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merkzettel

Waffengeschäfte in den USA Wenn die Pistole die Rente finanziert

BildWaffen in den USA
Waffen in einem Geschäft in Atlanta

Vom Geschäft mit Schusswaffen profitieren Millionen Amerikaner - ohne es zu wissen. Weil ihre Altersvorsorge oft in Aktien von Waffenschmieden steckt.

(Quelle: dpa)

VideoMit Emotionen gegen Waffenbesitz
US-Präsident Obama

US-Präsident Obama wischt sich Tränen aus dem Gesicht, als er an das Schicksal von Schusswaffen-Opfern erinnert. Bei der Vorstellung seiner Pläne kündigt er schärfere Regeln für den Waffenbesitz an.

(05.01.2016)

VideoObama will schärfere Gesetze
Ein Waffengeschäft in Parker, Colorado.

US-Präsident Obama hat angekündigt, die Waffengesetze per Erlass zu verschärfen. Er könnte so den von Republikanern dominierten Kongress umgehen, der strengere Gesetze bislang blockiert hatte.

(02.01.2016)

VideoWaffenlobby in den USA
Wie können Amokläufe verhindert werden? Die These der Waffen-Lobby: Mehr Waffen für weniger Gewalt.Inszenierte Schießereien an einer Uni in Texas sollen zeigen, wie gefährlich waffenfreie Zonen seien.

Wie können Amokläufe verhindert werden? Die These der Waffen-Lobby: Mehr Waffen für weniger Gewalt.Inszenierte Schießereien an einer Uni in Texas sollen zeigen, wie gefährlich waffenfreie Zonen seien.

(16.12.2015)

von Maya Dähne, New York

Vom Geschäft mit Schusswaffen profitieren Millionen US-Amerikaner - ohne es zu wissen. Denn ihre Altersvorsorge steckt oft auch in Aktien von Waffenschmieden. Dagegen aber regt sich Widerstand. Das Ziel: Die Produzenten da treffen, wo es am meisten wehtut. 

Sheldon Teperman kennt sich aus mit Munition, Patronen und Kalibern. Jeden Tag behandelt er im New Yorker Jacobi Medical Center Patienten mit Schusswunden - seit 32 Jahren. "Vor sechs Jahren lag eine 92-Jährige Frau auf meinem Tisch. Getroffen von einem Irrläufer. Ich konnte nur noch den Totenschein ausstellen."

300 Millionen Schusswaffen

Das war für den Chirurgen Teperman der Wendepunkt. Er wollte mehr tun, als immer neue Opfer mit Schusswunden zusammenzuflicken. 30.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Waffengewalt. Mehr als 300 Millionen Schusswaffen lagern in Schränken und Schubladen. "Das ist doch Wahnsinn."

Teperman beschäftigte sich intensiv mit Waffenrecht und Waffengesetzen - und stellte erstaunt fest, dass er selbst vom Geschäft mit Gewehren, Revolvern und Pistolen profitierte. Durch seine private Rentenversicherung. "Ich rief sofort meinen Finanzberater an und sagte, ich möchte keinen einzigen Cent meines Geldes in diese Killermaschinen investieren. Er hat daraufhin alle Aktien von Waffenproduzenten aus meiner Altersvorsorge rausgenommen."

Nach jedem Massaker Rekordumsätze

An der New Yorker Wall Street werden die Aktien von drei großen Firmen gehandelt, die Waffen und Munition herstellen: Smith&Wesson, Sturm, Ruger&Company und die Olin Corporation. Alle drei haben in den vergangenen Jahren satte Profite gemacht. Die Aktien von Smith&Wesson und Sturm, Ruger&Company sind seit dem Amtsantritt von Präsident Obama 2009 jeweils um sensationelle 900 Prozent gestiegen. Und nach jedem Amoklauf und jedem Schulmassaker werden neue Rekordumsätze erreicht. Ein lohnendes Geschäft für Anleger und Fondsmanager.

"51 Millionen Amerikaner haben private Rentenfonds, in denen möglicherweise auch Aktien von Waffenproduzenten enthalten sind. Aber die wenigsten wissen davon", sagt Leah Gunn Barrett. Gemeinsam mit Teperman und anderen Aktivisten hat sie deshalb die Unload-Kampagne ins Leben gerufen. Auf der Webseite kann jeder ganz einfach überprüfen, ob der eigene Rentenplan Waffenaktien enthält - und entsprechend abrüsten. Das Ziel der Kampagne: Die Waffenproduzenten da treffen, wo es am meisten wehtut, beim Profit.

Profit auf dem Rücken der Toten

"Sie machen Geld auf dem Rücken der Toten. Und das lasse ich nicht zu. Nicht mit meinem Geld", sagt Lori Haas. Sie hat bei einem Amoklauf an der Virginia Tech University 2007 ihre Tochter verloren. Der prominente Rapper Snoop Dogg hat ebenfalls Freunde und Familienmitglieder, die Opfer von Waffengewalt geworden sind. "Ich rüste ab im Namen meiner Lieben, die ich verloren habe." Unter dem Hashtag #ImUnloading wirbt er für "Investitionen ohne Knarren".

