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merkzettel

Karadžić - bosnischer Serbenführer Der Unbelehrbare

BildRadovan Karadzic
Radovan Karadzic bei einer Gerichtsverhandlung am 03.03.2009

(Quelle: dpa)

VideoGedenkfeier in Srebrenica
Menschen sitzen an den Gräbern der Opfer des Massakers von Srebrenica.

Gedenken an den Völkermord in Srebrenica: Das Leid in der Region ist auch nach 20 Jahren allgegenwärtig. Serbiens Premier Vucic wurde von aufgebrachten Demonstranten mit Steinen beworfen.

(11.07.2015)

Alle Serben im auseinandergebrochenen Jugoslawien in einem Staat zu vereinen - das war das Ziel des ehemaligen bosnischen Serbenführers Karadžić. Tausende Tote nahm er dafür in Kauf. Später tauchte er unter und lebte als Wunderheiler getarnt unbehelligt in Belgrad. Bis zu seiner Verhaftung 2008. 

Radovan Karadžić ist auch vor dem UN-Tribunal für Kriegsverbrechen seiner Überzeugung treu geblieben. Das Weltbild des 70-Jährigen ist intakt: Eine Verschwörung des Vatikans, der USA, Deutschlands und Österreichs hat das von ihm angestrebte Großserbien verhindert. Der Psychiater spielte danach eine "historische Rolle" im jahrhundertelangen Kampf seines Volkes gegen die Muslime, die er als zivilisatorisch rückständig betrachtet.

Untergetaucht als Wunderheiler

Mehr als 100.000 Tote und Millionen Vertriebene im Bürgerkrieg Bosnien-Herzegowinas (1992-1995) sind für ihn noch immer nur bedauernswerte Begleiterscheinungen bei der Durchsetzung des "heiligen Ziels", alle Serben im auseinandergebrochenen Jugoslawien in einem einzigen Staat zu vereinen. Gott selbst habe seine Landsleute als "himmlisches Volk" und ihn als dessen Führer auserwählt. Als "Präsident" der bosnischen Serben und Oberbefehlshaber ihrer Armee spielte er von 1990 bis zu seinem erzwungen Abgang 1996 die Rolle seines Lebens.

Der orthodoxe serbische Bischof Amfilohije beschreibt den Mann, der als größter Kriegsverbrecher seit dem Zweiten Weltkrieg vor Gericht steht, als tiefgläubigen Christen. Er sei ein "Gigant" des serbischen Volkes. Die heimischen Psychologen zeichnen ein weniger positives Bild seiner Persönlichkeit. Er sei bis heute ein Narziss geblieben, der nach "Wahrnehmung, Anerkennung und Applaus" süchtig ist. Für den "extrem extrovertierten Menschen" wäre es "psychologischer Selbstmord, wenn er kein Publikum hätte", lautet die Diagnose.

Diese "Selbstverliebtheit" und "Geltungssucht" habe ihn auch in aller Öffentlichkeit und doch unentdeckt in Belgrad leben lassen - als verkleideter Wunderheiler mit schlohweißem Haar, das er zu einem mächtigen Knoten gebunden hatte. Regelmäßig hielt er Vorträge, heilte durch Handauflegen und besuchte seine Stammkneipe "Narrenhaus", wo er unerkannt unter dem großformatigen eigenen Porträt an der Wand Platz nahm.

Karadžić spielte mit Spitzenpolitikern Katz und Maus

Sein 12-jähriges Untertauchen hätte aber nicht funktionieren können, wenn der serbische Geheimdienst ihm nicht eine neue Identität verpasst hätte - mit echten Personalpapieren, die in der Provinzstadt Ruma ausgestellt worden waren. Die Hintergründe wurden niemals geklärt. Unklar ist auch, warum er gerade am 21. Juli 2008 verhaftet und an das UN-Tribunal in Den Haag ausgeliefert wurde.

Karadžić, sein ebenfalls vor dem UN-Tribunal stehender Militärchef Ratko Mladic und der in einer Tribunalzelle an Herzinfarkt gestorbene serbische Präsident Slobodan Milosevic waren das Dreigestirn des radikalen Nationalismus des größten Volkes im jugoslawischen Vielvölkerstaat. Am Ende hatte sich der stets nach Dominanz strebende Karadžić selbst mit diesen beiden Mitstreitern hoffnungslos verzankt.

