18.10.2017
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#ZDFcheck17 Wahlkampf: Wo sich die Rechte sammelt

VideoPolitisch polarisieren im Netz
Polarisieren im Netz

Im Netz versuchen rechte Online-Aktivisten, die Stimmung im Wahlkampf zu beeinflussen. Sie rufen auf, die AfD in sozialen Netzwerken und auf Youtube zu unterstützen. Heuteplus hat sich als einer dieser Nutzer ausgegeben, um mehr zu erfahren.

(19.09.2017)

VideoWie Social Bots Meinung machen
Video starten

Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken - um jeden Preis? Eigens entwickelte Programme manipulieren dort Klickzahlen und Kommentare: sogenannte "Social Bots". Was steckt dahinter?

(25.01.2017)

von Stephan Mündges, #ZDFcheck17

In geschlossenen Gruppen organisieren sich rechte Trolle und Aktivisten. Ihr Ziel: den Online-Wahlkampf im Sinne der AfD beeinflussen. Ihre Mittel: Memes, Fakes, Beleidigungen. Auch Social Bots sind für die Rechtspopulisten im Einsatz. Einblicke in eine digitale Parallelgesellschaft. 

#Verräterduell - unter diesem Hashtag versuchten rechte Aktivisten am Abend des 3. Septembers die Debatten auf Twitter zu beeinflussen. Es war der Abend des TV-Duells zwischen Merkel und Schulz. Ein Abend, der eigentlich zum Höhepunkt des Fernsehwahlkampfes werden sollte, letztlich aber kein harter politischer Streit war. Entsprechend wenig Durchschlagskraft erzielten die rechten Online-Aktivisten mit ihrem zuvor in geschlossenen Gruppen koordinierten Hashtag-Angriff. Sie dominierten nicht die digitale Debatte. Anders war es beispielsweise im US-Wahlkampf gelaufen. Damals pushten rechte Twitter-Nutzer nach einem TV-Duell den Hashtag #trumpwon in die Twitter-Charts und suggerierten so, Trump habe das TV-Duell gegen Clinton gewonnen. Und das obwohl Blitzumfragen und Experteneinschätzungen zeigten: Das Gegenteil war richtig.

Wahlkampf in Sozialen Netzwerken

Das Netz und insbesondere die Sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und YouTube sind zu wichtigen Schauplätzen des Wahlkampfes geworden. Seit Trump und Brexit treibt viele Beobachter die Sorge um, wie Fake News, Propaganda und Social Bots den Wahlkampf und damit die politische Zukunft Deutschlands manipulieren könnten.
In eigener Sache

Das #ZDFcheck17-Team hat über die letzten Monate die digitalen Kanäle genau im Auge behalten. Immer wieder sind wir auf offensichtliche Fakes, Desinformation und wahrscheinliche Bot- bzw. Troll-Aktivitäten gestoßen.

Einen  systematischen Überblick, zumindest, was den digitalen Wahlkampf auf Twitter in Deutschland angeht, bietet eine neue Studie des Oxford Internet Instiutes. Die Forscher analysierten, welche Links die Twitternutzer rund um die Bundestagswahl teilen: Sind es eher verlässliche Informationen oder doch Junk-News? Unter letzterem verstehen die Wissenschaftler verschiedenen Formen von Propaganda, extrem tendenziöse oder verschwörungstheoretische Inhalte. Ihr Ergebnis: Das Verhältnis von Verweisen seriöser Nachrichten zu Junk-News ist ungefähr vier zu eins. Auf jeden Link, der zu Fake-News und Artverwandtem führt, kommen also gut vier Links zu seriösen Quellen.

Die Forscher haben durch die Analyse von fast einer Millionen Tweets auch herausgefunden, dass die Twitter-Debatte rund um die Bundestagswahl thematisch vor allem von der AfD bestimmt wird. Knapp 300.000 Tweets drehten sich um die rechtspopulistische Partei. 15 Prozent dieser Tweets gehen vermutlich auf automatisierte Bots zurück. Das ist der höchste Wert aller sieben Parteien, die Chancen auf den Einzug in den Bundestag haben. Wie alle anderen Parteien auch hat die AfD erklärt, im Wahlkampf keine Social Bots nutzen zu wollen. Der vom Oxford Internet Institute ermittelte Bot-Traffic ist kein Beweis, dass die AfD oder eine andere Partei Bots einsetzt. Aber die Ergebnisse zeigen, dass Inhalte mit Bezug zur AfD häufiger durch Bots verbreitet werden als dies bei anderen Parteien der Fall ist.

Infografik

Grafik zu Bot-Traffic

Die AfD hat das Digitale zum zentralen Schlachtfeld des Wahlkampfes erklärt, seit Jahren baut sich die Partei eigene Kanäle in den sozialen Netzwerken auf. Allen voran auf Facebook, aber auch auf Twitter und YouTube ist die Partei aktiv. Um diese Kanäle herum haben sich Unterstützernetzwerke gebildet, von denen unklar ist, wie nah sie der Partei stehen. Dass es Überschneidungen gibt, ist aber überaus plausibel. So sind führende Funktionäre der Partei häufig Mitglied in Facebook-Gruppen, in denen sich AfD-Anhänger gegenseitig in ihrer Weltsicht bestärken.

