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merkzettel

Rechtsextremismus in der Bundeswehr Weiterer Offizier vom Dienst suspendiert

BildBundeswehrsoldaten in Augustdorf
Archiv: Bundeswehrsoldaten eines Wachbataillons marschieren am 26.04.2007 in Augustdorf bei Bielefeld

(Archivbild)

(Quelle: dpa)

VideoVon der Leyen unter Druck
ZDF-Korrespondentin Bettina Schausten

Wie konnte eine mutmaßlich rechte Terrorzelle innerhalb der Bundeswehr unentdeckt bleiben? Dazu musste sich Ursula von der Leyen am Mittwoch vor dem Verteidigungsausschuss äußern. Eine Einschätzung von ZDF-Hauptstadt-Korrespondentin Bettina Schausten.

(10.05.2017)

VideoVon der Leyen will Reformen
Von der Leyen vor Verteidigungsausschuss

Verteidigungsministerin von der Leyen hat in einer Sondersitzung des Verteidigungs-Ausschusses zu den rechts-extremen Vorfällen in der Bundeswehr ausgesagt. Sie kündigte grundlegende Reformen in der Truppe an.

(10.05.2017)

VideoKritik an von der Leyen
Gewehr und gezeichneter Soldat

Ursula von der Leyen muss den Abgeordneten Antworten liefern. Gibt es in der Bundeswehr eine Terrorzelle um Franco A.? Die Opposition sieht die Ministerin in voller Verantwortung für diese Vorgänge.

(10.05.2017)

Im Zuge der Affäre um Franco A. hat die Bundeswehr einen weiteren Offizier vom Dienst suspendiert: Er fiel wegen rechtsextremer Äußerungen auf - und soll von der Gruppe um Franco A. gewusst haben. Ministerin von der Leyen räumt derweil weiter auf und stoppte das Liedbuch "Kameraden singt!". 

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte einen Bericht des Magazins "Der Spiegel", wonach der betroffene Oberleutnant Ralf G. keine Uniform mehr tragen dürfe. Sein Fall wurde an die Bundesanwaltschaft übergeben. Sie soll klären, ob Ralf G. nähere Kenntnisse von der Gruppe um den mutmaßlich rechtsextremen Oberleutnant Franco A. hatte. Dieser hatte sich monatelang als syrischer Flüchtling ausgegeben und plante mit Komplizen offenbar einen Anschlag unter falscher Identität. Zwei weitere Verdächtige sitzen in dem Fall bereits in Haft, der Oberleutnant Maximilian T. und der Student Mathias F.

Anleitung zum Bombenbau gefunden

Nach "Spiegel"-Informationen soll Ralf G. in seiner Kaserne in Augustdorf rechtsextreme Äußerungen getätigt, gegen Flüchtlinge gehetzt und auch einen Hinweis auf die Gruppe um Franco A. gegeben haben. Der Soldat habe laut der Zeugenaussage eines Kameraden gesagt, in der Kaserne Illkirch gebe es "eine Gruppe gewaltbereiter Offiziere, die Waffen und Munition sammeln, um im Fall eines Bürgerkriegs auf der richtigen Seite zu kämpfen".

In Illkirch waren Franco A. und Maximilian T. stationiert. Interne Ermittlungen der Bundeswehr hätten ergeben, dass Ralf G. den am Dienstag festgenommenen Maximilian T. persönlich kannte.

Wie der "Spiegel" weiter berichtete, fanden Ermittler bei Franco A. eine Anleitung zum Bombenbau. Auf einem elektronischen Datenträger des Offiziers habe sich das "Mujahideen Explosives Handbook" befunden, das in islamistischen Kreisen lange als Lehrbuch gehandelt wurde.

"Der totale Widerstand"

Darüber hinaus hätten die Ermittler auf den Datenträgern ein Werk mit dem Titel "Der totale Widerstand" entdeckt - ein Schweizer Buch aus der Zeit des Kalten Kriegs, das sich mit Widerstandsmethoden gegen eine Besatzerarmee befasst. In Deutschland steht es laut "Spiegel" seit 1988 auf dem Index, zirkuliert aber weiter in Neonazikreisen.

Auf den Datenträgern fanden sich zudem teilweise stundenlange Selbstreflexionen von Franco A., wie das Nachrichtenmagazin erfuhr. Diese sollen demnach seine Gewaltbereitschaft belegen. "Gewalt war nicht nur eine letzte Option, sondern wird durchgehend als probates Mittel beschrieben", zitierte der "Spiegel" aus Sicherheitskreisen.

Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform entfernt

In der Kaserne der Deutsch-Französischen Brigade im elsässischen Illkirch hatte das Jägerbataillon 291 einen Raum mit Wehrmachtssoldaten in Heldenposen dekoriert ausgeschmückt - weshalb Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nun sämtliche Kasernen nach Andenken an die Wehrmacht, etwa Stahlhelme oder Gewehre, durchsuchen lässt.

