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Massenflucht aus Syrien Aleppo: "Tag für Tag wird alles schlimmer"

VideoAleppo: Stadt im Bombenhagel
Aleppo im Bombenhagel

Aleppo, die einstige Wirtschaftsmetropole Syriens, ist heute ein Schlachtfeld. Russland gibt an, mit seiner Bombardierung den IS zu treffen und ebnet so den Weg für die Truppen Assads.

(08.02.2016)

VideoTürkei sieht sich überfordert
Grenze zwischen der Türkei und Syrien nahe Kilis am 7. Februar 2016

Etwa 50.000 syrische Flüchtlinge sind an der türkischen Grenze gestrandet, berichtet ZDF-Korrespondent Luten Leinhos. Die Türkei versuche, sie auf syrischer Seite zu versorgen, und wolle die Grenze geschlossen halten.

(07.02.2016)

VideoAleppo: Zahl der Flüchtlinge steigt
Syrische Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze.

Die Truppen des Assad-Regimes rücken weiter auf die Stadt Aleppo vor, und immer mehr Menschen flüchten an die türkisch-syrische Grenze. Korrespondent Leinhos spricht von einer sehr schweren Aufgabe.

(09.02.2016)

VideoAleppo: Das Drama der Zivilisten
Menschen auf den Straßen der syrischen Stadt Aleppo.

In Aleppo liefern sich die islamistische Al-Nusra Front und die syrische Regierung brutale Gefechte – ohne Rücksicht auf die Zivilisten. Diese sind auf die Hilfe der Vereinten Nationen angewiesen.

(07.02.2016)

Dramatische Lage in Aleppo: Tausende Menschen flüchten vor den anrückenden syrischen Truppen. Andere bleiben im umkämpften Gebiet zurück. Ihre Sorge vor einer Belagerung wächst. Die Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. 

Mithilfe russischer Luftschläge ist Syriens Armee nahe an die Großstadt vorgerückt. Die Angriffe lösten eine regelrechte Massenflucht aus. Doch Zehntausende Syrer harren noch immer in der teilweise von Rebellen beherrschten Stadt aus. Sie können oder wollen Aleppo nicht verlassen. Doch die Unruhe vor den herannahenden Regierungstruppen wächst. "Die Menschen befürchten immer stärker eine Belagerung", sagt Ismail Abd Rahman, ein Anwohner Aleppos.

Assad will Teile der Stadt von der Außenwelt abschneiden

Denn die Armee von Machthaber Baschar al-Assad will die von Rebellen beherrschten Teile der Stadt von der Außenwelt abschneiden - sie blockiert bereits die wichtigste Nachschubroute der Aufständischen zur türkischen Grenze. Aus Sorge decken sich die in Aleppo zurückgebliebenen Menschen mit Grundnahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs ein. Vorräte an Reis, Mehl und Benzin sind bereits knapp geworden. "Aber selbst wenn wir verhungern, einige von uns müssen bleiben", sagt Abd Rahman. "Wenn alle flüchten, ist keiner mehr da, um unsere Stadt zu verteidigen."
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Täglich werden in Aleppo Häuser, Märkte, Straßen und Krankenhäuser bombardiert, wie der Syrer erzählt. Viele Familien schickten Frauen und Kinder deshalb in Richtung türkischer Grenze, die für die Schutzsuchenden jedoch geschlossen bleibt. Zurück blieben junge syrische Männer. In der Stadt, in der es seit Monaten keine regelmäßige Stromzufuhr gibt und an Trinkwasser mangelt, bewachen sie ihre Häuser.

"Tag für Tag wird alles schlimmer"

"Tag für Tag wird alles schlimmer", klagt Yasir Darwish, ein Arzt aus Aleppo. Er befürchtet, dass sich die Kämpfe in den kommenden Tagen verschärfen werden. Auch Mediziner bereiten sich auf eine mögliche Belagerung der Stadt vor. Sie sammeln Medikamente, Verbände und Betäubungsmittel. "Wir befürchten, dass sich Krankheiten ausbreiten könnten", sagt Darwish. Als Folge des fehlenden Trinkwassers drohten vor allem Ausbrüche von Cholera und Tuberkulose.

