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merkzettel

WHO warnt Antibiotika-Resistenz: Weckruf für China

BildAntibiotika verlieren Wirkung
Archiv: Eine chinesische Ärztin untersucht ein Kind

(Quelle: reuters)

VideoKiller-Keime aus dem Stall
Archiv: Schweine stehen am 18.01.2012 in ihrem Stall in einem Mastbetrieb

Killer-Keime aus dem Stall: Was passiert, wenn Antibiotika nicht mehr helfen?

(30.06.2017)

VideoNeue Richtlinien für Antibiotika?
Antibiotika

Es gibt eine neue Diskussion darüber, auf welcher Grundlage Ärzte ihre Patienten, insbesondere Kinder, mit Antibiotika behandeln. Die Bundesregierung will dafür nun neue Richtlinien schaffen.

(06.08.2016)

VideoMultiresistente Keime
Video starten

Sie sind der Schrecken vieler Patienten: Multiresistente Keime. Denn diese Bakterien können lebensgefährlich sein. Viele gängige Antibiotika helfen nicht mehr.

(06.08.2016)

von Stefanie Schöneborn, Peking

Die Weltgesundheitsorganisation prophezeit ein düsteres Bild für das China der Zukunft: Die Volksrepublik konsumiert die Hälfte aller Antibiotika weltweit - oft falsch, was zur Folge hat, dass sie nicht mehr wirken. Die WHO warnt vor einer Million Toten jährlich ab 2050. Das Land beginnt, umzudenken. 

"Das worst-case Szenario, das wollen wir uns gar nicht vorstellen", sagt Bernhard Schwartländer von der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Aber die realistischen Szenarien, die wir zur Zeit haben sind, dass wir 2050 in China etwa mit einer Millionen Toten rechnen müssen, die einfach deshalb sterben, weil sie Infektionen haben, die wir nicht mehr mit herkömmlichen Antibiotika behandeln können." Weltweit sei diese Zahl sogar zehnmal höher. Mit 10 Millionen Todesfällen sei jährlich zu rechnen, so Schwartländer weiter, auch die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft seien dramatisch. "100 Billionen Dollar jedes Jahr werden wir verschwenden, weil wir einfach mit den Konsequenzen der Antibiotikaresistenzen umgehen müssen." Diese Aussage ist so beängstigend wie die multiresistenten Keime tödlich sein können.

Viel Aufklärung nötig

Der Weckruf ist so alarmierend, dass selbst in China ein Umdenken stattfindet. Die Regierung hat letztes Jahr eine Strategie im Kampf gegen den falschen Einsatz von Antibiotika und gegen multiresistente Keime entwickelt. Das hat China auch nötig, denn die Hälfte aller Antibiotika weltweit werden in China nicht nur produziert, sondern auch konsumiert. 50 Prozent davon wird bei der Tierhaltung eingesetzt, die anderen 50 Prozent in Krankenhäusern bei der medizinischen Behandlung von Menschen.

Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist immer noch nicht hoch genug. Viele Patienten erwarten, wenn sie ins Krankenhaus kommen, dass sie Antibiotika bekommen. Genauso, wie es vor zehn Jahren noch gemacht wurde. Da war es ganz normal. 70 Prozent aller Patienten, die ins Krankenhaus kamen, wurde erstmal ein Antibiotikum gegeben, ob sie es brauchten oder nicht - egal. Noch heute hat sich in den Köpfen der Chinesen festgesetzt, dass Antibiotika eine Allzweckwaffe ist. Da ist noch viel Aufklärung nötig.

Falscher Einsatz als Nährboden für Keime

Hinzu kommt der Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht. 80 Prozent der Landwirte in China arbeiten massiv mit Antibiotika. Das Fleisch dieser Tiere landet dann im Magen der Bevölkerung und durch die Fäkalien der Tiere landet es auch im Grundwasser. Im internationalen Vergleich haben die Flüsse in China dem Guangzhou-Institut für Geochemie zufolge eine sehr hohe Konzentration an Antibiotikum. Im Durchschnitt 303 Nanogramm pro Liter. Zum Vergleich: in den USA wurden 120 Nanogramm, in Deutschland 20 Nanogramm pro Liter gemessen.

Vor allem aber ist der falsche Einsatz der Antibiotika der Nährboden für multiresistente Keime, was für den Menschen tödlich sein kann. Einige wenige Landwirte wollen dem übertriebenen Einsatz von Antibiotika den Rücken kehren. Doch nur wenige steigen komplett um.

Antibiotika als Wachstumsbooster

Liu Peiwa ist einer der wenigen Biobauern in China. Die meisten seiner Tiere züchtet er im Westen Chinas, ein paar auch in der Nähe von Peking. Er hat Schweine, Kühe, Schafe und Hühner. Bei ihm bekommen sie Gemüse, Gras und Heu. Er kennt sich aus mit der Massentierhaltung, denn wer in China als Bauer arbeitet, fängt dort eben an. Die meisten setzen Antibiotika ein, weil das die Tiere schneller wachsen lässt. Wenn sie vier Monate alt sind können die Schweine beispielsweise schon geschlachtet werden.

