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merkzettel

Putin-Gegner erschossen Ein Jahr Nemzow-Tod am Kreml: Aufklärung offen

BildTatort
Blumen am Tatort von Mord an Boris Nemzow in Moskau

(Quelle: dpa)

Der Politiker Boris Nemzow hat wohl seine Kritik an den Machtstrukturen in Russland mit dem Leben bezahlt. Viele fürchten ein Jahr später, dass der Mord an dem Kämpfer für Demokratie und Freiheit nie aufgeklärt wird - wie auch Attentate auf andere Kremlkritiker. 

Berge von frischen Blumen liegen ein Jahr nach dem Mord an Oppositionsführer Boris Nemzow am Tatort in Moskau. Seit der Todesnacht vom 27. Februar 2015 reißt der Strom der Ehrenbezeugungen nicht ab, die Anhänger von Nemzow zur Großen Moskwa-Brücke bringen. Auch Zettel mit Nachrichten kleben am Brückenrand, die Aufschriften oft verschmiert von Schneeregen. "Putin: Mörder", steht auf einem Papier. Die Schuldfrage ist ungeklärt - viele geben aber Präsident Wladimir Putin zumindest eine politische Mitverantwortung.

Großdemo als Zeichen an Justiz geplant

Die Kreml-Linie lautet jedoch wie in vorherigen Fällen: Solche Morde schadeten dem Präsidenten eher. "Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt", sagt Putins Sprecher Dmitri Peskow kurz nach dem Mord.

Am Todestag an diesem Samstag will Russlands zersplitterte Opposition mit einer Großdemonstration zeigen, dass Nemzow nicht vergessen ist. Zehntausende sollen dabei auch Druck auf die Justiz ausüben, endlich nach den Drahtziehern des Mordes zu suchen, sagt Nemzows langjähriger Mitstreiter Ilja Jaschin. Ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen soll die Kundgebung in Moskau zudem ein machtvolles Zeichen setzen gegen zunehmende Repressionen.

Welche Rolle spielt Kadyrow?

Der Druck auf Andersdenkende nimmt in Russland nicht ab. Erst vor kurzem veröffentlichte der kremltreue Machthaber der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, ein Foto des Oppositionspolitikers Michail Kasjanow im Fadenkreuz. Für den empörten Kasjanow ist klar: "Das ist ein Mordaufruf."

Für viele führt die Spur des Nemzow-Mordes zu Kadyrow, dem mit harter Hand regierenden Republikchef. Alle fünf Verdächtigen im Fall Nemzow, die derzeit im Gefängnis auf einen Prozess warten, hatten Verbindungen in den Nordkaukasus. Wiederholt hat Kadyrow Oppositionelle wie Nemzow als Volksverräter beschimpft.

Vorwürfe gegen Putin

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Kadyrow müsse beim Prozess aussagen, fordern viele. Eine davon ist Nemzows Tochter Schanna. Die 31-Jährige will auch eine internationale Kontrolle der Ermittlungen. "Putin und seine Leute wünschen sich doch, dass man alles vergisst - den Mord an Litwinenko, an Nemzow, an Politkowskaja", sagt die Journalistin und zählt auch einige getötete Kremlkritiker auf. Seit dem Mord lebt sie in Deutschland.

Boris Nemzow ist auf dem Weg vom Roten Platz nach Hause, als ihn mehrere Schüsse in den Rücken treffen - alle tödlich. Die Bluttat löst international Empörung aus. Es ist nicht der erste Mord an einem Putin-Gegner. Aber dass es mit dem Ex-Vize-Regierungschef einen so schillernden Politiker getroffen hat, erschüttert viele auch in der Machtelite. Die Tat in Kremlnähe sei eine "Provokation", sagt Putin.

Sendehinweis
Logo ZDFinfo

ZDF.info sendet heute um 19:30 Uhr die Dokumentation " Boris Nemzow - Tod an der Kremlmauer".

Ein Film von Michail Fishmann, Milna Minaewa und Stephan Kü

Wegbegleiter Nemzows meinen aber, Putin trage mit einer "Politik der Einschüchterung" zu Exzessen wie Mord bei. Der Nährboden dafür sei eine von Staatsmedien befeuerte Hetzjagd auf Andersdenkende, sagt etwa der frühere Regierungschef Kasjanow. "Ich denke, dass diese generelle Stimmung auch dazu beigetragen hat, dass dieses Attentat überhaupt stattfinden konnte", meint Gernot Erler, der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, kurz nach der Tat.

Nemzow-Recherche zu Ukraine-Krieg

Frühere Mitarbeiter Nemzows räumen ein, dass der Politiker aus der Schwarzmeerstadt Sotschi es nicht vermocht habe, die Opposition zu einen. So erfahren wie der 55-Jährige waren aber nur wenige. Vor allem in den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer einen Namen gemacht - zuerst als charismatischer Gouverneur in Nischni Nowgorod (früher Gorki) an der Wolga. Präsident Boris Jelzin holte ihn nach Moskau. Als Putin an die Macht kam, entschied sich Nemzow für die Opposition. Mehrfach wurde er inhaftiert. Zuletzt saß Nemzow als Abgeordneter im Stadtparlament von Jaroslawl.

Kurz vor seinem Tod arbeitete der unerschrockene Politiker an seiner heikelsten Recherche: der russischen Beteiligung am Separatistenkrieg in der Ostukraine. "Putin hat eine wahnsinnig aggressive, für unser Land und viele Bürger todbringende Politik eines Krieges gegen die Ukraine begonnen", sagte Nemzow wenige Stunden vor seiner Ermordung dem Radiosender Echo Moskwy. Ehemalige Weggefährten wie Ilja Jaschin gehen davon aus, dass Nemzow auch wegen seiner Kontakte zur prowestlichen neuen Regierung in Kiew im extremistischen Lager in Russland zunehmend Hass auf sich gezogen hat.

26.02.2016, Quelle: von Wolfgang Jung, dpa
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