27.09.2016
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"Unser Lied für Stockholm" Wer singt für Deutschland beim ESC?

BildJamie-Lee Kriewitz
Jamie-Lee Kriewitz

Jamie-Lee, Siegerin der Castingshow "The Voice of Germany", könnte Deutschland dieses Jahr beim ESC vertreten.

(Quelle: dpa)

Video
Xavier Naidoo.

In diesem Jahr gab das deutsche Ergebnis beim Eurovision Song Contests keinen wirklichen Grund zur Freude. Das soll sich 2016 mit Sänger Xavier Naidoo ändern. Doch auch er ist nicht unumstritten.

(19.11.2015)

von Dominik Rzepka

Wen schickt Deutschland dieses Jahr zum Eurovision Song Contest nach Stockholm? Das dürfen die Zuschauer heute Abend entscheiden. Nach dem Eklat um Sänger Xavier Naidoo stehen zehn Kandidaten zur Auswahl - aber so richtig kann keiner überzeugen ... 

Die gute Nachricht vorneweg: Immerhin wird Deutschland dieses Jahr einen Song zum ESC schicken. Das war keine Selbstverständlichkeit nach dem Eklat um Sänger Xavier Naidoo. Ihn hatte die ARD Ende vergangenen Jahres erst ohne Vorentscheid nominiert. Doch nach einem respektablen Shitstorm wegen Naidoos teils kruder politischer Äußerungen wurde er wieder ausgeladen. Jetzt aber haben die Verantwortlichen zehn Bewerber gefunden, die am Abend um die Stimmen der Zuschauer kämpfen werden.

Schlager, Rock, Elektro: Große Bandbreite beim Vorentscheid

Dominik Rzepka

ZDF-Reporter Dominik Rzepka berichtet über den Eurovision Song Contest
Quelle: Koch/ZDF

Ihnen allen haftet der Makel der zweiten Wahl an. Sie alle sind ein Stück weit Nachrücker für Naidoo. Die Bandbreite der Titel aber ist erfreulich hoch, wie Thomas Schreiber sagt, der zuständige ARD-Unterhaltungskoordinator: "Sie reicht vom Liedermacher mit Gitarre über Schlager bis zu Metal." Den Verantwortlichen sei es wichtig gewesen, die Chancen der Künstler vor einem großen, internationalen Publikum einzuschätzen. Aber wie gut ist das gelungen?

Unterm Strich: Kein Song hat das Zeug dazu, beim Finale in Stockholm ganz vorne zu landen. "The Voice of Germany"-Siegerin Jamie-Lee singt zwar gut - doch ihrem Song "Ghost" fehlt ein eingängiger Refrain. Schlagersternchen Ella Endlich kopiert mit "Adrenalin" Helene Fischers "Atemlos" - doch Kopien gewinnen nie beim ESC. Eine gute Hook liefert höchstens noch der Mönchs-Chor "Gregorian" - allerdings ist mittelalterlicher Sacro-Pop schon sehr speziell für den ESC.

Wer hat die besten Chancen?

Avantasia

Avantasia

Klingt wie Meat Loaf und Bon Jovi! Ein Glamrock-Song beim ESC? Warum nicht. Schlecht ist der Song nicht und die Monsterrocker "Lordi" haben vor zehn Jahren auch mit einem Rock-Song gewonnen. Das Projekt des Metal-Sängers Tobias Sammet aus Fulda liefert einen eingängigen Gitarren-Song, der allerdings ein wenig altbacken produziert ist. Modern und fresh klingen Avantasia nicht, weswegen sie als deutsche Vertreter in Stockholm wahrscheinlich keine großen Siegchancen hätten.

Unser Urteil: 3 von 5 Punkten

Alex Diehl

Alex Diehl

Hmm... Sagen wir so: Ein ungewöhnlicher Song. Der bayerische Songwriter Alex Diehl begleitet sich auf der Gitarre und singt einen Friedens-Song, der textlich an Nicoles "Ein bisschen Frieden" erinnert. "Ich hab' keine Lust nur zuzusehen, bis alles hier in Flammen steht", singt Diehl. Etwas später zitiert er auch noch John Lennon. Seinen Song hat er nach den Pariser Terroranschlägen bei Facebook gepostet und viele Nutzer bewegt. Leider ist der Song aber relativ schwach und wenig eingängig.

Unser Urteil: 2 von 5 Punkten

Ella Endlich

Ella Endlich

Ach Du meine Güte! Das ist ja "Atemlos" von Helene Fischer. Nur mit anderem Text, einer leicht veränderten Melodie und gesungen von Ella Endlich, die 2012 Gold bekommen hat für die Titelmusik aus dem Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" ("Küss mich, halt mich, lieb mich"). Ihre "Atemlos"-Kopie ist allerdings erschreckend eingängig und außerdem tanzbar - ein Pluspunkt. Und den vielen Fans, die seit Jahren von Helene Fischer als ESC-Sängerin träumen, dürfte es gefallen.

Unser Urteil: 4 von 5 Punkten

Gregorian

Gregorian

Leider geil! Eigentlich ist gregorianischer Mönchs-Gesang so ziemlich das Letzte, was beim Eurovision Song Contest Chancen auf den Sieg hat. Aber man muss dem Song "Masters of Chant" einen eingängigen, beinahe mitreißenden Refrain attestieren. Dem Hamburger Musikproduzenten Frank Peterson ist hier eine gute Mischung aus mittelalterlichem Sound mit modernem Pop gelungen. Mit seinem Chor "Gregorian" hat er es bereits in 24 Ländern zu Gold und Platin gebracht.

