26.06.2016
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Terror und Verunsicherung Nach Anschlag: Türken misstrauen Behörden

VideoTote bei Explosion in Istanbul
Bei einem mutmaßlichen Selbstmordanschlag in einer beliebten Einkaufsstraße in Istanbul sind mindestens 5 Menschen getötet worden. Mindestens 30 weitere wurden verletzt.

Bei einem mutmaßlichen Selbstmordanschlag in einer beliebten Einkaufsstraße in Istanbul sind mindestens fünf Menschen getötet worden. Mindestens 30 weitere wurden verletzt.

(19.03.2016)

VideoWie sicher ist es in der Türkei?
Nachtaufnahme Minarett

Das deutsche Generalkonsulat sowie deutsche Schulen bleiben in Istanbul und Ankara nach jüngsten Bedrohungen geschlossen. Kurz vor den Osterferien stellt sich die Frage: Wie sicher ist die Türkei?

(18.03.2016)

VideoAnschlag erschüttert Ankara
Trauernde Menschen nach dem Selbstmordanschlag in Ankara.

Der Terror in Ankara hält weiterhin an. Nach einem Selbstmordanschlag im Zentrum der Hauptstadt am Sonntag gibt es mittlerweile 37 Tote. Die Regierung vermutet kurdische Extremisten als Täter.

(14.03.2016)

Erst Ankara, jetzt Istanbul: Zwei tödliche Terroranschläge innerhalb einer Woche erschüttern die Türkei. Die Menschen sind nervös, die Türken trauen ihren eigenen Behörden nicht - und bedanken sich bei Deutschland. 

Die zentrale Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul ist am Wochenende immer belebt. Touristen schlendern an den Schaufenstern vorbei, Einheimische treffen sich tagsüber in Cafés und feiern abends in Bars und Clubs der zahlreichen Seitenstraßen. Genau dort, im Herzen Istanbuls, sprengte sich am Samstag ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss vier Menschen mit in den Tod. 36 wurden verletzt. Der Hintergrund war am Samstag zunächst unklar. Es ist der zweite Terroranschlag innerhalb einer Woche.

"Es war eigentlich gar nicht so laut"

Tosun Merey, der gerade in einem Einkaufszentrum in der Nähe des Anschlagsorts etwas besorgen wollte, hörte einen Knall. "Es war eigentlich gar nicht so laut", erzählt der 76-Jährige. "Am Anfang dachte ich, dass vielleicht ein schweres Möbelstück aus großer Höhe heruntergefallen ist." Dass die Lage ernst war, war schnell klar. Das Einkaufszentrum wurde geschlossen und Merey durfte erst nach einer Viertelstunde wieder heraus. Eigentlich habe er in einem anderen Laden an der Istiklal noch Brot kaufen wollte, sagte er. "Wenn ich das gemacht hätte, wäre ich wahrscheinlich verletzt worden."

Nur kurz nach dem Anschlag rasen Krankenwagen über die Istiklal. Mindestens zehn Fahrzeuge stehen in der Nähe des Anschlagsortes, das Blaulicht blinkt noch immer. Menschen liegen am Boden, wie auf Bildern zu sehen ist. Auf dem Asphalt sind mehrere Blutlachen.

Vorübergehende Nachrichtensperre

Über Stunden kreisen immer wieder Hubschrauber über dem Gebiet. Zudem sperren Sicherheitskräfte die Einkaufsmeile großräumig ab. Auch Journalisten werden so weit zurückgedrängt, dass sie den Anschlagsort nicht mehr sehen können.

Wie auch bei vorherigen Anschlägen wurde eine vorübergehende Mediensperre verhängt, die nicht für offizielle Stellungnahmen gilt. Der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus verurteilte das Attentat aufs Schärfste. "Das eigentliche Ziel dieses Angriffs ist die gesamte Menschlichkeit", sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu.

