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merkzettel

Tote bei Anschlägen in Jakarta IS-Hass in Südostasien: Indonesien in Terrorangst

VideoIndonesien im IS-Visier
Weltkarte

Tote bei einem Anschlag in Jakarta. Warum der sogenannte Islamische Staat Anschläge im größten muslimischen Land verübt.

(14.01.2015)

VideoTerroranschlag in Jakarta
Indonesische Krankenwagen transportieren Verletzte nach einer Bombenexplosion in Jakarta, Indonesien, am 14.01.2016

Bei einem Anschlag in Indonesiens Hauptstadt wurden mehrere Menschen getötet. Inmitten der belebten Hauptstraße Jakartas kam es zu Explosionen gefolgt von Schusswechseln mit der Polizei.

(14.01.2016)

VideoDurch Asien mit Peter Kunz
Screenshot

Asien ist im Umbruch. Von Pakistan bis nach Indonesien treffen ZDF-Korrespondent Peter Kunz und sein Team auf Gesellschaften, die zwischen traditionellen Werten und rasanter Modernisierung stehen.

(02.04.2015)

Die Terroristen scheren sich nicht um das Credo Indonesiens, einen moderaten Islam zu vertreten. Schwer bewaffnet fallen sie in der Hauptstadt Jakarta ein. Das Land steht unter Schock. Gibt es dort doch mehr Anhänger radikaler Ideologien als gedacht? 

Ein Polizist in Zivil steht mit gezogener Waffe vor den Fetzen, die eine Detonation übrig gelassen hat. Ein lila Schuh liegt auf der Straße. Um die Ecke ducken sich Polizisten hinter einem Polizeiauto, um nicht in die Schusslinie der Attentäter zu geraten. Einer ihrer Kollegen liegt reglos auf dem Asphalt. Der Terror ist zurückgekehrt in die indonesische Millionenmetropole Jakarta, Hauptstadt des bevölkerungsreichsten muslimischen Landes der Welt.

Die Indonesier stehen unter Schock. Sie glaubten, die Extremisten unter ihnen seien ausgemerzt. 2009 gab es den letzten Anschlag in Jakarta mit sieben Toten. Doch jetzt geht das Gespenst der brutalen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) um. Die Extremisten bekennen sich zu dem Anschlag. "Der IS hat Zellen in Südostasien, auch in Indonesien", sagt der Polizeichef. Präsident Joko Widodo beschwört seine Landsleute: "Wir werden uns nicht von diesen Terroranschlägen in die Knie zwingen lassen."

Indonesier kennen den Terror von Extremisten

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Die Täter haben das Herz der Stadt getroffen: Jalan Thamrin, hier steht ein Wolkenkratzer-Büroturm neben dem nächsten, die großen Hotelketten haben ihre Häuser hier und Botschaften sind in der Nachbarschaft, auch die deutsche. Am Einkaufszentrum sind ein McDonald's-Restaurant und ein Starbucks-Café, hier holen sich Angestellte auf dem Weg ins Büro wie jeden Morgen ihren "Coffee-to-go". Da schlagen die Attentäter zu. Ein Starbucks-Gast sei verletzt worden, berichtet die Kaffeerestaurant-Kette.

Die Indonesier kennen den Terror von Extremisten. Die Organisation Jemaah Islamiyah erstarkte nach dem Abgang von Diktator Suharto Ende der 1990er Jahre, und sie hat mehrfach Ausländer ins Visier genommen. 2002 kamen bei Anschlägen auf Bali 202 Menschen ums Leben, viele davon Touristen, und 2009 starben in Jakarta bei Angriffen auf Hotels sieben Menschen.

Mehr radikalisierte Einzeltäter

Die von Australiern trainierte Anti-Terror-Polizei "Detachment 88" gilt aber als Vorzeigebeispiel für effektive Terrorbekämpfer. Sie hat den Sumpf der Extremisten mit zahlreichen Festnahmen trockengelegt. "Die Lage hat sich geändert: heute haben wir es weniger mit organisierten Gruppen als mit radikalisierten Einzeltätern zu tun", sagt Todd Elliott, Terrorexperte der Firma Concord Consulting in Jakarta, dem Sender BBC. Oder mit Zellen, die sich der Hass-Ideologie von Milizen wie dem IS verschreiben.

Die schwersten Terroranschläge islamischer Extremisten in Indonesien

Die schwersten Terroranschläge in Indonesien

Indonesische Krankenwagen transportieren Verletzte nach einer Bombenexplosion in Jakarta, Indonesien, am 14.01.2016

Die Anschlagsserie in Indonesiens Hauptstadt Jakarta ist bei weitem nicht die erste, die mutmaßlich islamische Extremisten in dem Land verübt haben. 2002 war die Urlaubsinsel Bali Ziel des bisher größten Terroranschlags in Asien, damals kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Seitdem gab es eine Reihe weiterer Anschläge in Indonesien, die oftmals westliche Touristen oder Geschäfte zum Ziel hatten. Im Folgenden ein Überblick über die schlimmsten Angriffe in diesem Jahrhundert:

13. September 2000

Eine Autobombe explodiert im Parkhaus der Börse in Jakarta, zehn Menschen werden getötet und 16 verletzt. Die Polizei beschuldigt Separatisten aus der Provinz Aceh der Tat, diese weisen eine Verwicklung aber zurück.

24. Dezember 2000

Bomben explodieren an Heiligabend landesweit in elf Kirchen. 19 Menschen sterben, rund 100 werden verletzt. Die Gruppe Jemaah Islamiyah, die mit Al-Kaida in Verbindung steht, wird der Tat verdächtigt.

