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Forensiker bestätigen Zweifel Mexiko: Vermisste Studenten doch nicht verbrannt

BildDemonstration wegen Vermissten
Demonstration für die vermissten Studenten in Mexiko

(Quelle: ap)

VideoDemonstration im September
In Mexiko-Stadt haben Tausende mit einem Protestmarsch an das Verschwinden von 43 Studenten erinnert - genau ein Jahr ist das her. Die Demonstranten, darunter viele Angehörige, fordern Aufklärung.

In Mexiko-Stadt haben Tausende mit einem Protestmarsch an das Verschwinden von 43 Studenten erinnert - genau ein Jahr ist das her. Die Demonstranten, darunter viele Angehörige, fordern Aufklärung.

(27.09.2015)

Im September 2014 verschwinden in Mexiko 43 Studenten. Sechs Wochen später gestehen Bandenmitglieder, dafür verantwortlich zu sein. Sie hätten die Opfer verbrannt. Fast eineinhalb Jahre später stellt sich heraus: Die Leichenteile gehören nicht zu den Vermissten. 

Eine neue Untersuchung hat die Zweifel an der offiziellen Darstellung bestätigt, dass die Entführungsopfer auf einer Müllkippe verbrannt worden seien. Bei den im Bundesstaat Guerrero gefundenen menschlichen Überresten handele es sich nicht um die vermissten Studenten, teilte ein Mitglied der argentinischen Forensiker mit.

Knochen zu wenig verbrannt und zu groß

Fotos und Analysen von Pflanzen auf der Müllkippe in der Stadt Cocula, wo nach Angaben von Bandenmitgliedern die Leichen der Studenten verbrannt worden sein sollen, hätten ergeben, dass es zum fraglichen Zeitpunkt dort kein Feuer gegeben habe. Auch seien die angeblich dort gefundenen Leichenteile, die einem Studenten zugeordnet werden konnten, nur leicht verbrannt.

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Zudem sei ein Knochen im Vergleich zu den anderen Leichenteilen aus derselben Plastiktüte "ungewöhnlich groß", sagte ein weiterer argentinischer Ermittler. Das Team untersucht im Auftrag der Angehörigen das Verschwinden der Studenten im September 2014.

Die erste Experten-Untersuchung hatte im vergangenen September nach der Auswertung von Satellitenbildern ergeben, dass es in der betreffenden Region nur an einer Stelle größere Feuer gegeben habe. Es handle sich dabei aber nicht um die Müllkippe in der Stadt Cocula, teilte die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte damals mit.

Die entführten Studenten von Ayotzinapa

Was geschehen ist

Fotos der Vermissten Studenten

Am Abend des 26. Septembers 2014 griffen Polizisten in der mexikanischen Stadt Iguala eine Gruppe von Studenten an. Die jungen Männer der Landuniversität Ayotzinapa hatten mehrere Busse gekapert und wollten zu einer politischen Kundgebung in die Hauptstadt fahren. Bei der Attacke kamen sechs Menschen ums Leben, 43 Studenten verschwanden.

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft verschleppten örtliche Polizisten die jungen Männer und übergaben sie der Drogenbande Guerreros Unidos. Den Auftrag zu dem Verbrechen soll Bürgermeister José Luis Abarca erteilt haben. Er wollte demnach verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Frau störten. Das Bürgermeisterehepaar soll eng mit den Guerreros Unidos zusammengearbeitet haben.

Mehrere Bandenmitglieder räumten ein, die Studenten auf einer Müllkippe im nahe gelegenen Cocula getötet und ihre Leichen verbrannt zu haben. Nach Einschätzung der Ermittler verwechselten die Guerreros Unidos die jungen Männer mit Mitgliedern einer verfeindeten Gang.

Wegen des Falls wurden bislang 111 Verdächtige festgenommen. Forensiker der Universität Innsbruck glaubten, anhand von auf der Müllkippe entdeckten Leichenteile zwei der Opfer identifiziert zu haben.

Eine Expertengruppe der Interamerikanischen Menschenrechtskommission wies die Schlussfolgerungen der mexikanischen Behörden zurück. So sei es physikalisch unmöglich, so viele Leichen in kurzer Zeit zu verbrennen.

Der Fall rückte die engen Verbindungen zwischen Politikern, Polizisten und kriminellen Organisationen in Mexiko in den Fokus und sorgte international für Empörung.

Die Akteure

Polizisten
  • Guerreros Unido: Die "Guerreros Unidos" (Vereinigte Krieger) sind eine kriminelle Organisation. Sie wurde einst als bewaffneter Arm des Drogenkartells Beltrán Leyva gegründet und spaltete sich 2011 von ihren früheren Auftraggebern ab. Die Gang ist vor allem in den Bundesstaaten Guerrero, México und Morelos im Süden und Zentrum des Landes aktiv. Die "Guerreros Unidos" sind in Drogenhandel, Entführungen und Schutzgelderpressung verwickelt.
  • Polizei: Im Kampf gegen die mächtigen Drogenkartelle des Landes gerät die mexikanische Polizei immer wieder ins Hintertreffen. Die Beamten sind schlecht bezahlt, mangelhaft ausgebildet und unzureichend ausgerüstet. Vor allem die Polizisten auf Gemeinde- und Bundesstaatsebene gelten zudem als korrupt. Die kriminellen Organisationen haben nach Geheimdienstinformationen teilweise ganze Einheiten unterwandert.
  • Studenten: Die Lehramtsstudenten der Hochschule Ayotzinapa gelten als politisch links und als besonders aktiv bei politischen Protesten. Die meisten Hochschüler sind Indios und stammen aus einfachen Verhältnissen. Zu den Absolventen des Lehrerseminar gehört auch der Guerillero Lucio Cabañas, der in den 70er Jahren in Guerrero gegen den Staat kämpfte.

