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Kryptologe Adi Samir "Man kann jedes Computersystem knacken"

BildAttacke auf ein Netzwerk
Binär-Code mit Passwort

Jedes Computersystem ist zu knacken und manipulierbar. Es kommt nur darauf an, dass die Angreifer schräg genug denken, sagt Verschlüsselungsexperte Amir Shamir.

(Quelle: colourbox.de)

VideoHighlights von der Cebit
Die Haustür mit einem implantierten Chip statt Schlüssel öffnen und ein Roboter, der Gefühle erkennt - auf der CeBIT in Hannover ist das kein Problem. Kurioses von der weltweit größten IT-Messe.

Die Haustür mit einem implantierten Chip statt dem Schlüssel öffnen, und ein Roboter, der Gefühle erkennt - auf der Cebit in Hannover ist das kein Problem. Kurioses von der weltweit größten IT-Messe.

(18.03.2016)

VideoFBI entschlüsselt iPhone
Der Streit zwischen den US-Behörden und Apple ist beendet. Das FBI hat das iPhone eines islamistischen Attentäters jetzt ohne Hilfe des Konzerns entschlüsselt, teilten die Behörden mit.

Der Streit zwischen den US-Behörden und Apple ist beendet. Das FBI hat das iPhone eines islamistischen Attentäters jetzt ohne Hilfe des Konzerns entschlüsselt, teilten die Behörden mit.

(29.03.2016)

von Peter Welchering

Der Verschlüsselungspapst Adi Shamir gibt keine Interviews – aus Prinzip. Dem heute.de-Autor aber gab er ein Hintergrund-Gespräch: mit fachlichen Fragen, keinen journalistischen. Dabei erfährt man auch einige persönliche Dinge über den Kryptologieexperten. 

"Sie zeichnen unser Gespräch nicht auf", vergewissert sich Adi Shamir noch einmal, bevor er auf die erste Frage antwortet. Er ist auf dem ersten europäischen IEEE-Symposium über Sicherheit und Privatsphäre.

Auf Konferenzen des Berufsverbandes der Elektronik-Ingenieure tritt der 63-jährige Professor gerne auf. "Die Teilnehmer an diesen Konferenzen wissen, worüber ich rede", begründet er sein Engagement. Er sucht sich seine Gesprächspartner aus, stellt hohe Ansprüche und hat so manchem drittklassigen Informatik-Professor schon vor den Kopf gestoßen.

"Gute Leute kommen überall rein"

Adi Shamir ...
Adi Shamir

... ist am 6. Juli 1952 in Tel Aviv geboren und hat 1977 seine Dissertation über Rekursive Programme am Weizmann-Institut abgeschlossen. Nach Stationen an der britischen Universität von Warwick und am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology lehrt er seit 1980 am Weizmann-Institut.

Er berichtet, wie sein Team mit einem gezielten Laserstrahl über den Scanner eines sehr abgesicherten Netzwerkes Daten ins System eingeschleust hat. "Gute Leute kommen überall rein", sagt er. Sein Vortrag hört sich abenteuerlich an, es gibt viele Nachfragen.

Sämtliche Interview-Anfrage hat Adi Shamir schon vor seinem Vortrag abgelehnt. Er gebe Journalisten prinzipiell keine Interviews, betont er noch einmal. Der Punkt scheint ihm wirklich wichtig zu sein. Aber er ist bereit, fachliche Fragen zu beantworten, keine journalistischen. "Das Aufnahmegerät legen Sie aber bitte weg", sagt er.

Attacke auf ein Hochsicherheitsnetzwerk

Mit einem Laser zum Erfolg

Adi Shamir hat über einen Scanner Daten in ein Hochsicherheitsnetzwerk eingeschleust. Dieses besonders abgesicherte Netzwerk hat keinerlei Verbindung zum Internet. Strom für das Netzwerk liefert ein eigenes Aggregat, damit Angriffe über das normale Stromnetz ausgeschlossen werden können.