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Weil er westliche Demokratien als verweichlicht verabscheute, spielte Karadžić viele Jahre mit ihren Spitzenpolitikern Katz und Maus, führte sie an der Nase herum. Er ließ internationale Hilfstransporte für die leidende Bevölkerung plündern oder besteuern, nahm UN-Soldaten als "lebende Schutzschilde", akzeptierte viele Friedenspläne, um sie am nächsten Tag in Bausch und Bogen zu verwerfen. In seinen öffentlichen Auftritten genoss er seine Kontakte mit praktisch allen Spitzenpolitiker der wichtigsten Weltmächte.

Karadžić verschwand 1996 aus der Öffentlichkeit

Der in Montenegro in ärmliche Verhältnisse geborene Karadžić kam als Jugendlicher ins multiethnische Sarajevo, wo er Medizin studierte und mit seiner Frau Liljana eine psychiatrische Praxis führte. Vorübergehend arbeitete er im Kosevo-Krankenhaus - später ein Zentrum für Folter- und Kriegsopfer. Beide haben einen Sohn und eine Tochter. Die steile politische Karriere begann Karadžić als Vorsitzender der 1990 gegründeten Serbisch-Demokratischen Partei (SDS). Auf Druck des Auslandes verschwand er 1996 aus der Öffentlichkeit. Seine Firmen sollen während des Krieges durch Einfuhrmonopole für Zigaretten, Alkohol, Zement oder Öl riesige Verdienste abgeworfen haben.

Srebrenica

Das Massaker

Ermittler legen ein Massengrab frei

Im bosnischen Srebrenica ermorden bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 rund 8.000 Männer und Jungen. Blauhelm-Soldaten aus den Niederlanden überlassenhaben den Angreifern unter General Ratko Mladić die UN-Schutzzone kampflos überlassen. Innerhalb von acht Tagen werden bosnische Muslime, die in die Enklave geflohen sind, ermordet. Es ist das schlimmste als Völkermord eingestufte Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Das Europaparlament erklärt 2009 den 11. Juli zum Gedenktag für die Opfer - auch um die Staaten daran zu erinnern, dass sie das Massaker nicht verhindert hatten.

Wer wurde verurteilt und wer nicht?

Das UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien in Den Haag hat bislang Anklage gegen 20 Männer für die Verbrechen in Srebrenica erhoben.

  • Bisher wurden 14 Angeklagte für schuldig befunden. Es gab einen Freispruch. Ein Angeklagter starb während des Prozesses, vier Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Mehr als 1.000 Zeugen sagten in den Verfahren aus. Darunter waren elf Männer, die die Massaker überlebt hatten.
  • Drei Männer wurden bislang zu lebenslanger Haft verurteilt. Darunter ist Vujadin Popović, Ex-Sicherheitschef des berüchtigten Drina-Korps der bosnisch-serbischen Armee. Elf ehemalige hohe bosnisch-serbische Offiziere wurden wegen Beihilfe zum Genozid zu Haftstrafen von fünf bis 35 Jahren verurteilt.
  • Die Prozesse gegen die beiden mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für den Völkermord sind noch nicht abgeschlossen. Am 24. März sollte das Urteil gegen den ehemaligen Serbenführer Radovan Karadžić gesprochen werden.
  • Der ehemalige bosnisch-serbische General Ratko Mladić (72) hatte das militärische Oberkommando des Überfalls auf die Enklave am 11. Juli. Mladic war erst 2011 festgenommen worden. Der Prozess gegen Mladic in Den Haag wird in diesem Jahr enden. Das Urteil wird im nächsten Jahr folgen. Auch ihm droht lebenslange Haft.
  • Der frühere rest-jugoslawische und serbische Präsident Slobodan Milošević starb vor Abschluss des Prozesses 2006 in seiner Zelle in Den Haag.
  • Im Prozess gegen den ehemaligen serbischen General Radislav Krstić qualifizierten die UN-Richter erstmals die Massenmorde von Srebrenica als Völkermord. Der Kommandant des Drina-Korps wurde 2004 wegen Beihilfe zum Genozid zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt.
  • Nur wenige Angeklagte gaben ihre Schuld zu. Dazu gehörte Dražen Erdemović, der an Erschießungen beteiligt war und später gegen andere Offiziere aussagte. Er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
  • Momčilo Perišić, Ex-Offizier in der jugoslawischen Armee, ist bislang als einziger freigesprochen worden. In erster Instanz lautete das Urteil noch 27 Jahre Haft. Die Berufungskammer sprach ihn jedoch aus Mangel an Beweisen frei.

(Quelle: dpa)

24.03.2016, Quelle: von Thomas Brey, dpa
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