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In Deutschland hat ein Schwein die nötige Größe zum Schlachten nach acht Monaten erreicht. Bei Liu Peiwa dauert das Leben seiner Tiere ein ganzes Jahr. Obwohl sein Bio-Fleisch doppelt so teuer ist, macht er nicht so viel Gewinn wie die anderen, die Antibiotika einsetzen. Dafür schmecke sein Fleisch besser, sagt er. Die meisten Chinesen wüssten doch gar nicht mehr wie Fleisch ohne Zusätze schmecke. Liu Peiwa ist überzeugt, dass es bald immer mehr Züchter wie ihn geben werde. Irgendwann würden alle Chinesen begreifen, dass gesundes Fleisch einfach besser ist als billiges.

Konsequentes Umdenken angebracht

Das Umdenken wird ausschlaggebend für die Zukunft Chinas sein, wenn man den Experten der WHO Glauben schenken darf. Denn in dem Umfang wie die Antibiotikaresistenz verursacht wird, kann sie auch gelöst werden. Der erste Schritt wäre, dass auf Antibiotika in der Tierhaltung weitestgehend verzichtet werden müsste. Zum zweiten müsste drastisch über den Einsatz von Antibiotika im medizinischen Bereich nachgedacht werden. Das heißt, es müsste ganz klar sein, dass Antibiotika nur dann gebraucht werden, wenn sie wirklich Sinn machen. Das heißt, nur wenn Infektionen vorliegen, bakterielle Infektionen zum Beispiel, bei denen die Antibiotika auch wirklich Wirkung zeigen können. Die meisten Infektionen, werden allerdings durch Viren verursacht. Das heißt, Antibiotika können da gar nicht helfen. Das heißt, sie würden dann nur schaden.

So lautet der Aufruf der WHO in Ländern wie China: konsequent umdenken und handeln, bevor es zu Millionen von Todesfällen durch multiresistente Keime kommt.

Glossar: Antibiotika, Keime und Co.

Antibiotika

Antibiotika - bunte Tabletten

Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien abtöten oder deren Wachstum hemmen und so Infektionen bei Menschen und Tieren heilen können. Mit Antibiotika kann man bakterielle Infektionen behandeln, zum Beispiel Lungenentzündungen (beispielsweise durch Pneumokokken verursacht) oder Blutstrominfektionen (beispielsweise durch Staphylokokken verursacht). Nicht alle Antibiotika sind gegen alle Bakterien wirksam.

Es gibt mehr als 15 verschiedene Klassen von Antibiotika, zum Beispiel Cephalosporine, Carbapeneme, Glykopeptide, Tetracycline, Penicilline und Sulfonamide. Die Antibiotikaklassen unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur, und damit in ihrer Wirksamkeit gegen verschiedene Bakterien.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Antimykotika

Arzneimittel, die bei Krankheiten eingesetzt werden, die durch Pilze verursacht werden.

Antibiotikaresistenz

Bakterien verfügen über die natürliche Fähigkeit, sich gegen Antibiotika, die von anderen Mikroorganismen (wie zum Beispiel Pilzen) produziert werden, zu schützen. So kommen Antibiotikaresistenzen ganz natürlich in der Umwelt vor. Sie entstehen durch natürliche Mutationen im Erbgut der Bakterien oder durch Aufnahme von Resistenzgenen aus der Umgebung, die Bakterien untereinander austauschen und dabei weitergeben. Bakterien können mehrere Resistenzgene aufnehmen, die sie gegen verschiedene Antibiotika schützen. So entstehen mehrfach- beziehungsweise multiresistente Bakterien, die einer Vielzahl von Antibiotika widerstehen können.

Durch den Einsatz von Antibiotika entsteht ein Selektionsdruck: Bakterienstämme, die eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum besitzen, überleben, können sich weiter vermehren und ausbreiten. Wenn Antibiotika zu oft, über einen zu langen Zeitraum oder unsachgemäß angewandt werden, begünstigt das die Entstehung und Verbreitung von resistenten Erregern. Ein wichtiger Ansatz zur Verringerung von Antibiotikaresistenzen ist daher der gezielte Einsatz von Antibiotika.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

ESBL-bildende, gram-negative Antibiotika

Vor mehr als 30 Jahren wurden die Antibiotika der Klasse der Cephalosporine der dritten Generation eingeführt. Inzwischen haben sich gegenüber diesen Antibiotika besonders problematische Resistenzen entwickelt.

In den letzten Jahren haben nosokomiale (d.h. im Krankenhaus erworbene) Infektionen durch Darmbakterien wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae mit Resistenz gegenüber Cephalosporinen der dritten und der vierten Generation weltweit deutlich zugenommen.

