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merkzettel

Flüchtlinge Jedes Jahr fehlen weitere 100.000 Wohnungen

BildEin Platz zum Leben
Häuserfassaden

Flüchtlinge treffen auf einen Wohnungsmarkt, der nicht auf die neuen Herausforderungen eingestellt ist - der schon mit seinen alten Problemen überfordert war.

(Quelle: dpa)

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Flüchtlingskoordinator in Rheinland-Pfalz

Ein Flüchtlingskoordinator sucht Wohnraum für Flüchtlinge. Auch in Rheinland-Pfalz: Den ganzen Tag ist er landauf, landab unterwegs, damit die Menschen im Winter feste Unterkünfte haben.

(19.12.2015)

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Zwei Bremer Architekten denken Flüchtlingsunterkünfte neu: Bunte Container und viel Platz für Privatsphäre erleichtern die Integration. Das Konzept geht auf: Auch andere Bundesländer zeigen Interesse.

(28.09.2015)

von Ralf Lorenzen

Bezahlbarer Wohnraum war in Großstädten wie München und Hamburg schon vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen knapp. Jetzt müssen die Städte neben der Organisation der Erstunterbringung auch schnell Vorsorge für die Integration auf dem Wohnungsmarkt treffen – sonst droht ein Obdachlosenproblem. 

Mindestens einmal in der Woche klappert Zahira (Name geändert) telefonisch die Hamburger Wohnungsbaugenossenschaften ab. Die 17-Jährige spricht am besten Deutsch in der fünfköpfigen Familie, die vor drei Jahren aus Syrien nach Hamburg floh. "Aber sie sagen immer, sie haben noch nichts für uns." So müssen sie weiter alles in zwei Zimmern erledigen – inklusive Büffeln für den Realschulabschluss, den Zahira und ihre Schwester im kommenden Jahr machen wollen.

400.000 neue Wohnungen pro Jahr insgesamt nötig

"Unser Bruder ist krank, wir haben sogar einen Brief vom Krankenhaus, dass er ein eigenes Zimmer braucht", sagt Zahira. Wer als Flüchtling den Schritt aus der Sammelunterkunft herausgeschafft hat, trifft auf einen Wohnungsmarkt, der in keiner Weise auf die neuen Herausforderungen eingestellt ist - der schon mit seinen alten Problemen überfordert war.

"Um den Bedarf zu decken, müssten bis zum Jahr 2020 jährlich 400.000 Wohnungen neu gebaut werden", sagt Immobilienexperte Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft. Derzeit liegt die Zahl der jährlich neu gebauten Wohnungen bei 250.000. Allein durch die Nachfrage von Asylberechtigten müssen nach Berechnungen des IW bis 2020 jährlich im Schnitt 100.000 Wohnungen gebaut werden.

Bund gibt Flächen günstiger ab

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In den meisten Städten sind wie in Essen zwar Mitarbeiter unterwegs, um im Bestand nach geeigneten Wohnungen zu suchen, aber derzeit rächt sich nach Ansicht von Pro Asyl die Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus in den letzten Jahren. Es gibt kaum noch bezahlbare Wohnungen, in München ist in den letzten 15 Jahren beispielsweise die Hälfte aller Sozialwohnungen aus der Sozialbindung herausgefallen.

Durch den Druck steigender Flüchtlingszahlen ist allerdings Bewegung in die Aktivitäten von Bund, Ländern und Kommunen gekommen. So gibt der Bund einen Sonderrabatt auf Grundstücke aus seinen Immobilien, wenn der Käufer diese entweder zur Errichtung von Sozialbauten erwerben will oder für die Unterbringung von Flüchtlingen. Die Ergänzungsmittel für die Wohnungsbauförderung der Länder hat der Bund bis 2019 um 500 Millionen Euro jährlich erhöht.

Länder legen Programme auf

Einige Länder wie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben bereits spezielle Programme aufgelegt. Die Städte und Gemeinden, die diese umsetzen müssen, stehen allerdings vor dem Problem, drei Schritte gleichzeitig machen zu müssen: die Organisation der Erstunterbringung, der Folgeunterbringung sowie die langfristige Integration auf dem Wohnungsmarkt.

