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Antibiotika und Resistenzen Killer-Keime aus dem Stall

VideoKiller-Keime aus dem Stall
Archiv: Schweine stehen am 18.01.2012 in ihrem Stall in einem Mastbetrieb

Killer-Keime aus dem Stall: Was passiert, wenn Antibiotika nicht mehr helfen?

(30.06.2017)

VideoNeue Richtlinien für Antibiotika?
Antibiotika

Es gibt eine neue Diskussion darüber, auf welcher Grundlage Ärzte ihre Patienten, insbesondere Kinder, mit Antibiotika behandeln. Die Bundesregierung will dafür nun neue Richtlinien schaffen.

(06.08.2016)

VideoMultiresistente Keime
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Sie sind der Schrecken vieler Patienten: Multiresistente Keime. Denn diese Bakterien können lebensgefährlich sein. Viele gängige Antibiotika helfen nicht mehr.

(06.08.2016)

von Rolf Markert

Der heute praktizierte massenweise Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin und der Tiermast stellt die Mediziner vor gewaltige Herausforderungen. Denn immer mehr Keime entwickeln Mehrfach-Resistenzen, sind also gegen verschiedene Antibiotika resistent. Folge: Immer mehr Antibiotika verlieren ihre Wirkung. 

Eigentlich hält die Medizin für solche multiresistenten Erreger (MRE) sogenannte Reserveantibiotika bereit, Medikamente also, die nur zum Einsatz kommen, wenn herkömmliche Mittel nicht mehr wirken. Doch auch diese Reserveantibiotika verlieren zunehmend ihre Wirkung.

Problem "Massentierhaltung"

Das Problem: Ausgerechnet diese Notfallmittel setzen Tierärzte, zusammen mit gebräuchlichen Antibiotika, auch in der Massentierhaltung ein. Bei den großen Viehbeständen entwickeln sich entsprechend schnell auch antibiotikaresistente Erreger, die über Milch, Fleisch und Gülle in die Umwelt und zu den Menschen gelangen. Zwar ist in Deutschland der Verbrauch von Antibiotika in der Tiermast in den letzten Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen, doch gerade der Einsatz der für den Menschen besonders wichtigen Reserveantibiotika ist weiter angestiegen.

Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BFL) wurden in Deutschland im Jahr 2015 insgesamt 805 Tonnen Antibiotika von der Pharmaindustrie an Tierärzte geliefert. Darunter auch Reserveantibiotika wie Fluorchinolone ( 10,6 Tonnen) und Cephalosporine der dritten und vierten Generation (3,6 Tonnen). Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Reserveantibiotika eine bis zu zehnmal höhere Wirkung entfalten können als gewöhnliche Antibiotika.

Horrorszenario für Ärzte und Patienten

Ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Risikobewertung hat ergeben, dass Mastschweine in den rund 120 Tagen ihres Lebens durchschnittlich 5,9 Mal mit Antibiotika behandelt werden, Milchrinder pro Lebensjahr 2,5 Mal und Mastkälber pro Lebensjahr 2,3 Mal. Zudem hat eine Studie zur Hähnchenmast in Nordrhein-Westfalen gezeigt, dass 2011 über 91 Prozent aller Hähnchen in den rund 35 Tagen ihres Daseins mit Antibiotika behandelt wurden. Mit dramatischen Folgen. So berichtet das Robert-Koch-Institut, dass das Präparat Vancomycin seit den 60er Jahren als Reserveantibiotikum oral und intravenös Verwendung findet. Seit 1975 kommt es unter dem Namen Avoparcin auch in der Tierproduktion zum Einsatz. Im Jahr 1986 schließlich wurden die ersten Resistenzen auf Vancomycin festgestellt. Für Ärzte und Patienten ein Horrorszenario. Denn Vancomycin ist ein wichtiges Antibiotikum.

Tierhalter und Veterinäre wollen, und können, auf Antibiotika-Gaben indes nicht verzichten. Die sehr hohen Bestandsdichten in der industriellen Massentierhaltung machen häufig eine präventive antibiotische Behandlung der Nutztiere notwendig, um Krankheiten gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Anderenfalls würden sich Keime in Windeseile in den Ställen ausbreiten und ganze Bestände gefährden oder zerstören.

Weitere Links zum Thema

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hält ein Verbot von Antibiotika in der Tierhaltung allerdings rechtlich und medizinisch nicht für möglich. Experten fordern deshalb, dass zumindest bestimmte Wirkstoffe für den Einsatz am Menschen vorbehalten sein müssen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat daher Anfang Juni 2017 eine Liste vorgelegt, in der sie erstmals und ausdrücklich solche Reserveantibiotika definiert. Unter anderem Cephalosporine der vierten und fünften Generation.

