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merkzettel

Nachkriegskinder Luftangriffe, Hunger, kein Vater

VideoProminente Nachkriegskinder
Nachkriegskind mit Kaugummi

Der zweite Weltkrieg hat ihre Kindheit geprägt. Viele waren danach sich selbst überlassen und gezwungen ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Die Nachkriegskinder haben unser Land geprägt.

(15.03.2016)

VideoWir Nachkriegskinder
Frau mit Karren

Nachkriegskinder haben an der Seite ihrer Mütter Notzeiten, Bombennächte und Vertreibung überstanden, die Befreiung von der NS-Diktatur erlebt - und nach 1945 eben auch eine aufbauende Zeit.

(15.03.2016)

Viele Kinder haben im und nach dem Zweiten Weltkrieg Traumatisches erlebt. Als Erwachsene leiden sie auch heute noch unter den Erfahrungen, sagt Buchautorin Sabine Bode im heute.de-Interview. Das Trauma könne jahrzehntelang ruhen und im Alter zu Ängsten und Depressionen führen. 

heute.de: Die ZDF-Dokumentation "Wir Nachkriegskinder" beschäftigt sich mit der Generation, die rund um den Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Was haben diese Kinder in den Kriegsjahren und unmittelbar danach durchgemacht?

Sabine Bode: Vor allem Vaterlosigkeit, etwa 40 Prozent kannten ihren Vater bis in die Jugend nicht. Bei 17 Prozent ist er im Krieg gefallen. Hinzu kommen traumatische Erlebnisse wie Luftangriffe, Hunger und der Verlust der Heimat. Ganz schlimm ist für Kinder der Verlust von Haustieren. Zu der Generation gehören heute noch etwa 13 Millionen Menschen. Forscher sind der Meinung, dass noch etwa ein Drittel davon unter Traumata leidet.

heute.de: Wie nachhaltig prägt es Menschen, wenn sie in ihrer Kindheit fliehen mussten?

Sabine Bode ...
Sabinde Bode

... ist Journalistin und Buchautorin und wohnt in Köln. Ihre Themenschwerpunkte sind die Folgen von NS-Zeit, Krieg, Schuld, Leid und Tod. In ihrem Buch "Die vergessen Generation" berichtet sie über die Kinder, die rund um den zweiten Weltkrieg geboren wurden.

Bode: Sie haben vor allem zwei Erfahrungen gemacht: Erstens kann eine vertraute Welt von heute auf morgen zusammenbrechen. Und zweitens: Um in diesem neuen Leben zurechtzukommen, muss man sich extrem anpassen. Man muss vorsichtig sein. Man weiß nicht, wem man trauen kann. Darum ist der Familienzusammenhalt das wichtigste überhaupt. Diese frühen Schrecken führen womöglich zu einer lebenslangen Verunsicherung.

heute.de: Welches Verhältnis haben diese Menschen deshalb zur aktuellen Flüchtlingskrise?

Bode: Das kommt darauf an. Wenn sie sich mit ihrer Fluchtkindheit auseinandergesetzt haben, werden ihnen die Schicksale dieser Menschen nahe gehen, und sie werden versuchen zu helfen. Nun muss man aber wissen, dass sehr viele Menschen in Deutschland, die als kleine Kinder auf der Flucht waren, nie Trost erfahren haben. Diesen ungetrösteten Kriegskindern, wie ich sie einmal nennen möchte, fällt es äußerst schwer, Empathie für die Fremden zu entwickeln. Sie empfinden es so: Für uns war damals niemand da. Und heute kümmern sich alle um die Flüchtlinge. Das ist für alt gewordene Fluchtkinder oft nur schwer auszuhalten.

heute.de: Wie haben sich die traumatischen Ereignisse auf die Kinder ausgewirkt?

Sendehinweis
ZDFzeit

" Wir Nachkriegskinder - Zeit des Aufbruchs"  - Teil eins der ZDF-Doku läuft heute, 20.15 Uhr. Eine Woche später zeigt das ZDF ebenfalls um 20.15 Uhr den zweiten Teil "Wir Nachkriegskinder - Zeit der Wunder".

Bode: Zuerst waren die Kinder erstaunlich unauffällig. Diese Generation ist übrigens der Meinung, dass sie diese Zeiten sehr gut gemeistert hat und sieht die Nachkriegszeit als nichts Schlechtes an. Unmittelbar nach dem Krieg hatten besonders die älteren Kinder etwas zu tun, was sie ablenkte und worauf sie stolz sein konnten. Sie mussten helfen, die Familie zu versorgen, Essen oder auch Kohle zum Heizen stehlen. Nur für die Jüngeren war es schlimm, die hatten keine Ablenkung und sie mussten sich sozusagen unsichtbar machen. Denn jeder, der ständig etwas zu tun hatte, machte ihnen klar, dass sie störten.

heute.de: Dann kam der Wiederaufbau ...

