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merkzettel

Nach Übergriffen in Köln Muslimische Soldatin stemmt sich gegen Vorurteile

VideoSoldatin wehrt sich im Netz
Nariman Reinke

"Ich bin Deutsche. Meine Eltern kommen aus Marokko. Wenn ich höre, dass manche der Verbrecher von Köln aus Marokko kommen sollen, wird mit schlecht", sagt Bundeswehrsoldatin Nariman Reinke.

(22.01.2016)

VideoDie Nacht des Staatsversagens
Silvesternacht in Köln

Brutale Täter, hilflose Opfer, überforderte Polizisten - die Ereignisse von Köln dürfen sich nicht wiederholen, da sind sich alle einig. Im Fokus stehen Flüchtlinge, vor allem Männer aus Nordafrika.

(19.01.2016)

VideoDie Folgen von Köln
NRW-Innenminister Jäger im Landtag

Nach den sexuellen Übergriffen der Silvesternacht in Köln geraten die Verantwortlichen von Polizei und Politik immer mehr unter Druck. Eine Chronik der Ereignisse.

(14.01.2016)

VideoJäger nimmt Polizei in Schutz
Der Landesinnenminister von Nordrhein-Westfalen Ralf Jäger

Der Landesinnenminister von Nordrhein-Westfalen Ralf Jäger betont im Interview, die Polizisten vor Ort treffe keine Schuld, viel mehr habe die Einsatzleitung die Lage falsch eingeschätzt.

(11.01.2016)

Der leidenschaftliche Appell einer muslimischen Bundeswehrsoldatin gegen Rassismus auf Facebook schlägt hohe Wellen. Nach den Kölner Übergriffen hatten Bekannte schlechte Witze über arabische Männer und Islamfeindliches auf Nariman Reinkes Seite gepostet. Doch von Vorurteilen und Anfeindungen hat die junge Frau genug. 

Früher hat sich Nariman Reinke oft vergeblich bemüht, Aufmerksamkeit für die Projekte ihres Vereins  "Deutscher.Soldat." zu erlangen. Er wurde von Offiziersanwärtern aus Migrantenfamilien gegründet. Jetzt kann sich die Bundeswehrsoldatin vor Anfragen kaum retten. Die 36-Jährige mit marokkanischen Wurzeln ist ein gefragter Talkshow-Gast, seit sie im Internet ein flammendes Plädoyer gegen Rassismus gehalten hat.

Speck-BH gegen aufdringliche Moslems

Auslöser für ihren Facebook-Beitrag waren gehässige Kommentare in ihrem Bekanntenkreis nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht. "Ausschlaggebend war, dass ein ehemaliger Freund auf meiner privaten Pinnwand einen Speck-BH gepostet hat, mit dem man sich vor Moslems schützen könne", erzählt Hauptfeldwebel Reinke in ihrer Wohnung in Hannover. Über solche Witze könne sie nicht lachen. "Für mich ist es ganz schrecklich, dass der Islam für Köln verantwortlich gemacht wird."

In ihrem inzwischen tausendfach geteilten und kommentierten  Posting schreibt die Soldatin: "Wenn ich höre, dass manche der Verbrecher von Köln aus Marokko kommen sollen, wird mir schlecht!" Dafür gebe es aber weder eine marokko- noch islamspezifische Entschuldigung oder Erklärung. "Vergewaltigung ist auch in Marokko strafbar und die Entehrung einer Frau ist für Muslime eine sehr schwerwiegende und schlimme Tat." Der Beitrag wurde inzwischen ins Arabische übersetzt und auch in Marokko veröffentlicht.

Nariman Reinke weiß das von ihren Eltern, die vor 52 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, den Winter aber in ihrer Heimat verbringen. Schlucken musste ihre Familie lediglich bei dem Satz: "Ich bin stolz, Deutsche zu sein." Sie nimmt ihn nicht zurück, denn dies sei auch für ihre Eltern immer klar gewesen. "Ich bin auf vieles stolz. Ich bin auch stolz darauf, dass ich Soldatin bin und so tolle Kameraden habe."