Neben der Cephalosporinresistenz gewinnen Carbapenem-resistente gram-negative Erreger immer mehr an Bedeutung. Häufigste Ursache dieser Resistenz ist die Bildung von Carbapenem-spaltenden Enzymen, welche zumeist auch alle Antibiotika der Klasse der Penicilline und Cephalosporine spalten können. Infektionen mit diesen Erregern sind oft nur noch mit dem Antibiotikum Colistin erfolgreich behandelbar.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Multiresistente Erreger

Ein Krankheitserreger wird dann multiresistent genannt, wenn er gegen eine Vielzahl von Antibiotika oder sogar gegen alle Antibiotika widerstandsfähig ist. Das bedeutet, dass Infektionen mit diesen Erregern nur sehr schwer bis gar nicht behandelt werden können. Eine wachsende Anzahl der nosokomialen Infektionen (Krankenhausinfektionen) wird durch resistente oder multiresistente Erreger verursacht.

Siehe auch:
Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA)
Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE)
ESBL-bildende gram-negative Bakterien

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

MRSA: Methicillin-resist. Staphilococcus aureus

Viele Krankenhausinfektionen werden durch Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Stämme - kurz MRSA genannt - verursacht. Staphylokokken sind häufig vorkommende Bakterien, die insbesondere die Haut und Schleimhäute besiedeln. Die Besonderheit von MRSA-Stämmen ist jedoch, dass sie gegen das Antibiotikum Methicillin resistent sind.

MRSA-Stämme traten erstmals vor 50 Jahren während der klinischen Erprobung des Antibiotikums Methicillin zunächst in England, in den nachfolgenden Jahrzehnten auch weltweit, auf. Bis in die 1990er Jahre waren davon nahezu ausschließlich Krankenhäuser betroffen. MRSA-Stämme wurden dort zunehmend zu einem Problem, da sie nicht nur gegen Methicillin und alle anderen Antibiotika in der Klasse der beta-Laktam-Antibiotika, der wichtigsten Antibiotikaklasse für die Behandlung von Staphylokokken-Infektionen, resistent sind sondern oft auch resistent gegen weitere Antibiotikaklassen geworden sind (Mehrfachresistenz).

Seit dem Auftreten von Infektionen mit MRSA auch außerhalb von Krankenhäusern Mitte der 1990er Jahre sowie bei Nutztieren seit 2005 wird zwischen den mit dem Krankenhaus assoziierten MRSA (hospital acquired, ha-MRSA), mit dem ambulanten Bereich assoziierten MRSA (community acquired, ca-MRSA) und mit der Tiermast assoziierten MRSA (livestock associated, la-MRSA) unterschieden. ha-MRSA können im Krankenhaus erworben werden und erst nach Entlassung als Besiedler oder Infektionserreger in Erscheinung treten. Für das Auftreten von ha-MRSA gibt es bekannte Risikofaktoren wie z.B. vorausgehende längere Krankenhausaufenthalte, Behandlung in Intensivpflegeeinheiten oder eine Antibiotikabehandlung. ca-MRSA treten unabhängig von diesen Risikofaktoren auf.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Nosokomiale Infektion oder Krankenhausinfektion

Als nosokomiale oder Krankenhausinfektion bezeichnet man Infektionen, die sich Patienten während ihres Aufenthalts in einem Krankenhaus oder bei einer ambulant durchgeführten medizinischen Behandlung zuziehen. Die Gründe für solche Infektionen sind vielfältig. Manche Patienten benötigen invasive Untersuchungen oder Therapien, zum Beispiel mittels Gefäßkatheter, Harnwegskatheter, Ernährungssonden oder künstliche Beatmung, das sind Eintrittswege für Erreger in den Körper. Häufig besiedeln die Erreger zu­nächst den Patienten auf der Haut oder im Darm, bevor sie eine Infektion verursachen.

Hygienemängel, ins­besondere die Händehygiene, spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Erreger. Zu den häufigsten Krankenhausinfektionen gehören Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegs- und Wundinfektionen sowie Durchfallerkrankungen durch Clostridium difficile. Ein Teil dieser Infektionen wird durch Erreger verursacht, die gegen Anti­bio­tika resistent sind.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

Vancomycin-resistente Enterokokken

Enterokokken sind wichtige Erreger von nosokomialen Infektionen ("Krankenhausinfektionen"), insbesondere bei intensivmedizinisch betreuten Patienten. Risikopatienten sind oft schwer kranke, ältere Patienten mit einem geschwächten Immunsystem. Enterokokken weisen oft mehrfache Resistenzen, zum Teil Hochresistenzen gegen Antibiotika auf.

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit)

Virostatika

Arzneimittel, welche die Vermehrung von Viren verhindern. Sie werden bei Infektionskrankheiten eingesetzt, die durch Viren verursacht werden.

Was kann man tun?

Wenn Patienten unnötig Antibiotika einnehmen oder eine antibiotische Behandlung vorzeitig abbrechen, kann das dazu führen, dass die Antibiotika ihre Wirksamkeit gegen bakterielle Erreger verlieren und dann, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht mehr helfen. Informationen darüber, was Patienten bei der Ein­nahme von Antibiotika beachten sollten, sind unter anderem auf den Internet­seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) abrufbar.

(Quelle: Robert-Koch-Institut)

02.07.2017
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