Unser Urteil: 4 von 5 Punkten

Jamie-Lee Kriewitz

Jamie-Lee Kriewitz

Jamie-Lee zählt sicher zu den Favoriten des deutschen Vorentscheids. Die 17-Jährige singt toll und hat im Dezember die jüngste Staffel der Casting-Show "The Voice of Germany" gewonnen. Ihr Song "Ghost" war bereits in den Top 20 der deutschen Single-Charts, allerdings ist er ziemlich ungeeignet für den ESC:  Eine melancholische Ballade mit einem wenig eingängigen Refrain - das reicht beim ESC in der Regel für Platz 18.

Unser Urteil: 3 von 5 Punkten

Joco

Joco

Nee, das wird nix. Das Indie-Pop-Duo "Joco" um die beiden Hamburger Schwestern Josepha und Cosima kann was, ohne Frage. Aber ihr Song "Full Moon" ist für den ESC komplett ungeeignet. Auch nach zweimaligem Hören will sich ein Refrain einfach nicht erkennen lassen. Eingängig ist daran jedenfalls nichts. Und auch das Klavierintro ist für den ESC einfach zu verkopft. Schade.

Unser Urteil: 1 von 5 Punkten

KEØMA

Keoma

Keine Chance! Der Song "Protected" ist etwas für eine lange Autofahrt durch die Nacht: Chillig, mit Elektro-Klangteppich und sehr ruhig - also alles, was der ESC nicht ist. Die beiden Bandmitglieder, Kat Frankie und Chris Klopfer - eine Folk-Sängerin aus Australien und ein Kölner Rockmusiker, sind bestimmt gute Musiker. Für den ESC aber ist ihr Song zu verkopft.

Unser Urteil: 1 von 5 Punkten

Laura Pinski

Laura Pinski

Dafür, dass dieser Song von ESC-Veteran Ralph Siegel geschrieben wurde, ist er gar nicht so schlecht. Da hätte man Schlimmeres erwarten können. Immerhin hat Siegel in den vergangenen Jahren Songs für San Marino geschrieben - und die waren eine Zumutung. "Under the sun we are one" ist ein gefälliger kleiner Popsong. Nichts Besonderes, aber ganz ok. Gesungen wird er von der "Supertalent"-Teilnehmerin Laura Pinski.

Unser Urteil: 3 von 5 Punkten

Luxuslärm

Luxuslärm

Luxuslärm sind gut! Eine vielversprechende junge Band aus NRW, die eingängigen Deutschpop macht. Ihr Song "Solange Liebe in mir wohnt" klingt ein bisschen wie eine Pop-Ballade von Andreas Bourani - wenngleich die Band eine weibliche Frontfrau und Sängerin hat. Leider ist der Song ein bisschen zu wenig ESC. Mit einem Up-Tempo-Song wären Luxuslärm sicher besser beraten gewesen.  

Unser Urteil: 3 von 5 Punkten

Woods of Birnam

Woods of Birnam

Gut! Aber zu wenig ESC! "Woods of Birnam" bestehen aus Musikern der Band "Polarkreis 18" ("Allein, allein"), Sänger ist Schauspieler Christian Friedel ("Das weiße Band"). Ihr Beitrag "Lift me up" ist radiotauglicher, gefälliger Pop-Rock. Allerdings fehlt dem Song ein eingängiger Refrain. Beim ESC sind das die Lieder, die nett und gefällig vor sich hinplätschern, an die sich am Ende aber leider keiner mehr erinnern kann.

Unser Urteil: 3 von 5 Punkten

Barbara Schöneberger moderiert

Sänger Andreas Kümmert mit Barbara Schöneberger

Den deutschen Vorentscheid moderiert Barbara Schöneberger - wie auch schon im vergangenen Jahr, als der eigentliche Sieger Andreas Kümmert sein ESC-Ticket ausschlug. Beim diesjährigen Vorentscheid (20:15 Uhr, ARD) wählen die Fernseh-Zuschauer den deutschen Vertreter für Stockholm per Telefon, SMS und App - und zwar in zwei Runden: Erst die Top 3, dann daraus den Sieger.

Komplett neues Voting-System beim Eurovision Song Contest

Weitere Links zum Thema
Spannend dürfte das Finale des ESC am 14. Mai in Stockholm aber dennoch werden: Zum ersten Mal kommt nämlich ein komplett neues Abstimmungs-System zum Einsatz. Künftig werden die Punkte der Zuschauer getrennt von denen der nationalen Jurys verkündet - fast so, als vergebe jedes Land zweimal "12 points". Erst schalten die Moderatoren des Abends zu den Sprechern der einzelnen Länder: "Good evening Germany, may we have your votes please?"

Wer immer die Punkte für Deutschland verkündet, gibt dann lediglich bekannt, wen die deutsche Jury ganz vorne gesehen hat - also die fünf Musikexperten, deren Votum zu 50 Prozent zählt. Danach werden die Anrufer aller Fernsehzuschauer zusammengezählt. Wem also würden die Zuschauer "12 points" geben? Ihr Votum wird am Ende mit dem Ergebnis der Jurys verrechnet. Das Ergebnis geben dann die Moderatoren des Abends bekannt. Dass sie dann aber einen deutschen Sieg verkünden werden - das dürfte eher unwahrscheinlich sein.

Dem Autor bei Twitter folgen: @dominikrzepka

25.02.2016
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