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Dramatischer Appell Auschwitz-Prozess: "Endlich die Wahrheit sagen"

VideoProzessauftakt gegen SS-Wachmann
Frühere Auschwitz-Wachmann Reinhold H. zwischen seinen Anwälten

Ein ehemaliger Wachmann des Konzentrationslagers Auschwitz (Mitte) muss sich vor dem Landgericht Detmold verantworten. Er ist der Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen angeklagt.

(11.02.2016)

InteraktivWebstory: Das Auschwitz-Album

(Quelle: Yad Vashem)

VideoBundestag gedenkt der Holocaust-Opfer
Am Holocaust-Gedenktag gedenkt der Bundestag heute der Opfer des Nationalsozialismus. Heute vor 71 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungs-Lagers Auschwitz.

Am Holocaust-Gedenktag gedenkt der Bundestag heute der Opfer des Nationalsozialismus. Heute vor 71 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungs-Lagers Auschwitz.

(27.01.2016)

VideoGegenstände mit Geschichte
Briefe eines KZ-Opfers

50.000 Fotos und persönliche Gegenstände von KZ-Opfern wurden über 70 Jahre nach dem Holocaust digitalisiert und online gestellt. Noch können nicht alle Habseligkeiten Häftlingen zugeordnet werden.

(27.01.2016)

Und wieder steht ein ehemaliger SS-Wachmann des KZ Auschwitz vor Gericht. Der Vorwurf: Mord in 170.000 Fällen. Der betagte Angeklagte streitet eine Beteiligung ab. Ein Überlebender  aber fordert verzweifelt eines: Dass der Beklagte endlich zugibt, was er und seine Kameraden getan haben - und warum. 

Ruhig beschreibt Leon Schwarzbaum die grauenvollsten Erinnerungen aus der Hölle von Auschwitz. Er erzählt von weinenden, nackten Todgeweihten auf dem Weg in die Gaskammern, von seiner alles verzehrenden Angst vor dem Verhungern und von den von Wachhunden zerfleischten Häftlingen, die vergeblich die Flucht wagten. Emotionen übermannen den zierlichen weißhaarigen Mann erst am Ende, als er sich an den Angeklagten in dem Prozess vor dem Detmolder Landgericht wendet.

"Sprechen Sie an diesem Ort darüber"

"Was war der Grund, was war die Motivation? Das möchte ich gerne wissen", fragt der heute 94-jährige ehemalige Antiquitätenhändler aus Berlin mit bebender Stimme. Er blickt dem schräg vor ihm sitzenden gleichaltrigen Reinhold Hanning, mutmaßlich früher Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz, direkt ins Gesicht. "Sprechen Sie an diesem Ort darüber, was Sie und ihre Kameraden getan oder erlebt haben. So wie ich es tue."

Auschwitz-Überlebender Leon Schwarzbaum

Leon Schwarzbaum
Quelle: dpa

Es ist ein Appell aus tiefstem Herzen. Die Frage nach dem Warum wird seit dem Holocaust oft gestellt, aber von niemandem so eindringlich wie von den Überlebenden. Von Menschen wie Schwarzbaum, der als 22-Jähriger ins Räderwerk der Vernichtung gerissen wurde, 35 Angehörige in Auschwitz verlor und am Donnerstag mit 94 Jahren im tadellos sitzenden dunkelblauen Anzug vor den Richtern des Detmolder Landgerichts Zeugnis ablegt.

Webstory

Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen

Der Angesprochene jedoch schweigt, zumindest vorerst. Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft Hanning vor. Auch er hat schlohweißes Haar und schmale Schultern. Regungslos sitzt er mit tief gesenktem Kopf auf seinem Platz auf der Anklagebank, das Reden übernehmen seine Verteidiger. Hanning ist gesundheitlich angeschlagen, die Verhandlung ist daher auf höchstens zwei Stunden pro Tag begrenzt.

Hochbetagte NS-Verbrecher vor Gericht 
  • Das Landgericht Lüneburg verurteilt im Juli 2015 den als "Buchhalter von Auschwitz" bezeichneten Oskar Gröning zu vier Jahren Haft wegen der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Gründlich, effizient und gnadenlos hätten Menschen wie Gröning zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie beigetragen, hieß es im Urteil. Es ist jedoch noch nicht rechtskräftig, weil der Bundesgerichtshof noch über die Revision entscheiden muss.

  • Der 91-jährige gebürtige Ukrainer John Demjanjuk starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

  • Hans Lipschies, der mutmaßliche frühere SS-Wachmann in Auschwitz muss sich nicht wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Das Landgericht Ellwangen in Baden-Württemberg lehnte ein Verfahren gegen den damals 94-Jährigen 2014 wegen Verhandlungsunfähigkeit ab. Die Staatsanwaltschaft hatte dem gebürtigen Litauer vorgeworfen, zwischen 1941 und 1943 Beihilfe zum Mord an mehr als 10.500 Menschen geleistet zu haben.

