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merkzettel

Facebook-Blase Hans Mayers Ausflug an den rechten Rand

VideoRechte Filterblasen
Hans Mayer bei Facebook

Screenshot des Facebook-Profils von Hans Mayer.

(05.02.2017)

VideoKoalition gegen Hass im Netz
Facebook

Die Bundesregierung will jetzt bei Unternehmen wie Facebook oder Twitter durchsetzen, dass dort auf strafbare Kommentare reagiert wird - und zwar deutlich schneller und schärfer als bisher.

(14.01.2017)

VideoHass bei Facebook und Co.
Cybermobbing.

Beleidigungen und Bedrohungen breiten sich im Netz schnell aus, meist ohne Konsequenzen. Nun müssen sich soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. in Deutschland offenbar auf strengere Regeln einstellen.

(14.01.2017)

VideoDie Verrohung der Republik
galgen fuer angela merkel und sigmar gabriel bei einer pegida-demonstration in dresden 2015

Hetzen, drohen, zuschlagen - im November 2016 berichtet das ZDF-Magazin "Frontal 21" über die Verrohung der Republik.

(08.11.2016)

von David Gebhard und Florian Neuhann

Was passiert in diesen rechten Filterblasen auf Facebook? Drei Wochen lang sind zwei Hauptstadtkorrespondenten des ZDF darin eingetaucht. Es ging erschreckend leicht: Zutritt zu geschlossenen Gruppen, Hetze, Holocaust-Leugnung – ihre Erlebnisse haben die Journalisten entsetzt. 

"Krass, hast Du das gesehen?!!!"

Diese Nachricht schreiben wir uns zum ersten Mal nach knapp einer Woche. Da kriegt unser neues, virtuelles Ich erste Nachrichten, hat Brieffreundschaften mit echten Menschen. Mit Leuten, die vor allem eins antreibt: der Hass auf Flüchtlinge – und auf die "Volksverräter" in der Bundesregierung. Unsere Sorge wächst dabei von Tag zu Tag.

Florian Neuhann

Florian Neuhann ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio
Quelle: Roehr/ZDF

Wir, das sind zwei Hauptstadtjournalisten des ZDF aus Berlin. Für ein Experiment haben wir zusammen eine neue Identität angenommen: Hans Mayer, Jahrgang 1983. Sein Profilbild auf Facebook: Eine Herz mit Deutschlandfahne. Mehr weiß niemand über diesen Hans Mayer. Außer, dass ihm ziemlich wahllos alles gefällt, was am rechten Rand unterwegs ist: die Junge Freiheit, der Kopp-Verlag, der Blog "Politically Incorrect", die Identitäre Bewegung. Seiten, die sagen "Ich bin stolz Deutscher zu sein" oder "Nein zum Heim". Und natürlich die Facebook-Seiten der AfD und ihres Spitzenpersonals.

Phase 1: Die andere Realität

Es reichen ein paar Klicks auf Facebook, fertig ist unsere alternative Medienrealität. Das, was wir abends in den 19-Uhr-Nachrichten sehen und teils selbst berichten, spielt auf einmal keine Rolle mehr. In Hans Mayers Facebook-Welt machen Seiten wie die "Epoch Times" oder "Anonymous" Schlagzeilen - mit Geschichten frei von jedem Wahrheitsgehalt.
"Umgangsrecht: Merkel-Regime will Kritik an Asylpolitik mit Kindesentzug bestrafen" – heißt es da zum Beispiel. Wenn es so wäre, ein unglaublicher Skandal!

Als Quelle des Artikels, der auf einer Seite namens „Anonymous News Rundbrief“ erscheint und auf Facebook tausendfach weiterverbreitet wird, dient ein Artikel des Magazins "Deutsche Anwaltsauskunft". Das Magazin gibt es wirklich: ein durch und durch seriöses Portal des Deutschen Anwaltvereins.

Tatsächlich findet sich dort ein  Artikel, der die Frage thematisiert, ob sich die Teilnahme an Demos gegen Flüchtlinge auf das Umgangsrecht mit dem eigenen Kind auswirken könne. Die Antwort des Artikels ist eindeutig: eine kontroverse Meinung "reicht nicht aus", um das Umgangsrecht auch nur einzuschränken. Nichts also rechtfertigt die reißerische Überschrift, die Verdrehung vom "Anonymous News Rundbrief". Aber dem Kosmos, in den Hans Mayer eingetaucht ist, ist das egal.

