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merkzettel

Präsidentschaftswahl 2017 Frankreichs Landwirte - von der Politik vergessen

VideoBauern - von der Politik vergessen
Archiv: Kühe beim Fressen im Stall

Kaum ein Land wirbt so mit seiner Landwirtschaft wie Frankreich. Aber vor allem bei den Viehzüchtern hat die Krise in den letzten beiden Jahren voll zugeschlagen. Sie fühlen sich von der Politik vergessen.

(19.04.2017)

VideoWahl in Frankreich: Schlammschlacht
wahlen in frankreich

Einen solchen Wahlkampf haben die Franzosen noch nicht erlebt: Wenige Wochen vor der Inthronisierung des neuen Staatsoberhauptes erleben unsere französischen Nachbarn eine Schlammschlacht ohnegleichen.

(18.04.2017)

von Susanne Freitag

Frankreich wirbt mit seinen guten Produkten, mit seinem guten Fleisch und der Milch. Doch die Bauern verdienen damit kein Geld. Das hat dramatische Folgen: Alle zwei Tage begeht ein Landwirt aus Frankreich Selbstmord. Sie fühlen sich von der Politik vergessen. 

Wenn so schönes Wetter ist wie an diesem Morgen in Roquetoire, dann kann Denis Darque kilometerweit übers Land blicken. Er liebt diese Aussicht auf der Weide seines Hofes. Jeden Morgen um kurz vor sieben ist er dort, um seine Kühe in den Melkstall zu bringen. Es sind helle Kühe mit einem leicht bläulichen Schimmer. "La Bleu du Nord" heißt die Rasse, die er züchtet - überall im Bauernhaus stehen Pokale und hängen Trophäen dazu.

"Das ist meine Leidenschaft"

"Das ist meine Leidenschaft", sagt er und schaut stolz auf den Hof, in den er eine Million Euro investiert hat, "ohne Leidenschaft kann man kein Viehzüchter sein." Denis treibt die Kühe in den Melkstall, die Melkmaschine brummt monoton, seine Frau Nathalie und seine Tochter kümmern sich um jedes einzelne Tier. Schon der Vater und Großvater von Denis waren Landwirte, aber im Gegensatz zu ihm konnten sie davon leben.

ZITAT
Ich verliere jeden Tag 120 Euro, während ich hier stehe und melke.
Denis Darque, Landwirt
Wenn Denis morgens aufsteht, hat er bereits Verluste gemacht: "Ich verliere jeden Tag 120 Euro, während ich hier stehe und melke. Unter diesen Bedingungen zu arbeiten, ist unerträglich. Keiner tut etwas für uns, wir sind allen völlig egal." Während er das sagt, holt er mechanisch die nächsten Kühe in den Stall.

"Gutes Fleisch von unseren Bauern" - zum Spottpreis

Susanne Freitag

ZDF-Korrespondentin Susanne Freitag
Quelle: ZDF

Kaum ein Land wirbt so mit seiner Landwirtschaft wie Frankreich. "Gutes Fleisch von unseren Bauern der Region" steht auf Speisekarten. Die Milch- und Fleischwerbung setzt auf die Vielfalt der regionalen Landwirtschaft. Aber vor allem bei den Viehzüchtern hat die Krise in den letzten beiden Jahren voll zugeschlagen. Die Milchpreise sind im Keller, das Fleisch wird zu Spottpreisen gekauft. Große Supermarktketten bestimmen die Preise.

Die Milch, die Denis produziert, geht an Danone. Etwas über 30 Cent bekommt er für den Liter. Wenn er im Supermarkt am Milchregal vorbeigeht, wird er wütend. Da steht Milch von seinen Kühen und kostet über einen Euro. "Danone hat sich im letzten Jahr zu seinen Rekordgewinnen beglückwünscht. Auf unsere Kosten! Wir gehen daran zugrunde", sagt  Denis.