Bode: Ja, der war sehr wichtig. So gut wie jeder hat zu der Zeit Arbeit gefunden. Auch das ließ diese Generation nach vorne blicken - so konnten sie ihre frühen Schrecken auf Abstand halten. Die Arbeit hat den Menschen Selbstbewusstsein gegeben. Viele haben nach einer schwierigen Übergangszeit ein ganz normales Leben geführt, eine Arbeit gefunden und eine Familie gegründet. Die traumatischen Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden - und das war bei etwa einem Drittel dieser Generation der Fall, haben sich allerdings später auf ihre Beziehungsfähigkeit ausgewirkt. Sie sind mehrheitlich keine guten Eltern, obwohl sie alles für ihre Kinder getan haben.

heute.de: Inwiefern?

Bode: Für diese Generation schienen die Probleme ihrer eigenen Kinder eher belanglos, sie sahen darin Problemchen. Sie konnten dafür einfach kein Gefühl entwickeln, da sie deren Kindheit mit ihren eigenen schlimmen Erfahrungen verglichen. Die Kinder der Kriegsgeneration berichten auch immer wieder, dass es in ihren Familien seltsam emotionslos zugegangen ist. Das liegt auch daran, dass die Kriegskinder früh gelernt haben, alles Schlimme schnell zu vergessen. Sie haben sich selbst betäubt - das machen alle Kinder, wenn Unerträgliches über sie hereinbricht. Aber bei vielen Menschen hielt die Betäubung über Jahrzehnte an - sie konnten weder große Freude noch großen Zorn empfinden.

heute.de: Wurden die Probleme der Kriegskinder nach dem Krieg nicht thematisiert?

Bode: Nein, das Thema wurde ignoriert. Man hatte sich darauf geeinigt, dass die Kinder eigentlich ganz gut durch den Krieg gekommen sind. Ganz im Gegensatz zu deren Eltern, deren Leiden war in der Gesellschaft ein großes Thema.

heute.de: Warum wurden die Leiden der Kinder nicht wahrgenommen?

Bode: Zum einen wollten die Eltern sich nicht eingestehen, dass sie ihre Kinder nicht schützen konnten. Das wäre für sie das schlimmste überhaupt gewesen. Es wurde zu einem Tabuthema, nicht nur in Deutschland, das ist ein globaler Vorgang, das ist in anderen Ländern genauso. Außerdem war man sich zu dieser Zeit der Kriegsfolgen für Kinder noch gar nicht bewusst. Selbst wenn man Symptome erkannt hätte, hätte es noch keine Behandlung gegeben.

heute.de: Welche Anzeichen gab es denn?

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Bode:
Man geht davon aus, dass ungefähr zehn Prozent dieser Generation heute im Alter an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung leiden, und das heißt: Sie sind psychisch krank. Bei einem weiteren Viertel sind die unverarbeiteten Kriegsfolgen schwächer, aber immer noch erkennbar. Viele hatten unerklärliche Schmerzen wie Rücken- und Kopfschmerzen. Aber weder die Betroffenen noch die Ärzte konnten sich vorstellen, dass dies etwas mit Erlebnissen aus der Kindheit zu tun haben könnte. Zwar wurden viele auf Kur geschickt, aber langfristig hat das nicht gewirkt. Eine richtige Traumaforschung und die Entwicklung von Behandlungen gibt es in Deutschland erst seit etwa zehn Jahren. Diese Generation zeigt auch die Auffälligkeit, dass sie schlecht mit großen gesellschaftlichen Veränderungen klarkommt. Die Wende von 1989 haben zum Beispiel die Ostdeutschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren worden, schlechter verkraftet als die Generation vor ihnen und die nach ihnen.

heute.de: Zu welchem Zeitpunkt brechen diese Erlebnisse denn in der Regel wieder hervor?

Bode: Solch ein Trauma kann jahrzehntelang ruhen. Bei vielen kommt es im Alter. Sie gehen nicht mehr zur Arbeit, damit fällt eine wichtige Stütze weg. Der Ehepartner stirbt. Die Menschen spüren, dass sie die Kontrolle über ihre Ängste verlieren und das macht sie nur noch ängstlicher. Das kann bis zur einer Altersdepression oder zu einer Alterssucht führen. Auch Nachrichten über Kriege können so etwas hervorbrechen lassen. Die Anschläge auf das World Trade Center waren zum Beispiel so ein Ereignis.

heute.de: Wie sollten deren Kinder oder Enkelkinder Ihrer Meinung nach damit umgehen?

Bode: Möglichst viel Wissen ansammeln und versuchen, das Thema anzusprechen. Wenn die Eltern beziehungsweise Großeltern darüber aber nicht reden wollen, dann ist das unbedingt zu akzeptieren. Man kann seine alten Eltern gut unterstützen, ohne die komplette Wahrheit zu kennen. Es reicht das Wissen, das darüber in der Verwandtschaft kursiert. Auch Anfragen in Archiven können hilfreich sein.


Das Interview führte Jan Schulte

15.03.2016
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