Dem begegnet der bayerische Wohnungsbaupakt mit einem Dreisäulenmodell: einem Sofortprogramm für 3.300 Wohnungen mit abgesenktem Standard, einem Vierjahresprogramm ab 2016, das jährlich 1.500 neue Wohnungen bringen soll und dem Ausbau der allgemeinen staatlichen Wohnraumförderung. Die ersten beiden Säulen sind anerkannten Asylbewerbern vorbehalten, deren Zahl durch die Beschleunigung der Asylverfahren schnell wächst.

München: Flächen fehlen

Aber nicht nur in München, das wie Hamburg schon vor der aktuellen Situation seine Zielzahlen für den Wohnungsbau deutlich erhöht hatte, sind geeignete Flächen für den Neubau knapp. So plant die mittelfränkische Stadt Fürth bestehende Häuser um neue Stockwerke zu erweitern.

Anders als in Bayern richtet sich das neu aufgelegte Hamburger Bauprogramm für 5.000 Wohnungen, die bis Ende nächsten Jahres bezugsfertig sein sollen, nicht nur an anerkannte Asylbewerber, sondern an "Flüchtlinge und Asylbegehrende". Die Wohnungen sollen zwar dem normalen Sozialwohnungsstandard entsprechen, dürfen aber mit mehr Personen belegt werden als reguläre Wohnungen.

Hamburg: Bauen für Flüchtlinge, Wohnen für alle

In der ersten Phase werden sie vom staatlichen Sozialträger fördern&wohnen als Generalmieter betrieben. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen die Wohnungen in den normalen Sozialwohnungsbestand übergehen und die Bewohner eigene Mietverträge erhalten. "Flüchtlingsunterkünfte mit der Perspektive Wohnen" heißt dieses Modell, für das die Bezirke schon zahlreiche Flächen für jeweils 800 Wohneinheiten gemeldet haben. Die Botschaft ist klar: Gebaut wird für Flüchtlinge, wohnen kann später jeder drin.

Fragen und Antworten zu freien Wohnungen

Wie viele Wohnungen gibt es insgesamt?

Kommentar von Art Hendricks

"Zum letzten Zensus gab es insgesamt sogar rund 1,8 Millionen leer stehende Wohnungen. Der Gesamtbestand in Deutschland beträgt rund 40,5 Millionen Wohnungen. Wie viele genau davon nun dauerhaft leer stehen, lässt sich aber gar nicht so genau bestimmen, weil ein großer Teil dieser Stichtagsleerstände eben auch Wohnungen enthält, die gerade wegen Umzügen für Wochen oder wenige Monate leer stehen", sagt Matthias Günther, Geschäftsführer des Eduard-Pestel-Instituts für Systemforschung, das die deutsche Immobilienwirtschaft analysiert und berät. Unterm Strich könne man bei solchen kurzfristigen Leerständen mit einem Anteil von rund zwei bis drei Prozent Gesamtanteil ausgehen. Der Rest seien dauerhafte Leerstände, so Günther.

Wo liegen die leer stehenden Wohnungen?

Kommentar von Brigitta Hiller

"In den östlichen Bundesländern stehen rund 560.000 Wohnungen leer, im Westen rund eine Million", sagt Matthias Günther. Leerstand herrsche vor allem dort, wo es keine Arbeitsplätze gebe. "Wo Wohnungen gebraucht werden, liegen wir weit über den Mobilitätsgrenzen." Heißt: Wo viele Menschen Arbeit finden, ist der Wohnraum knapp – und Wechsel immer schwieriger: "Wer in solchen Gegenden eine Wohnung hat, zieht nicht aus, denn er findet ja nichts Neues", so Günther. Eine Menge leer stehender Wohnraum bestehe außerdem aus Ein- und Zweifamilienhäusern auf dem Land. "Die Frage ist doch: Kann man darin Flüchtlinge unterbringen und was sollen die da tun? Wie sollen sie bei fehlendem öffentlichen Nahverkehr zu den Ämtern kommen ohne Auto? 1,5 Millionen leere Wohnungen hört sich da nur auf den ersten Blick gut an."

Wie viele Wohnungen könnten direkt bezogen werden?

Kommentar von Martin Ketteler

"Viele dieser Leerstände gestalten sich so, dass man auf keinen Fall direkt einziehen könnte", sagt Christian Huttenloher, Generalsekretär beim Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung. Manche solcher Immobilien warten einfach auf den Abriss, andere müssten dringend saniert werden. Interessant sei, so Huttenloher, dass Ostdeutschland, wo viel zurückgebaut wurde, mittlerweile wieder Wachstumszentren habe - Leipzig, Rostock oder auch Jena zum Beispiel, eine erneute Ballung in den Städten.