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Dieser Kampagne fiel jetzt auch Altkanzler Helmut Schmidt zum Opfer. Da ein Bild den 2015 gestorbenen SPD-Politiker in Wehrmachtsuniform zeigt, ließ die nach ihm benannte Bundeswehruniversität Hamburg sein Konterfei aus dem Flur eines Studentenwohnheims entfernen. "Die Vorgesetzten haben die Studenten angewiesen, das Bild abzuhängen", sagte ein Sprecher der Universität. SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold reagierte empört: "Dieses Beispiel beweist, dass die Ministerin Maß und Mitte verloren hat und die Truppe tief verunsichert", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Von der Leyen stoppte zudem die Ausgabe des Liederbuches "Kameraden singt!". Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete, stehen vor allem die Lieder "Schwarzbraun ist die Haselnuss", das "Panzerlied" oder das "Westerland-Lied" in der Kritik. Das Streitkräfteamt solle nun eine neue Liedersammlung entwickeln.

Rechtsextreme: Versagt die Bundeswehr?

Rechtsextreme in der Bundeswehr

Der_Fall_Franco_A

Ein Rechtsextremer, der unbehelligt bei der Bundeswehr seinen Dienst tun darf: Der Fall Franco A. erinnert an andere düstere Vorkommnisse aus der Vergangenheit. Schon einmal hat das Militär nicht genau hingeschaut bei einem Extremisten in den eigenen Reihen - mit verheerenden Folgen.

Wer hat die Ermittlungen gegen Franco A. in Gang gesetzt?

Der erste Hinweis kommt aus Frankreich, wo der Soldat an der Militärakademie Saint-Cyr studiert. Der dort zuständige General Antoine Windeck lehnt die Masterarbeit des Deutschen im Januar 2014 ab, weil sie völkische Theorien enthält. Windeck informiert A.s Vorgesetzten und erklärt: "Wenn es ein französischer Lehrgangsteilnehmer wäre, würden wir ihn ablösen." Die Bundeswehr leitet Vorermittlungen gegen Franco A. ein. Die werden allerdings nach einer Anhörung und einer "mündlichen Ermahnung»" eingestellt. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) wird nicht informiert. Erst nachdem die österreichische Polizei den Soldaten später vorübergehend in Wien festnimmt, wo er eine Waffe auf einer Flughafentoilette versteckt hat, befassen sich auch die Bundeswehr und die deutschen Sicherheitsbehörden mit dem Soldaten.

Was hat die Bundeswehr in diesem Fall übersehen?

Franco A. hatte Wehrmachtsdevotionalien in seiner Stube. In seiner Masterarbeit hantiert er mit Thesen, die ein Gutachter als "völkisch und rassistisch" einstuft. Den britische Holocaust-Leugner David Irving stellt er in dieser Arbeit als Opfer subversiver Aktivitäten dar. Wie offen Franco A. seine rechtsextreme Gesinnung im Dienst zeigte, ist noch Gegenstand von Ermittlungen. Es gibt allerdings bisher keine Hinweise darauf, dass er ein Einzelgänger war.

Welche Konsequenzen hatte der Hinweis aus Wien?

Der - inzwischen eingeschaltete - MAD informiert am 4. Februar 2017 den Kommandeur des Jägerbataillons 291 in Illkirch, wo A. nun stationiert ist. Das Bundeskriminalamt stellt nach einer Überprüfung fest, dass sich der Soldat eine zweite Identität als syrischer Flüchtling zugelegt hat. Franco A. wird zum Waffenfund in Wien befragt. Später stellt sich heraus, dass der Verdächtige auch nach Bekanntwerden des Waffenfundes noch eine Schießübung leiten darf. Bei dieser Übung ist womöglich Munition abhandengekommen.

Ist das der erste Fall?

Nein. Prominentestes Beispiel ist der Fall von Uwe Mundlos. Der Mann, der später zum Rechtsterroristen wurde und gemeinsam mit seinen Komplizen vom "Nationalsozialistischen Untergrund" ab dem Jahr 2000 eine beispiellose Mordserie beging, fiel schon in den 90er Jahren beim Wehrdienst als Rechtsextremer auf. Bei ihm wurden damals Dinge gefunden, die keinen Zweifel an seiner Gesinnung ließen: ein Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, persönliche Visitenkarten mit dem Kopf von Adolf Hitler, rechte Musik, Flugblätter der NPD.

Wie ging die Bundeswehr damals mit Mundlos um?

Vorgesetzte vernahmen ihn, holten Erkundigungen ein. In der Personalakte wurde damals vermerkt: "Die Einleitung eines disziplinargerichtlichen Verfahrens ist nicht vorgesehen. Uwe Mundlos erfüllte seinen Dienst bisher zur vollen Zufriedenheit und fiel bisher nicht negativ auf." Mundlos' Kompaniechef plädierte zwar für sieben Tage Disziplinararrest. Antreten musste der Soldat die Strafe aber nie. Stattdessen beförderte die Bundeswehr Mundlos. Zum Abschluss bekam er ein passables Zeugnis. Zu einer Entlassung kam es nicht. Die Begründung: Es handele sich um einen Wehrpflichtigen.

War der Bundeswehr-Geheimdienst MAD im Fall Mundlos involviert?

