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merkzettel

Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten Kindersoldaten: Reales Grauen

VideoKinder als Soldaten missbraucht
Frauen und Jugendliche in Uganda kämpfen mit den Folgen von Missbrauch.

In Uganda missbrauchten Rebellen über Jahrzehnte hinweg Kinder als Soldaten und Sexsklaven. Auch wenn die radikale LRA inzwischen vertrieben wurde, kämpfen die Opfer noch immer mit den Folgen.

(12.02.2016)

GrafikvideoKindersoldaten
Kindersoldaten: Täter und Opfer zugleich

Geschätzte 250.000 Kinder und Jugendliche werden weltweit als Soldaten missbraucht. Sie werden entführt oder mit falschen Versprechungen in den Krieg gelockt.

(12.02.2016)

VideoKindersoldaten: Zum Töten ausgebildet
Kindersoldaten

Die Terrormiliz Islamischer Staat verschleppt und misshandelt Kinder und bildet sie zum Töten aus. Der neunjährige Kindersoldat Milan konnte nach acht Monaten IS-Gefangenschaft flüchten.

(05.11.2015)

VideoKindersoldaten an der Front
Semjon Spektor

Es waren mörderische Kämpfe, anderthalb Jahre lang in der Ostukraine. Der Krieg brachte die Ukraine an den Rand des Abgrunds und militarisierte das ganze Land - auch die Kinder.

(10.11.2015)

Gezwungen zum Kämpfen und Töten: Etwa 250.000 Kinder werden weltweit als Soldaten missbraucht. Im heute.de-Interview spricht Kinderrechtsexperte Ralf Willinger über Hilfe für die Opfer und das Versagen der deutschen Politik bei Waffenexporten. 

heute.de: Sie haben viele Kindersoldaten kennengelernt. Wie haben Sie diese Jungen und Mädchen wahrgenommen?

Ralf Willinger ...
Ralf Willinger

... … ist Referent für Kinderrechte bei der international tätigen Hilfsorganisation terre des hommes, die Kindern Hilfe in Not bietet. Er befasst sich seit zehn Jahren mit dem Thema Kindersoldaten und hat in dieser Zeit etwa in Kolumbien, Burma und auf den Philippinen zahlreiche Mädchen und Jungen kennengelernt, die von Rebellengruppen und Armeen als Soldaten missbraucht worden sind.

Ralf Willinger: Verwirrt, ängstlich, auch aggressiv. Viele waren traumatisiert, depressiv und verzweifelt. Diese Kinder sind tief verletzt, haben schlimmste Dinge erlebt: Manche sind gezwungen worden, andere zu verletzen oder zu töten, andere wurden durch Minenfelder getrieben und vielfach missbraucht. Meistens wird der Kontakt zu den Eltern systematisch unterbrochen. In einigen Fällen mussten Kinder sogar ihre Eltern umbringen - oder zusehen, wie andere das taten. 

heute.de: Werden die Kinder den Truppen generell gewaltsam zugeführt?

Willinger: Nein, das Fatale ist, dass viele Kinder zunächst sogar freiwillig zu den bewaffneten Gruppen gehen, weil sie angelockt werden von Geld, Handys oder dem Versprechen, eine "Karriere" machen zu können. Den Kindern wird das Paradies auf Erden versprochen. Stattdessen erwartet sie reales Grauen. Damit konfrontiert, wollen die allermeisten nur noch fliehen.

Red Hand Day
Red Hand Day Logo

Der Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten erinnert an das Inkrafttreten eines Zusatzprotokolls zur UN-Kinderrechtskonvention am 12. Februar 2002. Dieses legt fest, dass Minderjährige nicht zwangsweise zum Militärdienst eingezogen werden dürfen. Wer sich freiwillig meldet, muss mindestens 16 sein, darf aber nicht an Kampfhandlungen teilnehmen. Das Zusatzprotokoll wurde mittlerweile von 159 Staaten unterzeichnet.

Der Gedenktag ist auch als "Red Hand Day" bekannt - die Rote Hand ist das internationale Protestsymbol gegen den militärischen Einsatz von Kindern und Jugendlichen. Weltweit sollen Menschen mit einem roten Handabdruck sichtbar gegen Einsätze von Kindersoldaten protestieren. Hunderttausende Abdrücke wurden schon in über 50 Ländern gesammelt und an Politiker und Verantwortliche übergeben.

heute.de:
Welche Hilfe gibt es für Kinder, denen die Flucht gelingt?

