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merkzettel

Streit um Neuzulassung des Gifts Studie: Glyphosat im Urin die Regel

BildPestizide in der Landwirtschaft
Landirt bringt Pestizide auf seinem Feld aus.

(Quelle: dpa)

VideoPestizide in deutschen Bieren
Das Münchner Umweltinstitut hat in den beliebtesten Biermarken Rückstände des Pestizids Glyphosat gefunden.

Das Münchner Umweltinstitut hat die 14 beliebtesten Biermarken der Deutschen getestet und in allen Rückständen des Pestizids Glyphosat gefunden. Dabei ist Deutschland so stolz auf sein Reinheitsgebot.

(25.02.2016)

VideoKrebsgefahr durch Glyphosat?
Aufbringen eines Pflanzenschutzmittels auf dem Feld

Um das meistverkaufte Pflanzenschutzmittel Glyphosat hat sich ein wissenschaftlicher Streit entbrannt. Experten der WHO gehen von einer „wahrscheinlich krebserregenden“ Wirkung des Stoffes aus.

(29.09.2015)

In der kommenden Woche will die EU über die Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Pflanzengiftes Glyphosat entscheiden. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine neue Studie könnte den Kritikern Aufwind geben. Bei nahezu allen 2009 Probanden wurde Glyphosat im Urin nachgewiesen. 

Eine Feldstudie der Bürgerinitiative Landwende bringt ein eindeutiges Ergebnis: Bei 99,6 Prozent von insgesamt 2009 untersuchten Probanden ließen sich Glyphosatrückstände nachweisen, bei knapp 31 Prozent lag die Belastung mit mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter um ein Fünffaches über dem Grenzwert für Trinkwasser, der bei 0,1 Mikrogramm pro Liter liege. "Es ist die bislang größte und breiteste Erhebung in dieser Form und es zeigt uns, dass es genug Indizien gibt, dass sich staatliche Behörden mit dem Thema Glyphosat beschäftigen müssen,“ sagte der Pressesprecher der Heinrich-Böll-Stiftung zu heute.de.

Druck auf die Regierung soll erhöht werden

Hintergrund ist die ab Anfang nächster Woche anstehende Entscheidung der EU-Staaten über eine Zulassungsverlängerung des als krebserregend im Verdacht stehenden Spritzmittels um 15 Jahre. Umweltschützer halten den Wirkstoff für hochgiftig und fordern seit Jahren ein Verbot. Während die Weltgesundheitsorganisation WHO Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft, sehen Aufsichtsbehörden in Deutschland, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung, und der EU bislang keine Gesundheitsgefährdung.

Das sehen zahlreiche Umwelt- und Entwicklungsorganisationen anders und fordern von der Bundesregierung, gegen eine weitere Zulassung von Glyphosat zu stimmen.
Weitere Links zum Thema
Die EU-Kommission muss bis Ende Juni darüber entscheiden. Schweden hat bereits angekündigt, gegen eine weitere Zulassung zu stimmen. Für Deutschland wird über ein Verbot für den privaten Gebrauch spekuliert.

Weitere Zulassung von Glyphosat soll verhindert werden

Die Entwicklungsorganisation Brot für die Welt erklärte, die weitere Zulassung von Glyphosat sei "ein fatales Signal" für eine verfehlte Agrarpolitik. Der Bund Ökologische Landwirtschaft teilte mit, "wer für Glyphosat stimmt, torpediert den notwendigen Umbau der Landwirtschaft" und zerstöre die eigenen Produktionsgrundlagen Böden, Wasser und Artenvielfalt.

Die Teilnehmer der Urinale-Studie bezahlten rund 55 Euro pro Untersuchung aus der eigenen Tasche. Unterstützt wurde die Erhebung durch die Biosupermarktkette basic. Die Bürgerinitiative Landwende als Initiatorin der Studie war nach einer Herbizid-Havarie im September 2001 in Mecklenburg-Vorpommern entstanden.

Laut der Leiterin der Feldstudie, der Leipziger Bakteriologin und Tierärztin Monika Krüger, sind die am meisten mit Glyphosat Belasteten Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre sowie Landwirte. Ein Drittel der Bevölkerung habe sogar eine zehnfache bis zu 42-fache Menge der für Trinkwasser zulässigen Grenzwerte im Urin, so die ehemalige Leiterin des Institutes für Bakteriologie und Mykologie der Universität Leipzig.