Es mangelt auch an Mitteln zur Versorgung Verwundeter. Viele Menschen wurden durch Bomben oder Granaten verletzt. "Es gibt viele Wunden an den Augen oder am Kopf. Wir mussten Gliedmaßen amputieren", sagt der Arzt Abu al-Es von der syrisch-amerikanischen Medical Society, der gerade erst aus Aleppo zurück in der Türkei angekommen ist.

Russen würden Dörfer komplett zerstören

Der Mediziner erhebt schwere Vorwürfe gegen Russland. "Diejenigen, die bei den russischen Luftschlägen verletzt wurden, sind zu 70 Prozent Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und Senioren", sagt er. Russische Kampfjets würden bei Angriffen "Dörfer komplett zerstören" und auch international geächtete Streubomben einsetzen, sagt Abu al-Es.

Die Rebellen befürchten, Moskaus Luftangriffen nicht mehr lange standhalten zu können. "Wenn Russlands Luftschläge nicht aufhören, kommt die komplette Belagerung, daran haben wir keinen Zweifel", sagt ein vor Aleppo kämpfender Aufständischer am Telefon.

Die Rebellen sind sowohl von den Regierungstruppen als auch von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) umzingelt. Die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger von Al-Kaida, hat in den vergangenen Wochen Hunderte - wenn nicht Tausende - schwerbewaffnete Kämpfer von der Nachbarprovinz Idlib nach Aleppo verlegt.

Die Moral der Aufständischen vor dem Zusammenbruch

Schätzungen zufolge würden die von Rebellen beherrschten Teile Aleppos in maximal ein bis zwei Wochen komplett eingekreist sein, heißt es. "Unsere Hoffnung schwindet", sagt Abd Rahman. Die Moral der Aufständischen stehe vor dem Zusammenbruch. "Wenn das Regime Aleppo einnimmt, droht alles zusammenzubrechen", sagt er. "Dann wäre alles verloren."

Die Akteure im Syrien-Konflikt

Assad-Regime

Baschar al-Assad

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter große Städte wie Damaskus oder Homs sowie den Küstenstreifen. Unterstützt von russischen Luftangriffen und Hilfe aus Iran machte die syrische Armee in den vergangenen Wochen deutlich Boden gut und kreiste unter anderem von den Rebellen kontrollierte Teile Aleppos im Norden ein. Ziel Assads ist es, die Rebellen-Gebiete der Stadt von der Außenwelt abzuschneiden. Sollte das gelingen, würde dieser Schlag Assads Verhandlungsposition deutlich stärken. Der Machthaber lehnt einen Rücktritt ab.

Islamischer Staat

IS-Kämpfer in Syrien  Aufnahmevom 07.04.2015

Die Terrormiliz IS ist die stärkste Kraft in Syrien neben dem Regime. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten deutliche Niederlagen einstecken. Das US-Verteidigungsministerium schätzt die Zahl der Dschihadisten in Syrien und im Irak auf 19.000 bis 25.000 - früheren Schätzungen zufolge waren es mal 20.000 bis 33.000. Für den Rückgang seien demnach Verluste auf dem Schlachtfeld, Fahnenflucht und Disziplinarstrafen des IS gegen eigene Kämpfer verantwortlich, sagt ein Pentagon-Vertreter. Außerdem zeigten die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft Wirkung, den Fluss ausländischer Kämpfer nach Syrien und in den Irak einzudämmen.

Der IS kämpft sowohl gegen das syrische Regime als auch gegen andere Rebellengruppen. Die Dschihadisten zeichnen sich vor allem durch ihren extremen Hass gegen Andersgläubige aus. Sie streben einen Gottesstaat mit radikaler Auslegung an, der Scharia.

Al-Nusra-Front

Kämpfer der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front

Erstmals tauchte Al-Nusra im Januar 2012 auf - zehn Monate nach dem Beginn der Proteste gegen den syrischen Staatschef Baschar al-Assad, aus denen sich der Bürgerkrieg entwickelte. Die Gruppe ist ein Ableger des Al-Kaida-Arms Islamischer Staat im Irak. In der nordirakischen Provinz Ninive war al-Dschulani ihr Anführer.

Im Jahr 2013 lehnte es Al-Nusra ab, sich der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen und band sich an Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri. Dieser erklärt die Gruppe zum einzigen Al-Kaida-Ableger in Syrien, wonach der IS sie aus der ölreichen östlichen Provinz Deir Essor vertrieb.