  • Als Angehöriger der deutschen Sicherheitspolizei in den Niederlanden soll Siert Bruins 1944 einen Gefangenen erschossen haben. Dafür wurde der gebürtige Niederländer 1949 dort zum Tode verurteilt, später umgewandelt in lebenslange Haft. In Deutschland, wohin Bruins zog, galt die Tat zunächst als verjährter Totschlag. Später wertete die Staatsanwaltschaft sie als Mord. 2013 kam er mit 92 Jahren vor Gericht. Das Landgericht Hagen stellte das Verfahren aber ein: Nach 70 Jahren sei der Nachweis des Mordvorwurfs nicht möglich gewesen.

  • Der ehemalige NS-Lagerkommandant Laszlo Csatary starb 2013 mit 98 Jahren in Budapest. Er soll 1944 maßgeblich an der Deportation von Juden in Konzentrationslager beteiligt gewesen sein. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde er in Ungarn angeklagt. Zuvor hatte das Oberste Gericht der Slowakei ein Todesurteil, das 1948 gegen ihn in Abwesenheit ergangen war, in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt.

  • Der wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagte mutmaßliche NS-Verbrecher Samuel Kunz starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Kunz soll 1942/1943 Wachmann im Vernichtungslager Belzec gewesen sein. Wegen Mordes in 10 und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen sollte dem 89-Jährigen der Prozess gemacht werden.

  • Das Landgericht Aachen verurteilte den 88-jährigen Heinrich Boere 2010 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte 1944 als Teil eines SS-Mordkommandos niederländische Zivilisten erschossen. Er starb 2013 hinter Gittern. Boere war 1949 in den Niederlanden in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden, die Strafe dort aber nie angetreten.

Der Angeklagte werde sich "derzeit" nicht zu den Anklagevorwürfen äußern, sagt sein Anwalt Johannes Salmen. Ausgeschlossen sei das zwar keineswegs, erst wolle die Verteidigung jedoch abwarten,was Zeugen aussagten. Es gehe darum, die Rechte von Hanning wahrzunehmen, ergänzt Verteidigerkollege Andreas Scharmer. Ihnen sei aber klar, dass dies kein normales Verfahren sei. "Wir sehen die Bedeutung des Prozesses."

Viel beachteter Prozess

Rund ein halbes Jahr ist es her, dass das Lüneburger Landgericht in einem viel beachteten Prozess den SS-Buchhalter Oskar Gröning für seine Tätigkeit im Vernichtungslager von Auschwitz-Birkenau zu vier Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen verurteilte. Es war der Startschuss zu einer Reihe von ähnlichen Verfahren, zu denen auch der Detmolder Prozess gegen Hanning zählt. In den kommenden Wochen sollen zwei weitere folgen.

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Unumstritten sind diese Verfahren nicht. Bei den Angeklagten handelt es sich um Beispiele für die vielzitierten "Rädchen im Getriebe". Sie waren damals Anfang 20, in untergeordneten Positionen tätig. Hanning etwa war laut Anklage Mitglied der SS-Wachmannschaft des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau. Was genau er dort machte, muss das Gericht klären. Es gibt Stimmen, die solche Verfahren gegen hochbetagte Beschuldigte kritisch sehen.

Erste "Probevergasungen"

Die Anklage allerdings dagegen ordnet die Zusammenhänge anders ein. Oberstaatsanwalt Andreas Brendel entwirft bei der Verlesung der Anklage ein sehr detailliertes Bild des Grauens von Auschwitz, schildert die Entwicklung von ersten "Probevergasungen" hin zur "fabrikmäßigen Tötung" tausender Menschen täglich. Er berichtet, dass die Toten in den Gaskammern oft "in halb kauernder Position" gefunden wurden, spricht von Massenerschießungen und von den grauenvollen Lebensbedingungen, die zwingend zum Tode führten. Zu all dem habe Hanning einen Beitrag geleistet.

Die Verbrechen auf sich beruhen zu lassen und dem Angeklagten zu ersparen, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen, lehnt auch Schwarzbaum ab. "Ich bin alt und er ist alt. Er soll endlich die Wahrheit sagen", sagt er. "Wollen wir mal hoffen, dass da noch etwas kommt."

Detmolder Prozess gegen Ex-SS-Wachmann

Was wird dem Angeklagten vorgeworfen?