Karneval abgesagt, Merkel "angewidert" von ihrem Volk ...

Beispiele wie dieses finden wir täglich. Mal wird der Kölner Karnevel aus Angst vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge abgesagt, mal ein gefälschtes Zitat der Kanzlerin verbreitet, wonach sie "angewidert" von ihrem Volk sei. Das Muster der Falschnachrichten ist oft dasselbe: Immer gibt es irgendwo eine Quelle, die sich zumindest irgendwie mit diesem Thema beschäftigt. Diese Meldung wird dann verfälscht, zugespitzt, aus dem Kontext gehoben. Passend gemacht für die rechte Blase.

3 Fragen an ... Timothy Garton Ash

Ash sieht Parallelen zu 30er Jahren

Timothy G. Ash

Karlspreisträger Timothy Garton Ash vergleicht die heutige Situation in Europa mit den 30er Jahren. Heute wie damals beobachte er eine Krise der Demokratie, des Kapitalismus und Europas, sagt er im ZDF.

Ash: Populismus keine Übergangserscheinung

Timothy G. Ash

Karlspreisträger Timothy Garton Ash hält nationalistischen Populismus nicht für eine Übergangserscheinung. Das Internet begünstige den Populismus, einfache Narrative triumphierten über komplizierte Fakten.

Ash will Populisten emotional erreichen

Timothy G. Ash

Karlspreisträger Timothy Garton Ash hat sich dafür ausgesprochen, Wähler von Populisten emotional zu erreichen. Wichtig seien unter anderem bildhafte Formen, sagt er im ZDF.

"Menschen haben die Neigung, Informationen, die unserer Einstellung entsprechen, eher zu glauben als andere", sagt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger, der zu rechten Filterblasen forscht und gerade ein Buch über die Gefahr dieser Blasen veröffentlicht hat. "Wenn man also erwartet, dass dieses politische System zu solchen harten Schritten bereit ist - Kritikern der eigenen Politik die Kinder zu entziehen - dann verbreitet man so eine Nachricht auch auf Facebook." Erst recht, so Schweiger, wenn in der eigenen Filterblase viele andere einen in dieser Haltung bestärken.

Phase 2: Neue Freunde

Weitere Links zum Thema

Hans Mayers Nachrichtenkosmos macht schlechte Laune. Ziemlich. Er braucht, da sind wir uns einig, dringend Freunde, Gleichgesinnte, um mit diesem Wahnsinn fertigzuwerden. Doch wie findet ein Facebook-Profil, das nur eine Deutschland-Fahne als Profilbild hat, überhaupt Freunde? Erschreckend leicht, stellen wir fest. Auf AfD-Fanseiten wird in den Kommentarspalten heftig über Merkel geschimpft. Wir klicken bei einigen Kommentaren auf "Gefällt mir", schreiben die Personen an. "Super Kommentar zu der Merkel!" Zack, haben wir neue Freunde.

Von da an läuft es rund für Hans. Die Freundschaftsanfragen prasseln jetzt täglich auf ihn ein - ohne, dass wir etwas unternehmen müssen. Sie kommen von Menschen, die uns nicht persönlich kennen können. Die nur annehmen, dass wir ihre politische Meinung teilen. Und sie kommen, soweit wir das feststellen können, von echten Menschen, nicht von Fake-Profilen oder Social Bots. Von Menschen, die zwischendurch auf Facebook von Verlobungsfeiern berichten oder Katzenfotos posten – und dann gegen Merkel oder Flüchtlinge hetzen.

Da ist etwa Barbara, eine Rentnerin aus Nordbrandenburg, die uns persönliche Nachrichten schreibt. Sie freue sich auf den Austausch, schreibt sie, und hängt ein Foto an. Sie selbst in der Sonne, karierte Bluse, Sandalen. "Man trifft hier so viele, die ähnlich denken", schreiben wir ihr. Darauf sie: "Genau, das braucht man auch, denn was einem so mit der Gehirnwäsche im TV verpasst wird, ist die reine Manipulation! Ich bilde mir meine Meinung lieber selbst!"

Phase 3: Wir sind die Mehrheit

Wenn wir ehrlich sind, können wir uns dem Sog dieser Parallelwelt für ein paar Tage kaum noch entziehen. Morgens checken wir als erstes nicht mehr unsere eigene Facebook-Filterblase, sondern die von Hans. Was dort passiert, davon hatten wir vorher zwar immer wieder gelesen, es natürlich auch auf den Facebookseiten von Politikern oder Medien beobachtet. Trotzdem: in dieser geballten Form hätten wir es nicht für möglich gehalten.
Wir beobachten, wie alle Hemmungen fallen.

