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Flüchtlinge in Deutschland ZDFzoom: Bürokratie statt Integration

VideoBürokratie statt Integration
Ein syrischer Herrenfriseur soll noch einmal drei Jahre lernen. Ihm fehlt das Damenfach.

Ein syrischer Zahnarzt arbeitet in der Spülküche, eine iranische Hebamme sitzt arbeitslos zu Hause. Ein Frisör soll noch mal eine dreijährige Ausbildung machen. Können wir uns das leisten?

(12.04.2017)

von Rita Knobel-Ulrich

Ein syrischer Zahnarzt arbeitet in der Spülküche, eine iranische Hebamme, die achtzehn Jahre Kinder auf die Welt gebracht hat, sitzt arbeitslos zu Hause. Ein Koch soll eine dreijährige Ausbildung machen, obwohl er viele Jahre im Beruf gearbeitet hat. Können wir uns das leisten? 

In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Dabei sind etwa 15 Prozent der Asylbewerber gut qualifiziert, sagt die Bundesagentur für Arbeit. Und das Integrationsgesetz verspricht: schnelles Ankommen in der Arbeitswelt. Klingt wunderbar, wenn da nicht die Paragraphen-Reiterei und die Bürokratie wäre. Ich komme mir während der Recherche und den Dreharbeiten vor wie in einem Roman von Kafka. Endlose Behördengänge - hinter jeder Tür sitzt ein Sachbearbeiter, der emsig prüft, was die Fachkräfte bei ihrer Flucht an Zeugnissen mitgebracht haben.

Bürokratische Verfahren, lange Wartezeiten

Wieso hat die Hebamme im Iran "nur" an der Uni studiert? In Deutschland muss man mehr Praxisstunden nachweisen! Ja, aber sie ist doch keine Anfängerin, sondern hat 18 Jahre im Kreißsaal gearbeitet!? Ich lerne im Verlauf der Dreharbeiten, dass Berufserfahrung im Mutterland der Stempel und Zertifikate wenig zählt. Dabei werden mehr Hebammen hierzulande dringend gebraucht. Die Klinik bescheinigt der Frau nach dem Praktikum, dass sie eine ausgezeichnete Hebamme sei. Nützen tut ihr das nicht. Die Hebamme sitzt nun Zuhause und fragt sich, ob sie in Deutschland künftig nur als Putzfrau arbeiten kann.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich müssen wir unsere guten Standards erhalten. Nicht umsonst ist das deutsche duale Ausbildungssystem berühmt, sind die Qualifikationen hierzulande hoch. Aber ich höre mir in Beratungsstellen, Handwerkskammern und Behörden solche Wortungetüme an wie "Berufsqualifizierungsfeststellungsgesetz" und "Gleichwertigkeitsfeststellungsverfahren" und wundere mich : Könnte man nicht auch einfach mal auf die Praktiker hören: Auf die Chefs , die den Flüchtlingen eine Chance, ein Praktikum und einen Job gegeben haben?

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Ehrenamtliche unersetzlich

Ich frage mich: Wo steht Deutschland im dritten Jahr des Flüchtlingszustroms? Immer noch sitzen Menschen monatelang in Unterkünften herum. Deutschkurse vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gibt es nur auf Antrag und auch nur für die Asylbewerber aus Ländern mit sicherer Bleibeperspektive. Das sind Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia. Alle anderen sind auf den guten Willen der Kommunen und auf Ehrenamtliche angewiesen, die Deutsch unterrichten und Praktika vermitteln.

Ein Asylbewerber hat schnell gemerkt, was man in Deutschland braucht: eine dicke Mappe mit vielen Fächern für viele Papiere. Deutsch hat er während der acht Monate in der Erstunterkunft nicht gelernt, aber seine Dokumentenmappe trägt er herum wie eine Reliquie. Die Mappe wird sich vermutlich noch weiter füllen. Denn immer noch behindern bundesweit Regelungswut und Bürokratie die Eingliederung von Flüchtlingen.

12.04.2017
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