Shamir hat einen Laser aus 1.200 Metern Entfernung auf das Fenster des Büros gerichtet, in dem der Scanner des Netzwerks steht. Wenn nun ein Aufsatz oder ein Buch eingescannt werden, schickt der Angreifer kurze Laserimpulse auf das Bürofenster. Das ist vergleichbar mit dem Morse-Alphabet. Und diese Laserimpulse finden sich auf den eingescannten Seiten, also in der Datei wieder. Ähnlich wie bei einer Infrarot-Fernbedienung für den Fernseher können mit einem solchen Laserstrahl also Daten und sogar Programmierbefehle gesendet werden.

Interesse an IT-Themen in deutschen Medien

Zunächst dreht sich das Gespräch nicht um seinen Vortrag, sondern um Verschlüsselungsalgorithmen nach dem "Advanced Encryption Standard" und wie die zu knacken seien. Über die Berichterstattung darüber in deutschen Medien ist Shamir bemerkenswert gut informiert.
"Aber Sie haben ja Fragen zu meinem Vortrag", bricht er die Konversation ab. 

Shamir nimmt es dem Reporter nicht übel, dass der so manches Detail seines Vortrages nicht verstanden hat. Er erläutert mit großer Geduld und erklärt mit phantastischen Sprachbildern. Und immer wieder kommt er auf den Kern seines Anliegens zu sprechen: Jedes Computersystem ist zu knacken und manipulierbar. Es kommt nur darauf an, dass die Angreifer schräg genug denken.

Shamir fordert den Willen zum ungewöhnlichen Denken


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Genau dieses schräge Denken fordert Shamir auch von den Sicherheitsexperten. "Denn nur dann kommen die auf mögliche Angriffswege und können sich Schutzmaßnahmen dagegen überlegen", sagt er. Genau hier aber steckt die Computerwissenschaft, stecken die IT-Sicherheitsspezialisten, in der Klemme.

"Schräges Denken erfordert, dass die Gedanken wandern können, regelrecht mäandern", beschreibt Shamir eine wichtige Voraussetzung für kreatives Denken. Und das kommt in den meisten Fällen zu kurz. "Viele Leute halten das Mäandern der Gedanken für reinen Luxus", kritisiert Shamir, "dabei ist es überlebenswichtig."

"Denkfaulheit ist Sünde wider den Geist"

Shamir ist gern ein abenteuerlicher Denker. "Verrückte Angriffswege auszutüfteln, das macht mir Spaß", gibt er zu. Und dabei zeigt er ein tiefgründiges Lächeln, und seine Augen blitzen vor Entschlossenheit. Den Einwand, dass in hektischen Zeiten für das Mäandern von Gedanken schlicht keine Zeit mehr sei, weist er brüsk zurück: "Das ist eine Frage der persönlichen Denk-Bereitschaft, nicht der äußeren Umstände".

Glaubt Shamir, Denkfaulheit zu bemerken, wird er ärgerlich. Das blitzt zweimal kurz auf im Gespräch. Den Unterschied zwischen journalistischen und fachlichen Fragen begreift der Reporter nämlich nicht so ganz. Aber jedes Mal hat Shamir sich schnell wieder im Griff und meint: "Gut, ganz von vorn erklärt, sieht die Sache so aus." Und dann fragt er nach: "Ist das angekommen?" Er unterstreicht die Bedeutung der Frage mit einem scharfen Blick.

Kryptopapst

Wer ist Adi Shamir?

Adi Shamir hat gemeinsam mit Leonard Adleman und Ron Rivest das RSA-Verschlüsselungssystem entwickelt. "RSA" steht dabei für die Nachnamen der drei Entwickler: Rivest, Shamir, Adleman. Das RSA-System bildet eine wesentliche Grundlage für sichere Kommunikation.

Shamir hat etablierte Verschlüsselungssysteme äußerst erfolgreich angegriffen, aber auch eigene Kryptografieverfahren entwickelt. Als mindestens so wegweisend wie der RSA-Algorithmus gilt Shamirs Visuelle Kryptographie. Dabei werden Folien mit weißen und schwarzen Pixeln erzeugt, die für sich völlig unauffällig aussehen, übereinander geschoben aber eine geheime Botschaft entziffern.

30.03.2016
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