Ja. MAD-Leute befragten Mundlos damals - allerdings mit großer Verzögerung. Das Gespräch blieb auch folgenlos. Noch dazu kam die MAD-Akte Mundlos bei der NSU-Aufklärungsarbeit Jahre später nur quasi nebenbei ans Licht. Ein Ex-MAD-Mann beklagte schließlich im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, es sei frustrierend, dass die Überprüfungen durch seine Leute oft keine Konsequenzen gehabt hätten. Mitunter sei es sogar schwierig gewesen, die Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass ein Rechtsextremer nicht Zeitsoldat werden dürfe; schließlich hätten sich Rechte oft als "gute Soldaten" hervorgetan. Mundlos war kein Einzelfall. Mit anderen Rechtsextremen ging das Militär in der Vergangenheit auch schonend um.

Hat sich denn trotz solcher Skandale nichts getan beim Militär?

Es gab Änderungen - unter anderem, um dafür zu sorgen, dass Wehrpflichtige, die durch extremistisches Gedankengut auffallen, nicht mehr als Zeitsoldaten übernommen werden. Im Dezember 2016 wurde auch eine Verschärfung beschlossen. Jetzt werden alle Bundeswehr-Bewerber vorab vom MAD durchleuchtet, um Extremisten von der Truppe fernzuhalten. Das Problem bleibt aber. Laut Verteidigungsressort bearbeitet der MAD derzeit 280 Rechtsextremismus-Verdachtsfälle in der Truppe. Zwischen 2012 und 2016 seien 18 Angehörige der Bundeswehr vorzeitig wegen Rechtsradikalismus entlassen worden. (Quelle: dpa)

Gibt es Anzeichen für ein rechtsextremes Netzwerk?

Der Begriff "Netzwerk" ist vielleicht eine Nummer zu groß. Auch über mögliche Anschlagspläne weiß man bislang wenig. Sowohl bei Oberleutnant Franco A. als auch bei dem 24-jährigen Studenten aus Offenbach, der als mutmaßlicher Komplize gilt, sollen die Behörden inzwischen prüfen, ob es Verbindungen zur rechtsextremen Identitären Bewegung gibt. Die Ermittler haben außer Franco A. noch mindestens vier weitere Soldaten im Blick, drei aktive Offiziere und einen Reservisten der Bundeswehr, der in Österreich lebt. Einer dieser Soldaten soll Maximilian T. sein, der mit Franco A. im Jägerbataillon 291 im elsässischen Illkirch diente. Ihm schreiben Ermittler eine Liste mit Namen von Prominenten zu - unter anderem Justizminister Heiko Maas (SPD), Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Ex-Bundespräsident Joachim Gauck sollen darauf stehen.

Skandale in der Bundeswehr

März 2017

Hochstaufen-Kaserne Bad Reichenhall

Aus dem Umfeld des Bundestags-Verteidigungsausschusses wird bekannt, dass es bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall (Bayern) zu Sex-Mobbing, Volksverhetzung und Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen sein soll. Mäuse seien mit Luftgewehren getötet worden. Zudem ermittelt die Bundeswehr gegen 14 Soldaten wegen sexueller Belästigung und Nötigung eines Kameraden.

Januar 2017

Soldaten der Kaserne in Pfullendorf (Baden-Württemberg) berichten von demütigenden Aufnahmeritualen. Zudem sollen Ausbilder untergebene Soldatinnen zum Tanz an der Stange gezwungen und sie im Intimbereich abgetastet haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung.

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) spricht zudem in seinem Bericht von rund 60 meldepflichtigen Ereignissen im Jahr 2016 "mit Verdacht auf Extremismus oder Verstoß gegen die Grundsätze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung". Es wurden etwa antisemitische oder ausländerfeindliche Bilder, Texte und Musik geteilt, der Hitlergruß gezeigt oder "Sieg Heil" gerufen.

November 2012

Der Bundestags-Untersuchungsausschuss zu den Morden der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bringt ans Licht, dass die Bundeswehr jahrelang Rechtsextreme in ihren Reihen geduldet hat. Bis zum Ende der 1990er Jahre seien Wehrpflichtige mit rechter Gesinnung in der Regel nicht entlassen worden.

November 2010

Eine 25-jährige Kadettin geht auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" nachts über Bord und ertrinkt. Ihr Tod löst eine Affäre aus, in der auch Schikanen und sexuelle Belästigung an Bord des Dreimasters angeprangert werden. Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen gegen Schiffsführung und Besatzungsmitglieder Mitte 2011 ein. Der Absturz sei ein Unglück gewesen. Bereits zuvor hatte es auf der "Gorch Fock" Unfälle mit Todesopfern gegeben.

Februar 2010

In der Gebirgsjäger-Kaserne im oberbayerischen Mittenwald werden entwürdigende Aufnahme-Rituale bekannt. Neulinge müssen rohe Schweineleber essen und Alkohol bis zum Erbrechen trinken. In der Folge gehen beim Wehrbeauftragten Schreiben von Soldaten über ähnliche Praktiken in weiteren Kasernen ein.

12.05.2017, Quelle: dpa, afp
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