Unser Facebook-Profil "Hans Mayer"

Profilbild: Schwarz-rot-goldenes Herz

Facebook-Screenshot

Mit diesem Profil haben zwei ZDF-Korrespondenten wochenlang in rechten Filterblasen bei Facebook recherchiert. "Wir beobachten, wie alle Hemmungen fallen", schreiben sie am Ende der Recherche.

Als wir eine angebliche Geschichte über Flüchtlingskriminalität auf seiner Seite posten, kommentieren unsere neuen Freunde: "Gleich erschießen diesen Abschaum!" Und darauf der nächste: "An die Wand und Feuer frei!" Schließlich werden wir sogar eingeladen in geschlossene Gruppen, die offen zum Widerstand gegen das System aufrufen. Es mischt sich Hetze gegen Flüchtlinge mit offener Holocaust-Leugnung. Keiner widerspricht.

"In den Echokammern von Facebook bewegen sich viele nur noch in Blasen, in denen alle einer Meinung sind", erklärt uns der Kommunikationswissenschaftler Schweiger. In den rechten bis rechtsextremen Blasen schaukele man sich dann etwa gegenseitig hoch: "Wer noch gräulicher hassen kann, ist der König." Die Folge sei eine Polarisierung der Gesellschaft, wie wir sie aus den USA kennen.

Phase 4: Und wenn wir widersprechen?

Nach gut zwei Wochen hat Hans Mayer über 200 Freunde. Die Blase wächst täglich, die Hetze wird radikaler, und wir fragen uns: War es das nun? Haben wir dieses Experiment jetzt sozusagen durchgespielt? Oder geht noch was? Vielleicht, so überlegen wir uns, können wir die Blase ja irgendwie von innen sprengen. Oder zumindest ein bisschen in Unruhe versetzen.

Wir starten ganz sachlich mit einer Grafik, die zeigt, dass die Zahl der Zuwanderer deutlich gestiegen ist – nicht aber die Zahl der Straftaten. Quelle: Bundeskriminalamt, hochseriös also. Dazu fragen wir Hans Mayers Freunde: "Also sind die Flüchtlinge doch gar nicht so kriminell?" Doch wo wir sonst auf flüchtlingskritische Nachrichten Zustimmung und teils dutzende Kommentare erhalten, bleibt dieser Post bei Facebook folgenlos. Er wird ignoriert.

David Gebhard

David Gebhard ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio
Quelle: Roehr / ZDF

Dann widersprechen wir Fake News, die unsere Freunde posten. In den Kommentarspalten verweisen wir auf die Originalquellen, die die Falschnachricht widerlegen. Manchmal erhalten diese Kommentare ein, zwei Likes. Kommentiert werden sie nicht. Und dass einer unserer Freunde daraufhin eine Falschnachricht wieder löscht oder seine Facebook-Bekanntschaften darauf hinweist, dass es sich um eine Falschnachricht gehandelt habe? Passiert nicht. Die Posts bleiben stehen.

Und schließlich werden wir ganz mutig. Widersprechen, auch im geschlossenen Widerstands-Forum von Facebook, der schlimmsten Islam-Hetze, posten Artikel aus der Qualitätspresse. Wir wollen sachlich dagegenhalten. Doch was der Widerspruch uns einbringt, sind bloß ein paar Beschimpfungen für den "Schwachsinn". Sachliche Diskussionen gibt es nicht. Hans Mayer, so stellen wir ernüchtert fest, hat keine Chance.

Zurück in die andere Welt

Drei Wochen hat unser Ausflug in die rechte Filterblase gedauert. Es ist ein Experiment, das uns frustriert und entsetzt hat. Die Welt des Hans Mayer hat mit unserer kaum etwas zu tun. Müssten wir on- oder offline mit ihm diskutieren, wäre das eine große Herausforderung. Wir könnten uns nicht mal über die Fakten einigen. Hans Mayer meldet sich von Facebook wieder ab. Seine rechte Filterblase bleibt. Für die Demokratie ist das eine Gefahr.

Den Autoren bei Twitter folgen: @DavidGebhard und @FNeuhann

05.02.2017
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