Schienen vor der Einfahrt des Konzentrationslagers Auschwitz

Vor dem Landgericht Detmold muss sich ein mutmaßliches Ex-Mitglied der SS-Wachmannschaft im Vernichtungslager Auschwitz wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten. Dem 94-jährigen Angeklagten Reinhold H. wird vorgeworfen, während des Holocausts die Massenmorde in dem riesigen Lagerkomplex unterstützt zu haben. Laut Staatsanwaltschaft war der damals etwa 20-Jährige von 1942 bis 1944 dort als Mitglied des SS-Totenkopfsturmbanns. Er bewachte demnach sowohl das sogenannte Stammlager I als auch Selektionen der mit Deportationszügen ankommenden Juden, die im Lagerteil Birkenau meist sofort ermordet wurden. Dort befanden sich die Gaskammern.

Konkret wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann Beihilfetaten im Zeitraum von Januar 1943 bis 1944 vor. Der Anklage zufolge wusste H., dass die Deportierten in Birkenau ständig "in großer Zahl" grausam sowie heimtückisch vergast wurden und dass im Stammlager Massenerschießungen und Selektionen für die Gaskammern stattfanden. H. räumte im Vorfeld des Prozesses nach Gerichtsangaben nur ein, das Stammlager bewacht zu haben. Er stritt demnach ab, an Tötungshandlungen beteiligt gewesen zu.

Warum findet der Prozess erst jetzt statt?

Eine Blume liegt neben einem Schild mit dem Schriftzug "Auschwitz"

Durch eine geänderte Rechtsauslegung sind zuletzt die Hürden für Verurteilungen wegen Beihilfe zu NS-Verbrechen gesunken. Jahrzehntelang galt es als unumgänglich, Beschuldigten eine konkrete Beteiligung an einer konkreten Tötungshandlung nachzuweisen - etwa die Bewachung eines ganz bestimmten Deportationszugs an einem bestimmten Tag. Hinzu kam die Tendenz, den Beitrag kleiner "Gehilfen" in Rahmen des "industriellen Massenmords" rechtlich als zu geringfügig für eine Verurteilung anzusehen.

Erst mit dem Schuldspruch gegen den Vernichtungslagerwachmann John Demjanjuk durch das Landgericht München 2011 begann sich dies zu ändern. Die Richter sahen nun schon die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft eines Lagers, in dem massenhaft und systematisch gemordet wurde, als ausreichend dafür an, den Angeklagten wegen Beihilfe zu Tötungen zu verurteilen. Weil die Staatsanwaltschaften nach dem Demjanjuk-Urteil die Chancen auf eine Verurteilung steigen sahen, brachten sie noch einmal einige Strafverfahren auf den Weg.

Auch die Richter im Lüneburger Prozess gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar G. entschieden im vergangenen Jahr entsprechend. Sie betonten bei ihrem Schuldspruch, dass es unerheblich sei, ob die Hilfstätigkeiten des Angeklagten für das Morden unverzichtbar gewesen seien. Auschwitz sei eine "auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschine" gewesen, in deren Funktionsabläufe sich niemand auch nur indirekt habe einfügen dürfen.

Wie ist der Stand der gerichtlichen Aufarbeitung?

Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz

Mit Sicherheit stehen noch zwei Verfahren an, eventuell auch ein weiteres. Am 29. Februar beginnt der Prozess gegen einen in Auschwitz eingesetzten SS-Sanitäter vor dem Landgericht Neubrandenburg. Voraussichtlich im April startet das Verfahren gegen einen mutmaßlichen Auschwitz-Wächter in Hanau. Zudem ist eine frühere Funkerin in Auschwitz beim Kieler Landgericht angeklagt, die Richter dort haben aber noch nicht über die Eröffnung des Verfahrens entschieden.

Dass es noch weitere Auschwitz-Prozesse geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Ermittlungsbehörden nehmen inzwischen aber längst andere Tatorte und Tatkomplexe ins Visier - etwa NS-Tötungsverbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek.

Mit Blick auf die gerichtliche Aufarbeitung insgesamt ziehen viele Beobachter eine ernüchternde Bilanz. Von den 6.500 SS-Angehörigen, die in dem größten Vernichtungslagerkomplex Dienst taten, wurden in Deutschland nach Angaben von Juristen bisher lediglich etwa 50 rechtskräftig verurteilt. Die Zahl der wegen NS-Verbrechen eingeleiteten Verfahren beläuft sich seit Beginn der systematischen Aufarbeitung in der Bundesrepublik 1958 auf insgesamt etwa 18.400. Rechtskräftig verurteilt wurden dabei ungefähr 560 Menschen.

(Quelle: afp)

11.02.2016, Quelle: dpa
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