem Mord verlassen, da es nicht sicher war, dort zu bleiben. Der Hauptgrund ist die Sicherheit. Ich möchte nicht mein Leben riskieren. Ich hätte natürlich auch in Russland bleiben und mich völlig anders verhalten können. Ich sehe für mich bloß keinerlei Perspektiven für ein Leben dort. Ich verstehe nicht, was ich da als Journalistin tun kann. Erstens bin ich mir fast sicher, dass man mich entlassen hätte. Ich sehe heutzutage keinen Raum für Journalisten. Ich weiß nicht, warum ich dort bleiben und mein Leben riskieren soll. Und überdies ohne eine Möglichkeit, Karriere zu machen, zu arbeiten, Geld zum Leben zu verdienen.

heute.de: Wann werden Sie zurückkehren?

Nemzowa: Ich weiß es nicht.

heute.de: Sehen sie sich als Oppositionelle im Exil?

Nemzowa: Nein. Verstehen Sie, ein Mensch, der eine Meinung äußert, der sich von der offiziellen Position unterscheidet, ist kein Oppositioneller. Das ist einfach ein Mensch, der eine andere Meinung vertritt. Ich bin ein Mensch, der für eine gerechte Untersuchung kämpft, der möchte, dass es eine Aufklärung der Ermordung meines Vaters gibt. Ich halte mich nicht für eine Oppositionelle. Ich bin aber unzufrieden mit dem, was unsere Regierenden tun, wohin sie das Land führen. Das sage ich als eine Staatsbürgerin und nicht als eine Politikerin. Für mich ist ein Politiker ein Mensch, der an Wahlen teilnimmt, der anstrebt, Staatsämter zu bekleiden. Wenn man sich das aber aus der Sicht Putins anschaut, so hält er alle, die ihn nicht unterstützen, für Politiker. Aber ich bin mit dieser Position nicht einverstanden. Ich bin einfach ein freier Mensch und nichts weiter.

heute.de: Wie gefährlich ist es, die russische Regierung zu kritisieren?

Nemzowa: Das hängt davon ab, womit sie sich befassen. Wenn Sie nicht zur Opposition gehören, so ist das zweifellos gefährlich. Sie sehen ja, was sich abspielt. Wenn Sie ein unabhängiger Journalist sind, so ist das sicher schwierig. Sie werden nie in staatlichen Kanälen arbeiten können. Sie können in irgendwelchen kleinen Printmedien arbeiten. Und zur gleichen Zeit wird stets das Risiko bestehen, die Arbeit zu verlieren. Es ist sehr schwer, in Russland ein vernünftig denkender Mensch zu sein. Die Leute haben Angst und sie haben begründet Angst. Man muss mutig sein. Und ich bin der Auffassung, dass es schrecklich ist, dass wir zu solch einem Zustand gekommen sind, dass die Äußerung einer eigenen Meinung Mut erfordert. Ich denke, dass du in normalen Ländern deine Meinung bekunden, sie äußern kannst, ohne dabei dein Leben, deine Arbeit und deine Freiheit zu riskieren.

Dokumentation

Boris Nemzow - Tod an der Kremlmauer

heute.de: In ihrem Buch haben Sie Putins politischen Stil als autoritär und undemokratisch beschrieben. Wie sehen sie ihr Land jetzt, speziell in Bezug auf den Krieg in Syrien?

Nemzowa: Ich habe das so nicht in meinem Buch geschrieben. Ich habe den Führungsstil Putins als ein Hybrid-Regime beschrieben, in dem es Elemente einer autoritären Herrschaft und demokratische Elemente gibt. Heute rutscht das natürlich eher in ein autoritäres Regime ab. Ich kann dies einfach erklären. In Russland gibt es nach wie vor mehr oder weniger unabhängige Medien. Ja, das ist nicht das Fernsehen, aber es gibt beispielsweise einige Zeitungen. Es gibt das Internet. Es gibt Wahlen. Nur bei den Wahlen werden keine Fragen einer Machtübergabe entschieden. Die Herrschaft bleibt in denselben Händen. Dennoch können oppositionelle Kandidaten teilnehmen, doch sie werden wohl eher verlieren. Es ist sehr schwer zu sagen, ob dieses Regime ein absolut autoritäres oder totalitäres ist. Doch es gibt eine Tendenz zum Totalitarismus.

Was Syrien angeht: Ich bin kein Militärexperte. Ich bin überhaupt der Auffassung, dass dies ein überaus komplizierter Krieg ist. Sicher ist dies für Putin aus der Sicht der Innenpolitik wichtig, denn der Krieg in Syrien wird in der Gesellschaft unterstützt. Und das sichert sein Rating. Übrigens, Putins Rating ist stets angestiegen, wenn es irgendwelche Kriege gab. Als in Tschetschenien der zweite Krieg tobte, nahm sein Rating zu, als der Krieg in der Ukraine begann, stieg das Rating. Der Krieg in Syrien wird scheinbar stark in der Gesellschaft unterstützt, da die Menschen wenig über ihn wissen. Sie wissen nur, was man über ihn im Fernsehen berichtet. Ja, und vom Prinzip her interessiert sie das nicht besonders. Das sind Ergebnisse einer letzten Umfrage des Levada-Zentrums. Sicher ist das auch so eine gewisse Denkweise Putins, die Auffassung zu vertreten, dass der Kampf um Einflusssphären in der heutigen Welt sehr wichtig sei. Denn er lebt nicht ganz in der heutigen Welt, sondern in einer etwas anderen Ära.