12. Oktober 2002

Ein islamischer Extremist sprengt sich auf Bali in einem Nachtclub in die Luft. Viele Gäste, die fliehen können, kommen durch die Explosion einer größeren Autobombe ums Leben, die Minuten später an einem anderen Nachtclub in der Nähe explodiert. 202 Menschen sterben. Die meisten von ihnen sind ausländische Touristen, darunter 88 Australier und sieben US-Amerikaner. Behörden machen erneut die Gruppe Jemaah Islamiyah verantwortlich.

5. Dezember 2002

In Makassar auf der Insel Sulawesi wird ein Restaurant der US-Burgerkette McDonald's Ziel eines Bombenanschlags. Drei Menschen sterben, 15 werden verletzt.

5. August 2003

Eine Autobombe explodiert vor dem J.W. Marriott-Hotel in Jakarta. Zwölf Menschen sterben, 150 werden verletzt. 15 Mitglieder von Jemaah Islamiyah werden für den Anschlag verurteilt.

31. Dezember 2003

Auf einem gut besuchten Silvesterkonzert in der Provinz Aceh geht eine Bombe hoch und reißt zehn Menschen in den Tod, darunter drei Kinder. Erneut machen die Behörden Separatisten dafür verantwortlich, diese weisen den Verdacht zurück.

10. Januar 2004

Vier Menschen sterben bei einem Bombenanschlag in einem Karaoke-Café in Palopo auf der Insel Sulawesi.

9. September 2004

Nahe der Australischen Botschaft in Jakarta explodiert eine Bombe. Mindestens drei Menschen sterben, und rund 100 werden verletzt.

1. Oktober 2005

Selbstmordattentäter sprengen sich an drei Orten auf Bali fast zeitgleich in die Luft und reißen 20 Menschen mit in den Tod. Ziel der drei Anschläge sind zwei Restaurants in Jimbaran Bay und ein weiteres Lokal im Touristenviertel Kuta.

31. Dezember 2005

Eine Bombe explodiert in Palu auf Sulawesi auf einem bei Christen beliebten Markt, sieben Menschen sterben.

7. Juli 2009

Selbstmordattentäter betreten in Jakarta die Hotels Ritz-Carlton und J.W. Marriott und sprengen sich in den Empfangshallen in die Luft. Sieben Menschen werden getötet, mehr als 50 verletzt.

14. Januar 2016

Anschlag in Jakarta.

Angreifer lassen am Starbucks-Café im Zentrum von Jakarta Bomben explodieren und verwickeln Polizisten in Schießereien. Nach Polizeiangaben werden fünf Angreifer getötet, auch zwei Zivilisten sterben.

(Quelle: ap)

Die radikale Bewegung aus dem Nahen Osten zieht auch Indonesier in ihren Bann. 500 kämpfen in Syrien und im Irak für den IS, schätzen die Behörden. Zum Vergleich: Sas sind etwa so viele, wie aus Belgien in den IS-Kampf gezogen sind, nur hat Indonesien 250 Millionen Einwohner, Belgien elf Millionen.

Politologe: Radikalen Ideologien zu lange geduldet

Zu den indonesischen IS-Kämpfern zählt Bahrun Naim, der seine Landsleute von Syrien aus über soziale Medien anzustacheln versucht, wie Sydney Jones, Direktorin des Konfliktanalyse-Instituts IPAC in Jakarta jüngst schrieb. Naim habe Planung und Ausführung der Pariser Anschläge vom November gelobt. "Seine Leser sind nicht andere IS-Kämpfer, die sind beschäftigt. Er schreibt für Möchtegern-Terroristen in Java", schreibt Jones. Java ist die Hauptinsel Indonesiens. "Dem IS ist es gelungen, in den Vororten Jakartas eine Folgschaft aufzubauen."

Der Politologe Adri Wanto meint, Indonesien habe der Verbreitung radikaler Ideologien zu lange tatenlos zugesehen. Einer, der bis 2011 Hass predigen konnte, ist Abu Bakar Bashir. Seitdem sitzt er wegen Unterstützung eines Terrorübungslagers im Gefängnis. Gerade kämpft er wieder vor Gericht um eine Revision des Urteils. "Die Ideologie muss mit einer Gegenlehre gestoppt werden, die für ein tieferes Verständnis der islamischen Grundsätze wirbt", schreibt Wanto, Dozent am RSIS-Institut der Nanyang Technical-Universität in Singapur.

Elmar Theveßen zur Sicherheitslage
Elmar Theveßen

"Deutsche Ermittler sehen in Szenarien wie heute in Jakarta und im November in Paris schon lange die größte Bedrohung für Deutschland. Nach den straßenkampfähnlichen Anschlägen von Mumbai im November 2008 haben die Sicherheitsbehörden Reaktionspläne für vergleichbare Angriffe vorbereitet. Die Erkenntnisse sind in die Ausbildung der Spezialeinheiten von Bund und Ländern eingeflossen. Dabei gilt der Grundsatz, schnellstmöglich die jeweiligen Täter auszuschalten. Alle anderen Maßnahmen - sogar die Versorgung von Verletzten - treten in der ersten Phase dahinter zurück. In der Weihnachtszeit 2010 gab es zahlreiche Warnungen vor Anschlagsserien in Deutschland. Damals wurden die Sicherheitsmaßnahmen zeitweise deutlich verschärft. Diese Maßnahmenkataloge sind seit den Vorfällen in Paris wieder aktiviert, zumal es gerade in den vergangenen Wochen eine Reihe von Warnhinweisen auf vergleichbare Attacken in Deutschland gegeben hat. Die Lageeinschätzung des Bundeskriminalamts konzentriert sich vor allem auf dieses Bedrohungsszenario"

14.01.2016, Quelle: Christiane Oelrich, dpa
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