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merkzettel

Fremdenfeindlichkeit in Sachsen Nach Clausnitz und Bautzen: Tillich entsetzt

VideoSchaulustige bei Brand in Bautzen
Brennender Dachstuhl in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft

Im sächsischen Bautzen hat ein für Flüchtlinge vorgesehenes Gebäude gebrannt. Die Polizei berichtet von Anwohnern und teils alkoholisierten Schaulustigen, die Löscharbeiten behinderten.

(21.02.2016)

VideoOppermann kritisiert Polizei
Der Sprecher der Polizei im Visier einer Kamera.

Nach dem umstrittenen Polizeieinsatz in Clausnitz reißt die Kritik nicht ab. SPD-Fraktionschef Oppermann sagte der DPA: Es sei Aufgabe der Polizei, Flüchtlinge vor diesem widerlichen Mob zu schützen.

(21.02.2016)

VideoMob stoppt Flüchtlingsbus
Widerstand gegen die Flüchtlinge in Clausnitz.

Im sächsischen Clausnitz blockiert eine Menschenmenge einen Flüchtlingsbus. Einige grölen "Wir sind das Volk". Die asylfeindlichen Proteste wurden in einem Video dokumentiert.

(19.02.2016)

VideoEin Tag im Flüchtlingsheim
Flüchtlingsunterkunft in einer Sporthalle

Morgens um 7 Uhr beginnt der Tag für die Schulkinder. Wer noch keinen Deutschkurs besuchen kann, versucht es sich selbst beizubringen. Frust macht sich breit. Einige wollen zurück nach Syrien.

(18.02.2016)

Die Vorfälle von Clausnitz sind noch nicht verdaut, da bejubeln Schaulustige den Brand einer Asylunterkunft in Bautzen - und behindern sogar die Arbeit der Feuerwehr.  Der sächsische Ministerpräsident Tillich zeigt sich entsetzt. 

Nach einem fremdenfeindlichen Zwischenfall im sächsischen Erzgebirge hat sich Ministerpräsident Stanislaw Tillich entsetzt gezeigt. "Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das", sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Funke-Gruppe. Die Strafverfolgungsbehörden würden konsequent ermitteln und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

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Stundenlange Verzögerungen

Der Zwischenfall in der Ortschaft Clausnitz etwa 40 Kilometer südwestlich von Dresden ereignete sich am Donnerstagabend, als 20 Asylbewerber per Bus in eine Unterkunft
gebracht werden sollten. Dabei kam es wegen einer Protestaktion zu stundenlangen Verzögerungen.

Aus der fremdenfeindlichen Demonstration mit etwa 100 Teilnehmern wurden Sprüche wie "Wir sind das Volk" gerufen, was auch das Motto der friedlichen Protestaktionen gegen die DDR-Führung 1989 war. Tillich erklärte nun: "Das besudelt das, was die Menschen an Mut in der friedlichen Revolution aufgebracht haben und den Fleiß beim Wiederaufbau Sachsens."

ZITAT
Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das
Sachsens Ministerpräsident Tillich

"Wir sind das Volk"

Ein Video im Internet im Internet zeigt, wie die Demonstranten den Flüchtlingen "Wir sind das Volk" entgegenschrieen. Auf einem weiteres Video ist zu sehen, wie ein Polizist einen verängstigten jungen Flüchtling rabiat aus dem Bus holt.

Der Zwischenfall sorgte international für Aufmerksamkeit, weil sich Videos davon auf YouTube schnell verbreiteten. Zudem steht die Polizei in der Kritik, weil sie die Asylbewerber zum Teil zwang, den Bus zu verlassen.

"An diesem Einsatz gibt es nichts zu rütteln"

Der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann verteidigte das Vorgehen der Beamten. "An diesem Einsatz gibt es nichts zu rütteln", erklärte er am Samstag. Der Zwang sei zum Schutz der drei Betroffenen angewandt worden.

