23.07.2016
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Leben in Asylunterkünften "Hier herrscht jeden Tag Notstand"

BildFlüchtlingshem in Köln
Flüchtlingsunterkunft in Köln

Dem Sicherheitsdienst eines Kölner Flüchtlingsheims wird vorgeworfen, Frauen beim Duschen und Stillen ihrer Babys gefilmt zu haben. Außerdem hätten Sicherheitskräfte ihnen aufgelauert und sie zum Geschlechtsverkehr aufgefordert. Die Polizei fand dafür bisher keine Bestätigung.

(Quelle: dpa)

VideoReportage: Ein Tag im Flüchtlingsheim
Flüchtlingsunterkunft in einer Sporthalle

Morgens um 7 Uhr beginnt der Tag für die Schulkinder. Wer noch keinen Deutschkurs besuchen kann, versucht es sich selbst beizubringen. Frust macht sich breit. Einige wollen zurück nach Syrien.

(18.02.2016)

VideoSozialarbeit nun mehr anerkannt?
Offene Stellen für Sozialarbeiter: Im Januar 2015 gab es 45 offene Stellen je 100 Arbeitslose. Nur ein Jahr später im Dezember sind es 114 offene Stellen - mehr als doppelt so viele!

Bis vor kurzem wurden Sozialarbeiter und Sozialpädagogen noch belächelt, plötzlich sind sie gefragter denn je. Durch die Flüchtlingskrise sind sie auf dem Arbeitsmarkt viel umworben.

(17.02.2016)

Wie geht es Frauen in Flüchtlingsheimen? Kürzlich prangerten Bewohner sexuelle Übergriffe durch Sicherheitsleute an. Auch wenn sich der Vorwurf bisher nicht bestätigte, lebten Frauen mit einem "sehr unsicheren Gefühl", sagt Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flüchtlingsrat im heute.de-Interview. 

heute.de: Ihre Organisation engagiert sich schon seit 1984 für Flüchtlinge. In wie vielen Kölner Flüchtlingsheimen sind Sie aktuell vertreten?

Claus-Ulrich Prölß: Wir sind in keinem einzigen Heim vor Ort und genau da ist schon das Problem. Die verschiedenen Unterkünfte werden im Auftrag der Stadt vom Roten Kreuz, anderen Verbänden oder durch die Stadt selber unterhalten, allerdings fehlt es da an der richtigen Betreuung. Die städtischen Sozial‎arbeiter sind zum Beispiel ‎in den Hotelbetrieben, also in ehemaligen Hotels, die für Flüchtlinge genutzt werden, meist nur für zwei Stunden ‎in der Woche da. Die kriegen gar nicht mit, was da abläuft.

heute.de: Wie sieht dann Ihre Arbeit zur Unterstützung der Flüchtlinge aus?

Claus-Ulrich Prölß ...
Claus-Ulrich Prölß

... ist seit 1999 Geschäftsführer des Kölner Flüchtlingsrats. Der 52-Jährige setzt sich für den Schutz, für die Rechte und für die Integration von Flüchtlingen ein. Der 1984 gegründete Flüchtlingsrat ist nach eigenen Angaben einer der Ältesten in Deutschland.

Prölß: Wir sind vor allem zur Beratung der Neuankömmlinge da, auch in Rechtsfragen. Außerdem haben wir ein Auszugsprojekt gestartet und entwickeln Schutzkonzepte für Frauen und Kinder.

heute.de: Wie sieht die Lage in Kölner Flüchtlingsheimen konkret aus?

Prölß: Hier herrscht jeden Tag Notstand. Die Stadt hat keine Zeit, sich um die soziale Arbeit zu kümmern. Wöchentlich kommen immer noch gut 200 bis 300 Flüchtlinge. Die Mitarbeiter sind vor allem damit beschäftigt, Neuankömmlinge auf die verschiedenen Unterkünfte zu verteilen. Die Flüchtlinge leben entweder in Turnhallen, neu gebauten Leichtbauhallen oder in ehemaligen Baumärkten. Es gibt grundsätzlich so gut wie keine Türen, auch nicht bei den einzelnen Duschkabinen. Bett steht an Bett, die Trennwände gehen häufig nicht bis zur Decke und das Licht brennt die ganze Nacht.

heute.de: Was bedeuten diese Bedingungen konkret für Frauen?

Prölß: Man muss wissen, dass zwei Drittel aller Asylanträge in Deutschland von Männern kommen. Frauen sind in Flüchtlingsunterkünften also grundsätzlich in der Unterzahl. Der Mangel an Privatsphäre und das Zusammenleben auf engen Raum sind eine gefährliche Mischung. Kleinigkeiten, wie das nicht ordentliche Anstellen in einer Schlange, können zu Konflikten führen. Gerade für Frauen bedeutet diese ganze Situation ein sehr unsicheres Gefühl.

heute.de: Gibt es Frauengruppen, die vor sexuellen Übergriffen besonders gefährdet sind?

Prölß: Ja, auf jeden Fall. Frauen, die mit ihrer Familie zusammen nach Deutschland kommen, haben noch einen gewissen Schutz. Obwohl auch die alleine die sanitären Anlagen aufsuchen müssen. Bei Alleinstehenden fehlt es vor allem an einem Ansprechpartner. Tagsüber sind noch der Sicherheitsdienst und Sozialarbeiter vor Ort, nachts dann nur noch die Security. Eine alleinstehende Frau vertraut sich einem fremden Mann nicht an.

heute.de: Kürzlich sind Vorwürfe über sexuelle Übergriffe durch einen Kölner Sicherheitsdienst öffentlich geworden, die sich laut Polizei aber bisher nicht belegen ließen. Wie oft haben Sie es in Ihrer Arbeit mit sexuellen Übergriffen zu tun?

Prölß: Es ist nicht das erste Mal, dass wir Information über sexuelle Übergriffe bekommen. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass die Security selber welche verübt hat. Das wäre eine ganz neue Qualität. Aber ganz ausschließen kann man das nicht. Zu Übergriffen kann es durch alle möglichen Personen kommen: durch Außenstehende, die sich in die Anlagen einschleichen, durch andere Flüchtlinge, aber auch durch Familienmitglieder. Viele dieser Fälle werden jedoch nicht angezeigt.

heute.de: Warum nicht?


Weitere Links zum Thema
Prölß:
Nicht nur bei sexuellen Übergriffen, sondern auch bei anderen Vergehen, haben Flüchtlinge fälschlicherweise Angst, ihr Bleiberecht zu verwirken, wenn sie das melden. Das ist natürlich Unsinn, aber da es zu wenig Betreuung gibt, gibt es auch viel zu wenige Informationen.

heute.de: Wie lässt sich die Situation für Frauen verbessern?

Prölß: Es muss vor allem ein unabhängiges Betreuungsangebot geschaffen werden. Die Flüchtlinge müssen eine Vertrauensperson haben, an die sie sich wenden können. Außerdem brauchen wir langfristige Konzepte zur Unterbringung und zwar in ganz Deutschland. Wir brauchen mehr abgeschlossene Wohneinheiten. Auch Wohngruppen, in denen nur für alleinstehende Flüchtlingsfrauen leben, können eine Lösung sein.

Das Interview führte Jan Schulte

21.02.2016
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