Soldatin stützt den "Wir schaffen das"-Kurs Merkels

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Im Internet erfährt Nariman Reinke viel Zuspruch, gleichzeitig aber auch böse Kommentare und Anfeindungen. "Das lese ich nicht mehr", sagt sie. Vorgeworfen wird ihr etwa, die Situation von Frauen in der arabischen Welt zu verniedlichen. Ein anderer Kommentator hält der Soldatin vor, sich von der Bundesregierung als ihrem Arbeitgeber einspannen zu lassen, denn sie verteidigt in ihrem Posting auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Derzeit gehört die 36-Jährige zum Bataillon Elektronische Kampfführung, das im rheinland-pfälzischen Daun stationiert ist. Zweimal war sie als Übersetzerin in Afghanistan im Einsatz. Das Land, aus dem viele Menschen flüchten, kennt sie aus eigener Anschauung. Bei einem Einsatz für das Landeskommando Bremen sprach sie im Sommer mit vielen traumatisierten Neuankömmlingen aus Syrien. Mit ihrem Verein "Deutscher.Soldat." engagiert sich die Hannoveranerin zudem für Flüchtlingskinder in ihrem Stadtteil.

"Es müssen Lösungen in der Flüchtlingspolitik her, es muss System reinkommen und wir müssen unsere Willkommenskultur schützen", sagt Nariman Reinke. "Wer möchte jetzt auf dem Stuhl der Bundeskanzlerin sitzen? Dass sie positiv denkt und sagt "Wir schaffen das", finde ich genau richtig."

Soldatin als Botschafterin

Politisch engagiert sich die Soldatin auch als Mitglied der Kommission zu Fragen der Migration und Teilhabe im niedersächsischen Landtag. Die Kommissionsvorsitzende Filiz Polat (Grüne) ist dankbar für Nariman Reinkes Facebook-Posting. Sie habe Einblick gewährt, welche Folgen eine so emotionalisierte Debatte für sie persönlich als deutsche Muslima mit marokkanischen Wurzeln hat, sagt Polat. Damit übernehme Nariman Reinke eine sehr verantwortungsvolle Botschafterinnenfunktion.

Die Kölner Übergriffe

Chronologie

Silvesternacht in Köln

31. Dezember 2015: Rund um den Kölner Hauptbahnhof werden Hunderte Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt. Dennoch spricht die Kölner Polizei am Neujahrsmorgen von einer entspannten Lage.

4. Januar: Der Polizei liegen zunächst 60 Anzeigen vor.

5. Januar: Zeugen hätten die Angreifer als Männer beschrieben, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen, teilt die Polizei mit. Kölns neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker erntet für Verhaltensempfehlungen an Frauen harsche Kritik. Auch aus Hamburg werden erste Fälle bekannt.

6. Januar: Die Polizei in Köln gibt weitere Anzeigen bekannt. Nach Angaben der Landesregierung wurden erste Verdächtige ermittelt.

7. Januar: Aus einem internen Bericht der Bundespolizei geht hervor, die Polizeispitze sei schon früh über das Ausmaß der Übergriffe informiert gewesen. Demnach waren zu wenige Beamte im Einsatz.

8. Januar: NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) versetzt Polizeichef Wolfgang Albers in den einstweiligen Ruhestand.

9. Januar: Die Polizei löst eine gewalttätige Demonstration von Rechtsextremisten und Pegida-Anhängern in Köln auf. Zugleich demonstrieren viele Bürger friedlich gegen Rassismus und Sexismus.

10. Januar: Die Polizei berichtet inzwischen von mehr als 500 Anzeigen. In Köln kommt es zu fremdenfeindlichen Übergriffen.

11. Januar: Innenminister Jäger wirft der Kölner Polizeiführung bei einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtags schwere Fehler vor.

12. Januar: Als Konsequenz aus den Übergriffen will die Bundesregierung die Ausweisung von kriminellen Ausländern und Asylbewerbern erleichtern. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD) kündigen eine Gesetzesinitiative an.

14. Januar: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigt im Landtag ein Maßnahmenpaket an. Unter anderem soll es mehr Polizisten und schnellere Strafverfahren geben. Jäger lehnt persönliche Konsequenzen ab.

(Quelle: dpa)

25.01.2016, Quelle: von Christina Sticht, dpa
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