Die Universität von Ayotzinapa

An der Landuniversität "Raúl Isidro Burgos" in Ayotzinapa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero werden künftige Grundschullehrer ausgebildet. In dem Internat leben, arbeiten und lernen vor allem die Söhne indigener Bauernfamilien. Die linken Studenten machen immer wieder mit politischen Protesten auf sich aufmerksam.

Die Landuniversitäten wurden nach der mexikanischen Revolution in den 1920er Jahren gegründet. Sie sollten die Bildungschancen der verarmten Landbevölkerung verbessern. Neben der akademischen Ausbildung stehen kulturelle Aktivitäten, politische Schulungen und handwerkliche Kurse auf dem Lernplan.

Das Verhältnis zwischen dem Staat und den Studenten der Landuniversitäten gilt traditionell als angespannt. Zu den Absolventen des Lehrerseminars in Ayotzinapa gehören die Guerilleros Lucio Cabañas und Genaro Vázquez Rojas. Politiker haben die Landuniversitäten mehrfach als "Brutstätten der Guerilla" bezeichnet.

Feuer brannte zu kurz

Ende 2015 hatte der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam erklärt, die Polizei im südmexikanischen Iguala im Bundesstaat Guerrero habe die 43 Lehramtsstudenten mit Beamten aus dem benachbarten Cocula entführt und sie an die Drogenbande Guerreros Unidos ausgeliefert.

Demnach soll das Feuer 14 Stunden lang gebrannt haben, bevor die Asche in einen Fluss geworfen wurde. Unabhängige Experten kamen aber zu dem Schluss, dass es 60 Stunden gedauert hätte, um die 43 Leichen zu verbrennen.

Fragen & Antworten zur Gewalt in Mexiko

Woher rührt die Gewalt?

Symbolbild für Morde in Mexiko

Nach dem Fall der großen kolumbianischen Drogenkartelle von Medellín und Cali sind die mexikanischen Verbrechersyndikate zu kriminellen Global Playern aufgestiegen. Sie kämpfen mit Waffengewalt um die Kontrolle der lukrativen Schmuggelrouten. Werden Kartellchefs festgenommen oder getötet, brechen zudem regelmäßig interne Verteilungskämpfe aus.

Auch die Sicherheitskräfte sind immer in schwere Gewalttaten verwickelt - wie zuletzt beim mutmaßlichen Mord an Studenten in Iguala oder dem Militär-Massaker von Tlatlaya. Seit der damalige Präsident Felipe Calderón 2006 den Kartellen den Krieg erklärte, sind Schätzungen zufolge fast 100.000 Menschen getötet worden.

Was sind die größten Probleme?

Beschlagnamtes Kokain in Mexiko

Die enormen Gewinnspannen im Drogenhandel machen das Geschäft äußerst lukrativ. Zudem haben die Kartelle mittlerweile neue Geschäftsfelder wie Bergbau, Produktpiraterie, Menschenhandel und Schutzgelderpressung erschlossen.

Das schmutzige Geld infiziert auch die legalen Branchen der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Die weit verbreitete Korruption sorgt dafür, dass zahlreiche Menschen indirekt von den kriminellen Geschäften profitieren. Zudem haben die Täter kaum Konsequenzen zu befürchten. So wurden zuletzt weniger als zwei Prozent der Morde strafrechtlich geahndet.

Ist das Land noch sicher für Touristen?

Touristen am Strand der Halbinsel Yucatán

Die Sicherheitslage ist in den verschiedenen Regionen Mexikos sehr unterschiedlich. Während der Drogenkrieg derzeit vor allem in den Bundesstaaten Tamaulipas, Coahuila und Chihuahua im Norden sowie in Sinaloa, Michoacán und Guerrero im Westen tobt, ist es im Zentrum und Südosten des Landes relativ sicher.

Die Bundesstaaten auf der bei Urlaubern beliebten Halbinsel Yucatán mit dem Badeort Cancún lassen sich beispielsweise problemlos bereisen. Auch die Touristenhochburg Los Cabos in Baja California Sur gilt als sicher. Der einst beim internationalen Jetset beliebte Urlaubsort Acapulco ist mit 112,8 Morden je 100.000 Einwohner hingegen die drittgefährlichste Stadt der Welt außerhalb von Kriegsgebieten.

Gibt es einen Ausweg?

Einsatzkräfte der Polizei in Mexiko

Neben einer konsequenten Strafverfolgung müsste die Regierung entschieden gegen die Korruption vorgehen, die Beamte, Polizisten und Politikern zu Nutznießern der kriminellen Geschäfte macht.

Sicherheitsexperten raten zudem dazu, die Finanzströme der Kartelle trockenzulegen. Dazu sollten die Ermittler auch die internationalen Großbanken stärker in den Fokus nehmen, die den Kartellen beim Waschen des Drogengeldes helfen, heißt es in einem Artikel der Fachzeitschrift "Foreign Policy".

Quelle: dpa

10.02.2016, Quelle: afp
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