Chemieverbände wehren sich

Der Nachweis von Glyphosat im Urin bedeutet nur, dass die geringen aufgenommenen Glyphosatmengen nahezu gänzlich ausgeschieden werden, erklärte dagegen Ursula Lüttmer-Ouazane, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG): "Glyphosat reichert sich nicht im Körper an und ist deshalb für den Stoffwechsel unkritisch.

Die AGG fordert, von Panikmache abzurücken und keine Risiken herbeizureden. Zudem dürfe der "Nutzen des Wirkstoffs Glyphosat nicht unter den Teppich" gekehrt werden, argumentierte die AGG zu der die Chemieunternehmen ADAMA Deutschland GmbH, Cheminova Deutschland GmbH & Co. KG, Dow AgroSciences GmbH, Helm AG, Monsanto Agrar Deutschland GmbH, Nufarm Deutschland GmbH und Syngenta Agro GmbH gehören.

Glyphosat: Harmlos oder krebserregend?

Was ist Glyphosat und wo wird es eingesetzt?

Aufbringen eines Pflanzenschutzmittels auf dem Feld

Glyphosat ist ein Unkrautvernichter und weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Auch in Deutschland wird er oft in der Landwirtschaft und im Gartenbau vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet.

Wie bewertet die EFSA den Stoff?

Der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zufolge ist es "unwahrscheinlich, dass Glyphosat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt". Die Behörde schlägt aber vor, einen neuen Grenzwert für die akute Aufnahmemenge von Glyphosat, etwa während einer einzigen Mahlzeit, einzuführen und die Höchstgrenze bei 0,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht zu setzen. Der bisher bestehende Grenzwert für die regelmäßige tägliche Aufnahme soll hingegen von 0,3 auf 0,5 Milligramm erhöht werden.

Was wird an der Bewertung der EFSA kritisiert?

Sowohl das Ergebnis der Bewertung als auch das Vorgehen der Behörde werden scharf kritisiert. So bemängeln die Umweltschutzorganisationen Friends of the Earth und Greenpeace Intransparenz und fehlende wissenschaftliche Unabhängigkeit. "Es ist ein schwerer Fehler der EFSA, sich auf die mangelhafte und industrienahe Vorarbeit des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zu stützen", kritisierten Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter und Pestizidexperte Harald Ebner. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht die Empfehlung als einen "Beleg für die unglaubliche Ignoranz der Behörde gegenüber den Gesundheitsrisiken des Wirkstoffes".

Welche anderen Bewertungen gibt es, was sagen die Kritiker?

Die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Glyphosat im Juli als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hält es hingegen für unbedenklich. Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen warnen seit langem vor einer Neuzulassung des Mittels. Sie wollen verhindern, dass Glyphosat weiterhin in Europa zum Einsatz kommt.

Wie kommt es zu den unterschiedlichen Einschätzungen?

Die Efsa ist nach eigenen Angaben zu einer anderen Einschätzung als die IARC gekommen, weil sie mehrere Studien bewertet hat, die von der WHO-Agentur nicht mit einbezogen worden waren. Zudem gibt es unterschiedliche Bewertungen von Studien und unterschiedliche Ansätze: Während die Efsa nur die Wirkung von Glyphosat bewertet hat, beurteilte die IARC auch Mittel, in denen Glyphosat enthalten ist. Außerdem bewertet die IARC, wie stark die Beweise dafür sind, dass etwas zum Beispiel Krebs auslösen könnte - das ist nicht das Gleiche wie das Risiko, durch das Mittel an Krebs zu erkranken.

Welche Grenzwerte schlägt die EFSA vor?

Konkret schlägt die EFSA zwei Grenzwerte für Glyphosat vor: Bei dem einen handelt es sich um die akute Referenzdosis, also die Dosis, die ein Verbraucher ohne Sorge zum Beispiel bei einer Mahlzeit aufnehmen darf. Das andere ist die Aufnahmemenge, die ohne Bedenken bis zum Lebensende pro Tag aufgenommen werden kann. Für beide schlägt die Efsa 0,5 Milligramm Glyphosat pro Kilogramm Körpergewicht vor.

Die akute Referenzdosis wäre neu. Hierfür existiert noch kein Grenzwert. Für die tägliche Aufnahmemenge gibt es dagegen schon einen Wert, der bisher bei nur 0,3 Milligramm liegt. Die EFSA begründet die vorgeschlagene Erhöhung damit, dass sich die Rechtsgrundlage verändert habe. Bisher habe die tägliche Aufnahme keinerlei Effekt im Körper bewirken dürfen, weder negativ noch positiv. Neuerdings dürfe die Aufnahme lediglich keinen gesundheitsschädlichen Effekt bewirken.

04.03.2016, Quelle: ZDF, epd
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