ZITAT
Das besudelt das, was die Menschen an Mut in der friedlichen Revolution aufgebracht haben und den Fleiß beim Wiederaufbau Sachsens.
Sachsens Ministerpräsident Tillich
Zu einem weiteren Zwischenfall kam es am Wochenende auch in Bautzen östlich von Dresden. Wie die Polizei in Görlitz am Sonntag mitteilte, brannte der komplette Dachstuhl des sogenannten Husarenhofs am Rande der Bautzener Innenstadt. Das Gebäude wurde zuletzt als Hotel genutzt und sollte für Flüchtlinge hergerichtet werden. Die Ursache des Feuers sei noch unklar, sagte ein Sprecher der Polizei. Es ermittelten die Kriminalpolizei und das auf rechtsextreme Straftaten spezialisierte Operative Abwehrzentrum (OAZ) "in alle Richtungen". Gegenwärtig gehen die Ermittler aber von Brandstiftung aus, sagte der OAZ-Leiter und Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz. Die Untersuchungen liefen noch. Einen Tatverdacht gebe es bisher nicht.

"Mit unverhohlener Freude"

Die Polizei bestätigte, dass sich bei der nächtlichen Aktion mindestens 20 Schaulustige eingefunden hätten. "Manche kommentierten das Brandgeschehen mit abfälligen Bemerkungen und unverhohlener Freude." Gegen drei Bautzener wurden Platzverweise erteilt. Zwei von ihnen wurden in Gewahrsam genommen, weil sie der Aufforderung nicht nachkamen. Auch mit Blick auf diese Taten sprach Tillich von erschreckenden und schockierenden Vorfällen.

Kommentar zu Clausnitz

Ich bin auch das Volk

Proteste vor einem Bus mit Flüchtlingen

Ich bin angegriffen worden. In Clausnitz. Ich habe nicht in dem Bus gesessen, der von rund hundert Asylgegnern gestoppt worden ist. Trotzdem sind es die gleichen Menschen, die mich verletzt haben. "Wir sind das Volk", haben sie gegrölt. Stimmt doch gar nicht.

Ich bin auch das Volk. Aber ich brülle keine weinenden Kinder an. Ich nehme sie in den Arm und bringe sie in Sicherheit. Menschen, die viel hinter sich haben, koche ich eine Tasse Tee. Sie machen mir keine Angst, ich mache ihnen keine Angst. Wenn ich sie kennenlerne, entscheide ich, ob ich sie mag.

Unter den vielen Menschen, die in unser Land kommen, gibt es auch solche, die ich nicht hier haben will. Die - wie in der Silvesternacht in Köln - Frauen angreifen. Oder die islamistische Propaganda verbreiten. Aber die Gröler von Clausnitz, die Populisten von Pegida oder die Randalierer von Heidenau will ich genauso wenig in Deutschland haben. Es macht mir zu schaffen, dass sie und ich etwas gemeinsam haben. Wir sind ein Volk. Das tut weh. Ändern kann ich es nicht.

Die anderen aber auch nicht. Jenseits ihrer engmaschigen Netzwerke und Social-Media-Zeitleisten kommen sie nicht vorbei an den Tausenden ehrenamtlichen Helfern, die oft jede freie Minute für eine weltoffene Gesellschaft geben. Die nicht nur Flüchtlinge, sondern damit auch Verwaltungen und Gemeinden unterstützen, wo sie nur können. Die keine zusätzliche Arbeit machen wollen, sondern Arbeit abnehmen.

"Wir sind das Volk" rief das Volk, als es 1989 durch die Straßen von Leipzig zog. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Ich bin stolz auf den Ruf. Stolz darauf, was er bewirkt hat. "Wir sind das Volk", grölt der Mob in Clausnitz. Wieder habe ich Gänsehaut. Diesmal ist es kein Stolz. "Wir sind ein Teil des Volkes" könnten sie rufen. Klingt aber nicht so gut. Vielleicht sollten sie sich einfach etwas Eigenes ausdenken. Betonung liegt auf Denken.

(von Nicola Frowein, heute.de-Redakteurin)

21.02.2016, Quelle: dpa, afp
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