30.07.2016
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merkzettel

Nach Anschlag in Ankara Die Türkei und der Terror: Gewalt gegen Gewalt

BildTrauernde an einem Sarg in Ankara
Trauernde an einem Sarg in Ankara am 14.03.2016

(Quelle: ap)

VideoAnschlag erschüttert Ankara
Trauernde Menschen nach dem Selbstmordanschlag in Ankara.

Der Terror in Ankara hält weiterhin an. Nach einem Selbstmordanschlag im Zentrum der Hauptstadt am Sonntag, gibt es mittlerweile 37 Tote. Die Regierung vermutet kurdische Extremisten als Täter.

(14.03.2016)

VideoTote bei Explosion in Ankara
ZDF-Korrespondent Roland Strumpf zum Anschlag in Ankara.

Ein Terroranschlag in Ankara hat viele Todesopfer gefordert. Durch höhere Präsenz wollte die Polizei nach dem letzten Anschlag weitere verhindern, sagt ZDF-Korrespondent Roland Strumpf.

(13.03.2016)

VideoTerror in der Türkei
Bewaffnete Polizei in der Türkei

Im Südosten der Türkei herrscht Bürgerkrieg. Ankara fährt Panzer auf und die Kurden setzen sich ähnlich brutal zur Wehr. Trägt die türkische Politik zu den aktuellen Ereignissen bei?

(12.01.2016)

Präsident Erdogan will den Terrorismus in der Türkei "in die Knie zwingen". Unmittelbar nach dem Selbstmordanschlag mit 37 Toten flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf kurdische Stellungen.  Doch nichts in den vergangenen Monaten deutet auf einen Erfolg dieses Vorgehens hin. 

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist ein Freund markiger Worte. "Der Terrorismus wird in die Knie gezwungen werden", verspricht er nach dem Anschlag in der Hauptstadt Ankara, der Dutzende Menschen das Leben gekostet hat. Kurz darauf macht die Regierung am Montag klar, wen sie hinter der Bluttat sieht: Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, für deren Urheberschaft es "beinahe sichere Hinweise" gebe. Erdogan ist entschlossen, die PKK militärisch zu besiegen - obwohl diese Strategie seit Monaten vor allem dazu führt, dass der Konflikt immer weiter eskaliert.

Luftschläge gegen Kurden

Nur Stunden nach dem Anschlag von Ankara fliegt die Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak. Dutzende PKK-Verdächtige werden bei landesweiten Razzien festgenommen. In den Kurdengebieten in der Südosttürkei trifft die Armee Vorbereitungen für neue massive Einsätze, wieder werden ganze Städte unter Ausgangssperre gestellt. Jetzt steht unter anderem wieder Nusaybin an der syrischen Grenze auf dem Plan, wo die letzten Operationen erst im Dezember beendet wurden. Dabei hatte Erdogan Stabilität versprochen, nachdem die Türken seine AKP bei den von ihm selber verfügten Neuwahlen im November wieder mit einer absoluten Mehrheit ausgestattet hatten. Diese Mehrheit war der islamisch-konservativen Partei im Juni zuvor erstmals seit dem Jahr 2002 abhandengekommen.

Danach glitt das Land ins Chaos ab, wofür AKP-Kritiker Erdogan mitverantwortlich machten. Die Waffenruhe mit der PKK kollabierte, die meisten Wähler sehnten sich nach den deutlich ruhigeren Zeiten unter der AKP-Alleinregierung zurück. Doch von Stabilität kann keine Rede sein, im Gegenteil: Seit Erdogan die Geschicke lenkt, war die Türkei noch nie so instabil wie jetzt, wozu neben dem Kurdenkonflikt auch die wachsende Bedrohung durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beiträgt.

Mehr als 160 Tote in den letzten fünf Monaten

Die Terrorbilanz von fünf Monaten alleine in Ankara: Mehr als 160 Tote bei drei Selbstmordanschlägen. Und das ist nicht die einzige Gewaltstatistik, die eher auf ein Land im Bürgerkrieg als auf einen Nato-Partner und EU-Beitrittskandidaten wie die Türkei schließen lässt. Die türkische Armee will seit Dezember mehr als 1.200 PKK-Kämpfer getötet haben, auch zahlreiche Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte kamen ums Leben. Kurdische Orte wie Cizre sind nach den Militäroperationen kaum mehr von syrischen Städten zu unterscheiden, so verheerend ist die Zerstörung.

Die Gewalt, für die die Regierung ausschließlich die PKK verantwortlich macht, hat nach offiziellen Angaben mehr als 350.000 Menschen vertrieben. Sie suchen bislang noch im eigenen Land Schutz - und nicht in der EU. Doch die PKK - und die aus ihr hervorgegangene Splittergruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) - wehrt sich. "Sie dehnen die Front auf die Westtürkei aus", sagt der Sicherheitsexperte Metin Gülcan. Und der Türkei-Fachmann Gareth Jenkins warnt, die ewigen Beteuerungen aus Ankara, die PKK werde besiegt, "sind wie ein rotes Tuch für einen Bullen" - sie zwinge die PKK quasi zum Beweis des Gegenteils.

Erdogan sieht in den zunehmenden Terroranschlägen einen Angriff auf die "Einheit und Solidarität unseres Volkes".
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Türkei tief gespalten, die EU schweigt

Doch von Einheit kann keine Rede sein, die Türkei unter Erdogan ist zutiefst gespalten. Die Bruchlinien verlaufen zwischen glühenden Verehrern und erbitterten Gegnern des Präsidenten. Und sie verlaufen immer mehr zwischen Türken und Kurden - von denen viele den Staat verdächtigen, nicht nur gegen die PKK, sondern gegen die Kurden insgesamt vorzugehen.

Der EU kann die alarmierende Lage in der Türkei eigentlich nicht gleichgültig sein, schließlich will sie die Beitrittsverhandlungen mit dem zunehmend instabilen Land sogar beschleunigen. Dennoch schweigt Europa zur Eskalation der Gewalt. Der Grund: Die EU will Erdogan nicht verärgern, der sich Einmischungen von außen verbittet - und den sie braucht, um der Flüchtlingskrise Herr zu werden.

14.03.2016, Quelle: von Can Merey, dpa
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