heute.de: Wie sehen Sie Deutschland? Putin hat hier einige Unterstützer

Nemzowa: Das ist eine haltlose Behauptung. Ich kann dazu nichts sagen, wenn Sie mir keine Daten vorlegen. Ich sehe nicht, dass er hier eine riesige Schar von Anhängern hat. Aber zweifellos gibt es wie in jedem demokratischen Staat Politiker, die ihn unterstützen, und es gibt welche, die ihn nicht unterstützen. Genau das Gleiche passiert im Business, denn die deutsche Wirtschaft ist natürlich an Frieden und an Handel, an einer Aufhebung der Sanktionen interessiert. In der Gesellschaft gibt es auch unterschiedliche Stimmungen. Wenn man von der russisch-sprachigen Diaspora spricht - ich kenne keine Zahlen - doch ich würde die Bedeutung Putins in Deutschland und seine phantastische Popularität nicht überbewerten. Mir scheint, dass seine Rolle nicht so erheblich ist. Ich weiß aber, dass Deutschland aufgrund der russischen Propaganda sehr besorgt ist, denn die Deutschen haben an eigenem Leibe erfahren, wie das funktioniert, am Beispiel des Mädchens Lisa. Sie werden jetzt eine Untersuchung durchführen und sie machen das richtig.

heute.de: Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie, sehen Sie sich als seine politische Erbin?

Nemzowa: Wenn ich darüber spreche, so meine ich, dass ich entsprechend meinen Prinzipien handele. Mein Vater war auch ein sehr prinzipienfester Mann. Was ich für richtig halte, tue ich auch. Ich versuche nicht, im Mainstream zu sein. Ich versuche nicht, irgendetwas für mich herauszuholen, irgendwelche Punkte bei Wählern zu sammeln, mich einer Unterstützung in der russischen Gesellschaft zu versichern. Ich verfolge keinerlei politische Ziele. Ich bin einfach ein prinzipienfester Mensch. Das nehme ich so wahr. Ich fordere eine Untersuchung und möchte mich mit der Stiftung befassen, die ausschließlich karitative Ziele verfolgt. Das ist eine absolut pro-russische Stiftung, die Russland sehr braucht. Ich hoffe, dass sie für die Bürger Russlands nützlich sein wird.

Das Interview führten Katrin Eigendorf und Ariane Güdel.

Kreml-Kritiker

Alexander Litwinenko

Alexander Litwinenko

Alexander Litwinenko, Kreml-Kritiker und früherer Sowjet-Spion, fiel einem mysteriösen Mordanschlag in London zum Opfer. Vermutlich beim Teetrinken wurde er 2006 in einem Hotel mit Polonium 210 vergiftet - einer hochgiftigen, radioaktiven Substanz. Litwinenko hatte sich mit Moskau überworfen, war nach Großbritannien ausgewandert und hatte auch für den britischen Geheimdienst MI6 gearbeitet. Auf dem Sterbebett machte er Russlands Präsidenten Wladimir Putin für die Tat verantwortlich; Moskau wies jede Beteiligung zurück. Bis heute fehlen klare Beweise und die Hintergründe des Falls bleiben mysteriös.

Die Affäre ließ die Beziehungen zwischen London und Moskau auf einen Tiefpunkt sinken. Großbritannien wies russische Diplomaten aus London aus - als Reaktion darauf, dass Moskau den von Scotland Yard verdächtigten russischen Duma-Abgeordneten und Ex-Agenten Andrej Lugowoi nicht ausliefern wollte. Moskau verwies im Gegenzug vier britische Botschaftsangehörige des Landes. 2010 vereinbarten Moskau und London einen Neustart ihrer Beziehungen - trotz andauernder Differenzen in dem Fall.

Boris Beresowski

Boris Beresowski

Der russische Oligarch und einstige Multimillionär wird im März 2013 tot in seinem Haus in Ascot bei London aufgefunden. Er galt als Intimfeind von Kremlchef Wladimir Putin und unterstützte die russische Opposition finanziell. Eine Obduktion ergibt, dass Beresowski durch Strangulieren starb. Im März 2014 erklärt ein Richter, dass nicht zweifelsfrei festgestellt werden könne, ob er sich das Leben nahm oder umgebracht wurde.

Sergej Magnitski

Sergej Magnitski

Der schwer kranke Anwalt stirbt im November 2009 qualvoll in seiner Gefängniszelle, ohne dass Ärzte ihm helfen. Er war wegen angeblicher Steuervergehen in Untersuchungshaft gekommen,
nachdem er massive Korruptionsvorwürfe gegen Behörden erhoben hatte. Menschenrechtler sowie Hinterbliebene werfen den Behörden vor, ihn gefoltert zu haben. Für seinen Tod wird niemand zur Rechenschaft gezogen. Der Fall sorgt international für Empörung. 2013 spricht ein
Gericht Magnitski posthum wegen Steuerbetrugs schuldig.

Natalja Estemirowa

Die Menschenrechtsaktivistin wird im Juli 2009 in der russischen Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Die Mitarbeiterin der Organisation Memorial galt als Kämpferin für die Menschenrechte im Nordkaukasus. Mit kritischen Berichten über das Verschwinden von Zivilisten in Tschetschenien hatte sie sich wiederholt den Zorn der moskautreuen Machthaber zugezogen.

Anna Politkowskaja

Anna Politkowskaja

Die Journalistin und Regierungskritikerin wird im Oktober 2006 in Moskau erschossen. Sie hatte für die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" vor allem aus der Teilrepublik Tschetschenien über Menschenrechtsverletzungen durch russische und tschetschenische Sicherheitskräfte berichtet. Der Mord löst international Bestürzung aus. 2014 verurteilt ein Moskauer Gericht fünf aus Tschetschenien stammende Männer zu langjährigen Strafen. Die Drahtzieher des Verbrechens sind bis heute aber nicht bekannt.

Mit Material von dpa

27.02.2016, Quelle: Übersetzung aus dem Russischen von Roland Fritzsche
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