29.06.2016
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merkzettel

"Tag des leuchtenden Sterns" Wie Nordkorea lebt

BildNordkorea vor dem Nationalfeiertag
Soldaten machen ein Foto von einem Porträt Kim Jong Ils

Er würde heute 74 - und wird auch nach seinem Tod gefeiert: Nordkoreas Ex-Machthaber Kim Jong Il.

(Quelle: ap)

VideoNordkorea startet Rakete
Nordkorea hat eine Langstreckenrakete gestartet. Laut Pjönjang sei mit der Rakete ein Satellit ins Weltall gebracht worden. Der Raketenstart stieß international auf scharfe Kritik.

Nordkorea hat eine Langstreckenrakete gestartet. Laut Pjönjang ist mit der Rakete ein Satellit ins Weltall gebracht worden. Der Raketenstart stieß international auf scharfe Kritik.

(07.02.2016)

VideoSanktionen: Nordkorea gelassen
Thomas Reichart

"Pjöngjang will sich als Atommacht präsentieren. Es ist eine Art Lebensversicherung für das Regime", so ZDF-Korrespondent Thomas Reichart. China könne als wichtigster Handelspartner Einfluss nehmen.

(07.01.2016)

VideoSäbelrasseln in Nordkorea
Kim Jong-Un lässt sich feiern

Um ein Vielfaches größer als die Sprengkraft einer Atombombe ist die der Wasserstoffbombe. Nordkorea vermeldet, diese Massenvernichtungswaffe erfolgreich getestet zu haben. Südkorea bezweifelt das.

(06.01.2016)

Nordkorea feiert seinen Ex-Machthaber, Kim Jong Il hätte heute Geburtstag. Wieder werden Hunderttausende staatsgelenkt der Parade in Pjöngjang zujubeln - so die gängige Denke im Westen. "Ferngesteuerte Zombies leben dort aber nicht", sagt Asien-Experte Hanns Günther Hilpert im heute.de-Interview. 

heute.de: Nordkorea - eigentlich für uns kaum greifbar. Reden wir hier über ein Entwicklungsland?

Hanns Günther Hilpert: Ja und nein. In den 50ern und 60ern hat das Land eine erstaunliche Industrialisierung durchlaufen. Ein Großteil der Bevölkerung arbeitet auch heute in der Industrie und im Bergbau. Aber mittlerweile ist diese industrielle Infrastruktur meist verrottet, und heute gehen viele Menschen wieder zurück zur Landwirtschaft. Auch deshalb, weil sich das Volk nicht aus eigener Kraft ernähren kann. Wir sehen ein industrialisiertes Land mit Einkommensverhältnissen wie in Haiti oder Afghanistan.

Hanns Günther Hilpert...
Hanns Günther Hilpert

... leitet die Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Der Experte für Nordkorea gehört zu den wenigen Westeuropäern, die das Land bereits mehrfach besuchen durften.

heute.de: Ein industrialisiertes Land, in dem die Bevölkerung bewusst dumm gehalten wird?

Hilpert: Ganz im Gegenteil. Nordkorea hat elf Jahre Schulpflicht, die Bevölkerung ist gut ausgebildet. Außerdem gibt es ein intaktes öffentliches Gesundheitssystem, und die Ärzte gehen recht pfiffig mit den Problemen der Gesundheitsversorgung um.

heute.de: Wie modern ist das Land? Gibt es Internet?

Hilpert: Auch das gibt es, allerdings eher so eine Art Intranet, also ein geschlossenes System für das Land. Nur wenige Personen aus der Führungsschicht haben Zugang zum richtigen Internet. Und modern ist Nordkorea vor allem in der Hauptstadt Pjöngjang. Das restliche Land fällt da weit zurück.

heute.de: Wie informiert sich die Bevölkerung dann?

Hilpert: Ausschließlich über die nordkoreanischen Medien. Alternativen stehen nicht zur Verfügung. Wer ausländische Sender hört, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Gleichzeitig ist das Land aber nicht mehr so hermetisch von Außenmedien abgeschnitten wie noch vor 20 Jahren. Es gibt Unterhaltungsfilme auf DVD aus Südkorea, es gibt Mobilfunk und ja auch den kleinen Grenzverkehr mit China.

heute.de: Grenzverkehr für Handelsbeziehungen?

Hilpert: Ja. Ein Teil davon ist offiziell, ein Teil unter der Hand. Das hängt davon ab, wie gut man die Grenztruppen besticht.

heute.de: Wenn Nordkorea so arm ist - wie finanziert es sich dann, wovon lebt das Land?

Hilpert: Das ist nicht ganz klar. Bei den Transaktionen, die China dokumentiert, erscheint jedes Jahr ein beträchtliches Defizit auf Nordkoreas Seite. Es ist anzunehmen, dass China das finanziert, um die Stabilität Nordkoreas als Pufferstaat zu wahren. Möglicherweise betreibt Nordkorea aber auch illegalen Handel. Das Land hat eine eigene Rüstungsindustrie, hat Erfahrung mit Sicherheitsdiensten und im Tunnelbau. Da kommen in der Welt so einige Abnehmer in Frage. Und als weitere Devisenquelle sind da noch die rund 50.000 Nordkoreaner, die beispielsweise in Russland, China oder den Golfstaaten arbeiten - unter Zwangsarbeiterbedingungen und stetiger Bewachung. Sie erhalten nur einen Teil des Lohnes, den Rest kassiert der Staat.

heute.de: In den 1990er Jahren gab es eine große Hungersnot. Wie geht es der Bevölkerung heute?