Le Pen - Kandidatin der Bauern

Im Februar war in Paris die große Landwirtschaftsmesse. Jedes Jahr stellt Denis dort seine schönsten Kühe vor. Für Politiker ist die Messe ein Pflichttermin, man muss dort gesehen werden. Denis hatte dort auf Marine Le Pen gewartet, sich durch die Journalistenmassen gedrängt und ihr ins Gesicht geschleudert: "Was machen Sie denn für uns, wenn Sie Präsidentin werden? Wir gehen alle kaputt!" Sie hat ihm geantwortet: "Ich will nicht, dass Sie kaputt gehen" - und von ökonomischem Patriotismus gesprochen. Alle anderen Kandidaten sind mit ihrem Pressepulk an ihm vorbeigezogen.

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"Ehrlich gesagt, ich denke zum ersten Mal darüber nach, Le Pen zu wählen", sagt Denis. "Ich bin nicht der einzige Landwirt, der so denkt. Die Linke und die Rechte haben überhaupt nichts für uns getan. Sie ist die einzige, die uns zuhört. Und wenn sie ihren Job nicht gut macht - es sind ja nur für fünf Jahre." Denis lebt in der Region Nord Pas de Calais, dem Land der Schti’s. In der Umgebung haben zahlreiche Bauern aufgegeben.

Selbstmordrate bei Bauern in Frankreich hoch

Aber eine andere Tendenz beunruhigt noch mehr: Es gibt keine Berufsgruppe im Land, in der sich mehr Menschen das Leben nehmen. Nach einer Studie begeht jeden zweiten Tag ein französischer Bauer Selbstmord. Die Hilfsorganisation "Solidarité Paysans" schlägt Alarm. Die Zahl der Hilfsbedürftigen ist dramatisch gestiegen. Ein Drittel der Bauern verdienen weniger als 300 Euro im Monat.

"Das Problem der Landwirte ist, dass sie sich selbst Vorwürfe machen", sagt der Vorsitzende Claude Wattiez. "Es ist verpönt sich einzugestehen, dass man es nicht schafft. Es kursieren Sprüche wie: 'Steh doch früher auf, dann kriegst Du das auch hin', dabei ist es das System, das sie kaputt macht. Die Politik will keine kleinen Bauern. Sie wollen eine effiziente Landwirtschaft - schnell, viel, billig. Die Selbstmorde sind für uns ein Alptraum. Die Leute reden viel zu viel darüber. Das erscheint dann wie eine echte Lösung."

Die Last der Schulden

Auch in der Nachbarschaft von Denis haben sich im vergangenen Jahr vier Bauern das Leben genommen. "Selbstmord, das ist für viele der letzte Ausweg", sagt er. "Ein paar Jahre kann man von dem Ersparten der letzten 20 Jahre leben, aber irgendwann wird man mit den Schulden nicht mehr fertig." Manchmal fällt es ihm schwer, morgens aufzustehen. "Aber wenn ich die Kühe nicht melken würde, dann werden sie krank. Das würde mich noch mehr Geld kosten. Ich arbeite, um den Schaden zu begrenzen."

ZITAT
Man kann jungen Menschen diesen Beruf nicht empfehlen. Das ist so, als würde man sie in einen Abgrund stoßen.
Denis Darque, franz. Landwirt
Seine Tochter Aline und ihre beiden Schwestern möchten den Hof auf jeden Fall weiter führen. Denis ist skeptisch: "Man kann jungen Menschen diesen Beruf nicht empfehlen. Das ist so, als würde man sie in einen Abgrund stoßen." Aber erst einmal treiben sie die Kühe wieder gemeinsam auf die Weide. Weil es nicht anders geht und weil sie nichts anderes machen wollen. Denn die Kühe sind und bleiben trotz allem der ganze Stolz der Familie. Sie hoffen nur, dass die vierte Generation irgendwann auch wieder davon leben kann.

Marine Le Pen: Die Frau hinter der Wut

Dokumentation

Marine Le Pen will Präsidentin der französischen Republik werden - mit Nationalismus, Abschottung und EU-Kritik. Sie hat gute Chancen in die Stichwahl der Präsidentschaftswahlen zu kommen.

19.04.2017
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