Weitere Links zum Thema
Die Unload-Kampagne ist nicht der erste Versuch, der Waffenlobby die finanziellen Mittel zu entziehen. Nach dem Massaker an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012 hatten mehrere öffentliche Pensionsfonds, Vermögensverwalter und Hedgefonds millionenschwere Investitionen in Waffenkonzerne gestoppt.

Keine Geschäfte mit Killern

Die Obfrau von New York, Letitia James, ging im vergangenen Monat, nach dem Massaker von San Bernardino, noch einen Schritt weiter. In einem Brief an die TD Bank schrieb sie: "Wer mit der Stadt New York Geschäfte machen möchte, darf nicht mit Firmen zusammenarbeiten, die Waffen produzieren, die unsere Kinder töten." Nach Angaben der New York Times hat die TD Bank mindestens 280 Millionen Dollar in die Waffenschmiede Smith&Wesson investiert.

Diese Taktik könnte langfristig erfolgreich sein, meint Anti-Waffen-Lobbyistin Leah Gunn Barrett. "Um Politik und öffentliche Meinung scheren sich die Waffenproduzenten nicht. Aber dafür umso mehr ums Geld."

USA: Hochgerüstete Gesellschaft

Undurchsichtige rechtliche Lage

Aussteller auf einer Waffenmesse in den USA (Archivbild)

Im Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung ist das Recht auf privaten Waffenbesitz verankert. Dort heißt es: "Weil eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." Die Frage, wie weit dieses Recht reicht und welchen Beschränkungen es unterworfen werden darf, ist Gegenstand kontroverser Debatten.

Seit 1993 steht etwa eine Überprüfung von Waffenkäufern im Bundesrecht. Verurteilte Kriminelle, Menschen mit psychischen Störungen oder Drogenabhängige dürfen demnach keine Schusswaffen erwerben - allerdings gibt es etliche Schlupflöcher. Dazu kommt ein Dschungel an Gesetzen und Verordnungen auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen. Immer wieder landeten regionale Beschränkungen für Waffenerwerb und -besitz dabei vor dem Obersten Gerichtshof, der in Grundsatzurteilen 2008 und 2010 das Recht auf private Waffen stärkte.

Zahl der Schusswaffen

Waffen in einem Geschäft in Atlanta

Schätzungen zufolge sind in den USA mehr als 300 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz - das entspricht statistisch fast einer Waffe pro Einwohner. In einer Erhebung des Gallup-Instituts vom Oktober gaben 41 Prozent der Befragten an, in einem Haushalt mit mindestens einer Schusswaffe zu leben.

Die Waffenschmieden des Landes produzierten im Jahr 2014 gut 3,6 Millionen Pistolen, rund 744.000 Revolver sowie mehr als 3,3 Millionen Gewehre, wie die Statistiken der Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) zeigen. In den USA gibt es rund 140.000 lizensierte Waffenhändler.

Opfer durch Waffengewalt

Verschiedene Waffen

Mehr als 30.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen - darunter sind mehr als 11.000 Morde. Die Anti-Waffen-Lobbyisten der Brady Campaign geben in ihren Berechnungen für die Jahre 2009 bis 2013 an, dass im Schnitt 297 Menschen täglich durch Schusswaffen verletzt oder getötet wurden. Darunter seien 41 verletzte sowie sieben getötete Kinder und Jugendliche pro Tag.

Schwierige Reformbemühungen

Einigung im US-Senat

Ungeachtet der vielen Schusswaffenopfer gibt es in der US-Politik keine Mehrheit für eine Reform des Waffenrechts. Selbst als 20 Kinder im Dezember 2012 von einem Amokläufer in einer Grundschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut ermordet wurden, scheiterten wenige Monate später im Senat Versuche, Hintergrund-Checks auszuweiten und Sturmgewehre sowie andere halbautomatische Waffen zu verbieten.

Die Republikaner lehnen schärfere Gesetze strikt ab. Bei Obamas Demokraten sind es vor allem Kongressabgeordnete aus ländlich geprägten Bundesstaaten, die eine Reform des Waffenrechts skeptisch sehen. Großen politischen Einfluss übt die finanzkräftige Lobbygruppe National Rifle Association (NRA) aus, die gerade in konservativen Bundesstaaten mit ihrer Unterstützung für einen Kandidaten im Wahlkampf den Unterschied machen kann.

Obamas Alleingang

Ein Waffengeschäft in Parker, Colorado.

Der Präsident ist im letzten Jahr seiner Amtszeit freier, wiedergewählt werden kann er nicht mehr. Sein Maßnahmenpaket sieht eine bessere Überprüfung von Schusswaffenkäufern vor, Hintertüren bei Waffenmessen oder bei Verkäufen über das Internet sollen geschlossen werden. Zusätzliche Beamte bei der ATF und der Bundespolizei FBI sollen die bestehenden Gesetze stärker durchsetzen.

Ein Verbot bestimmter Waffenarten kann Obama ohne den Kongress aber nicht verfügen. Außerdem könnte sein Vorstoß von Gerichten gekippt werden, bestimmte Maßnahmen sind zudem von der Finanzierung durch den Kongress abhängig.

(Quelle: afp, Gregor Waschinski)

12.01.2016
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