Neue Negativ-Kampagne

Mit einer neuen Negativ-Kampagne hat die AfD wenige Wochen vor der Wahl noch einmal den Ton verschärft. Unter dem Titel "Die Eidbrecherin" greifen die Rechtspopulisten ihr Lieblingsziel an: Angela Merkel. Die Schärfe dieses medialen Angriffs, ausgeführt mit eigener Homepage und Werbeanzeigen auf Facebook, ist in der jüngeren Wahlkampfgeschichte beispiellos. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge haben sich die Rechtspopulisten für die Zuspitzungen im Wahlkampfendspurt Hilfe aus den USA geholt. Hinter der Website steckt Harris Media. Eine Agentur, deren Geschäftsmodell das provokante Zuspitzen ist. Auch für Donald Trumps Kampagne waren die Werber im Einsatz.

Viel Betrieb gibt es auch abseits offizieller Parteikanäle: Anhänger der AfD organisieren sich in geschlossenen Gruppen. Unter dem Namen "Reconquista Germanica" haben sich rechte Aktivisten auf einem Server der Chat-App Discord zusammengefunden. Dort werden Twitter-Tiraden organisiert oder es wird dazu aufgerufen, YouTube-Videos zu kommentieren. Zuletzt eines der Ziele: der YouTuber Rayk Anders. Im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots funk produziert er Clips zu politischen Themen. Am 16. September kritisierte Anders die AfD für ihre doppelten Standards. Die kritische Berichterstattung stieß bei den Aktivisten der "Reconquista Germanica" auf wenig Gegenliebe. "Heute Abend soll Rayk Anders die Macht der Reconquista Germanica spüren!", schreibt eine Nutzerin mit dem Nickname "Jeanne D‘Arc", die sich in einem rechten Podcast als Kommunikationspsychologin bezeichnet. Man solle das Video kommentieren und disliken. Die Trollarmee folgt der Aufforderung. Innerhalb von nur zwei Tagen wird das Video über 2.000 mal kommentiert, ein Beispiel: "Dein Dreck wird mich nicht davon abhalten. Das System wird fallen und auch damit deine Unterstützung für diesen Schwachsinn. Lösch dich am besten einfach."

An mehreren Stellen wird in den Chats der rechten Aktivistengruppe auch zum sogenannten Meme-Krieg aufgerufen. Dabei sollen einzelne Bilder oder Grafiken mit klarer politischer Aussage über soziale Medien verbreitet werden. Häufig nutzen die Trolle Wahlkampfplakate der Parteien als Vorlage. Auch in einer Untergruppe der Online-Plattform 4chan werden ähnlich wie in den geschlossenen Chaträumen der Reconquista fertige Memes hochgeladen. Ein Link führt außerdem zu einer ganzen Sammlung sowohl fertiger Memes als auch einzelner Versatzstücke, aus denen sich neue Propaganda basteln lässt: CDU- und SPD-Schriftzüge beispielsweise, dazu noch Fotos von Flüchtlingen. Letztlich müssen sich die Trolle nur noch griffige Slogans einfallen lassen. Ziel dieser Arbeit: den politischen Gegner niedermachen, beleidigen, verleumden.

Welchen Einfluss haben die Aktivitäten?

Dass rechte Aktivisten ausgerechnet auf 4chan aktiv sind, überrascht kaum. Erstens bietet die Plattform weitgehende Anonymität. Jeder kann posten, Registrierung oder Identitätsnachweis sind nicht gefordert. Zweitens ist die Plattform seit Donald Trumps US-Präsidentschaftswahlkampf in der rechten Szene etabliert.

Die Frage ist, welchen Einfluss all diese Aktivitäten überhaupt auf den Wahlkampf nehmen können. Erreichen die Rechtsaktivisten überhaupt nur Nutzer, die ohnehin schon in einer rechten Echokammer hockten? Oder erhaschen sie auch die Aufmerksamkeit bislang unentschlossener Wähler? "Es kommt drauf an", sagt der Politikberater Johannes Hillje. Er hat sich in seinem Buch "Propaganda 4.0" intensiv mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten beschäftigt. "In Kommentarspalten zu posten, ist nicht besonders wirkungsvoll für die Beeinflussung des öffentlichen Diskurses. Wirksamer ist es, für hohe Interaktionszahlen bei Tweets, Videos und Facebookposts zu sorgen."

So könnten Themen in professionellen Medien platziert werden. Denn Journalisten beobachten sehr genau, was sich in den Sozialen Netzwerken tut. Aber hohe Interaktionszahlen sind auch Kriterien für Nutzer und Algorithmen. Algorithmen spielen Inhalte mit hohen Interaktionen eher an andere Nutzer aus, z.B. werden Posts eher in den Newsfeeds der Facebook-Nutzer angezeigt oder Videos werden auf YouTube eher empfohlen. "Da kann schnell der Eindruck entstehen, dass ein Thema wichtiger scheint, als es eigentlich ist", so Hillje.

20.09.2017
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