Laut dem Syrien-Experten Thomas Pierret von der Universität Edinburgh gehören Al-Nusra 7.000 bis 8.000 Kämpfer an. Auf mittlerer Kommandoebene sind nach seinen Erkenntnissen einige Ausländer aktiv, bei den Fußtruppen jedoch kaum. Andere Experten beziffern die Zahl der Kämpfer auf bis zu 10.000, etwa 80 Prozent von ihnen Syrer. Hochburgen der Gruppe sind die nordwestsyrische Provinz Idlib und der Süden der nördlichen Provinz Aleppo. Es gibt aber kein Gebiet, das ausschließlich von Al-Nusra kontrolliert wird - überall kämpft die Gruppe mit Verbündeten.

Weil sie mit vielen Rebellengruppen in ganz Syrien verbündet ist, gilt die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front als zentrale Bedrohung für die seit dem späten Freitagabend geltende Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland. Denn die Waffenruhe gilt nicht für die Al-Nusra-Front. 

Rebellen

Syrische Rebellen schauen am 10.03.2015 in den Himmel

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam.

Ahrar al-Scham gehört zu den stärksten Milizen im Nordwesten Syriens. Kritiker werfen der von Al-Kaida-Veteranen gegründeten Gruppe eine große Nähe zu dem Terrornetzwerk vor. Auch Ahrar al-Scham will einen "islamischen Staat", in dem die Scharia, das Recht Gottes, gilt. Viele Rebellen halten die Gruppe jedoch für moderater als IS und Nusra-Front. Ahrar al-Scham gehört zum Hohen Verhandlungskomitee (HNC), das die Opposition bei den Friedensgesprächen in Genf vertritt.

Wie Ahrar al-Scham wird auch Dschaisch al-Islam Experten zufolge von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt. Die Miliz ist vor allem in dem hart umkämpften Gebiet östlich von Damaskus stark. Auch sie gehört zum HNC. Ihr Vertreter Mohammed Allusch trägt sogar den Titel "erster Verhandler".

Teilweise kooperieren die Rebellen mit der Al-Nusra-Front, einem kampfstarken Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie gehört in Syrien zu den stärksten Milizen. Stark ist die Gruppe vor allem in der Provinz Idlib. Sie ist ideologisch eng mit dem IS verwandt ist, beide Gruppen sind allerdings miteinander verfeindet.

Hisbollah

Hisbollah-Kämpfer und syrische Armeesoldaten stehen auf einem Lastwagen mit Hilfsgütern

Die libanesische Schiitenmiliz kämpft im syrischen Bürgerkrieg seit langem an der Seite des Regimes. Sie wird von Iran finanziert, der Präsident Assad an der Macht halten will, um die Achse Libanon-Syrien-Irak-Iran zu sichern. Die USA haben die "Partei Gottes" auf ihre Terrorliste gesetzt, die EU betrachtet ihren militärischen Arm als Terrororganisation.

Opposition

syrische Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen (HNC), dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

Die Kurden

Kobane: Kurdischer Kämpfer - Aufnahme vom 08.05.2015

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Die Kurdenmiliz ist im Kampf gegen die IS-Terrormiliz bislang sehr effektiv, ist daher wichtiger Partner des Westens und erhält dafür Hilfe aus den USA. Die Kurden kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurdenpartei PYD, ein Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Das NATO-Mitglied Türkei indes bekämpft den bewaffneten Arm der PYD, die YPG, und scheint zunehmend beunruhigt wegen der jüngsten Geländegewinne der Gruppe im benachbarten Bürgerkriegsland. Mit dem Erstarken der Kurden in Syrien und dem Nordirak sieht Ankara auch die Bestrebungen zur Gründung eines Kurdenstaates wachsen.

Die USA und der Westen

Fregatte Augsburg der Bundesmarine

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte "Augsburg", die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

Russland

Archiv - Ein russischer SU-34 Kampfjet beim Abwurf ein Bombe am 09.12.2015

Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

Iran

Hassan Rohani

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien an Assads Seite im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Erdogan und König Salman

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern Assads Sturz. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

09.02.2016, Quelle: ZDF, afp., dpa
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