Gouverneur kritisiert Warnung aus Deutschland

Dass es an diesem Samstag nicht mehr Todesopfer gab, ist unter anderem der Uhrzeit geschuldet. Gegen elf Uhr morgens waren viele noch Zuhause. Hinzu kam eine konkrete Terrorwarnung, die sich auf deutsche Einrichtungen bezog. Unter anderem blieben das
Generalkonsulat in Istanbul und die Botschaft in Ankara am Donnerstag und Freitag geschlossen. "Der Spiegel" hatte berichtet, Hintergrund sei eine konkrete Warnung vor einem Anschlag aus dem Umfeld der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Das Auswärtige Amt und das US-Außenministerium mahnten zu erhöhter Achtsamkeit vor allem um das
kurdische Neujahrsfest Newroz am Montag.

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Während der Gouverneur von Istanbul den Deutschen noch Panikmache vorwarf, waren die Warnungen vor allem bei den jungen Türken Gesprächsthema Nummer eins - und sie wurden ernst genommen. Am Freitag und in der Nacht waren die U-Bahn und die Bars und Straßen in mehreren Stadtteilen auffallend leer. Freunde mahnten untereinander, bis einschließlich Montag möglichst nicht vor die Tür zu gehen.

Türken danken Deutschland - Vertrauen in Behörden schwindet

Am Samstag war einer der meist verwendeten Hashtags auf dem Kurznachrichtendienst Twitter in der Türkei #DankeSchönDeutschland, unter dem sich Benutzer für die Terrorwarnung bedankten. Das Vertrauen in die eigenen Behörden scheint nach einer Serie von Anschlägen verloren gegangen zu sein.

Zu dem Anschlag in Istanbul bekannte sich zunächst niemand. Sowohl die Terrormiliz IS als auch eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK (TAK) könnten infrage kommen.

Kurden oder IS?

Die TAK (Freiheitsfalken Kurdistans) hatte sich zu dem Anschlag am vergangenen Sonntag mit 37 Toten in Ankara bekannt. Das sei eine Vergeltung für die "Massaker in Kurdistan" hieß es in dem Bekennerschreiben. Im kurdisch geprägten Südosten der Türkei geht die Armee in einer Großoffensive gegen die PKK vor. Die TAK hatte weitere Anschläge auch auf Touristen angekündigt.

Die Gruppe ist auch für einen Anschlag am 17. Februar in der Hauptstadt auf einen Militärkonvoi verantwortlich. Damals starben 30 Menschen. Der Kurdenkonflikt wurde damit endgültig in die türkischen Metropolen getragen. Weitere Angriffe aus dem PKK-Umfeld sind wahrscheinlich.

Die türkische Regierung macht jedoch auch den IS für Anschläge in der Türkei verantwortlich. Etwa für den auf eine deutsche Reisegruppe am 12. Januar, als ein Selbstmordattentäter zwölf Deutsche mit in den Tod riss. Auch die linksterroristische DHKP-C verübt regelmäßig Anschläge. Das Auswärtige Amt riet deutschen Touristen in Istanbul am Samstag vorsorglich, zunächst in ihren Hotels zu bleiben.

Tödliche Anschläge in der Türkei

Chronologie

Anschlag in Ankara
  • März 2016: In Istanbul reißt ein Selbstmordattentäter vier Menschen mit in den Tod. Die Regierung macht den IS dafür verantwortlich. In Ankara werden bei einem Anschlag 37 Menschen getötet. Wenige Tage danach bekennt sich die aus der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hervorgegangene Splittergruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) zu dem Attentat.
  • Februar 2016: Bei einem Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi im Regierungsviertel von Ankara sterben 30 Menschen, darunter der Selbstmordattentäter. Später bekennt sich die TAK zu der Tat. Die türkische Regierung macht die PKK und ihren syrischen Ableger YPG für den Anschlag mitverantwortlich.
  • Januar 2016: Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden zwölf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkischen Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.
  • Oktober 2015: Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht den IS verantwortlich.
  • September 2015: Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.
  • August 2015: Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.
  • Juli 2015: Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen den IS verantwortlich, der sich allerdings nie zu der Tat bekennt.
  • Juni 2015: Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben.
  • Mai 2013: Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.
  • September 2011: Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

(Quelle: dpa)

19.03.2016, Quelle: Mirjam Schmitt und Jan Kuhlmann, dpa
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