Hilpert: Damals starben 300.000 bis drei Millionen an Hunger, an Entkräftung und der mangelhaften Versorgung mit Medikamenten des maroden Gesundheitssystems. Mangelernährung gibt es auch heute noch, aber wahrscheinlich kaum noch Hungertote. Die Landwirtschaft hat mit Hilfe internationaler Hilfsorganisationen Fortschritte gemacht. In der Landwirtschaft gibt es seit drei Jahren übrigens erste zaghafte Tendenzen zur Liberalisierung: Die Bauern dürfen einen Teil der Produktion für den Eigenbedarf oder für den Verkauf auf Märkten behalten.

heute.de: Ein vernünftiges Bildungssystem, gute medizinische Versorgung, Fortschritte bei der Ernährung. Es bleibt aber bei der Kategorie Unrechtsregime, oder?

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Hilpert: Ganz klar. Sobald es Zweifel an der Loyalität zum Regime gibt, wird das sanktioniert. Nordkorea teilt die Gesellschaft in drei Klassen ein: die Loyalen, die Unzuverlässigen und die Feindlichen. Das ergibt sich heute noch daraus, welche Familie in den 40er Jahren, während des Kampfes gegen Japan, auf welcher Seite gestanden hat. Wer da zur Elite gehört, muss nicht so harte Strafen befürchten. Wer aber weit unten steht, kann schon ins Arbeitslager kommen, wenn er sich eine Zigarette mit einem Stück Zeitungspapier dreht, auf dem das Foto des Führers ist.

heute.de: Wie kann es sein, dass Nordkoreas Regime vom Rest der Welt einfach so geduldet wird?

Hilpert: Das hat verschiedene Gründe. Die relevanten Staaten, also Russland, China, USA, Südkorea und Japan, sind sich in Bezug auf Nordkorea nicht einig. Hinzu kommt, dass Nordkorea große Erstschlagqualitäten hat: Da stehen an der Grenze zu Südkorea Raketenwerfer und Artilleriegeschütze, die von einer Minute auf die andere den Großraum Seoul mit Feuer überziehen können. Von der Gefahr nuklearer Waffen mal ganz abgesehen. Außerdem hat das Regime über sechs Jahrzehnte eine sehr geschickte Diplomatie aufgebaut und schafft es immer wieder, das Ausland über Kriseninszenierungen zu erpressen.

heute.de: Der Feiertag heute heißt "Tag des leuchtenden Sterns", das klingt sehr heroisierend. Wird die Bevölkerung durch so etwas beeinflusst - oder hat sie gar eine Gehirnwäsche hinter sich?

Nachrichten aus Nordkorea

Lust auf News aus Nordkorea? Die offizielle Sicht auf die Dinge veröffentlicht die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA auch in englischer Sprache auf dieser Seite: http://www.kcna.kp/

Hilpert: Eine Indoktrinierung durch das Regime erfolgt von der Wiege bis zur Bahre. In allen Lebensbereichen, also in den Schulen, den Universitäten, den Betrieben und Produktionsgenossenschaften, in Partei und Armee sowieso, wird die Loyalität zum Regime aktiv eingefordert. Trotzdem ist Nordkorea kein Land, in dem ferngesteuerte Zombies leben. Auch hier geht es um Familie, Freundschaften, Zukunft. Aber die totale Kontrolle des Regimes und eine ständig drohende Sippenhaft haben die Menschen sehr vorsichtig gemacht und dafür gesorgt, dass sie sich mit den Lebensbedingungen arrangieren. Verstärkend wirkt hier die konfuzianische Prägung: Wer dem Herrscher gegenüber loyal ist, der hat auch Unterstützung durch den Herrscher zu erwarten.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse

Die bitterarme Atommacht Nordkorea

Die Diktatur von Kim Jong Un

Kim Jong Un

Mit rund 1,2 Millionen Soldaten unterhält das mehrfach von Hungersnöten geplagte Nordkorea eine der größten Armeen Asiens. An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur steht Kim Jong Un. Er hatte seinen im Dezember 2011 gestorbenen Vater Kim Jong Il abgelöst. Unter der Führung von Kim Jong Uns Großvater Kim Il Sung war die "Demokratische Volksrepublik Korea" 1948 gegründet worden.
Die abgeschottete Diktatur hat 24,6 Millionen Einwohner und ist mit knapp 123.000 Quadratkilometern etwas größer als die frühere DDR. Die Verletzung der Menschenrechte ist an der Tagesordnung. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt. Mit nur 69,2 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Nordkoreaner rund zehn Jahre geringer als im reichen kapitalistischen Süden des geteilten Landes.

Misswirtschaft und Atomprogramm

Misswirtschaft ruinierte den an Bodenschätzen reichen Norden. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Unwetter und Zwangswirtschaft führten 1997 zu einer Hungerkatastrophe mit einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind weiterhin Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht. Trotzdem haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löst Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt.

Quelle: dpa

16.02.2016
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