Problem "Multiresistente Erreger"

Grundsätzlich sind multiresistente Erreger (MRE) nicht aggressiver oder verursachen mehr Infektionen als die ursprünglichen Bakterienstämme. Sie sind nur deswegen gefährlich, weil eben die meisten Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts entwickeln "etwa 30.000 bis 35.000 Patienten pro Jahr in Deutschland eine Infektion mit einem multiresistenten Erreger (MRE). Aktuell gibt es keine belastbaren Daten, wie viele Todesfälle durch MRE-Infektionen bedingt sind. Nach derzeit bestmöglicher Schätzung dürfte diese Zahl zwischen 1.000 und 4.000 pro Jahr in Deutschland liegen".

Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) haben basierend auf Zahlen, die im Jahr 2007 erhoben wurden, geschätzt, dass in Europa 25.000 Todesfälle im Jahr auf Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern zurückzuführen sind. Für die USA hat das US-amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) mindestens 23.000 Todesfälle durch antibiotikaresistente Erreger geschätzt.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat 2015 gemeinsam mit den Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft sowie Bildung und Forschung die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie "DART 2020" erarbeitet. Sie wurde im Mai 2015 vom Bundeskabinett verabschiedet. Die DART 2020 bündelt Maßnahmen, die zur Reduzierung von Antibiotika-Resistenzen erforderlich sind. Dabei steht die sektorübergreifende Zusammenarbeit (One-Health-Ansatz) im Vordergrund. Um diesem One-Health-Ansatz gerecht zu werden, adressieren alle Ziele der DART 2020 Human- und Veterinärmedizin gleichermaßen.

Glossar: Antibiotika, Keime und Co.

Antibiotika

Antibiotika - bunte Tabletten

Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen und so Infektionen bei Menschen und Tieren heilen können. Mit Antibiotika kann man bakterielle Infektionen behandeln, zum Beispiel Lungenentzündungen (beispielsweise durch Pneumokokken verursacht) oder Blutstrominfektionen (beispielsweise durch Staphylokokken verursacht). Nicht alle Antibiotika sind gegen alle Bakterien wirksam.

Es gibt mehr als 15 verschiedene Klassen von Antibiotika, zum Beispiel Cephalosporine, Carbapeneme, Glykopeptide, Tetracycline, Penicilline und Sulfonamide. Die Antibiotikaklassen unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur, und damit in ihrer Wirksamkeit gegen verschiedene Bakterien.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Antimykotika

Arzneimittel, die bei Krankheiten eingesetzt werden, die durch Pilze verursacht werden.

Antibiotikaresistenz

Bakterien verfügen über die natürliche Fähigkeit, sich gegen Antibiotika, die von anderen Mikroorganismen (wie zum Beispiel Pilzen) produziert werden, zu schützen. So kommen Antibiotikaresistenzen ganz natürlich in der Umwelt vor. Sie entstehen durch natürliche Mutationen im Erbgut der Bakterien oder durch Aufnahme von Resistenzgenen aus der Umgebung, die Bakterien untereinander austauschen und dabei weitergeben. Bakterien können mehrere Resistenzgene aufnehmen, die sie gegen verschiedene Antibiotika schützen. So entstehen mehrfach- beziehungsweise multiresistente Bakterien, die einer Vielzahl von Antibiotika widerstehen können.

Durch den Einsatz von Antibiotika entsteht ein Selektionsdruck: Bakterienstämme, die eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum besitzen, überleben, können sich weiter vermehren und ausbreiten. Wenn Antibiotika zu oft, über einen zu langen Zeitraum oder unsachgemäß angewandt werden, begünstigt das die Entstehung und Verbreitung von resistenten Erregern. Ein wichtiger Ansatz zur Verringerung von Antibiotikaresistenzen ist daher der gezielte Einsatz von Antibiotika.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

ESBL-bildende, gram-negative Antibiotika

Vor mehr als 30 Jahren wurden die Antibiotika der Klasse der Cephalosporine der dritten Generation eingeführt. Inzwischen haben sich gegenüber diesen Antibiotika besonders problematische Resistenzen entwickelt.

In den letzten Jahren haben nosokomiale (d.h. im Krankenhaus erworbene) Infektionen durch Darmbakterien wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae mit Resistenz gegenüber Cephalosporinen der dritten und der vierten Generation weltweit deutlich zugenommen.

Neben der Cephalosporinresistenz gewinnen Carbapenem-resistente gram-negative Erreger immer mehr an Bedeutung. Häufigste Ursache dieser Resistenz ist die Bildung von Carbapenem-spaltenden Enzymen, welche zumeist auch alle Antibiotika der Klasse der Penicilline und Cephalosporine spalten können. Infektionen mit diesen Erregern sind oft nur noch mit dem Antibiotikum Colistin erfolgreich behandelbar.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Multiresistente Erreger

Ein Krankheitserreger wird dann multiresistent genannt, wenn er gegen eine Vielzahl von Antibiotika oder sogar gegen alle Antibiotika widerstandsfähig ist. Das bedeutet, dass Infektionen mit diesen Erregern nur sehr schwer bis gar nicht behandelt werden können. Eine wachsende Anzahl der nosokomialen Infektionen (Krankenhausinfektionen) wird durch resistente oder multiresistente Erreger verursacht.