Wie teuer sind leer stehende Wohnungen?

Kommentar von Barbara Herholz

"Das ist schwierig zu beurteilen, weil dazu Daten fehlen. Aber perspektivisch werden Gering- und Normalverdiener immer stärker um bezahlbaren Wohnraum konkurrieren. Schon jetzt fehlen ja 800.000 günstige Wohnungen in Deutschland. Um dieses Defizit abzubauen, brauchen wir 400.000 neue Wohnungen pro Jahr. Das sind 150.000 mehr, als aktuell gebaut werden. Alleine deshalb wird sich die Lage verschärfen, weil wir über Jahre nichts getan haben und das Kontingent an Sozialwohnungen abgeschmolzen ist", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. Anfang der 90er habe es noch vier Millionen Sozialwohnungen gegeben - heute nur noch 1,5 Millionen. "Da sind 2,5 Millionen weggebrochen, und es passiert nichts, um das zu beheben."

Haben Besitzer Angst vor Mietnomaden?

Kommentar von Leo Pekrul

"Das Thema Mietnomaden ist eigentlich verschwunden, seit wir wissen, dass wir es da mit einer sehr kleinen Exotengruppe zu tun haben", sagt Mieterbund-Geschäftsführer Ulrich Ropertz. Natürlich gebe es bei 22 Millionen Mietverhältnissen und 50 Millionen Mietern in Deutschland sicherlich auch einige Vermieter, die sich vor Mietnomaden fürchten. "Aber wer eine Wohnung leer stehen lässt, vergibt auch Geld. Wenn er sich das leisten kann, bitte schön. Aber rational ist das nicht und auch kein Massenphänomen."

Würde eine Eigenmietbesteuerung helfen?

Kommentar von Dietmar Ferger

"Das wäre zumindest eine von mehreren Optionen", sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer beim Deutschen Mieterbund. "Unser Rechtssystem bietet aber eine andere Möglichkeit, nämlich die Möglichkeit zur Anordnung, dass eine Wohnung vermietet werden muss, wenn man sie bewusst leer stehen lässt." Theoretisch sei in solchen Fällen eine Beschlagnahme möglich. "Aber gerade in den Ballungsräumen, wo dringend Wohnraum gebraucht wird, wird es immer unwahrscheinlicher, dass Vermieter Wohnungen mit Absicht leer stehen lassen", so Ropertz.

Sind Beschlagnahmungen ein Thema in der Branche?

Kommentar von Steffi Layes

Das werde immer wieder diskutiert und Hamburg habe es ja auch schon praktiziert, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Ganz unbekannt sei dieser Vorgang in Deutschland ja auch nicht: "Das gab es auch schon in der Nachkriegszeit, als Deutschland die Wohnraumbewirtschaftung hatte." Ein Thema, das in der Bevölkerung sicherlich nicht gut ankomme und heute auch ein Armutszeugnis für das Land wäre - ohne zusätzlichen Wohnungsbau in Deutschland aber durchaus denkbar sei.

Nehmen die Flüchtlinge den Deutschen Wohnraum weg?

Kommentar von Petra Grabow

"Das passiert ja offensichtlich schon", so der Wohnungsbauexperte Matthias Günther. "Die Kommunen müssen die Menschen unterbringen und treten damit als Nachfrager am Wohnungsmarkt auf. Das ist nicht schön, aber die Konkurrenzsituation ist da. Und wenn eine Kommune mit ihrer Bonität als Nachfrager am Markt mit finanzschwachen Wohnungssuchenden in Konkurrenz tritt, kann man sich ausrechnen, wer die Wohnung bekommt."

In den Jahren 1989 bis 1991 habe es übrigens eine ähnliche Situation mit Flüchtlingen gegeben. Damals allerdings habe die Regierung deutlich schneller reagiert und den sozialen Wohnungsbau gefördert. "Diesmal allerdings passiert nichts", so Günther. "Es wird deutlich, dass wir jetzt den Rückstau aufarbeiten müssen", sagt Christian Huttenloher vom Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung. Der entscheidende Engpass sei nicht das Geld, sondern dass in vielen Ballungsräumen kein Bauland zur Verfügung stehe. "Da müssen jetzt Flächen geschaffen werden."

(von Christian Thomann-Busse)

04.01.2016
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