Willinger: Zunächst muss man leider sagen, dass viele Kinder ihrer Fluchtversuche mit dem Leben bezahlen. Es braucht viel Glück, um herauszukommen aus diesem unmenschlichen System. Mit unseren Partnerorganisationen arbeiten wir daran, die persönliche Widerstandskraft der ehemaligen Kindersoldaten zu stärken. Es gibt Psychotherapien in Gruppen und wenn nötig auch Einzeltherapie mit speziell ausgebildeten Trauma-Therapeuten. Dazu kommt Sozialarbeit, wobei sich auch künstlerische Ansätze sehr gut eignen, um die Erfahrungen zu verarbeiten. Die Kinder und Jugendlichen führen Theaterstücke zum Thema Gewalt auf, machen Musik, sie zeichnen und malen.

heute.de: Gibt es gesicherte Erkenntnisse, wie viele ehemalige Kindersoldaten inzwischen in Deutschland leben?

Willinger: Das ist schwierig zu sagen. In einer Studie von 2009 sind wir auf 300 bis 500 ehemalige Kindersoldaten gekommen. Heute sind die Flüchtlingszahlen weitaus größer und dementsprechend wohl auch die Zahl der ehemaligen Kindersoldaten. Es gibt eine große Zahl von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Syrien, Somalia, Sudan, Eritrea und Afghanistan; alles Länder, in denen es viele Kindersoldaten gibt und aus denen Kinder und Jugendliche vor Zwangsrekrutierung fliehen.

heute.de: Gibt es hierzulande eine systematische Betreuung von ehemaligen Kindersoldaten?

Willinger: Nein, es gibt in Deutschland kein Anrecht auf Psychotherapie von traumatisierten Flüchtlingen. Für diese gilt nur die Notversorgung, eine Behandlung von akuten Krankheiten oder Schmerzzuständen. Oft machen die Behörden eine Behandlung zwar dennoch möglich, sofern sie verfügbar ist, es gibt aber auch Fälle, wo Hilfe abgelehnt wird, zum Teil mit dramatischen Folgen. Ehemalige Kindersoldaten haben mit Glück Aussicht auf Hilfe in sogenannten Psychosozialen Zentren, aber die verfügen über extrem wenige Mittel und müssen viele Hilfesuchende vertrösten oder gar abweisen. Wir fordern, dass es eine systematische Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder geben muss. Ein Anrecht auf Gesundheitsversorgung wie für deutsche Kinder, keine Zwei-Klassen-Versorgung.

Weitere Links zum Thema
heute.de: Sehen Sie politische Fortschritte im Kampf gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten?

Willinger: Teils, teils. Es gibt Fortschritte bei dem Bewusstsein, dass Kinder zu rekrutieren ein Verbrechen ist. Laut UN-Kinderrechtskonvention ist der Einsatz von Kindern an Waffen verboten. Laut Völkerstrafgesetzbuch dürfen Kinder unter 15 Jahren nicht "in Streitkräfte oder bewaffnete Gruppen eingegliedert" oder "zur aktiven Teilnahme an Feindseligkeiten verwendet" werden. Es gibt Verurteilungen des Internationalen Strafgerichtshofs und auch einiger nationaler Gerichte gegen Verstöße, aber es sind noch viel zu wenige.

Und es gibt auch eine negative Tendenz: In heißen Konflikten wie in Syrien oder Jemen wird hemmungslos rekrutiert. Im Jemen fliegt Saudi-Arabien Luftangriffe und wirft Kisten mit deutschen G3-Gewehren aus genehmigter Lizenzproduktion für verbündete Milizen ab. Diese Milizen setzen massenhaft Kinder ein und machen sie zu Soldaten. Gleichzeitig bekommt Saudi-Arabien als sogenannter "strategischer Partner" von Deutschland weiter leichte und schwere Waffen geliefert. Dabei müsste die Bundesregierung Saudi-Arabiens Handeln sanktionieren, aber es passiert nichts. Das ist aus unserer Sicht unverantwortlich. Waffenexporte in Krisenländer und Länder mit systematischen Menschenrechtsverletzungen müssen deswegen gesetzlich verboten werden.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

Kindersoldaten: Verbreitet trotz Verbot

Rekrutierung und Missbrauch

Kindersoldaten

Die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Soldaten gilt als Kriegsverbrechen. Jungen und Mädchen unter 18 Jahren dürfen nicht gegen ihren Willen eingezogen werden oder an Kampfhandlungen teilnehmen. Das entsprechende UN-Zusatzprotokoll zur Kinderrechtskonvention trat am 12.2.2002 in Kraft, seitdem begehen die Vereinten Nationen jedes Jahr am 12. Februar den Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Es gab bereits Verurteilungen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Rekrutierung und Einsatzes von Kindersoldaten.

Unklar ist, wie viele Kinder in bewaffneten Kämpfen missbraucht werden, nach einigen Schätzungen sind es rund 250.000 Jungen und Mädchen. Bekannt ist UNICEF zufolge, dass in 18 Ländern - darunter Afghanistan, Irak, Syrien, Myanmar, Indien, Jemen, Pakistan, Sudan - Kindersoldaten eingesetzt werden. Es gibt aber auch Erfolge: mit UNICEF-Unterstützung konnten seit 1998 mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche "demobilisiert" werden.

(Quelle: dpa)

12.02.2016
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