Siehe auch:
Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA)
Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE)
ESBL-bildende gram-negative Bakterien

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

MRSA: Methicillin-resist. Staphilococcus aureus

Viele Krankenhausinfektionen werden durch Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Stämme - kurz MRSA genannt - verursacht. Staphylokokken sind häufig vorkommende Bakterien, die insbesondere die Haut und Schleimhäute besiedeln. Die Besonderheit von MRSA-Stämmen ist jedoch, dass sie gegen das Antibiotikum Methicillin resistent sind.

MRSA-Stämme traten erstmals vor 50 Jahren während der klinischen Erprobung des Antibiotikums Methicillin zunächst in England, in den nachfolgenden Jahrzehnten auch weltweit, auf. Bis in die 1990er Jahre waren davon nahezu ausschließlich Krankenhäuser betroffen. MRSA-Stämme wurden dort zunehmend zu einem Problem, da sie nicht nur gegen Methicillin und alle anderen Antibiotika in der Klasse der beta-Laktam-Antibiotika, der wichtigsten Antibiotikaklasse für die Behandlung von Staphylokokken-Infektionen, resistent sind sondern oft auch resistent gegen weitere Antibiotikaklassen geworden sind (Mehrfachresistenz).

Seit dem Auftreten von Infektionen mit MRSA auch außerhalb von Krankenhäusern Mitte der 1990er Jahre sowie bei Nutztieren seit 2005 wird zwischen den mit dem Krankenhaus assoziierten MRSA (hospital acquired, ha-MRSA), mit dem ambulanten Bereich assoziierten MRSA (community acquired, ca-MRSA) und mit der Tiermast assoziierten MRSA (livestock associated, la-MRSA) unterschieden. ha-MRSA können im Krankenhaus erworben werden und erst nach Entlassung als Besiedler oder Infektionserreger in Erscheinung treten. Für das Auftreten von ha-MRSA gibt es bekannte Risikofaktoren wie z.B. vorausgehende längere Krankenhausaufenthalte, Behandlung in Intensivpflegeeinheiten oder eine Antibiotikabehandlung. ca-MRSA treten unabhängig von diesen Risikofaktoren auf.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Nosokomiale Infektion oder Krankenhausinfektion

Als nosokomiale oder Krankenhausinfektion bezeichnet man Infektionen, die sich Patienten während ihres Aufenthalts in einem Krankenhaus oder bei einer ambulant durchgeführten medizinischen Behandlung zuziehen. Die Gründe für solche Infektionen sind vielfältig. Manche Patienten benötigen invasive Untersuchungen oder Therapien, zum Beispiel mittels Gefäßkatheter, Harnwegskatheter, Ernährungssonden oder künstliche Beatmung, das sind Eintrittswege für Erreger in den Körper. Häufig besiedeln die Erreger zu­nächst den Patienten auf der Haut oder im Darm, bevor sie eine Infektion verursachen.

Hygienemängel, ins­besondere die Händehygiene, spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Erreger. Zu den häufigsten Krankenhausinfektionen gehören Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegs- und Wundinfektionen sowie Durchfallerkrankungen durch Clostridium difficile. Ein Teil dieser Infektionen wird durch Erreger verursacht, die gegen Anti­bio­tika resistent sind.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

Vancomycin-resistente Enterokokken

Enterokokken sind wichtige Erreger von nosokomialen Infektionen ("Krankenhausinfektionen"), insbesondere bei intensivmedizinisch betreuten Patienten. Risikopatienten sind oft schwer kranke, ältere Patienten mit einem geschwächten Immunsystem. Enterokokken weisen oft mehrfache Resistenzen, zum Teil Hochresistenzen gegen Antibiotika auf.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Virostatika

Arzneimittel, welche die Vermehrung von Viren verhindern. Sie werden bei Infektionskrankheiten eingesetzt, die durch Viren verursacht werden.

Was kann man tun?

Wenn Patienten unnötig Antibiotika einnehmen oder eine antibiotische Behandlung vorzeitig abbrechen, kann das dazu führen, dass die Antibiotika ihre Wirksamkeit gegen bakterielle Erreger verlieren und dann, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht mehr helfen. Informationen darüber, was Patienten bei der Ein­nahme von Antibiotika beachten sollten, sind unter anderem auf den Internet­seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) abrufbar.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

02.07.2017
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